E-Book, Deutsch, 256 Seiten
PietSmiet / Robrahn Viggo
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96096-084-3
Verlag: CE Community Editions
Format: Unbekannt
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
A PietSmiet Story
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-96096-084-3
Verlag: CE Community Editions
Format: Unbekannt
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am 29.7.2012 wurden die Zuschauer des Kanals 'PietSmiet' Zeugen eines folgenschweren Verbrechens. In Folge 99 des Let's Plays zum Videospiel 'DayZ' wird ein unschuldiger Zivilist namens Viggo von Peter Smits auf einem Krankenhausdach erschossen. Seit diesem Tag rätselt die Community: War es kaltblütiger Mord, oder wurde Peter von seinem PietSmiet-Kollegen Brammen zur Tat nur angestiftet? Eine Legende formt sich. Die Frage nach der Schuld bleibt bis zum heutigen Tage ungeklärt. Der Roman 'Viggo' klärt die Frage nach dem Opfer.
Wer war Viggo? War er bloß zur falschen Zeit am falschen Ort? War er wirklich unschuldig, oder hat die plötzlich hereinbrechende Zombieapokalypse auch in ihm die schlechtesten Seiten geweckt? Der Roman schildert die letzten Tage in Viggos Leben und setzt dem Verstorbenen damit ein Denkmal in Schriftform, auf dass er niemals in Vergessenheit gerate.
#NeverForgetViggo
Autoren/Hrsg.
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Das Dröhnen der Kaffeemaschine war wie Musik in Viggos Ohren. Zwei Stunden noch, dann hätte er endlich Feierabend, würde nach Hause fahren und Abendbrot für die Familie zubereiten, bevor seine Frau von ihrem Job im Supermarkt zurückkam. Und er hatte nicht vor, diese zwei Stunden ohne Kaffee zu verbringen.
Brühend heiß plätscherte die braune Flüssigkeit in die weiße Tasse mit der Aufschrift Dad of the year, die ihm Alexandra vor zwei Jahren zum Vatertag geschenkt hatte. Auch wenn es kitschig war: Er hütete sie wie einen Schatz.
Nachdem die Maschine ihren Dienst verrichtet hatte, nahm er die Tasse aus der Halterung, schlurfte zurück zum Rechner und ließ sich auf dem Bürostuhl nieder, der so bequem war wie eine Holzbank. Vor ihm stand ein alter Röhrenmonitor – denn auch wenn das Krankenhaus erst vor Kurzem gebaut und mit aktuellen medizinischen Geräten ausgestattet worden war, hatte man beim Rest gespart. Die Rechner liefen noch mit Windows 2000, das von Microsoft bereits seit zwei Jahren nicht mehr mit Updates versorgt wurde. Für ein Krankenhaus natürlich ein großes Sicherheitsrisiko – aber das hatte er oft genug angesprochen und wurde ignoriert.
Er nippte kurz am Kaffee, den er schwarz trank, und warf dann einen Blick auf die Patientenakten. Seit einem Jahr arbeitete er als Krankenpfleger im städtischen Krankenhaus – kein Job, mit dem man reich wurde, aber zusammen mit dem Gehalt seiner Frau kamen sie gut über die Runden, und alle zwei Jahre war ein Urlaub drin, den sie gern im Sommer am Meer verbrachten.
Als er gerade dabei war, die Essensbestellungen für das kommende Frühstück einzutippen, klingelte das Telefon.
»Station 3, Viggo Nikolaij am Apparat.«
»Hey, Viggo, Viktor hier«, meldete sich derjenige am anderen Ende der Leitung. Viktor war einer von Viggos Freunden bei der Arbeit. Er kam mit vielen gut aus, aber mit Viktor war er schon einige Nächte um die Häuser gezogen. So etwas schweißte zusammen.
»Ich ruf an, weil ich dich fragen wollte, ob du heute Abend dabei bist. Anja feiert ihren dreißigsten Geburtstag und wollte das mit einer Flasche Sekt im SammysInn begießen.«
»Liebend gern«, sagte Viggo. »Du weißt, dass ich bei so was eigentlich nicht Nein sagen kann. Aber ich habe Magda versprochen, dass wir das Wochenende gemeinsam einläuten. Wir werden Pizza machen, einen Film gucken, und wenn Alexandra im Bett ist, wird eine Flasche Rotwein geköpft. Tut mir leid, aber die Familie geht vor.«
Am anderen Ende herrschte kurz Stille, dann räusperte sich Viktor. »Oh Mann, du alter Spießer. Na gut, dass ich da den Kürzeren ziehe, ist wohl klar. Dann sehen wir uns morgen in der Mittagspause?«
»Morgen in der Mittagspause. Es gibt Lasagne in der Kantine, und du kommst nicht ohne ein paar gute Geschichten von der Party, verstanden?« erwiderte Viggo.
»Dann bis morgen«, sagte Viktor und legte auf.
Sie kannten sich noch aus der Schulzeit, hatten dort drei Jahre nebeneinandergesessen, sich aber anschließend aus den Augen verloren. Es war eine große Überraschung gewesen, als sie sich im Krankenhaus über den Weg liefen und beide die schlichte blaue Krankenpflegeruniform trugen. Viggo hasste die Klamotten, in denen man immer aussah wie ein Sack Kartoffeln, bloß blau und nicht braun. Aber es half ja nichts.
Viktor arbeitete auf Station 6 mit suchtkranken Patienten – ein Job, um den ihn Viggo nicht beneidete. Dort kamen die krassen Fälle hin: Junkies, Alkoholsüchtige, Abhängige, die aufgrund einer Krankheit ins Hospital mussten und weiterhin ihren Stoff brauchten – natürlich unter ärztlicher Aufsicht. Ein Entzug war für den Körper eine solche Herausforderung, dass er neben einer Lungenerkrankung oder Krebs nicht zu stemmen war.
Viggo nahm einen Schluck Kaffee, der mittlerweile schon kalt war, und verzog leicht angewidert das Gesicht. Kalter Kaffee ist wie Sex ohne Orgasmus, hatte sein Vater mal zu ihm gesagt. Damals hatte er nicht viel damit anfangen können, aber heute wusste er sehr gut, was sein alter Herr damit gemeint hatte.
Seine Augen wanderten ungeduldig in Richtung Uhrzeitangabe auf seinem Monitor. Er konnte den Feierabend kaum abwarten, auch wenn er seinen Job gern machte. Aber weil er und seine Frau beide im Schichtdienst arbeiteten, war die gemeinsame Zeit als Familie rar gesät. Deshalb hatten sie sich vorgenommen, zumindest einmal im Monat zu kochen und zu dritt einen Film zu schauen. Und dieser Abend war heute. Viggo freute sich wie ein Kind auf die Bescherung.
Die Zutaten für die Pizza hatte Magda schon am Vortag mitgebracht: Tomatensoße, Käse, Pilze, Schinken und Mais. Den Teig würde er frisch mit Alexandra machen und die Pizza dann vorbereiten. Um neunzehn Uhr fünfundfünfzig würde er sie in den Ofen schieben, und eine Viertelstunde später würden alle gemeinsam am Esstisch sitzen. Den Abwasch würden sie stehen lassen und sich stattdessen auf die Couch setzen, um den ersten Ghostbusters-Film zu schauen – einen von Alexandras Lieblingsfilmen. Anschließend würde seine Tochter ins Bett gehen, und dann stand das Erwachsenenprogramm an, das aus einer Flasche Rotwein und irgendeiner romantischen Komödie bestand – und schlafen würden sie in dieser Nacht natürlich nicht viel.
Es klopfte an der Tür des Stationszimmers, kurz darauf schob sich ein blond gelockter Kopf durch den Türrahmen, und Frau Iwanow sah ihn freundlich an.
»Ich will ja nicht drängeln, aber wissen Sie schon, wann es Abendbrot gibt?«
Frau Iwanow war wegen eines komplizierten Bruchs im rechten Unterarm im Krankenhaus. Sie war mit ihrem Hund spazieren gegangen, einer winzigen Corgi-Hündin namens Emma, die einer vorbeilaufenden Katze hinterherjagen wollte. Das allein wäre kein Problem gewesen, aber Emmas Leine hatte sich ungünstig um Frau Iwanows Handgelenk verknotet, der Hund wuselte ihr aufgeregt zwischen den Beinen hindurch, und bei dem Versuch, nicht auf das kleine Tier zu treten, war sie gestolpert und auf ihrem Arm gelandet.
Viggo sah auf die Uhr. »Da müssen sie sich noch ungefähr zwei Stunden gedulden, dann fangen die Kollegen mit der Essensausgabe an, Frau Iwanow.«
»Zwei Stunden noch?«, gab sie in gespielt beleidigtem Ton zurück. »Ich werde meinem Sohn sagen, dass er mir das nächste Mal ein paar Kekse mitbringen soll, damit ich hier nicht noch verhungere, während ich auf meine OP warte.«
»Keine Angst, erwiderte Viggo ironisch. »Wir würden Ihnen vorher schon eine Sonde verpassen. Stellen Sie sich die Schlagzeilen vor, wenn Sie uns hier verhungern. Das würde die Leitung bestimmt nicht riskieren.«
Die rüstige Dame schenkte ihm ein Lächeln und machte sich dann wieder auf den Weg in ihr Zimmer. Viggo liebte den Umgang mit den Patienten – zumindest, wenn es so nette und freundliche wie Frau Iwanow waren. Natürlich gab es auch das komplette Gegenteil: Nörgler, die weder Danke noch Bitte sagen konnten und das Krankenhauspersonal für ihre persönlichen Leibeigenen hielten. Aber mit solchen Menschen hatte man wohl in so ziemlich jedem Job zu tun, weshalb er versuchte, so etwas nicht zu sehr an sich heranzulassen.
Eine Bewegung im Augenwinkel ließ Viggo aufblicken. Er konnte von seinem Stationszimmer aus direkt durch die große Scheibe auf den Flur sehen, der zum Treppenhaus führte. Dort liefen ein paar Leute hektisch auf den Ausgang zu. Er dachte sich nichts dabei. Im Krankenhaus gab es schnell mal Hektik, wenn ein Notfall eintrat – auch wenn sie sich das natürlich nach Möglichkeit nicht anmerken lassen sollten, um den Patienten keine Angst zu machen.
Doch keine fünf Sekunden später ertönte plötzlich das Heulen einer Sirene. Ein lang gezogener, schriller Ton, der Viggo an einen Fliegeralarm aus einem Zweiter-Weltkriegs-Film erinnerte. Jemand hatte den Feueralarm ausgelöst.
Sergej, mit dem er gerade Dienst schob, kam von hinten aus dem Aufenthaltsraum. Sergej war ein großer, kräftiger Mann mit Glatze, und Viggo vermutete, dass er mal geboxt haben muss, denn seine Nase war in alle Richtungen gebogen und seine Ohren sahen aus wie Blumenkohlröschen. Im Dunklen wollte er ihm nicht begegnen, aber Sergej war einer der freundlichsten und zuvorkommendsten Menschen, die er kannte.
»Der Feueralarm, Viggo!«
»Ja, eine Übung war nicht angekündigt, oder?«
»Nein, nicht dass ich wüsste. Was machen wir?«, wollte Sergej wissen.
Viggo zuckte mit den Schultern. »Das, was wir gelernt haben: Wir evakuieren unsere Station.«
Im Brandfall war vorgesehen, dass das gesamte Krankenhaus evakuiert wird. Die Krankenpfleger waren dafür verantwortlich, dass alle Patienten, die nicht auf Maschinen angewiesen waren, auf die große Rasenfläche neben dem Krankenhaus gebracht wurden. Alle anderen mussten auf umliegende Krankenhäuser verteilt werden. Für Viggo und Sergej war das kein großes Problem, denn sie hatten keine bettlägerigen Fälle – sie mussten ihre Schützlinge nur wie eine Herde Schafe zusammentreiben und dann zu den speziellen Feuerwehraufzügen bringen.
Sergej nickte, dann eilte er den Flur nach links, Viggo nach rechts hinunter. Wenige Minuten später hatten sie alle Patienten...




