E-Book, Deutsch, 394 Seiten
Petzold Das rauhe Leben
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3324-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 394 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3324-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alfons Petzold war ein österreichischer Schriftsteller. Sein erfolgreichstes Buch, eine stilisierte Schilderung seiner schweren Kindheit und Jugend, erschien 1920 unter dem Titel 'Das rauhe Leben'.
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Drittes Kapitel
Die "Silber-Präge- und Montieranstalt" befand sich in einem sogenannten Werkstättenhof auf dem Schottenfeld, dem ehemaligen Brillantengrund des Bezirkes Neubau. Unter, über, vor und neben uns hämmerte, ratterte und sägte es aus jedem Fenster heraus. Da gab es Bandmacher-, Klaviertischler-, Taschner-, Buchbinder- und noch viele andere Werkstätten, und ein ganzes Heer von Arbeitern, zumeist Lehrbuben und Hilfsarbeiter, verschwand am Morgen jedes Arbeitstages hinter dem Tor des Altwiener Hauses.
Das Arbeiterpersonal der Werkstätte, in welcher ich mein Proletarierdasein begann, bestand aus drei Lehrbuben, von denen ich der jüngste war. Der Meister, ein gutmütiger Riese, der wie ein aufgeblasener Ballon durch die zwei engen Räume der Anstalt schnaufte, war einer, jener tschechischen Kleingewerbetreibenden, die in Wien trotz ihrer schlechten Aussprache des Deutschen den gemütlich-behäbigen, erbeingesessenen Bürger markieren wollten. Er trug immer ein sehr bequemes, sackähnliches graues Gewand, ging gelassen, etwas vorgebeugt und hatte die Haltung eines Grundbürgers, dem man schon äußerlich anmerken müsse, daß er es nie eilig habe, seiner vier oder fünf schuldenfreien Häuser wegen. Sein Gesicht war aufgedunsen und schwammig und saß auf einem kurzen, wulstigen Hals. Die kurze Zeit, die er sich am Morgen in der Werkstätte aufhielt, benutzte er zum Auflegen einer Schnurrbartbinde, deren er eine Schachtel voll in der Lade seiner Drehbank hatte. Eine Menge goldener breiter Ringe klapperte an den feisten Würstelfingern, während er so recht weltüberlegen an einer Kubazigarre herumknatschte.
Wir sahen ihn nur vormittags und kurz vor Feierabend in der Werkstätte, die übrige Zeit verbrachte er im Gast- oder Kaffeehause, wo er eine wichtige Rolle zu spielen schien. Wenigstens schien es mir so, wenn ich ihm eine Nachricht an den Stammtisch zu bringen hatte. Dafür war die kleine, kugelrunde Frau Meisterin beinahe immer in der Werkstätte zu finden. Wie ein blankes Schweinchen wackelte sie fortwährend zwischen dieser und ihrer Küche hin und her, schnüffelte überall herum, indem sie ihr Pausbackengesicht etwas vorbeugte und die Gegenstände mehr mit der Nase anzuschauen schien als mit den Augen. Der Meister hatte gehörigen Respekt vor ihren fachlichen Kenntnissen. Es wurde so gearbeitet, wie sie es für gut fand. Anderseits war sie wieder riesig stolz auf ihren Gatten, besonders wenn er seine Veteranenuniform trug und den wallenden Federbusch am Hut. Das geschah meistens einmal wöchentlich, wenn der Veteranenverein nämlich seinen Abendschoppen hielt; dann ließ die Meisterin eine Stunde früher Feierabend machen, weshalb auch wir den Tag besonders schätzten.
Nach der Meisterin führte Hansl, der älteste Lehrbub, in Abwesenheit des Meisters das Regiment. Dieser war ein guter Kerl, der seine bevorzugte Stellung nicht zu unseren Ungunsten ausnutzte und eher unsere Partei ergriff als die des Ehepaares, wenn es zu Differenzen kam. Wir hatten ihn recht gern, grauten uns aber schrecklich vor den vielen Pusteln, mit denen er über und über bedeckt war. Besonders die Hände oder vielmehr eine Berührung mit ihnen fürchteten wir sehr, da er auch eine Menge Warzen daran hatte. Er war aber riesig lustig, sang und pfiff den ganzen Tag vor sich hin. Waren wir vollends allein, so parodierte er auf die gelungenste Weise den "böhmakelnden" Meister, machte den Schirmnäherinnen, die wir am gegenüberliegenden Fenster sehen konnten, die komischsten Liebeserklärungen und ergötzte uns durch Tierstimmenimitationen und andere Kunststücke.
Der andere Lehrling hieß Wenzel und war aus des Meisters stocktschechischer Heimat. Er war ein rechter Knirps, der kaum auf die Drehbank reichen konnte und der kaum drei Worte Deutsch radebrechte, obwohl er schon ein Jahr in dieser Lehre war.
Meine Arbeit bestand Tag für Tag im Zutragen von Bedarfsgegenständen für die Küche und den Hausstand der Meisterin, in Gängen ins Punzieramt und die Schleiferei, im Abliefern der Arbeiten, wobei ich diese auf einem Karren zu den Geschäften führte. Auch Post gab's oft ins Gasthaus zu bringen, wo mein Gebieter, wie gesagt, oft hauste, und am Ende des Tages hatte ich die Werkstatt aufzuräumen. Bei der Aufnahme wurde zwar von den herrlichsten Erzeugnissen der Silberschmiedekunst gesprochen, die in seinem Atelier verfertigt werden sollten, von silbernen Tafelgeschirren, die er für die höchsten Herrschaften anfertigte, weshalb er in Kürze zum Kammerlieferanten eines Erzherzogs ernannt werden sollte; bei ihm könnte ich ein großer Künstler dieses Faches werden, wenn ich nur mit Fleiß bei der Arbeit wäre, so versicherte der Meister meiner Mutter. Nun war ich aber schon sieben Wochen in dem "Atelier", ohne auch nur den kleinsten Tafelaufsatz gesehen zu haben; Stockgriffe und Beschläge waren die herrlichen Schmiedearbeiten, die ich entstehen sah. Und selbst diese einfachen, kunstlosen Dinge wurden nur teilweise in unserer Werkstatt angefertigt. Wir erhielten sie in rohem Zustand aus einer Fabrik, um sie dann mit Gips oder einer Metallmasse auszugießen und verpackt weiter zu liefern. Auch waren sie zum kleinsten Teil aus Silber, meistens bestanden sie aus unedlen Mischmetallen, denen Gold- oder Silberglanz durch eine Säure und Schliff aufgelogen wurde. Aber selbst zu dieser Arbeit wurde ich kein, einziges Mal hinzugezogen, und ich hatte noch keinen Handgriff erlernt, der mir zu diesem Handwerk notwendig gewesen wäre. Ich war statt ein Lehrbube ein Laufbursche geworden, der allerdings dem Meister billiger zu stehen kam.
Mit Mißvergnügen bemerkte dies meine Mutter, der ich jeden Abend Bericht über meine Tätigkeit ablegte; dafür sollte sie sich jeden Bissen vom Munde absparen und ich mit einem täglichen Verdienst von zwanzig Hellern vorliebnehmen? Nach dreijähriger Lehrzeit in dieser Werkstatt würde ich ja kaum die einfachsten Handgriffe verstehen! Dazu war ich so schwächlich, daß die Nahrung, die sie mir bieten konnte, auf die Dauer ungenügend werden müßte: mittags eine Handvoll "Grammeln" oder ein Stückchen Speck mit Brot, abends ein ausgesottenes Stück Pferdefleisch mit Gemüse! Dies war zu wenig für einen vierzehnjährigen Knaben, der im Wachsen begriffen und den ganzen Tag auf den Beinen war. Vorerst machte sie nun einen Versuch, wenigstens mein Mittagessen reichlicher zu gestalten, indem sie eine Kammer mietete, die in der Nähe der Werkstatt war, so daß ich während der Mittagspause nach Hause laufen konnte. Durch Verkauf einiger Möbel eroberte sie auch einiges Geld, so daß sie mir ein paar Wochen hindurch eine kräftigere Nahrung bereiten konnte. Aber bald war der Reichtum erschöpft, und es gab wieder Wassersuppe, Kartoffeln und Brot.
Aus diesem Grund faßte nun meine Mutter den Entschluß, einen Lehrplatz für mich zu suchen, in welchem ich auch verköstigt wurde. Freilich hieß es da die traurige Tatsache in Kauf nehmen, daß ich meine Mutter verlassen und ganz zu meinem Meister ziehen müßte, da diese nur unter jener Bedingung die Kost geben. Nach kurzem Überlegen hatte meine Mutter mit dem Inhaber einer großen Schusterwerkstätte gesprochen, der ihr versprach, mich in vier Jahren sein Handwerk zu lehren. Die Mutter hatte mir so viel Schönes von diesem erzählt, das ja der Beruf meines Großvaters gewesen, daß ich mich nicht sträubte, seine Erlernung als Lebensziel anzusehen.
Bevor ich meine zweite Lehrstelle antrat, hatten meine Mutter und ich noch eine böse Überschwemmung mitzumachen. Wir hatten damals unsere winzige Wohnung in einer Gasse, die von der Schmelz ziemlich steil abfiel. An einem Samstagnachmittag nun brauste ein furchtbarer Wolkenbruch über den Bezirk; rauschend stürzte das Wasser durch die Gasse, in der wir wohnten, und brachte die Häuser darin in arge Not. In unserer Werkstätte war heute früher Feierabend gemacht worden, und ich eilte voll Angst um die Mutter nach Hause. Am Beginn unserer Gasse reichte mir die gelbe Flut schon weit über die Knie. Hinter mir stürzte krachend ein Eckhaus ein. Ich keuchte vorwärts. Endlich war ich bis ans Haus gekommen, in dem wir ebenerdig wohnten. Leute, die auf einem breiten Gesims standen, warnten mich, ins Haus zu treten, ich würde in der Einfahrt ersaufen. Ich hörte kaum ihr Geschrei und drang weiter. Wirklich geht mir das Wasser bis an den Hals, es will mir die Füße vom Boden wegreißen. Schwimmbewegungen, die ich einmal Vorjahren im Internat gelernt habe, fallen mir ein. So komme ich bis zur Tür unserer Kammer. Jene ist eingedrückt. Ich klettere mühsam an dem Türrahmen empor. "Mutter, Mutter!" schreie ich in die Zerstörung hinein. Keine Antwort. Noch viel gellender und verzweiflungsvoller: "Mutter, Mutter!" Da schreit eine Baßstimme von Stiegenhause mir zu: "Hams ka Angst net um Ihnere Mutta – dö is bei da elfer Partei im zweiten Stock. Schauns nur, daß aus der Goß außikumman, sunsten dasaufens no." Aus der tollen Freude, die über mich hinschlägt, kommt neue Kraft. Wieder stemme ich mich durch die Flut, und wenige Minuten später falle ich meiner Mutter um den Hals.
Das Unwetter hatte furchtbaren Schaden in Ottakring angerichtet. Gegen tausend Wohnungen waren überschwemmt worden, Häuser hatte es niedergerissen; mehreren Menschen den Tod gebracht.
Nachdem sich das Wasser verlaufen hatte, sahen wir bekümmerten Herzens die Verwüstung in unserer Kammer an. Die meisten Möbel waren umgestürzt, viele Sachen hatte die Flut davongetragen. Zum Glück hatte meine Mutter etwas Wäsche, das...




