Pinit | Bangkok Boy | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Pinit Bangkok Boy

Die wahre Geschichte einer gestohlenen Kindheit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8494-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Die wahre Geschichte einer gestohlenen Kindheit

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-7325-8494-9
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Chai Pinit war ein ganz normaler thailändischer Junge - bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem er von einem Lehrer sexuell missbraucht wurde. Verzweifelt und voller Scham zog er sich vollkommen in sich selbst zurück. Um die Gefühle zu unterdrücken, verfiel er als Teenager schnell dem Alkohol und geriet dadurch immer tiefer in einen Strudel aus Sucht und Prostitution.
Doch trotz dieser schrecklichen Erfahrungen entwickelte Chai eine unglaubliche innere Kraft, durch die es ihm nach und nach gelang, einen Weg zurück ins Leben zu finden. Heute ist er in der Lage, seine erschütternde Geschichte zu erzählen. Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit - aber auch von Kraft, Hoffnung und Lebensmut in einer scheinbar aussichtslosen Situation.

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1


Mein Vater Liang war eine mittlere Berühmtheit in der Provinz Sisaket in einer nordöstlichen Region Thailands mit dem Namen Isan. Seinen Ruf als harter Bursche, mit dem nicht zu spaßen war, erwarb er durch seine Verbindungen zu berüchtigten, an Mafiosi erinnernden Kriminellen und durch seine Jahre als Muay-Thai-Kickboxer. Zwischen seinem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr gewann er mehrere Profikämpfe, und er verbesserte seine Einkünfte, indem er in einem Bordell als Rausschmeißer arbeitete. Seinen Freunden gegenüber war mein Vater äußerst großzügig. Er versorgte sie regelmäßig mit Geld und Spirituosen. Da er in einer Welt lebte, die von Machos beherrscht wurde, ist es nicht erstaunlich, dass er sich mit Kriminellen und anderen dubiosen Charakteren einließ. Er glaubte, dass ihre Gesellschaft sein Ansehen mehrte und ihm Respekt verschaffte, eine schlechte Einstellung, die er später auch mir einbläute.

Während seiner Zeit im Baugewerbe arbeitete er in einem buddhistischen Tempel in einem abgelegenen Dorf in Sisaket, wo er sich prompt in eine Schönheit namens Phikun verliebte, die ihm später fünf Kinder schenken sollte. Ich war ihr erstes Kind, der vielversprechende Stammhalter, und sie nannten mich Chai, was auf Thai »Sieg« bedeutet. Häufig erzählte mein Vater stolz, wie er und meine Mutter sich kennengelernt hatten. Ihre Verbindung war offensichtlich das Gesprächsthema in dem Dorf. Ein Boxer, der sich in ein Mädchen vom Land verliebte, das war in jenen Tagen der Stoff, aus dem Märchen gemacht wurden. Dorfbewohnerinnen beurteilten potenzielle Ehemänner nach ihrer Fähigkeit, sie finanziell abzusichern, und sie waren eifersüchtig auf meine Mutter, die so mühelos eine gute Partie gemacht hatte.

Dadurch, dass mein Vater chinesischer Abstammung war und bereits eine chinesische Frau hatte, wurde die Verbindung mit meiner Mutter noch romantischer. Aber seine Familie riet ihm ab, eine Thailänderin zur zweiten Frau zu nehmen, weil sie glaubte, auch diese Stelle sollte von einer Chinesin eingenommen werden. Trotz ihrer Proteste zog er aus der Stadt in das Dorf meiner Mutter, machte ein Examen für Grundschullehrer und gründete einen Haushalt mit meiner Mutter. Damit lagen seine wilden Jahre hinter ihm.

Bevor er mit Mae zusammenzog, hatte er den größten Teil seiner Zeit mit einem Haufen von Ganoven verbracht, die bereitwillig taten, was er von ihnen verlangte. Im Laufe der Jahre wurden die meisten von ihnen von der Polizei erschossen. Trotz des Milieus, in dem er lebte, wurde mein Vater nie wegen eines Verbrechens verurteilt. Ich vermute, dass er es schaffte, sich im Hintergrund zu halten und so der Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden zu entgehen. Im Rückblick sieht es so aus, als hätte ihn der Umzug in das Dorf meiner Mutter gerettet. Er fand ein neues Leben, das ihn vor der unvermeidlichen Katastrophe bewahrte.

Pa liebte es, in unserem Beisein in Erinnerungen an seine wilde Vergangenheit zu schwelgen. Er erzählte uns von seinem fast tödlichen linken Haken, mit dem er Kontrahenten im und außerhalb des Boxrings ausgeknockt hatte. Selbst nachdem er sich in ein ruhigeres Leben zurückgezogen hatte, mochte er es immer noch, sich mit seinen alten Freunden aus dem kriminellen Milieu zu treffen. In seiner Freizeit brachte er mir das Kickboxen bei und riet mir, jeden zu Boden zu schlagen, der es wagte, sich über meine geringe Körpergröße lustig zu machen. Er sah nichts Schlimmes darin, Meinungsverschiedenheiten durch Gewaltanwendung beizulegen.

Pa war genauso klein wie ich, aber eine überlebensgroße Persönlichkeit. Schon als Junge verriet er mir, was es bedeutete, ein chai chatri zu sein, ein »richtiger Mann«. Er sagte, die beste Methode, Kumpels unter Kontrolle zu behalten, bestehe darin, sie großzügig mit Schnaps, Zigaretten, Geld und gutem Essen zu versorgen. Wenn man sich Respekt verschaffen wollte, musste man seiner Meinung nach einen Preis dafür bezahlen. Und er genoss mit Sicherheit großen Respekt unter den eher einfältigen Leuten in unserer Gegend. In unserem Dorf nahmen die Leute oft das Gesetz in ihre eigenen Hände, und einige führten sich auf, als stünden sie über dem Gesetz. Häufig gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Jugendbanden. Wenn es um Frauen ging, richteten Männer schnell eine Pistole auf Konkurrenten. Eine Kleinigkeit genügte, um jemand zu provozieren, seine Waffe zu ziehen und abzudrücken. Die Leute tranken oft Unmengen von lao khao, einem in der Gegend produzierten hochprozentigen Reiswein, der die Gefühle außer Kontrolle geraten ließ. Die meisten Dorfbewohner waren arm, doch es war ihnen extrem wichtig, respektvoll behandelt zu werden. Die Haltung meines Vaters war simpel – er behandelte jeden höflich, solange man ihm den gebührenden Respekt entgegenbrachte.

Trotz seiner Macho-Persönlichkeit blickte ich zu meinem Vater auf. Im Jahr 1967, vor meiner Geburt, eröffneten meine Eltern in unserem Haus ein Lebensmittelgeschäft, das bald zu einem Erfolg werden sollte. Mein Vater war der geborene Unterhalter und amüsierte hinter der Ladentheke die Dorfgemeinschaft. In der Provinz genossen Lehrer großen Respekt. Sie wurden bewundert und wie ein dritter Elternteil gesehen. Bei solchen Stellungen im öffentlichen Dienst bekam man nicht nur ein solides Gehalt, sondern später auch eine Pension und sogar Zugang zu Sozialleistungen, die sonst Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung vorbehalten waren.

Mein Vater beanspruchte so etwas wie eine inoffizielle Führungsrolle innerhalb der Gemeinschaft und war großzügig und respektvoll gegenüber jedem, der ihn um Hilfe bat. Durch seine Stellung als Lehrer gelang es ihm, Geld aus dem Topf eines Gesundheitsprogramms zu bekommen, und er ermunterte alle Dorfbewohner zu Bluttests, um eine Malaria-Epidemie zu verhindern. Wann immer jemand in den frühen Morgenstunden an die Ladentür klopfte, um außerhalb der Geschäftszeiten Alkohol zu kaufen, stand er frohgemut auf und bediente ihn. Nie kam er auf die Idee, dass diese spätnächtlichen Geschäfte einen Einbrecher in unser Haus locken könnten. Die ärmeren Nachbarn durften bei ihm anschreiben lassen, anderen lieh er Geld. Seine Gutherzigkeit wurde dadurch belohnt, dass man ihm großen Respekt entgegenbrachte. Bis zum heutigen Tag verwundert mich das Nebeneinander von Härte und Güte in seinem Charakter.

Seine größte Schwäche war seine Alkoholabhängigkeit. Das Problem wurde offenkundig, als er betrunken Motorrad fuhr und bei einem Unfall schwer verletzt wurde. Das brachte für meine Mutter das Fass zum Überlaufen, und sie stellte ihm ein Ultimatum. Er sollte dem Alkohol abschwören, indem er sich dem Initiationsritual eines spirituellen Mediums unterwarf. Wenn er sich nicht darauf einlasse, sagte meine Mutter, werde er sie nie wiedersehen.

Für Laien, die ein khon song chao – ein Medium – werden wollen, ist es eine Voraussetzung, dass er oder sie Buddhas fünf Prinzipien beherzigen müssen. Das fünfte davon untersagt den Konsum aller Substanzen, die zu einem Bewusstseinsverlust führen können. Folglich musste mein Vater aufhören zu trinken, bevor er sich dem khru, dem »Meister«, vorstellen konnte, um mit der Ausbildung zu beginnen. Als er die Vorbedingung erfüllt hatte, suchte er nach einem anerkannten Medium, einem Meister, der zustimmen würde, ihn als Schüler zu akzeptieren. Als Zeichen des Respekts beschenkte er diesen auserwählten Meister mit Kerzen, Weihrauch, Blumen, einer kleinen Geldsumme und einem weißen Tuch.

Nachdem er sich dem Initiationsritual unterzogen hatte, wurde angenommen, dass mein Vater in Begleitung eines höheren Geistes nach Hause zurückkehrte. Pa lud den Geist ein, einen heiligen Raum (hong phra) in unserem Haus zu bewohnen, in dem wir buddhistische und hinduistische Statuetten aufbewahrten, etwa von Brahma und Indra. Er besuchte diesen Raum täglich und brachte kleine Opfer, während er verschiedene Mantras sang, um sich die Gunst dieser höheren Geister zu bewahren. Seine Freizeit verbrachte er nun damit, als Weissager Dorfbewohnern, die Angst vor irgendwelchen Tragödien hatten, ihr Geschick vorauszusagen. Leider blieb mein Vater aber nur trocken bis zur Geburt seines fünften und letzten Kindes. Seitdem hing er wieder an der Flasche, und meine Mutter gab jede Hoffnung auf, dass es ihm gelingen würde, seine Sucht zu überwinden.

Nachdem sie Zeugin des Einflusses des Spiritismus auf meinen Vater geworden war, wuchs der Glaube meiner Mutter, und sie beschloss, selbst ein Medium zu werden. In unserem Dorf machte sie sich einen Namen, weil ihre Fähigkeiten die meines Vaters übertrafen. Aus nah und fern kamen Leute, die geheilt werden wollten von Leiden, welche die Ärzte nicht diagnostizieren konnten. Einige brachten Verwandte mit, die an ernsthafter Antriebsschwäche oder Depressionen litten, was sie auf den Fluch eines bösen Geistes zurückführten. Insbesondere eine Frau war durch eine mysteriöse Macht in einen Zustand der Katatonie versetzt worden. Meine Mutter weissagte, der Geist eines Baumes habe sich ihrer Seele bemächtigt. Offenbar hatte sie ihn beleidigt, als sie im Wald Champignons pflückte und nicht auf...



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