E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Pfennig Klima-Wende-Zeit
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-7202-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Warum wir auch bei Entwicklungshilfe und Ernährung umdenken müssen.
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7504-7202-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Pfennig ist Professor für Verfahrenstechnik an der Université de Liège, Belgien. In seiner Forschung beantwortet er Fragen zum Design und zur Optimierung von Prozessen, beispielweise in der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie. Sein Themengebiet sind thermische Trennverfahren wie Destillation und Extraktion. Besonderer Fokus seiner Forschung in den letzten Jahren ist die Grundlagen-Entwicklung für bio-basierte Prozesse. Bei den Untersuchungen sind die Nachhaltigkeit dieser Prozesse aber auch der globalen menschlichen Aktivitäten insgesamt für ihn von besonderer Bedeutung. Mit Szenarien für eine nachhaltige Zukunft beschäftigt er sich seit über zehn Jahren. In seiner Forschung verbindet er Einsichten auf sehr unterschiedlichen Größenskalen vom Molekül bis zum gesamten Prozess. Solche Skalen-Verknüpfungen sowie trans-disziplinäre Kooperationen legen den Grundstein auch für dieses Buch. Aktuell engagiert er sich bei Scientists for Future.
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2 Weltbevölkerung
2.1 Wie wird sich die Weltbevölkerung zukünftig entwickeln?
Obwohl die Weltbevölkerung eine so zentrale Rolle für Szenarien zukünftiger Entwicklung spielt, beschäftigen sich nur wenige Institutionen mit ihrer Vorhersage. Selbst der Weltklimarat stellt fest20: „Es gibt vergleichsweise wenig Unterschiede zwischen den Modellszenarien des prognostizierten Bevölkerungswachstums, wobei praktisch alle Modellierungsstudien auf der mittleren Variante [der Projektion der UN] beruhen [...]“21.
Praktisch alle Studien nutzen also die Vorhersagen zur Weltbevölkerung des ‚Department of Economic and Social Affairs‘ der Vereinten Nationen (UN DESA, Hauptabteilung wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten). Die UN DESA sammelt Daten zur Bevölkerung aus möglichst offiziellen Quellen für möglichst viele Länder und entwickelt darauf basierend Projektionen für die Zukunft. Für jedes Land wird dazu zunächst die Anzahl von Männern und Frauen in jedem Alter betrachtet. Unter Zuhilfenahme von Geburten- und Sterberate, die altersabhängig und länderspezifisch berücksichtigt werden, lässt sich dann die zukünftige Entwicklung der Bevölkerung vorhersagen. Dabei muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass sich Geburtenund Sterberate mit der Zeit verändern. Bei der Geburtenrate spielt beispielsweise besonders der ökonomische Entwicklungsstand eines Landes eine Rolle. Um das abzubilden, nutzt die UN DESA Erfahrungswerte von Ländern, die eine solche Entwicklung in der Vergangenheit bereits durchlaufen haben. Selbst die Migration zwischen den Ländern wird in den Studien der UN DESA mit berücksichtigt. Die Zahlen für alle Länder werden dann zusammenaddiert, so dass sich die Gesamtzahl aller Menschen auf der Welt ergibt, die Weltbevölkerung. Diese genaue und detaillierte Auswertung führt zur sogenannten mittleren Variante der Weltbevölkerung.
Aus diesen Projektionen ergibt sich auch die Fertilität für jedes Land, die angibt, wie viele Kinder eine Frau in ihrem Leben bekommt. Ausgehend von der mittleren Variante werden dann durch Variation der Fertilität um plus oder minus ein halbes Kind pro Frau – natürlich nur statistisch gesehen – zusätzlich eine hohe und eine niedrige Variante der Bevölkerungsentwicklung abgeleitet. Diese Prognosen werden dann in den ‚World Population Prospects‘ (Perspektiven für die Weltbevölkerung) veröffentlicht, und etwa alle zwei Jahre aktualisiert. In Bild 3 sind die aktuellsten Daten der UN dargestellt. In der mittleren Variante wird ein Wachstum der Weltbevölkerung von heute 7,7 Milliarden Menschen auf 9,7 Milliarden in 2050 erwartet. In 2100 wird sich danach die Zahl bei knapp 11 Milliarden einpendeln.
Bild 3: Entwicklung der Weltbevölkerung nach UN DESA in der aktuellsten Version von 201922
Dieses Bild sieht nun eigentlich recht positiv aus. Bis zum Ende des Jahrhunderts würde sich nach der mittleren Variante die Bevölkerungszahl stabilisieren, so dass auch automatisch die Ressourcen-Nutzung durch den Menschen zumindest die Chance hätte nicht weiter zu steigen.
Im vorletzten Kapitel hatte ich ja betont, dass man die Zukunft sehr grundsätzlich nicht vorhersagen kann. Wir müssen also bei den Betrachtungen zukünftiger Entwicklungen optimistische und auch pessimistische Szenarien mit berücksichtigen. Das ist besonders deswegen wichtig, weil wir ja Konsequenzen für unser individuelles und politisches Handeln daraus ableiten wollen, die auch dann gutes Leben ermöglichen, wenn sich die Zukunft nicht wie optimistisch erhofft entwickelt. In welchem Bereich kann die zukünftige Entwicklung der Weltbevölkerung also variieren? Einerseits kann man dazu die niedrige und die hohe Variante berücksichtigen. Allerdings sind natürlich Veränderungen gegenüber der mittleren Variante um plus oder minus ein halbes Kind pro Frau völlig willkürlich. Da dies aber in früheren Versionen der Vorhersagen der UN DESA die einzige verfügbare Information war, wurden diese extremen Varianten in manchen Studien verwendet.
In den jüngsten Versionen hat die UN DESA zusätzlich Wahrscheinlichkeiten für ihre Prognosen mit angegeben. In Bild 3 ist entsprechend der Bereich grau hinterlegt, in dem die Bevölkerungsentwicklung mit 95% Wahrscheinlichkeit liegen soll. Dieser Bereich scheint auf den ersten Blick relativ eng zu sein. In 2050 bedeutet die Breite des grauen Bereiches allerdings eine Variation um knapp 10%, in 2100 sogar um 25%. Bereits 10% mehr oder weniger Menschen machen allerdings einen erheblichen Unterschied. Um das zu verdeutlichen, können wir die Informationen aus Bild 1 zur Anzahl hungernder Menschen gemeinsam mit der Entwicklung der Weltbevölkerung in Bild 3 betrachten und aus dem Vergleich unsere Schlüsse ziehen. Seit 1990 hat die Anzahl unterernährter Menschen um rund 200 Millionen abgenommen. Gleichzeitig ist die Weltbevölkerung um 2,3 Milliarden Menschen gewachsen. Wir ernähren also heute insgesamt 2,5 Milliarden Menschen mehr als noch 1990. Wir haben es also geschafft, die landwirtschaftliche Produktivität massiv zu steigern. Mit diesen Zahlen können wir nun aber auch umgekehrt argumentieren: Obwohl wir heute 2,5 Milliarden Menschen mehr ernähren, konnte dadurch, dass die Weltbevölkerung gleichzeitig um 2,3 Milliarden gestiegen ist, die Zahl unterernährter Menschen nur um 200 Millionen reduziert werden. Hätten wir es geschafft, in diesen rund 30 Jahren das Bevölkerungswachstum so zu begrenzen, dass die Weltbevölkerung heute um 10%, also um fast 800 Millionen geringer wäre, so gäbe es genügend Nahrung für alle23. 10% mehr oder weniger Menschen entscheiden also darüber, ob wir den Hunger besiegen oder eben nicht, je nachdem, welches Szenario eintrifft.
Damit scheint zunächst alles zur Projektion der Weltbevölkerung in die Zukunft gesagt. Bei einer für die darauf aufbauenden Szenarien so kritischen Größe wie der Weltbevölkerung müssen wir aber eine genaue Vorstellung davon haben, wie weit die Vorhersagen von der realen Entwicklung abweichen können. Im folgenden Kapitel zeige ich dazu, dass die zu erwartende Realität deutlich außerhalb des grau hinterlegten Bereiches in Bild 3 liegen kann.
2.2 Wie genau sind die Projektionen?
Da ich bereits seit mehr als zehn Jahren solche Vorhersagen zur Weltbevölkerung nutze24, war mir aufgefallen, dass in früheren Versionen der Bevölkerungsszenarien in der Mitte des Jahrhunderts ein Maximum erreicht wurde und die Weltbevölkerung danach abnehmen sollte. Dies hat sich in den aktuellsten Projektionen der UN DESA offensichtlich zu späteren Zeiten hin verschoben. Da die Weltbevölkerung wie in Kapitel 1.5 beschrieben eine so zentrale Größe ist, und ich mit meinem Hintergrund als Ingenieur gerade bei solchen Größen wissen möchte, wie hoch die Unsicherheiten wirklich sind, habe ich die Veränderung dieser Vorhersagen genauer untersucht. Da wie gesagt die UN DESA die Projektionen etwa alle zwei Jahre aktualisiert, habe ich alle früheren Versionen zusammengetragen, die online zugänglich waren. Das reicht immerhin bis ins Veröffentlichungsjahr 1996 zurück. Bis auf wenige Ausnahmen reichen die früheren Projektionen nur bis zum Jahr 2050. Also habe ich die projizierten Werte der Weltbevölkerung für 2050 grafisch als Funktion des Jahres dargestellt, in dem die Projektion veröffentlicht wurde. Das Ergebnis ist in Bild 4 gezeigt. Was in dieser Abbildung auffällt ist der stetig nach oben weisende Trend der Projektionen. Lediglich die hohe Variante bleibt praktisch unverändert. Die niedrige Variante hat inzwischen Werte erreicht, die vor weniger als 20 Jahren der mittleren Variante zugeschrieben wurden.
Wenn ich – wieder als Ingenieur – einen solchen Trend sehe, versuche ich ihn zu extrapolieren, also in die Zukunft hochzurechnen, um zu erkennen, wo wir denn am Ende womöglich landen können. Da alle Projektionen die Bevölkerung im Jahr 2050 vorhersagen, die über dem Jahr der Veröffentlichung aufgetragen ist, müssen sich die Trendlinien in 2050 treffen. Für eine Publikation zur Bevölkerungsentwicklung, die 2050 erscheint, könnte ja einfach der aktuelle Wert der Weltbevölkerung nachgezählt und mitgeteilt werden. Dieser hätte vermutlich noch eine kleine Unsicherheit, da nicht genau in diesem Jahr Volkszählungen in allen Ländern durchgeführt werden, die man dann nur noch zusammenzählen müsste. Es wird aber dann ja keine Vorhersage in die Zukunft sein, so dass die Unsicherheit deutlich kleiner sein wird als die übrigen Variationen in der Grafik in den Jahren davor. Entsprechend müssen die drei Varianten sich in 2050 in einem Punkt treffen.
Bild 4: Entwicklung der Projektionen der UN DESA zur Weltbevölkerung in 2050 abhängig von dem Zeitpunkt, zu dem die Projektion publiziert wurde22,25
Bild 5: Projizierter Trend im Vergleich zur Projektion der UN DESA und der sich...




