E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
Petry Country Place
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01225-1
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01225-1
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ebenso zeitlos wie »The Street«: Ann Petrys Roman über Idealisierung und Desillusionierung und über menschliche Abgründe.
Ein kleiner Ort in Connecticut: Johnnie kommt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Die Kleinstadt ist nicht das Idyll, zu dem Johnnie sie in seiner Sehnsucht gemacht hat - ebenso wenig wie Glory die wunderbare Ehefrau ist, die Johnnie in ihr sehen wollte, wie er nach und nach erkennen muss. Johnnie empfindet sich nicht nur als Kriegsveteran, sondern auch als Veteran »des nicht enden wollenden Kampfes zwischen denen, die zu Hause blieben, und denen, die weggingen«.
Das Städtchen Lennox ist klatschsüchtig, böswillig und dünkelhaft. Es pflegt seine Verachtung für alles Fremde: das schwarze Dienstmädchen Neola, der portugiesische Gärtner, der jüdische Anwalt und die irischen Katholiken der Stadt gelten als »anders« und nicht dazugehörig.
Ann Petry zeigt, was passiert, wenn alle Fassaden bröckeln und ein großer Teil der Einwohner von Lennox sich als menschlich mies, intolerant, reaktionär oder gierig entpuppen. Bis auf wenige Ausnahmen: Johnnie und die alte Mrs. Gramby. Diese beiden ordnen ihr Leben oder das Leben ihrer Mitmenschen neu und besser...
»Berechnung, Untreue, Ehebruch, versuchter Mord, plötzlicher Tod und eine Reihe von überraschenden Erbschaften, die die Dinge mehr oder weniger in Ordnung bringen - das sind einige der vorherrschenden Themen, die in Country Place behandelt werden.« Richard Sullivan, New York Times, 1947
Erstmals auf Deutsch. Übersetzt von Pieke Biermann.
Ann Petry (1908-1997) war Journalistin, Pharmazeutin, Lehrerin und Gemeindeaktivistin. Ihre drei Romane, zahlreichen Kurzgeschichten, journalistischen Texte und Kinderbücher beschäftigen sich mit Rassismus in all seinen Facetten.The Streetwar der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.
Weitere Infos & Material
2
Ich habe Johnnie Roane weder selbst aus dem Zug steigen sehen, noch mit eigenen Augen beobachtet, wie es danach weiterging.
Aber das Wiesel hat mir Johnnies Rückkehr nach Lennox so detailliert geschildert, dass ich ebenso gut persönlich auf dem Bahnsteig stehen und Johnnies Gedanken hätte lesen können.
Vieles von dem im folgenden Berichteten weiß ich von Johnnies Mutter, einer alten Freundin von mir. Überdies habe ich lange genug mit angesehen, was Johnnies Frau Glory so treibt, um ziemlich treffsicher sagen zu können, was sie so denkt, wenn sie morgens aufwacht.
Und so war es:
Ende September ist der Bahnhof von Lennox ruhig und menschenleer. Die Sommerleute haben längst die langen und kurzen Hosen und die Badeanzüge eingepackt und sind zurück in den großen Städten, aus denen sie gekommen waren. Die Stadt ist wieder erlöst von ihrer Anwesenheit und richtet sich allmählich auf den langen friedlichen Winter ein.
Das Wiesel, der hiesige Taxifahrer, blieb im Wagen sitzen, als er den langen Pfiff hörte, mit dem sich der Morgenzug aus New York ankündigt. Er hielt nur die Zeitung, die er gerade las, etwas tiefer und sah zu, wie die Lok in die Gleiskurve glitt. Dann warf er einen Blick zum katholischen Friedhof, aber ohne ihn wirklich wahrzunehmen, der Friedhof war schon so lange da, dass er ihn nur gesehen hätte, wenn er aus irgendeinem Grund nicht da gewesen wäre.
Als der Zug gehalten hatte, hing er wieder hinter der Zeitung.
Er war ziemlich kurzsichtig, deshalb hielt er sie dicht vor der Nase. Er war in einen Artikel über einen Axtmord in New York vertieft.
Infolgedessen verpasste er die Chance zu sehen, wie sich Jung-Johnnie Roane schon, bevor der Zug richtig stillstand, hinausschwang und wie Jung-Johnnie Roane dann den Bahnsteig entlangging, groß und breitschultrig, den Armeesack schräg über dem Rücken. Johnnie konnte es kaum glauben, dass er in Lennox war, heil und vollständig. Er rechnete fest damit, gleich wieder zu sich zu kommen oder aufzuwachen und ganz woanders zu sein, und das stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Also blieb Jung-Johnnie Roane, frisch zurück aus dem Krieg, einen Augenblick lang auf dem Bahnsteig stehen, sah sich um und sog begierig alles haarklein ein, die Holzdielen unter seinen Füßen, die Umrisse der Güterwaggons, die auf dem Rangiergleis am Ende des Bahnhofs standen. Er hatte nur einen Gedanken: Glory, Glory, Glory. Es ist wahr geworden, ich bin wieder hier, in dieser Stadt, und heute Nacht halte ich sie in meinen Armen.
Dann ging er zum Taxi. Vom Wiesel waren nur die – für einen Mann sehr kleinen – Hände zu sehen, als Umrisse vor den fettgedruckten Schlagzeilen der Zeitung. Johnnie zögerte, eigentlich hätte der Mann seine Anwesenheit doch spüren und die Zeitung sinken lassen müssen. Als er das nicht tat, klopfte Johnnie an die Scheibe.
Jetzt ließ das Wiesel die Zeitung sinken, und Johnnie sah in ein spitzes Frettchengesicht mit eng stehenden Augen. Eine verbeulte Kappe saß falsch herum auf dem Kopf und war eigentlich hellgrau, aber stellenweise nachgedunkelt von Fett und Schweiß. Hinter einem Ohr klemmte eine Zigarette. Der Mann musterte Johnnie eingehend, bevor er das Fenster herunterkurbelte.
»Wo wollen Sie hin?« Er beugte sich hinaus.
»Zum Haus von Mrs. Roane, River Road.«
»Okay.« Er legte seufzend die Zeitung beiseite. »Packen Sie Ihr Zeug hinten rein.«
Johnnie hievte seinen Armeesack auf den Boden im Fond und setzte sich nach vorn neben den Fahrer. Er konnte sich nicht an ihn erinnern. Als er vor vier Jahren aus Lennox weggegangen war, hatte Old Man Crandall das hiesige Taxi gefahren.
Ein Gütereilzug rumpelte durch den Bahnhof und machte Gespräche unmöglich. Johnnie sah ihm nach und las die Beschriftung auf den Waggons: Lackawanna, B&O, Chesapeake und Ohio, New York Central …
Als der letzte Waggon aus dem Blick verschwunden war, ließ das Wiesel den Wagen an. »Sie sind bestimmt Johnnie, Mrs. Roanes Junge. Sie wartet schon auf Sie.«
»Ja«, sagte Johnnie. Hoffentlich wollte der Knirps nicht anfangen zu plaudern. Vier Jahre hatte er sich auf diesen Augenblick gefreut, jetzt wollte er ihn fest an die Brust drücken, damit ihm nichts, auch nicht das kleinste Detail, entging. Es war eine längere Strecke bis zum Haus seiner Mutter, und wenn der Kerl ein Gespräch vom Zaun brach, würde die Fahrt sehr anders verlaufen, als er wollte. Sein Plan war, sich alles haargenau anzusehen, die Bäume, die Häuser, die Straßen, er müsste den Kopf andauernd drehen und wenden und auch in die kleinen Nebenstraßen gucken, um sich den ganzen Ort einzuverleiben.
Wenn der Fahrer quasselte wie ein Wasserfall, würde er die Hälfte verpassen. Er wäre abgelenkt, könnte sich nicht darauf konzentrieren, aus was für holprigen Holzdielen der Bahnsteig zusammengezimmert war und wie beinah lachhaft das Brettergebäude mit dem langen Dach und mit diesen Trägerstützen war, die aussahen wie Spinnenbeine, und dass die ganze Anlage unter Schichten aus Dreck und Ruß lag.
Er kniff ein Auge zusammen und blinzelte. Doch, so betrachtet hatte das Bahnhofsgebäude noch immer große Ähnlichkeit mit dem Lebkuchenhaus aus Hänsel und Gretel. Er atmete aus, langsam, sachte, denn alles war noch genauso, wie er es in Erinnerung hatte. Es hatte sich gar nichts verändert.
Jetzt, wo der Güterzug durch war, konnte er hinter den Gleisen den katholischen Friedhof sehen. Der war auch noch genauso. Nein, nicht ganz. Er war weißer gewesen. Der Eisenbahnruß hatte ihn so grau gemacht wie den Bahnhof.
Beim Anblick der Kirche musste er fast lächeln, weil ihm wieder einfiel, wie die Kinder aus der Nachbarschaft sogar am helllichten Tag nur auf Zehenspitzen über den Friedhof gegangen waren. Für sie war er der irische Friedhof, und sie schworen, dass immer, wenn sie vorbeigingen, die Grabsteine schwankten und sich bewegten. Aber natürlich gab es auch einen Schnellzug namens Ostwind, der immer ungefähr zur Schulschlusszeit durch den Bahnhof ratterte, und die Schwingungen konnten die Steine ebenso gut ins Wanken gebracht haben.
Abends oder nachts gingen jedenfalls weder Kinder noch Erwachsene am Friedhof vorbei, wenn es sich vermeiden ließ. Angeblich stiegen in dunklen Nächten ruhelose irische Geister aus den Gräbern und wanderten umher. Bei Vollmond, hieß es, würden sie so unruhig, dass man ihre Spitzhacken auf den Gleisen hören könne, mitsamt leisem, vom Wind weitergetragenem Stimmengemurmel.
Ein reichlich schräger Ort, um eine Kirche zu bauen, fiel ihm jetzt auf.
»Sagen Sie«, fragte er den Fahrer, »war die Kirche immer hier?«
»Meines Wissens«, antwortete das Wiesel gleichgültig.
»Ich meine, waren die Gleise schon vorher verlegt?«
»Klar.«
»Wie kann man denn eine Kirche neben eine Bahnstrecke bauen?«
Das Wiesel schoss ihm einen Blick von der Seite zu. »Sind doch hier geboren, oder?«
»Ja, klar.«
»Und war die Kirche nich immer hier?«
»Doch. Aber ich war ziemlich lange weg.« Der Fahrer ließ ihn nicht aus den Knopfaugen, so dass Johnnie das Gefühl hatte, er müsse sich genauer erklären. »Ich hab nur nie darüber nachgedacht. Die Kirche stand da, solange ich denken kann, ich nehme an, ich hab sie für selbstverständlich gehalten. Nicht wahr. Sie war eben da, und ich hab über sowas nie nachgedacht. Aber wenn ich sie jetzt so sehe, also ich fand einfach, ist doch ein seltsamer Ort für eine Kirche.«
Das Wiesel nickte. »Weiß, was Sie mein’. Wenn man was ne Weile nich gesehn hat, sieht man da Sachen drin, die man gar nicht wusste. Geht allen so.«
Er setzte zurück und fuhr auf die Straße nach Lennox hinein. Dann sah er Johnnie an: »Sie ha’m wohl vergessen, dass Lennox Katholiken nich so mag. War das einzige Stück Land, dass die kaufen durften. Als die Eisenbahn hierher sollte, sind ne Menge Iren gekommen, Schienen legen und sowas. Die wollten dann auch ne Kirche haben, und das hier war das einzige verkäufliche Grundstück in der ganzen Stadt. Deshalb haben die die hier gebaut.«
»Dürfen die denn immer noch kein Land kaufen?«
»Och, kann man so nicht sagen.« Das Wiesel grinste. »Aber irgendwie stand immer nie was zum Verkauf auf der Hauptstraße, da wo die Episkopalen und die Kongregationalisten ihre Kirchen haben.«
Es war, als läge eine matte Wolke vor der Sonne und rückte Häuser und Bäume in die Ferne, sie waren nicht klar zu sehen, sondern leicht verschwommen, und was einst weiß gewesen war, sah dunkler aus; wie ein Nebel über einer Kurve, in der man eigentlich die ganze Straße im Blick haben müsste, aber nicht hatte. Johnnie kam zum ersten Mal der Gedanke, dass vielleicht nichts je so blieb, wie es gewesen war, ganz bestimmt nicht genauso, wie man es in Erinnerung hatte. Nicht dass sich die Dinge verändert hätten, sondern man selbst hatte sich verändert, und so fand man Dinge, von denen man glaubte, sie seien da, nicht wieder.
Jahrelang hatte er die Kirche neben den Bahngleisen stehen sehen und es so hingenommen, er hatte nie gefragt, warum sie da stand, er hatte sie eben mit Jungsaugen gesehen. Und Jungsaugen sahen etwas anderes als Männeraugen. Also gab es in Lennox wohl noch andere Dinge, die er entweder vergessen oder nie wirklich gesehen hatte.
Ihm fiel alles Mögliche ein, was er an Lennox nie hatte leiden können. Es lag nicht an dem, was der Fahrer gesagt hatte, er hatte die Lage der bescheidenen kleinen Kirche mit den drumherum gescharten Grabsteinen weder billigend noch missbilligend kommentiert. Die Erinnerungen kamen zurück wegen dieses ständigen...




