Pinnow Versprich mir, dass es großartig wird
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403585-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-10-403585-7
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Pinnow, geboren 1973 in Tübingen, besuchte die Schauspielschule in Ulm und studierte am Lee Strasberg Theatre Institute in New York. Als Schauspielerin war sie in Fernsehserien und in Filmen zu sehen. Bekannt wurde sie als Fernsehmoderatorin. Mit ihrem Ehemann und Kollegen Stefan Pinnow und ihren drei Kindern lebt die Autorin in der Nähe von Köln. Bei FISCHER Krüger erschien ?Die Phantasie der Schildkröte?. Ihre Romane, ?Läuft da was?? und ?Versprich mir, dass es großartig wird? sind als FISCHER Taschenbuch erhältlich. Sie schreibt in ihrem Bauwagen im heimischen Garten und arbeitet an ihrem fünften Roman.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Ich erkenne die Stimme sofort. »Hi, hier ist Lena«, sagt sie. Der Satz schießt mir in den Bauch, macht dort eine Menge Unordnung und steigt mir dann in den Kopf. Hitze breitet sich auf meinem Gesicht aus.
»Lena?!«, wiederhole ich, weil keine anderen Wörter zur Verfügung stehen. Sie lacht ihr Lachen. Es klingt genau wie vor zwanzig Jahren, als wir jung und wild waren und noch genau wussten, was wir vom Leben wollten.
Lena und ich – wir waren einfach unschlagbar.
Wir lernten uns 1995 in New York kennen, als Schauspielschülerinnen am Lee Strasberg Theatre Institute. Großes Kino also, oder besser gesagt: großes Theater.
Ich brauche dringend einen Stuhl. Leider stehen in unserer kleinen Küche keine, also lasse ich mich einfach auf die Fliesen sinken. Der brummende Gefrierschrank im Rücken gibt mir etwas Sicherheit.
Die Pause nach meinem »Lena?!« dauert jetzt schon viel zu lange. Gleichzeitig fangen wir an zu reden: »Was machst du, wie …« – »Franzi, ich dachte, ich …«
Wir brechen ab und lachen gemeinsam ein kleines, nervöses Lachen. Aber jetzt haben wir eine Mini-Gemeinsamkeit, an der wir uns entlanghangeln können wie an einem dünnen Seil. »Wie geht es dir?«, fragt sie.
Wie fasst man dreizehn Jahre in einer Antwort zusammen?
»Gut, doch, wirklich gut«, sage ich. »Und dir?«
»Auch, ich … weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Du fragst dich sicher, warum ich plötzlich anrufe.«
»Es ist schön, dass du anrufst«, sage ich schnell. Ich bin nicht bereit, Entschuldigungen zu hören oder womöglich selbst welche aussprechen zu müssen.
»Ich wollte mich so lange schon melden, aber …« Sie bricht unsicher ab.
»Wo wohnst du? Was macht die Schauspielerei?«, helfe ich ihr zurück zu unserem dünnen Seil.
»Ich wohne immer noch in Berlin. Ich bin so froh, dass deine Nummer noch stimmt!«
Lena hat mich auf dem Handy angerufen. Meine Handynummer hat sich noch nie geändert. Es ist immer noch die allererste, die wir damals bekamen, als Bernd und ich unser erstes Handy hatten, eins für uns beide.
»Bist du noch mit Bernd zusammen?«, fragt sie.
»Ja! Und wir …« – sind glücklich, will ich sagen, aber das kommt mir so pathetisch vor – »… wir verstehen uns sehr gut.«
»Schön«, sagt sie. »Was macht Mia?« Sie weiß den Namen meiner Tochter noch. »Wie alt ist sie jetzt?«
»Sie ist gerade vierzehn geworden.«
»Vierzehn?!!!«, wiederholt Lena ungläubig. »Wahnsinn.«
Wahnsinn, wie lange wir nicht gesprochen haben, denke ich.
»Und habt ihr noch mehr Kinder?«, will sie wissen.
»Lukas. Er ist neun.« Wieder eine Zahl, die klarmacht, dass dreizehn Jahre zwischen uns stehen. »Und du? Hast du Kinder?«, frage ich, obwohl ich die Antwort ahne. Ich hätte vermutlich mitbekommen, wenn Lena ein Kind bekommen hätte. In irgendeiner Zeitung wäre es sicher eine kleine Randnotiz gewesen.
»Nein. Keine.« Die Antwort kappt unser dünnes Seil. Ich hätte das nicht fragen sollen, noch nicht. Dafür fällt es ihr jetzt leichter, ihr Anliegen vorzubringen. Ich habe das Gefühl, ihr nun etwas schuldig zu sein, und sage deshalb sofort zu. Als ich schließlich auflege, habe ich Kopfschmerzen.
»Wer ist Lena?«, fragt Mia, als ich Bernd beim Abendessen von dem Anruf erzähle.
»Deine Patentante«, sagt Bernd.
Mia überlegt. »Die mit der Kette?« Ich nicke.
Lena hatte Mia zur Taufe eine silberne Kette geschenkt mit kleinen Flügeln als Anhänger. »Trag du sie, bis sie selbst groß genug ist. Lad sie auf mit Liebe!«, hatte sie zu mir gesagt. Mia hat die Kette zum zwölften Geburtstag von mir bekommen. Viel weiß sie nicht von Lena.
»Wie alt war ich, als ich sie das letzte Mal gesehen habe?«, will sie wissen. Bernd schaut mich grübelnd an.
»Zehn Monate«, sage ich.
»Das weißt du aber ganz schön genau«, sagt Lukas beiläufig und schaufelt sich schnell noch die letzten drei Baguettescheiben auf seinen Teller. Mia merkt es und nimmt ihm kommentarlos zwei weg. Bevor er protestieren kann, nehme ich eins von Mias Teller und platziere es bei Bernd. Der wiederum legt es lächelnd auf meinen Teller.
»Und was genau sollst du jetzt bei diesem Interview sagen?«, fragt er.
Lena spielt demnächst in einer Serie die Hauptrolle. Das ist nichts Besonderes, sie spielt seit Jahren Hauptrollen. Sie ist der geborene Hauptrollentyp, während es bei mir gerade mal zu winzigen Nebenrollen gereicht hatte. Miniwinzige Nebenrollen, die leider auch immer nur ein einziges Mal auftauchten. Lenas neue Serie spielt in einer Schauspielschule. Sie ist die Lehrerin, die ihren Schülern nicht nur die Kunst des Schauspielens beibringt, sondern sie auch alles über das Leben lehrt, oder so ähnlich.
»Der Sender fand das witzig, ein Backstage-Bericht über Lena und ihre eigenen Anfänge auf der Schauspielschule. Ich soll erzählen, dass sie schon immer hervorragend war und dass man damals schon erahnen konnte, dass sie Karriere machen wird.«
»Das hat sie so gesagt?«, fragt Bernd.
»Nein, natürlich nicht.« Ich malträtiere meine Baguettescheibe mit der zu harten Butter. »Aber so läuft das doch. Die wollen sicher nicht hören, dass sie sich vor jeder Szene auf der Bühne erst mal dreißig Minuten im Klo einschloss, weil sie Dünnpfiff hatte.«
Lukas lacht laut. Das trifft genau seinen neunjährigen Humor. »Warum hast du da zugesagt?«, fragt Bernd, der merkt, dass mich die ganze Sache nicht gerade glücklich macht.
»Ja, was hätte ich denn sagen sollen?«, fahre ich ihn an. »Hätte ich sagen sollen, nein, ich mache beim Interview nicht mit, aber nett, dass du dich nach dreizehn Jahren mal wieder meldest?«
Mia schaut mich an. »Meinst du, sie hätte sich auch so gemeldet?«
»Ich denke nicht«, antworte ich wahrheitsgemäß. »Aber nach dreizehn Jahren braucht man auch schon einen Grund, um anzurufen.«
»Und ich bin kein Grund?«, fragt sie.
Ich muss aufstehen und rausgehen. Ich schnappe mir Bernds Jacke, die auf der Sessellehne rumlümmelt, und gehe auf die Terrasse. Die hellen Fliesen glänzen im Mondlicht. Der Aprilhimmel zeigt keine Sterne, aber der Mond hat sich ein kleines freies Stück zwischen den Wolken erkämpft, durch das er scheinen kann. Durch die Terrassentür kann ich sehen, wie meine Familie den Tisch abräumt. Erst noch alle zusammen, kurze Zeit später nur noch Bernd. Ich ziehe die Jacke an und gehe ein paar Schritte durch den kleinen Garten. Meine Hausschuhe werden feucht vom nassen Gras, aber ich gehe immer weiter. Vielleicht kann ich so den Tränen entkommen. Am Apfelbaum bleibe ich stehen. Eine große Kastanie wäre jetzt gut, mit einem dicken Stamm, den man umarmen kann. Stattdessen halte ich mich an einem dünnen, kleinen Bäumchen fest. Sobald ich stehe, haben sie mich. Die Tränen laufen mir über die Wangen. Ich versuche, so zu heulen, dass möglichst wenig Wimperntusche verläuft. Was lernt man nicht alles als Frau in über vierzig Jahren. Plötzlich wünsche ich mir zu rauchen, meinen Fingern eine Aufgabe zu geben. Ich würde meine Taschen abklopfen nach der Zigarettenschachtel. Sie erleichtert finden, eine aus der Packung schütteln, anzünden, den scharfen Rauch einatmen und etwas husten. So wie Lena und ich früher auf der Feuertreppe im East Village in New York …
Die Treppe ist so eng, dass wir nicht nebeneinander, nur hintereinander sitzen können. Wenn es hier echt mal brennt, hat man richtig Pech, wenn ein Lahmarsch vor einem die Treppe runterklettert. Überholen kann man jedenfalls nicht. Eigentlich ist es verboten, die Feuertreppen ohne Notfall zu betreten, oder, wie wir es tun, zu »besitzen«. Wir sind Anfang zwanzig und leben von Verboten, wir ernähren uns geradezu davon. Mein Apartment liegt im East Village, einer bunten, von Künstlern inspirierten Gegend. Also, jetzt nicht so schick und cool wie SoHo, mehr so undergroundmäßig. Im East Village wohnst du, wenn du dein Talent entdeckt hast und entwickelst, in SoHo, wenn du es dann geschafft hast.
Mein kleines Apartment ist ein Riesenglück. Kein Mensch kann es sich hier leisten, allein zu wohnen. Ich habe die Wohnung von Winnie bekommen.
Winnie hat mich auch auf die Idee gebracht, in New York auf die Schauspielschule zu gehen. Als wir uns beim Abitreffen wiedersahen, hatte sie gerade zwei Jahre Lee Strasberg hinter sich und war begeistert. Den ganzen Abend hat sie mir von der tollen Schule vorgeschwärmt, was man da alles lernt und wie cool die Lehrer sind, und natürlich, wie genial es ist, in New York zu sein. Sie erzählte so begeistert, dass ich sogar meinen Plan vergaß, mit Hannes zu knutschen, obwohl ich mir das fest vorgenommen hatte.
In den letzten zwei Jahren nach dem Abi hatte ich blöde Jobs angenommen, um Geld zu verdienen. Eigentlich wollte ich mit dem Geld eine Weltreise machen, aber da mir meine Eltern im Nacken saßen mit der großen Frage, wann ich denn nun endlich ein Studium oder eine Ausbildung beginnen würde, traf Winnies Vorschlag genau ins Schwarze. Die Welt sehen, also New York UND ein Studium anfangen. Perfekt. Ich hielt mich nicht für eine geborene Schauspielerin, obwohl ich natürlich in der Schultheatergruppe war und da auch die eine oder andere Hauptrolle bekommen hatte. Es machte mir Spaß, auf einer Bühne zu stehen, und auf ein Hochschulstudium hatte ich so gar keine Lust. Wieder rumsitzen und lernen? Und was sollte ich bitte studieren? Ich habe weder besondere Fähigkeiten noch besonderes Interesse an den üblichen Fächern, die meine Klassenkameraden alle belegen.
Winnie brauchte nicht lange, um mich zu überzeugen....




