Pickar | In den Spiegeln - Teil 5 | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Pickar In den Spiegeln - Teil 5

Imaginäre Freunde
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-9815154-8-0
Verlag: Anna macht Urlaub
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Imaginäre Freunde

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-9815154-8-0
Verlag: Anna macht Urlaub
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Im fünften Teil der psychotischen Kult-Saga führt die Spur nach Rom. Zusammen mit Erzengel Gabriel begibt sich Jan-Marek auf die Jagd nach dem letzten Biofakt. Doch wie zuvor laufen die Dinge nur wenig nach Plan und Jan-Marek wird mit einem mächtigen Dämon konfrontiert.

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5.3 Umbilicus urbis


Als das Flugzeug sich im Landeanflug zur Seite neigte, überblickte ich kurz die gesamte Stadt, samt der unverkennbaren, schwungvollen Welle, die der Fluss Tiber durch diese dichte Landschaft aus Häusern, Straßen, sternförmigen Plätzen und Gärten zeichnet. Die Straßenbeleuchtungen waren bereits eingeschaltet, während sich noch die letzten Sonnenstrahlen an den Kirchenspitzen und Hauskanten brachen und lange Schatten nach Osten sandten.

»Fünfundachtzig Minuten«, verkündete Gabriel, während er auf seine Uhr sah.

Sie waren nicht allmächtig, dachte ich. Wann immer ein Engel oder ein Dämon beschloss, die Arena der menschlichen Realität zu betreten, musste er sich auch den Beschränkungen unserer Körper, unserer Gehirne und unserer Naturgesetze unterwerfen. Sie mochten Fähigkeiten besitzen, die sie zu weit überlegeneren Wesen machten, aber hier in unserer Welt konnten sie nicht alle diese Fähigkeiten entfalten.

Doch dieser Umstand ermöglichte ihnen auch, unbemerkt unter uns zu sein. Sie konnten Marotten und Eigenheiten, Banalitäten und Fragmente eines alltäglichen, trivialen Lebens aus ihren Avataren erspüren und sahen dabei wunderbar menschlich und harmlos aus.

Das Gerippe des Kolosseums und die mächtige Basilika di San Pietro fielen mir als erstes ins Auge, beide bereits von starken Scheinwerfern angestrahlt, wie Antipoden zweier großer Zivilisationen, jeder in seiner eigenen Ecke der Stadt – das Heidnische und das Christliche.

Der Flughafen Leonardo da Vinci liegt an der Küste, in Sichtweite von Ostia, wo bereits vor zweitausend Jahren römische Legionäre und Händler auf dem Heimweg in die Ewige Stadt das Festland betraten. Während wir aufsetzten, beobachtete ich nachdenklich das unruhige Meer. Einige späte Barken und müde Fischerboote kehrten langsam in ihren Hafen zurück. Ich hielt mir die Hand vor die Stirn, um meine Augen gegen die untergehende Sonne abzuschirmen.

Ich konnte nicht leugnen, dass die Mitglieder der Lux Aeterna Eindruck auf mich gemacht hatten. Es war verführerisch und schmeichelhaft, sich in ihrer Welt bewegen zu dürfen. Doch ich hatte auch ein ganzes Leben damit verbracht, die Welt um mich herum zu verabscheuen. Die mechanisierte Bevölkerung, die jeden Morgen in U-Bahnen durch die Stadt pendelte, um irgendeinem nutzlosen Job nachzugehen. Die Besessenheit von Geld und seine Verwendung als ein Wertesystem für jeden nur erdenklichen Bereich des menschlichen Lebens waren mir schon immer zuwider gewesen. Adam Kadmon und seine Schergen mochten faszinierend sein, so wie das Böse stets faszinierend ist und das Gute belanglos und trivial erscheinen lässt. Doch Gut und Böse kamen mir plötzlich vor wie sehr sinnlose Begriffe in einer Welt, die etwas anderes war, als alle annahmen.

Ich hatte das Leben in dieser Welt nie geschätzt. Vielleicht war es an der Zeit, dass die Engel wieder das Ruder ergriffen.

»Ist es das, was ihr wollt? Dass die Menschen ihre Handys wegwerfen und in Schilfhütten im Einklang mit der Natur leben?«, fragte ich Gabriel, noch unter dem Eindruck seines Vortrags in Frankfurt.

»Man kann die Uhr nicht zurückdrehen, Locartes. Jeder Mensch gehört in sein eigenes Zeitalter. Das der Schilfhütten ist für immer vorüber. Ich weiß das. Doch die Menschheit muss sich verändern, oder verändert werden. Es gibt keine andere Option. Die äußere Form dieser Veränderung haben wir euch überlassen. Das ist es, was ihr als Entscheidungsfreiheit wahrnehmt. In diesem Rahmen hattet ihr stets eine Wahl.«

Ich hatte eine hektische Taxifahrt nach Rom erwartet, vorbei an kreischenden Mopeds und Kleintransportern auf drei Rädern. Doch das zeugte nur davon, dass ich noch nicht in vollem Ausmaß begriff, was gerade um mich geschah und wer meine Reisebegleiter waren.

Dreißig Meter neben der Landebahn stand ein Helikopter. Der Rotor verrichtete bereits seine lärmende Arbeit und der Pilot trug eine große Sonnenbrille, wuchtige Kopfhörer und ein Headset.

Wir stiegen in den Hubschrauber, der sogleich abhob. Die untergehende Sonne im Rücken, schimmerten uns die Dächer und Terrassen Roms in einem rötlich-goldenen Glanz entgegen.

Artemis Pergano saß vorne, neben dem Piloten. Durch das Headset sprach sie mit ihm auf Italienisch, während der Erzengel schwieg und auf die große Stadt blickte. Ich musterte ihn neugierig. Rom musste für ihn eine besondere Bedeutung haben. War da Sentimentalität in seinem Blick, Verbitterung, oder schwelgte er einfach nur in Erinnerungen? Doch ebenso gut mochten das alles nur meine Projektionen sein.

Als wir auf dem kleinen Helikopterlandeplatz am westlichsten Mauerausläufer der Vatikanstadt landeten, erwartete uns bereits das Empfangskomitee. Die meisten trugen Anzüge, Trenchcoats und Sonnenbrillen, doch aus der Reihe von mindestens fünfzehn Leuten ragten auch zwei Schweizergardisten heraus, die dort in ihrer traditionellen blaugelben Uniform standen, in den längsgestreiften Puffhosen samt Helm mit rotem Federbusch, mit einem Schwert am Gürtel und die langen Hellebarden fest im Griff.

Unter den Anwesenden war niemand in einer Soutane zu sehen. Ich fand es ungewöhnlich, dass kein Geistlicher da war, um einen Erzengel im Vatikan willkommen zu heißen, und nahm mir vor, Gabriel bei der ersten Gelegenheit danach zu fragen.

Ich folgte den anderen aus dem Hubschrauber. Wir gingen auf die Menschengruppe zu, während die Maschine hinter uns wieder abhob und Richtung Westen verschwand.

Die Sonne war inzwischen vollständig untergegangen. Die Welt um uns versank für einige Minuten in ein fremdartiges Grau, ein perfekter Zustand zwischen Licht und Finsternis. Dann brach die Nacht an.

»Wer sind sie?«, flüsterte ich Gabriel zu und deutete verstohlen auf die Anzugträger.

»Die sind meinetwegen da«, erwiderte der Erzengel, ohne mich anzublicken. »Es ist die Vatikanische Gendarmerie. Die bloße Idee, der irdischen Hülle eines Erzengels würde auf dem Boden der Heiligen Stadt etwas zustoßen, ist einigen  Mitgliedern der Kurie ein Gräuel.«

»Es ist aber kein Bischof oder Kardinal hier, um dich zu empfangen.«

»Ich habe das strengstens untersagt. Dieser Zirkus ist schon gefährlich genug.«

Bei der Gruppe angekommen, trat ein älterer Mann Gabriel entgegen. Er hatte ein schmales, bereits ergrautes Bärtchen rund um seine dünnen Lippen. Trotz der Abendkühle trug er lediglich einen anthrazitfarbenen Anzug, ohne Krawatte, doch dafür mit einem Stehkragenhemd. Es sah ein wenig aus, als wollte er sich der Kleiderordnung eines Priesters annähern, obwohl er offensichtlich ein Laie war. An seinem Revers entdeckte ich ein goldenes Abzeichen in Form eines Kreuzes.

»Herr Ailberg, es ist eine Freude, Sie wiederzusehen«, sagte er auf Deutsch mit einem Schweizer Akzent. Sein Gesicht blieb jedoch ernst und schien kein Zeichen der Freude zulassen zu wollen.

»Generalinspekteur Keller«, erwiderte Gabriel.

Sie schüttelten sich die Hand.

»Ich nehme an, alles ist bereit?«

Der Chef der vatikanischen Sicherheitskräfte nickte stumm und deutete zur Seite.

Dort standen fünf Limousinen bereit– allesamt Mercedes-Benz. Ihre Kennzeichen begannen mit den Buchstaben SCV. Wir drei nahmen in dem zugewiesenen Fahrzeug Platz und der Generalinspekteur setzte sich in das Fahrzeug hinter uns. Die Wagenkolonne fuhr sogleich los. Nur die zwei Hellebardiere blieben neben der Hubschrauberplattform stehen. Als ich kurz nach hinten sah, traten sie in langsamen Schritten den Rückweg an.

Es war eine kurze, malerische Strecke, die ausschließlich durch die Vatikanischen Gärten führte, vorbei an dem massiven Johannesturm und der rustikalen Sendeanlage des Radio Vaticana.

Gabriel wandte sich plötzlich an mich.

»Hast du den Ring auf dem Finger von Generalinspekteur Keller gesehen?«

Ich nickte.

»Es ist ein goldener Ring mit einem Omega-Symbol.«

»Das Kerygma.«

»Innerhalb der Vatikanstadt ist es auch ein Erkennungszeichen. Wer den Ring trägt, weiß.«

»Weiß?«

»Die Träger der Kerygma-Ringe sind Eingeweihte, die um die wahre Beschaffenheit der Welt wissen. Sie haben Kenntnis vom Angelodämonischen Krieg, sie wissen, wer ich bin. Einige können sich sogar noch an dich erinnern.«

Ich blickte überrascht hoch.

»Ich war schon mal hier?«

Gabriel lächelte nur undurchsichtig, während unsere Limousine den Park verließ. Ich hatte bereits eine Weile auf die große, dunkle Kuppel gestarrt, die hinter den Pinienkronen aus der Abenddämmerung erwuchs. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich begriff, dass dieser irgendwie vertraute und doch fremde Anblick der Petersdom war. Nur eben die Rückseite anstelle der üblichen Postkartenperspektive an der Piazza San Pietro. Hier wirkte das Bauwerk in sich versunken und still. Die Scheinwerfer und Laternen auf der anderen, uns abgewandten Seite glitten sanft entlang der dunklen Silhouette. Es war, als ob der Dom die Welt in zwei Hälften teilte. Dort drüben war die lichte Welt, die Welt der Touristen und Souvenirs, während hier die andere Welt war. Die wirkliche Welt.

Die Limousinen bogen nach Norden ab und begannen den zentralen Gebäudekomplex der Vatikanstadt zu umfahren. Links zeichnete sich die steile Mauer der Stadtgrenze ab, rechts reihten sich die kantigen Fassaden der unzähligen Renaissancebauten aneinander.

Schließlich bremste die Wagenkolonne. Wir stiegen aus. Wir befanden uns auf einem länglichen Parkplatz neben einem endlos anmutenden Bauwerk.

Ich blickte auf einen Brunnen, der wie ein altes Schiff geformt war.

»Fontana della Galera«, sagte einer der Gendarme, meinem Blick folgend. Er war ein junger Italiener mit...



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