E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Reihe: Servus Krimi
Pfundmeier Die Blaue Reiterin
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7104-5026-6
Verlag: Servus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Oberammergau-Krimi
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Reihe: Servus Krimi
ISBN: 978-3-7104-5026-6
Verlag: Servus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Pfundmeier wurde in Bayern geboren und ist auf dem Land aufgewachsen. Nach dem Umzug nach München entschied sie sich, das Schreiben ernsthaft zu betreiben, und veröffentlichte 2016 ihren ersten Roman. Für die Krimireihe um Theres Hack verschlägt es sie nach Oberammergau - wo der schöne Schein der Tradition kräftig ins Wanken gerät. www.monika-pfundmeier.com
Autoren/Hrsg.
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1. Still
Murnauer Moos, Nähe Ähndl, Frühjahr, Montagmittag
Hanna hielt inne, blieb ein paar Meter auf Abstand zu dem Auto. Sie zog ein Lächeln in ihr Gesicht, versuchte, es zu halten, bis die Fahrertür sich öffnete. »Wir hätten uns an einem gemütlicheren Ort treffen können«, rief sie. Hanna steckte ihr Handy weg, dann winkte sie grüßend.
Über den Parkplatz und die schmale Straße am Ähndl jagte der Wind, riss an Hannas grauem Zopf und ärgerte sie mit ihren eigenen Haarsträhnen. »In Murnau gibt es doch schöne Cafés – zum Beispiel das im Alten Schloss. Und der Abstand zwischen den Tischen ist ausreichend.« Hanna zog den Schal enger und schlug den Kragen ihrer gefütterten Regenjacke hoch.
Ihre Verabredung hob Kinn, hob die Braue. Kein Gruß, keine Worte, nicht der Anflug eines Lächelns folgten.
Hannas Blick schweifte über das Autodach zu den ewig blauen Bergen und zurück. Bäume streckten ihre Äste wie ausgezehrte Finger gegen die graue Wolkenwand. Der Biergarten neben dem Kirchlein war heute unbesetzt, im Schummerlicht hinter den Gasthausfenstern duckten sich nur ein paar zerfranste Schemen. Daneben der Turm des Ramsachkircherls. , schoss Hanna der volkstümliche Name der kleinen Kapelle in den Kopf. . Ein wenig musste sie schmunzeln.
»Ist das hier nicht gut genug für dich?«, schnaubte Hannas Verabredung mit einem angespannten Lachen. »Du wolltest dieses Treffen. Ich dachte, deinem Anliegen wäre dieser Ort angemessen – am Drachenstich. Ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Oder nicht?« Die Autotür knallte zu. »Und dein Hund bekommt seinen Auslauf. Und niemand stört.«
Stenz knurrte und bellte kurz. Sein kupferfarbenes Fell um die Augenpartie wirkte wie die Maske eines Rächers. Der Australian Shepherd hielt seine eisblauen Augen auf die ankommende Person gerichtet.
»Ist gut, Stenz«, sagte Hanna, wuschelte kurz durch die Fellmischung aus Kupfer, Schwarz und Weiß und wandte sich wieder ihrer Begleitung zu. Sie zwang sich, ihre Mundwinkel oben zu halten und das Lächeln, das ihr entgegensprang, nicht in die Kategorie einzuordnen. »Ich war zuletzt vor fünfzig Jahren hier, mehr sogar. Aber das weißt du. Du hast alles gelesen so weit, nehme ich an.« Nach einem Moment fuhr sie fort. »Nur um transparent zu sein: Auf meiner Website wird zu meiner Geschichte noch etwas mehr erscheinen. Das ist aktuell noch als Entwurf nicht veröffentlicht, aber das betrifft dich nicht.«
Hanna schnalzte mit der Zunge. Stenz trottete voraus, Hanna und ihre Begleitung folgten. Entlang des nassgesogenen Sträßchens verdichteten sich auf der einen Seite die Stämme zu Gehölz. Auf der anderen Seite legten die Wiesen einen grünen Teppich vor der kantigen Majestät der blauen Berge aus.
»Deine Geschichte, ja. Ich denke, die Vergangenheit ist das eine. Aber sie gehört nicht einfach dir allein.« Mit jedem Wort schnitt die Stimme von Hannas Begleitung schärfer, dann zuckten die Schultern. »Wie dem auch sei … Du hast dich gemeldet, du hast gefragt um – nennen wir es: . Und du weißt, wie’s ist: Ein wenig Entgegenkommen deinerseits wäre nett.«
»Entgegenkommen? Ich denke, wir sind eine Familie, und es ist an der Zeit, sich endlich auszusprechen«, seufzte Hanna und musterte das Profil ihrer Begleitung. »Weder Vergangenheit noch Zukunft werden besser, je größer die Lügen und dunklen Geheimnisse sind, die man hinter sich herschleift oder unter den Teppich zu kehren versucht. Gerade du müsstest das verstehen.«
»Gerade ich?« Ihre Begleitung schnaubte. »Glaubst du, du kennst mich und meine Situation? Du bist deinen Weg gegangen. Ich wünschte, ich hätte so viel Glück wie du.«
» nennst du das, was mir passiert ist?« Hanna spürte einen Stich. Sie mahnte sich zur Ruhe.
Die Gestalt neben ihr lachte kurz auf. »Zufall, dann eben … Kein schöner – aber wenn man aus heutiger Sicht darauf blickt, hat er dich dorthin gebracht, wo du jetzt stehst. Und nun willst du allen deine Geschichte unter die Nase reiben! Deine Geschichte, deine Sicht der Dinge, wie es dir passt.«
»Als wäre es reiner Selbstzweck«, murmelte Hanna, dann lauter: »Geschichten und Erfahrungen entstehen nicht aus sich selbst heraus, sondern mit und um und durch uns. Natürlich erzähle ich aus meiner Sicht. Das hat mich geprägt, so habe ich mein Leben geformt. Dabei war nicht alles richtig. Ich habe meine Fehler gemacht und beim nächsten Mal versucht, es besser zu machen. Darum geht’s doch.« Hanna marschierte weiter. »Nichts zu tun, zu schweigen, im Alten zu verharren und Fehler zu vertuschen, anstatt aus ihnen zu lernen, ist zu wenig. Zu behaupten, dein Schicksal wäre dir einfach so passiert, anstatt einen besseren Weg zu finden – dafür kannst du wirklich keinen Orden erwarten.«
Nebeneinander folgten sie der Abzweigung, Stenz ein paar Meter vor ihnen, die Feldwege vollgesogen vom Frühlingsnass. Durch den Hohlweg und die kahlen Äste hörte Hanna schon den Wasserfall. Sie hielt inne. Stenz stoppte und drehte sich nach ihnen um.
»Die Sage vom Drachenstich – kennst du die eigentlich?«, fragte Hanna. Im Schnauben neben sich glaubte Hanna Ungeduld zu hören, Wut.
»Bitte nicht!«, zischte neben ihr die Stimme. »Sentimentaler, jahrhundertealter Schmarrn.«
Aus dem Augenwinkel musterte Hanna das Gesicht neben sich. Einmal mehr rätselte sie, wie es möglich war, so viel Vertrautes darin zu finden und so viel Fremdes zugleich. Ein Schmerz rührte sich, so alt, so tief verborgen – vergessen beinah. . Hanna richtete sich auf.
»Vor all der Zeit, so sagt man, gab es einen Drachen in Murnau. Hass, Gier und die bösen Taten und Gedanken der Leute haben ihn gelockt. Er fraß von den Herden: Kühe, Lämmer, die Tiere des Wassers, Menschen.« Hanna deutete in die Richtung, in der das Wasserrauschen lauter wurde. »Und hierher zerrte er die Jungfrauen Murnaus. Keine kam lebendig zurück. Er war flink und immer hungrig. Niemand konnte ihn erlegen, kein Murnauer, kein Fremder, kein Ritter. Auf seiner Walz machte ein Schustergeselle halt in Murnau. Er war fleißig und seine Arbeit gut. Einmal kam ihm ein ganz besonderes Schuhwerk unter: das des Kaisers. Der Lohn für seine Arbeit war ein Wunsch. Nicht Gold wünschte sich der Schustergeselle, Kalk und Leder bestellte er. Er nähte das Leder zusammen, stopfte es mit Kalk und formte daraus die Gestalt einer Kuh. Er stellte sein Werk mitten aufs Feld, und Stunde um Stunde wartete er mit seiner Lanze. Der Drache kam und fraß. Im Drachenkörper erstarrte der Kalk, und mit ihm das gesamte Ungeheuer. Dann: ein Stich. Der Drache war vom Schusterburschen erlegt.« Hanna wandte sich zur Seite. »Die Gefahr, die ständige Angst über allem und allen war besiegt. Der Bursche lebte weiter in Frieden und Freiheit. Und mit ihm alle anderen auch.«
»Kein Geld, kein Ruhm? Was für eine dumme Sage, oder besser: was für ein dummer Versager!« Hannas Begleitung schnaubte. »Der ganze Einsatz ohne die kleinste Belohnung.«
»Ein Leben in Freiheit ist nicht die schlechteste Belohnung.« Hanna schob ihren Kiefer nach vorne.
Die Miene, die Hanna entgegenstarrte, verhärtete sich. »Und du glaubst, du erreichst genau das – Freiheit? Mit deinem Vorhaben, deine Lebensbeichte mitten aufs freie Feld zu stellen?«
Seite an Seite wanderten sie vorbei am Wasserfall. Über das Felsgrau schmiegte sich Moos, dazwischen stürzte Wasser in silbernen Streifen hinab. Farne und Äste beugten sich wie Zuschauer darüber. Hanna sog den Anblick ein, die Waldluft, schnaubte. »Darum geht es nicht. Ich bin frei – weil ich mich entschieden habe, frei zu sein.« Hanna ballte die Hand. »Erst habe ich mich gefügt, dann habe ich all die Jahre weggesehen, geschwiegen. So wachsen Ohnmacht und Hass und alles, was uns trennt, immer weiter. Im Kleinen wie im Großen. Ich hatte immerhin die Möglichkeit, mich zu entscheiden und zu gehen, ich war nur zu blind, das zu sehen. Jetzt ist es an der Zeit, dieses Schweigen und den alten Hass zu überwinden, und die Grenzen, in die er uns presst.«
»Du sagst, du willst überwinden, was uns trennt, und bittest mich um Hilfe für die Veröffentlichung deiner Geschichte. Aber was die Auswirkungen für die Familie sind, sobald jeder davon erfährt, kümmert dich nicht! Was die Leute dann reden werden …« Die Worte fielen wie Kiesel, unscheinbar,...




