E-Book, Deutsch, Band 154, 208 Seiten
Reihe: Loverboys
Philipps Loverboys 154: Private Dancer
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95985-347-7
Verlag: Bruno Books, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Boy an der Stange
E-Book, Deutsch, Band 154, 208 Seiten
Reihe: Loverboys
ISBN: 978-3-95985-347-7
Verlag: Bruno Books, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jeden Abend schwingt der junge Callum seine sportlichen Schenkel um harte Stangen: Als Tänzer im berüchtigtsten Strip-Club der Stadt bringt er das Blut der Gäste in Wallung, und bei seinen Private Dance Sessions geht er mit den zahlungskräftigen Männern auf Tuchfühlung -- nur richtiger Sex ist tabu! Als jedoch eines Abends der attraktive Antoine den Club besucht, schmelzen auch die letzten Hemmungen im heißen Dunst des Lusttempels dahin …
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Licht am Ende des Tunnels
Die U-Bahn jagte durch den Schacht. Meine Reisetasche hatte ich auf dem Boden abgestellt und fest zwischen die Füße geklemmt. Je näher wir der Innenstadt kamen, desto voller wurde es im Waggon. Menschen starrten stumm ins Leere. Großstadtgesichter, geübt darin, die Umgebung nicht mehr wahrzunehmen und sich wie in Trance durch die Adern der Metropole transportieren zu lassen. Einzig Touristen mit großen Rucksäcken blickten wach und hektisch umher und verfolgten aufmerksam, mit zusammengekniffenen Augen, auf den Linienplänen an der Decke unsere Route. Ich fragte mich, ob die Verkehrsgesellschaft von Montreal die Metropläne absichtlich an die Decke geklebt hatte, damit Taschendiebe sich leichter an den Rucksäcken zu schaffen machen konnten? Immer wenn der Zug eine Kurve nahm, gaben die Stahlräder einen schrillen Ton von sich, der mich an die Schreie hysterischer Mädchen in Horrorfilmen erinnerte. Ich mochte dieses Geräusch nicht. Und hysterische Mädchen mochte ich auch nicht.
Ich betrachtete mein Gesicht, das sich in der dunklen Scheibe spiegelte. Es hatte sich in den vergangenen Monaten verändert. Ich war erwachsen geworden – ohne dass ich genau hätte sagen können, wann das passiert war. Sah mein Gesicht im Spiegel nicht jeden Morgen genauso aus wie am Vorabend? Mein kräftiger Unterkiefer und die tief liegenden Augenbrauen ließen mich männlicher erscheinen als noch vor einem Jahr. Die hohen Wangenknochen, der volle Mund und vor allen Dingen meine verträumten, blauen Augen bildeten wiederum einen jungenhaften Kontrast. Auch meine blonde Mähne, die ich mit viel Hingabe und Gel in ein kunstvolles Durcheinander gebracht hatte, unterstrich meine jugendlichen Züge. Die Schatten der vorbeirauschenden Stützpfeiler huschten in gleichbleibendem Takt über mein Spiegelbild. Mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms wischten sie wieder und wieder über meine glatte Haut.
Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. Ich fühlte mich gut. Ich hatte alles Schlechte hinter mir gelassen. Davon war ich überzeugt. Ich hatte mein Leben in eine Reisetasche gestopft und mich auf den Weg gemacht, hatte beschlossen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – endlich! Eine glückliche Zukunft schien mir zum Greifen nah. Der Gedanke, dass ich versagen könnte, kam mir gar nicht erst. Ich konnte nicht scheitern – nicht mit diesem Gesicht.
Surrende Deckenventilatoren wirbelten unerträglich warme Luft ins Innere des Waggons. Es war der erste heiße Tag des Jahres. Mir gegenüber saß eine Gruppe Jungs, sie trugen Shorts, denen der lange Winterschlaf in der hintersten Ecke des Schrankes unansehnliche Knitterfalten beschert hatte. Ihre Beine hatten lange keine Sonne gesehen. Sie waren hell – fast weiß. Ein weicher Flaum dunkler Härchen schmiegte sich um die junge, glänzende Haut. Ihre Füße steckten in weißen Sneakern.
Ich mochte Shorts. Ich mochte Beine mit weichem Flaum. Und ich mochte Jungs mit weißen Sneakern.
Vermutlich würden sie an der Station UQAM, der Université du Québec à Montréal, aussteigen. Nicht nur die Bücher, die aus ihren Beuteln ragten, ließen darauf schließen, dass sie auf dem Weg zur Uni waren. Vielmehr hatten ihre Gesichter einen Ausdruck, wie ich ihn nur von Studenten kannte. Spürbar selbstbewusst. Und irgendwie vornehm! Aus gutem Hause eben. Sie waren in Mont Royal zugestiegen, der neuen Hipstergegend. Professorensöhnchen vermutlich.
Auch ich würde an der UQAM aussteigen. Allerdings würde mich mein Weg nach Norden führen, in die Rue Sainte-Catherine. Ich hatte dort ein Vorstellungsgespräch – oder sollte ich besser sagen: ein Casting? Ich war mit Monsieur Charles, dem Besitzer des Cocks verabredet. Das Cocks war eine über die Grenzen Montreals hinaus bekannte schwule Bar, in der gut gebaute Jungs sich auf der Bühne auszogen, um dann für ein paar Dollar mit sabbernden Kunden in Kabinen zu verschwinden. nannten sie das wohl. Ich kannte das Cocks bislang nur von außen. Ein paarmal war ich durch die Rue Sainte-Catherine, die Hauptstraße des Schwulenviertels, geschlichen, hatte aus den Augenwinkeln Jungs und Kerle auf den Terrassen begafft und mir ihre Gesichter und Körper eingeprägt, um mir vor dem Einschlafen darauf einen runterzuholen.
Nie hatte ich mich getraut, in eine solche Bar zu gehen und einen Typen anzusprechen. Erst recht hatte ich es nicht gewagt, einen Fuß ins Cocks zu setzen, das mit seinen hell erleuchteten, überdimensionierten Plakaten das ganze Viertel dominierte. Kerle mit nackten und durchaus ansehnlichen Oberkörpern prangten auf diesen Plakaten, die mich an jene Riesenbanner aus meiner Kindheit erinnerten, die über den Eingängen von Kinos angebracht wurden. Mit laszivem Ausdruck und offener Jeans schauten diese Götter aus Muskeln und Haut hinab auf die Rue Sainte-Catherine und nötigten Passanten verstohlene und manchmal auch unverhohlene Blicke ab.
Die Internetseite des Cocks war eine meiner liebsten Wichsvorlagen. Von jedem Tänzer gab es dort einen kurzen Videoclip. Ein Typ namens Yannick hatte es mir besonders angetan. Wie alle Tänzer im Cocks hatte er diesen perfekt geformten, muskulösen Oberkörper. Obwohl seine Oberarme und seine Brustmuskeln gewaltig waren, wirkten sie überhaupt nicht bullig – eher drahtig-elegant. Yannick schien etwas größer zu sein als seine Kollegen. Seine Beine waren lang, schlank und mit blonden Härchen überzogen. Ich fuhr schon immer auf schöne Männerbeine ab, und Yannicks Beine waren perfekt. Im Video zog er sich nicht komplett aus. Die letzte Einstellung zeigte ihn mit einem blauen Slip von PUMP bekleidet. Das Paket darin schien vielversprechend. Sein Schwanz, den er quer gelegt hatte, drängte so sehr gegen den Stoff, dass es ein Leichtes war, den Umriss der Eichel auszumachen.
Das Beste an Yannick aber war sein Gesicht. Es hatte so etwas Freches, Jungenhaftes, fast schon Unschuldiges, das gar nicht so recht zu den provokanten Bewegungen seines Beckens passen wollte. Wenn er tanzte, berührte er sich, strich sich zärtlich über die wohlgeformte Brust, schloss dabei die bernsteinbraunen Augen, um im nächsten Moment direkt und fordernd in die Kamera zu schauen – ein Blick, der mich jedes Mal im Unterleib traf. Hätte ich all das Sperma, das ich beim Betrachten dieser Augen schon verschossen hatte, gesammelt, wäre ich vermutlich im Besitz der größten Samenbank des amerikanischen Kontinents.
Wenn ich es heute nicht versaute, dann gäbe es vielleicht bald auch von mir einen kleinen Videoclip auf der Seite des Cocks, und Yannick wäre mein Kollege. Glänzende Aussichten!
Die Jungs auf den Sitzen gegenüber erzählten von ihrem letzten Urlaub. Einer sagte, dass er zum Skifahren in Österreich gewesen sei. Gleich würde er sein iPhone zücken, um seinen Kommilitonen stolz Selfies mit Alpenpanorama zu präsentieren. Als ob wir hier in Kanada keine Berge hätten! Der Typ rechts außen, ein Wuschelkopf, warf mir hin und wieder merkwürdige Blicke zu. Immer wenn sich unsere Augen trafen, schaute ich rasch ins dunkle Fenster.
Ich kannte diese Professorensöhnchen wie meine Westentasche. Bei uns in Laval rannten eine Menge davon herum – natürlich nicht in der Gegend, in der Mama und ich wohnten. Oder sollte ich sagen: gewohnt hatten? Gestern hatten sie Mama wieder eingeliefert. Die gefühlt hundertste Entziehungskur stand bevor. Es würde nicht mehr lange dauern, und die Inkassobüros würden ihre Rottweiler vorbeischicken, um unsere jämmerlichen Habseligkeiten zu pfänden und mich aus der Wohnung zu jagen. Ins Heim konnten sie mich nicht mehr stecken, schließlich war ich 18. Und dieses Mal war ich ihnen zuvorgekommen. Alles, was irgendwie Wert hatte und transportabel war, befand sich in meiner Reisetasche: mein Laptop, Mamas goldene Ohrringe, die Kaffeedose, in der sie ihre gesamten Ersparnisse – 600 Dollar – aufbewahrte, und ein Album mit meinen Kinderfotos. hatte sie die erste Seite mit einem goldenen Stift betitelt. Darunter Fotos von einer strahlenden, jungen Frau, die stolz auf ein Baby schaut. Sie war hübsch, meine Mama, bevor sie zu trinken begann und Zigarettenrauch ihre Haut fahl werden ließ. Sie hatte hohe Wangenknochen und einen vollen Mund – irgendwie erinnerte sie mich immer an Angelina Jolie. Ich habe dieselben Wangenknochen und denselben Mund wie meine Mama.
»Das einzig Gute, das sie dir mitgegeben hat«, hatte mein Erzeuger bei einem seiner seltenen Besuchen abfällig kommentiert.
Im Gegensatz zu Angelina hatte es meine Mama nicht verstanden, ihre Schönheit gewinnbringend zu nutzen. Die Typen, die sie nach Hause brachte, erinnerten optisch nicht einmal im Entferntesten an Brad Pitt und hatten meist auch keinen besonders guten Charakter. Meine Mutter war eine jener Schönheiten, die von Männern ausgenutzt und gedemütigt werden.
Ich wollte es anders machen. Komplett anders. Mein Aussehen war mein Kapital. Und dieses Kapital würde ich zu...




