E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Pickar In den Spiegeln - Teil 4
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-9815154-6-6
Verlag: Anna macht Urlaub
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Palladio
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
ISBN: 978-3-9815154-6-6
Verlag: Anna macht Urlaub
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kann Jan-Marek der Gastfreundschaft der Lux Aeterna vertrauen? Sind die Mitglieder der Gruppe lediglich Untote, jederzeit bereit über ihn herzufallen? Jan-Marek ist nun ein Gast der Lux Aeterna. Doch zunehmend begreift er, dass seine Anwesenheit die Züge einer Gefangenschaft trägt. Brookfield, die Privatarmee des Oktagons unternimmt den Versuch, ihn zu fassen. Wie stets in Jan-Mareks Leben sind die Folgen katastrophal.
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4.2 Die Welt ist schief für den Turm von Pisa
Wer auch immer da draußen diese Zeilen liest, wird sich erinnern, dass mein Abenteuer zunächst im 23. Stockwerk des Japan-Centers in Frankfurt am Main geendet hatte. Ich war plötzlich Gast der Lux Aeterna, jenes operativen Arms der Dämonen auf Erden, der angeblich für alle Errungenschaften und Wohltaten verantwortlich war, die es in dieser Zivilisation gab.
Natürlich nahm ich die Sache mit der Gastfreundschaft nicht zu ernst. Der Gedanke, dass ich mehr ein Gefangener war, formte sich in meinem Kopf ungefähr drei Sekunden, nachdem ich das als Elysium bezeichnete Stockwerk betreten hatte.
Einige Tage später erreichte mich im Restaurant auf der 21. Etage der Telefonanruf von Etienne Fremont. Ich hielt seine wilden Behauptungen für lächerlich, doch schien diese Situation eine Gelegenheit zu sein, mein Verhältnis zur Lux Aeterna näher unter die Lupe zu nehmen.
Falls Sie an dieser Stelle nicht wissen, wovon ich spreche, haben Sie vermutlich meine vorangegangenen Aufzeichnungen nicht gelesen. Das heißt auch, dass Sie vermutlich ein Idiot sind, da Sie die Lektüre meiner Geschichte in der Mitte begonnen haben. Beheben Sie das! Ich meine nicht das mit dem Dasein als Idiot (da werden Sie vermutlich nicht viel tun können), sondern die Lektüre all jener Ereignisse, die uns bis hierher geführt haben.
Wo sind wir stehen geblieben?
Ach ja, der Anruf. Etienne Fremont.
Ich hatte eilig den kleinen Park zwischen der Kaiserstraße und dem Eurotower durchquert, vorbei an der überdimensionierten blauen Euro-Plastik, die wie ein riesiges Spielzeug aussah. Entlang des Mains waren es von hier nur drei oder vier Minuten bis zum vereinbarten Treffpunkt.
Von einer Vereinbarung konnte natürlich keine Rede sein. Man hatte mir den Ort und die Zeit mitgeteilt, wenn auch in einem flehenden Tonfall.
Trotz ihrer Größe schwang die Hängebrücke sanft unter meinen Füßen. Nur einige hundert Meter entfernt polterte eine endlose Autokolonne aus Pendlern und Heimfahrern über die Untermainbrücke, doch ihre Geräusche drangen kaum bis zu mir. Hier auf dem Holbeinsteg herrschte eine seltsame Ruhe, wie auf der statischen Mitte eines Karussells.
Das Licht der nächtlichen Skyline von Frankfurt hatte etwas von der Dunklen Stadt im Jenseits, deren fluoreszierende Konturen noch immer in meinem Gedächtnis spukten. Ich beobachtete die gläsernen Fassaden, berührt von einem Gefühl, in dem sich Faszination und Melancholie mischten. Doch außer mir hielt keiner der schlendernden und vereinzelt eilenden Passanten auf dem Steg inne, um diesen Anblick zu genießen. Für sie war dieses Bild alltäglich und ohne den Reiz des Neuen.
Von meiner Position aus konnte ich die oberen Etagen des Japan-Centers sehen. Vor gerade einmal einer halben Stunde hatte ich dort am Fenster des »Windows 25« gestanden und hierhergeblickt. Ob nun jemand dort stand und mich beobachtete?
Für eine Weile schloss ich die Augen. Die fernen Straßengeräusche, das Geschrei einiger Möwen und das Rauschen des Mains vermengten sich mit den Schritten der Fußgänger zu einem sanften Ambiente. Ich ordnete meine Gedanken.
Ich wusste nicht, wer Etienne Fremont war, doch ich wusste, was er wollte. Er wollte mich davon überzeugen, dass die Geschehnisse der letzten Monate eine hochkomplexe Halluzination waren. Ich wollte unbedingt hören, was er zu sagen hatte. Nicht weil ich seinen Worten Glauben schenkte; die bloße Vorstellung, dass diese intensiven, schockierenden Erlebnisse lediglich das Resultat eines derangierten Gehirns sein sollten, war in höchstem Maße absurd und konnte nur von jemandem kommen, der diese Erfahrung nicht teilte und somit nicht nachvollziehen konnte.
Aber ich wollte, dass er sein Sprüchlein aufsagte. Ich war ernsthaft neugierig, welche Argumente jemand aus den Schubladen kramen würde, dessen Ziel darin bestand, mich davon zu überzeugen, dass ich nicht das sah, was da war.
Gerade als ein mit bunten Laternen geschmücktes Touristenboot unter dem Holbeinsteg durchfuhr, stellte sich eine Gestalt neben mich an das Geländer.
Ich war beschämt, dass es mindestens drei Sekunden gedauert hatte, bis ich ihn wahrnahm. Doch nun musterte ich ihn ausgiebig. Er hatte ein dünnes Gesicht mit Aknenarben und trug eine kantige Brille. Seine Hände steckten in den tiefen Taschen eines Trenchcoats. Er wirkte schmächtig und schwach. Auf jeden Fall nicht wie jemand, von dem ich etwas zu befürchten hatte. Auch wenn mein Avatar ziemlich verschlissen war, neben ihm sah ich noch immer aus wie Marv in »The Hard Goodbye«.
»Fremont?«, fragte ich ihn, bemüht um den Tonfall eines Schulrektors, der einen streunenden Schüler hinter der Turnhalle aufgreift.
»Danke, dass Sie gekommen sind, Jan-Marek«, entgegnete er mit gesenkter Stimme.
»Dann machen Sie mal ...«
Fremont räusperte sich und sah dann auf den Main. Von dem Vergnügungsschiff drang Musik und Lachen zu uns.
»Kennen Sie den Witz von dem Mann, der auf der Autobahn fährt, und im Radio sagt jemand: Achtung, auf der Autobahn befindet sich ein Geisterfahrer. Und der Mann sagt ...«
»... von wegen einer.«, ergänzte ich.
Er schwieg und sah mich an.
Ohne seinen Blick zu erwidern, musterte ich die zersplitterten Lichter der Skyline auf der unruhigen Oberfläche des Flusses.
»Ich bin sicher, Sie haben für jedes Ereignis, das mir wiederfahren ist, irgendeine rationale Erklärung«
»Das ist möglich, Jan-Marek. Aber haben Sie auch den Mut, sie sich anzuhören? Den Mut, sich darauf einzulassen?«
»Mut? Sie wissen nicht, wovon Sie reden. Ich musste vom Dach eines Krankenhauses in einen tiefen Abgrund springen. Und da erzählen Sie mir etwas von Mut?«
»Sie müssten sich mal hören«, erwiderte Fremont. »Vom Dach eines Krankenhauses gesprungen. Und was geschah dann?«
»Dann war ich im Jenseits. Doch ich kam zurück.«
»Sie haben das Krankenhaus erst vor einigen Monaten verlassen, Jan-Marek. Sie wurden 1998 eingeliefert, nachdem in Ihrer Wohnung eine Gasleitung explodiert war. Sie konnten am Anfang ihren Unterkörper nicht spüren, doch im folgenden Jahr unterzog man Sie einer Serie von Operationen an Ihrer Wirbelsäule. Sie hatten bereits Fortschritte bei der Rehabilitation gemacht und konnten mithilfe von Krücken gehen. Doch dann fielen Sie im November 1999 nach einem relativ kleinen operativen Eingriff ins Koma. Über vier Jahre waren Sie bewusstlos. Bis Sie vor einigen Monaten erwachten ...«
»Eine interessante Geschichte«, wandte ich ein. »Aber wenn ich wirklich vier Jahre ans Bett gefesselt war, wie kommt es dann, dass ich hier so fröhlich herumlaufe?«
Fremont sah mich entgeistert an.
»Sie wurden während Ihres Komas von Physiotherapeuten betreut. Und soweit ich informiert bin, waren Sie während Ihrer Flucht nicht in bester Verfassung. Sie scheinen noch immer nicht voll auf dem Damm zu sein. Ich weiß nicht, was Sie hier als ›fröhlich herumlaufen‹ bezeichnen?«
»Wenn Sie den Körper eines alten, abgebrannten Alkoholikers besitzen würden, fiele es Ihnen auch schwer, sich athletisch zu geben.«
»Ich sehe Sie an und sehe keinen alten, abgebrannten Alkoholiker.«
»Ich sehe einen, wenn ich in den Spiegel blicke.«
»Ich habe Beweise. Röntgenbilder. Berichte.«
»Vermutlich gekonnte Fälschungen.«
Fremont griff in seinen Mantel und zog ein großes Foto hervor. Er reichte es mir mit der Rückseite nach oben.
Ich drehte es um und erblickte Evelyn. Die Aufnahme war schmucklos und nüchtern. Sie lag mit starr geöffneten Augen auf dem Parkettboden. Auf ihren Wangen und Armen konnte man Schmutz erkennen. Ihre Haut sah hellgrau und brüchig aus, wie ein nicht restauriertes Renaissancegemälde.
»Die erste Vermutung war, dass sie bei der Explosion umgekommen ist. Doch die Obduktion warf Fragen auf. Es sah so aus, als wäre sie bereits vor der Explosion tot gewesen. Mehrere Tage. Der stumpfe und tödliche Schlag gegen ihren Hinterkopf stammte nicht von Möbel- oder Wandtrümmern.«
Mein Gesicht fühlte sich plötzlich an wie eine Maske, die ich mit einem hautätzenden Kleber befestigt hatte. Ich reichte Fremont wortlos das Bild zurück.
»Sie wurde umgebracht, Jan-Marek. Und die Polizei nahm die Witterung auf. Es wurde davon gesprochen, dass Sie - vermutlich narkotisiert - das Gas angezündet hätten, um die Spuren Ihrer Tat zu verwischen.«
Ich verzog die Mundwinkel, drehte mich um und lehnte mich gegen das Geländer. Ich bemühte mich um Lässigkeit, doch was ich hier hörte, klang wie ein Kapitel aus dem glamourösen Leben eines Serienmörders. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich Evelyn von hinten mit einem stumpfen Gegenstand erschlug und ihre Leiche im Wohnzimmer liegen ließ, während ich tagelang teilnahmslos an ihr vorbeiging, vom Fernseher zum Kühlschrank, vom WC zum Schlafzimmer. Und dann dopte ich meinen Schädel zu, manipulierte die Zuleitung zum Gasherd und zündete mir schließlich den letzten Joint an.
»War ich nackt?«, fragte ich plötzlich.
Fremont starrte mich an.
»Nackt?«
»Ich meine, wenn ich so etwas tun würde, würde ich sicher vorher mit einer Flasche Jack Daniel´s nackt durch die Wohnung laufen und mich vielleicht mit Farbe beschmieren. Oder mit Blut ...«
»Was spielt das für eine Rolle?«, flüsterte Fremont mit ermatteter Stimme. Er sah plötzlich aus wie jemand, der lange auf meiner Fährte gewesen war. »Wichtig ist, dass ...«
»Nein, nein! Halten Sie mal an!«,...




