E-Book, Deutsch, 233 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
Phillips Die Dame mit der Maske
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7457-5331-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 233 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-7457-5331-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die sanften Berührungen der Heilerin Jessica lindern Francis Bardolphs Schmerz - und entzünden ein sinnliches Feuer in ihm. Doch warum zeigt sie keinem Menschen in Venedig jemals ihr Gesicht? Welches Geheimnis versteckt sie hinter der Maske?
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1. KAPITEL
Venedig, Italien
Februar 1550
M adonna , ein Mann wünscht Euch zu sehen“, sagte die Zwergin aufgeregt.
Jessica Leonardo blies sich eine Strähne ihres schwarzen Haars aus dem Gesicht und lächelte ihre kleinwüchsige Dienerin und Vertraute an. „Viele, die bei mir Hilfe suchen, sind Männer, Sophia. Was ist an diesem so außergewöhnlich?“
Die kleine Frau schürzte die Lippen. „Er ist groß. Sein Kopf reicht bis an die Zimmerdecke.“ Sophia zuckte die Schultern. „Nun ja, beinahe. Und er ist … ein Fremder. Ein Wikinger, glaube ich.“ Ihr schauderte.
Jessica unterdrückte ein belustigtes Lächeln. „Du bist nicht sicher?“
Sophia fuchtelte mit ihren Wurstfingern. „Herrje, wie soll ich das wissen? Der Mann spricht unsere Sprache, doch mit fremdländischem Akzent, und in seiner Kleidung spiegelt sich die Mode der ganzen Welt. Seine Strümpfe kommen gewiss aus Paris, während sein Wams nur aus Verona stammen kann. Sein Mantel mag dem Geschmack der Engländer entsprechen, und sein Hut … Weiß der Himmel, wo man etwas Derartiges trägt.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Eins jedoch kann ich mit Gewissheit sagen: Seine Kleider passen ihm zwar wie auf den Leib geschneidert, doch ich habe den Verdacht, dass er sie geborgt hat.“
Jessica legte den Kopf schräg. „Wie das? Du sprichst in Rätseln, Sophia.“
„Dann lasst es mich in einfachen Worten sagen: Er ist zwar wie ein Lebemann gekleidet, gebärdet sich jedoch wie ein Mönch. Ich bin sicher, dass ihm selbst die spaßigste Geschichte der Welt kein noch so mattes Lächeln entlocken könnte.“
Jessica wischte den Marmorstößel ab, den sie soeben zum Zerstoßen von getrocknetem Lavendel benutzt hatte. Dann tauchte sie die Hände in eine bereitstehende Schüssel mit klarem Wasser. „Ich kann es kaum erwarten, diesen seltsamen Fremden zu sehen“, sagte sie, während sie sich die Hände an der Schürze abtrocknete.
Sie ging hinüber zu der Wand, welche die Vorratskammer vom Empfangszimmer trennte, schob ein in die Vertäfelung eingelassenes Rechteck zur Seite und lugte durch das Guckloch. „Dio mio!“ , flüsterte sie.
Wie Sophia gesagt hatte, ging ein wahrer Hüne von einem Mann in ihrem behaglich eingerichteten Wartezimmer auf und ab wie ein mächtiger Löwe in einem zu engen Käfig. Den roten, federgeschmückten Hut in der Rechten, fuhr er sich mit der Linken durch sein Haar, das die Farbe und den Glanz von Altgold hatte. Jessica betrachtete ihn mit dem geschulten Blick einer Frau, die schon viele Männer jeden Alters und Gesundheitszustandes gesehen hatte.
Die rot-weiß gestreiften Strümpfe des Fremden brachten die Muskeln seiner ungewöhnlich langen Beine auffällig gut zur Geltung. Er trug eine Spanische Hose, und sein enges Wams aus rotem Samt reichte knapp bis zur Taille, statt diese zu bedecken. Durch die geschlitzten, mit Goldstickereien verzierten Ärmel des Wamses bauschte sich ein elfenbeinfarbenes Seidenhemd, das den Fremden noch breitschultriger wirken ließ, als er ohnehin war. Der ärmellose, knielange Mantel war aus Goldbrokat gefertigt und mit Rotfuchspelz gefüttert – höchst kostspielig. Das kurze scharlachrote Cape, das er um die Schultern trug, erweckte den Anschein, als habe er Flügel. Neckische karminrote Pompons krönten die Riemen seiner goldgelben Schuhe.
Das Beeindruckendste an diesem Edelmann jedoch war sein Gesicht. Seine Züge waren so fein und ebenmäßig wie die eines vom großen Bildhauer Sansovino gemeißelten Heiligen, und sein Gesichtsausdruck stand im krassen Widerspruch zu seinem geckenhaften Aufzug. Er wirkte klug, angespannt und äußerst gefährlich.
„Hatte ich nicht recht?“, flüsterte Sophia hinter Jessicas Rücken. „Ich habe Euch gesagt, dass er nicht das ist, was er zu sein vorgibt.“
Jessica lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ist der Fremde etwa ein Priester des Heiligen Offiziums, der in Verkleidung gekommen ist, um meinen Glauben auf die Probe zu stellen?
Ihr schauderte. Herr im Himmel, betete sie tonlos, gib mir Kraft und Mut.
Dann sah sie, dass der Mann sich die rechte Schulter rieb. Seine Miene blieb unbewegt, doch in seinen blauen Augen flackerte Schmerz auf. Ganz gleich, was er zu sein vorgab, Jessica war sicher, dass ihr geheimnisvoller Besucher tatsächlich Schmerzen litt. Sie schloss das Guckloch und wandte sich zu Sophia um.
Die kleinwüchsige Frau legte den Kopf schräg. „Werdet Ihr ihn empfangen? Soll ich Gobbo sagen, er möge seinen Dolch bereithalten?“
Jessica atmete tief durch, um das flaue Gefühl in ihrem Magen zu lindern, und nickte. Dann legte sie ihre fleckige Schürze ab. „Hast du dem edlen Herrn meine Bedingungen genannt?“, fragte sie.
„Sì“ , entgegnete Sophia knapp „Doch er kannte sie bereits.“ Sie trat näher an Jessica heran. „Seid auf der Hut, madonna ! Dieser Mann trägt keinen Frohsinn im Herzen.“
Jessica schluckte. „Natürlich nicht! Er leidet Schmerzen.“
Sophia reckte ihr Doppelkinn in die Höhe. „Pah! Er hat keine Lachfalten um die Augen! Ihr werdet sehen.“
Jessica nahm ihre weiße Ledermaske vom Haken neben der Tür. Sie stellte Colombina dar, eine der Figuren aus der beliebten Commedia dell’Arte. Jessica verknotete die schwarzen Bänder sorgfältig unter ihrem dicken Haarzopf im Nacken. Die Maske durfte nicht im falschen Augenblick verrutschen.
Dann wandte sie sich zu Sophia um. „Sitzt sie gut? Bedeckt sie das …?“ Sie brachte das Wort „Teufelsmal“ nicht über die Lippen, nicht wenn der Mann, der so ungeduldig auf ihr Erscheinen wartete, womöglich im Dienste der gefürchteten Inquisition stand.
Sophia strich ihr beruhigend über die kalte Hand. „Er wird nichts sehen, was nicht für seine Augen bestimmt ist.“
Jessica sandte abermals ein Stoßgebet gen Himmel, öffnete die Tür zum Nebenzimmer und ging hinein. Der hünenhafte Edelmann hörte sofort auf, unruhig auf und ab zu gehen. Jessica machte einen Knicks. Ihre Knie zitterten unter ihrem grünen Wollrock.
„Guten Morgen, messere . Es ist mir eine Ehre, Euch in meinem Hause begrüßen zu dürfen. Womit kann ich Euch dienen?“
Zu ihrer Überraschung erwiderte er ihren Knicks mit einer leichten Verbeugung. Der Mann war offensichtlich erst vor Kurzem in die Stadt gekommen. Kein echter venezianischer Edelmann käme auf den Gedanken, einer einfachen Frau eine solche Ehre zu erweisen. Macht er sich über mich lustig, oder will er mir schmeicheln, damit ich meine Vorsicht vergesse?
„Seid gegrüßt, Signorina Leonardo“, antwortete er mit tiefer, wohlklingender Stimme. „Ich danke Euch, dass Ihr mich so kurzfristig empfangen habt.“
Jessica wies auf einen der gepolsterten Stühle. „Wollt Ihr Euch nicht setzen, messere ?“ Ihre Hand zitterte leicht. Jessica verbarg sie hastig zwischen den Falten ihres Rocks.
Zu ihrer Erleichterung nahm der hochgewachsene Fremde tatsächlich Platz. Jetzt konnte sie sein Gesicht besser sehen. Wie schön seine Augen waren – wenngleich sich in ihnen mehr als rein körperlicher Schmerz spiegelte. „Sagt mir, was ich für Euch tun kann.“
Er blinzelte. „Ich habe eine alte Verletzung … hier.“ Er berührte seine rechte Schulter. „Die feuchtkalte Witterung hat sie verschlimmert.“
„Aha“, bemerkte Jessica, während sie den Klang seiner melodischen Stimme auf sich wirken ließ. „Dann lebt Ihr also noch nicht lange in Venedig?“, fragte sie in beiläufigem Ton.
Der Fremde öffnete den Mund, als wolle er lächeln, schloss ihn jedoch sogleich wieder. „Ich wurde in England geboren.“
Jessica nickte. „Ein sehr kaltes, feuchtes Land, wie ich gehört habe.“
„In der Tat“, entgegnete er. Seine ebenmäßigen Zähne blitzten im Licht des Morgens, das sich glitzernd auf den Wellen des schmalen Kanals vor Jessicas Fenster brach. „Deshalb war ich in den vergangenen Jahren bestrebt, mich in wärmeren Gefilden aufzuhalten.“
Jessica hatte das ungute Gefühl, dass ihr Gast andere Ziele verfolgte als die Suche nach Sonnenschein. „Ihr sprecht gut Italienisch, selbst unsere Mundart, die auf viele Besucher Venedigs befremdlich wirkt.“
Er hob eine seiner dunkelblonden Brauen. „Ich habe ein gutes Gehör für Sprachen. Das ist eins meiner spärlichen Talente.“
Ein Gelehrter! Kein Zweifel, er war ein Spitzel der Inquisition. Jessicas Angst wuchs. „Wie … wie habt Ihr von mir erfahren?“, fragte sie mit matter Stimme. „Ich meine, von meinen heilerischen Fähigkeiten?“
Abermals umspielte der Anflug eines Lächelns seine Lippen, doch sein Blick blieb kühl. „Eine Dame aus meinem Bekanntenkreis, Donna Cosma di Luna, wusste von meinen … Beschwerden. Sie hat Euch empfohlen.“
Jessica schnaubte innerlich. Cosma di Luna war keine Dame, sie war eine äußerst teure Kurtisane. Dieser Engländer musste in der Tat vermögend sein, um sich eine Nacht der Wonne mit ihr leisten zu können – falls er kein Geistlicher war. „Meinen Dank an Donna di Luna“, entgegnete sie. „Sie kommt gelegentlich her, um sich massieren zu lassen.“ ...




