Pichler / Frey | Märchen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Pichler / Frey Märchen

von Luise Pichler
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-4782-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

von Luise Pichler

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

ISBN: 978-3-7431-4782-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus dem Inhalt: Einmal an einem schwülen Nachmittag im Hochsommer war Martin in der Höhle eingeschlummert. Ein Gewitter brach aus, er hörte es nicht. Da wankte der Boden rings um ihn her, er selbst glitt von Stufe zu Stufe rasch abwärts. Er meinte aber, es wäre ein Traum, bis ein plötzlicher Ruck und Stoß ihn aus dem Schlaf weckte. Als er um sich schaute, war es rings um ihn her dunkel; er erhob sich rasch, da empfand er, dass er in einem engen Gang liege, denn er stieß mit dem Kopf und an der Seite an. Nun erinnerte er sich des Gewitters und erschrak anfangs, weil er fürchtete, dass ein Teil des Berges eingestürzt und die Höhle verschüttet sei und ihn mit dem Gewölbe in einen der halbverfallenen Gänge des alten Bergwerks geworfen habe, wo er bald werde verhungern müssen ...

Louise Zeller wurde als Luise Pichler 1823 in Wangen bei Göppingen geboren. Sie starb 1889. Sie veröffentlichte bis Ende der 1850er Jahre, Romane und Erzählungen unter ihrem Geburtsnamen, später auch unter dem Namen Louise Zeller.
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Merlin.


Es war einmal ein Mann, der hieß Merlin, der lebte an des Königs Hof und war hochgeachtet wegen seiner Weisheit und seines gerechten und wohltätigen Lebens. Gott hatte ihm ungewöhnliche Gaben verliehen; er kannte die Kräfte aller Pflanzen und Kräuter, womit er Kranke heilte; auch vermochte er in den Sternen zu lesen und die Sprache der Tiere zu verstehen. Dadurch brachte er manche Übeltat ans Licht und hinderte manches Böse.

Aber er bekam eben dadurch auch Feinde, die ihn zu verderben beschlossen. Diese gingen eines Abends zum König, um Merlin zu verleumden, als ob er den König vom Thron stürzen und sich selbst auf den Königsthron setzen wolle. Darüber ergrimmte der König und gab ihnen seine Leibwache, mit deren Hilfe sie Merlin greifen und vor ihn bringen sollten, dass er verhört und verurteilt werde.

Der König aber besaß ein kleines, weißes Hündchen, dem einst ein böser Bube mit einem Stein ein Bein abgeworfen hatte. Merlin hatte es geheilt, so dass das Hündchen gehen und laufen konnte wie zuvor und nicht mehr hinkte. Seitdem war das Hündchen sehr anhänglich an Merlin und erfreut, so oft er zum König kam.

Als es nun hörte, was von Merlins Feinden in des Königs Gemach verhandelt wurde, da suchte es durch die Tür zu entkommen und lief eilends zu Merlins Haus. Dort bellte es laut, um ihn aus dem Schlaf zu wecken.

Merlin aber schlief nicht, sondern stand auf dem Dach seines Hauses und schaute nach den Sternen, denn er hatte dort gesehen, dass ihm eine Gefahr drohe, aber er wusste nicht, woher sie käme.

Da hörte er das Bellen des Hündchens; das sagte ihm, da er seine Sprache verstand, die Worte:

Flieh, Merlin, flieh Merlin.

Schon heran die Feinde ziehn!

Als Merlin nun das weiße Hündchen erkannte, das dem König gehörte, so erriet er, was geschehen war, denn er wusste wohl, dass er Feinde und Neider am Hof habe, die ihn zu verderben trachteten. Er überlegte auch, wenn sie ihn gefangen zu dem König führen, so werde er seine Unschuld nicht beweisen können, und wenn seine Feinde falsche Zeugnisse beibringen, so sei er verloren. Darum beschloss er, sich zu flüchten, und hoffte, dass mit der Zeit doch die Wahrheit und seine Unschuld ans Licht kommen werden.

Indem er sich nun mit einem Stück Brot und etwas Obst versah, ein Messer in die Tasche und ein Beil in den Gürtel steckte, und einen großen Stock mit stählerner Spitze zur Hand nahm, der ihm als Waffe und als Stütze dienen konnte, waren seine Feinde mit der Leibwache des Königs herangekommen und hatten in aller Stille die Ausgänge des Hauses besetzt. Doch das Hündchen bellte wieder:

Schon umstellt ist das Haus,

Auf den Baum steig hinaus!

Merlin maß mit seinem Blick den großen Baum, der zur Seite des Hauses stand und mit seinem Gipfel das Dach überschattete. Weil er nun von schlanker, geschmeidiger Gestalt war, gelang es ihm leicht, sich auf die grünen Äste desselben zu schwingen. Von dort gelangte er auf einen zweiten Baum daneben und von da über die Gartenmauer ins freie Feld.

Währenddessen hatten die Feinde sich gierig ins Haus gestürzt, um ihn zu greifen. Das Hündchen sprang ihnen voran, als ob es ihnen helfen suchen wollte, und führte sie bellend von Stube zu Stube, hinauf in die Kammern des Dachbodens und hinab in den Keller. Es schnobberte eifrig hinter den Holzstößen und unter den Fässern, als ob hier jemand versteckt wäre, so dass sie suchend sich immer länger aufhielten und stundenlang in den Schlupfwinkeln des Hauses zubrachten. Merlin hatte indessen längst das Weite erreicht und niemand konnte ihn mehr einholen. Getäuscht mussten die Feinde endlich das Haus verlassen und mit der Nachricht zum König zurückkehren, dass Merlin entflohen sei. Darüber zürnte der König, schalt sie, dass sie ihren Auftrag schlecht ausgeführt haben, und verbot ihnen, wieder vor sein Angesicht zu kommen, bis sie Merlin aufgefunden hätten.

Merlin aber hatte mit Tagesanbruch einen großen Wald erreicht, der sich einige Tagereisen weit über ein Gebirge hin erstreckte und wilden Tieren aller Art Aufenthalt bot. Man durfte ihn nicht ausroden, denn es kamen die stärksten Flüsse von dort her, und es ging die Sage, dass wenn der Wald gefällt würde, die Flüsse vertrocknen müssten und das ganze Land unfruchtbar werden würde. Darum war Merlin gewiss, dass er hier nicht aufgefunden werden würde, und er wanderte fort, bis er müde geworden war. Da lagerte er sich im Schatten einer Eiche aufs Moos, sättigte und labte sich an Brot und Obst und fiel in sanften Schlaf.

Er hatte eine Weile geschlummert, da weckte ihn eine klägliche Stimme: »Wehe, wehe! Hilfe, Hilfe!«

Als er sich umsah, sah er vor sich im Gras weidend ein Reh mit zwei Jungen, deren eines ein Fuchs gepackt hatte, um es eben in seine Höhle fortzutragen.

Rasch sprang Merlin auf und schwang den gewaltigen Stock gleich einem Wurfspieß nach dem Fuchs.

»Lass mir das Rehlein, das ich erjagt; ich weiß einen Schatz von eitel Silbermünzen, der ist in einem hohlen Baum versteckt, ich will ihn dir weisen«, rief ihm der Fuchs zu.

»Ich will dein Silber nicht«, sprach Merlin und schleuderte den Stock so, dass er den Fuchs an der Schnauze verwundete. Der ließ das Rehlein fallen und schlich sich davon, im Gehen aber knurrte er:

Will’s gedenken, will dich kränken,

Warte nur, ich verfolge deine Spur.

Merlin ließ sich’s nicht kümmern; er hob das Rehlein auf und sah, dass es von den Zähnen des Fuchses blutige Male trug. Da pflückte er einige Kräuter, die in der Nähe wuchsen, und drückte ihren Saft auf die Wunden aus, die alsbald zu bluten aufhörten. Das Rehlein hüpfte munter seiner Mutter zu, und Merlin nahm seinen Stock, um seines Weges weiter zu schreiten. Aber das alte Reh schaute ihm nach und pfiff, wie Rehe tun, wenn sie sich rufen; das klang wie die Worte:

Dank von mir, Dank vor mir,

Kommt die Zeit, vergelt ich dir!

Nun wanderte Merlin weiter, bis er zu einer Waldwiese gelangte, auf welche die Abendsonne gar freundlich ihre Strahlen warf. Blaue Glocken, bunte Orchis und wilde Rosen blühten darauf, und rings umher stand der Wald und gab Schutz. Da gefiel es Merlin wohl: Er ruhte über die Nacht noch einmal unter einem Baum, und da der Tag kam, schnitt er Pfähle, steckte sie in die Erde und flocht Tannenzweige dazwischen, dass es eine Hütte wurde, die er mit Baumrinde deckte. Zuletzt holte er sich Moos zu einem Lager und wälzte zwei Klötze herbei, die wurden sein Stuhl und sein Tisch.

In dieser Hütte lebte er nun still und friedlich, sammelte Waldkräuter und untersuchte ihre heilsamen Eigenschaften, las nachts in den Sternen und zeigte sich den Tieren hilfreich, die sich krank oder verwundet zu seiner Hütte schleppten. Seine Nahrung waren Waldbeeren, essbare Wurzeln und Schwämme, denn er war mit wenigem zufrieden.

Zwei Monate waren so hingegangen, und er hatte des Königs Hof nicht vermisst, denn ihm gefiel’s auf der blumigen Wiese. Da las er eines Abends in den Sternen, dass ihm eine Gefahr drohe; aber er wusste nicht, woher sie käme, bis er den leisen Pfiff eines Rehes aus dem Wald hörte, der lautete:

Mach dich fort, mach dich fort,

Böse Feinde nahn dem Ort.

Jetzt vernahm auch sein feines Ohr aus der Ferne ein Stampfen von schweren Tritten und ein Knistern in den Zweigen. Nun erriet er, was geschehen war. Der listige Fuchs hatte mit den starken Bewohnern des Waldes, dem Wolf, dem Eber und dem Bären geredet und Merlin verklagt, dass er sich zu einem Herrn des Waldes aufwerfen und ihnen die Nahrung schmälern wolle. Darüber waren die Tiere ergrimmt und hatten sich aufgemacht, ihn zu töten. Obwohl nun Merlin mutig war und den Kampf wider das stärkste Tier nicht scheute, so wusste er doch, dass er ihrem vereinten Angriff nicht würde widerstehen können. Darum steckte er sein Beil in den Gürtel, sein Messer in die Tasche, auch einige Wurzeln und Beeren dazu, und nahm den Stock zur Hand.

Indem er aber die Hütte verließ, vernahm er noch einmal das leise Pfeifen des Rehes:

Wagst du dich durch den Fluss,

Folget dir kein Feindesfuß.

Merlin schritt rüstig weiter dem jenseitigen Wald zu, den er noch nie betreten hatte. Dort tönte ihm das Rauschen eines Waldstromes entgegen, der sich tosend über Felsstücke hin durch eine tiefe Kluft wälzte. Bald hatte Merlin denselben erreicht. Er schürzte sein Gewand auf, stützte sich auf seinen Stock und kam glücklich über den Fluss, indem er von einem Felsstück zum anderen sprang. Und obwohl ihm das Wasser bis zum Gürtel drang, vermochte es doch nicht, ihn mit sich fortzureißen.

Die Tiere aber stampften erst seine Hütte nieder; als sie darauf seiner Spur nachfolgend an den Strom kamen, hatte er schon das jenseitige Ufer erreicht. Über das reißende Wasser aber wagten sich weder der Wolf noch der Eber noch der Bär. Brummend, grunzend und heulend...



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