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E-Book

E-Book, Deutsch, 339 Seiten

Peters Watanabes Tod

Vlamma T3 Teil III
37. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-4313-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vlamma T3 Teil III

E-Book, Deutsch, 339 Seiten

ISBN: 978-3-7549-4313-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist ein Fluch. Die glücklose Fee Hagen Finwe ist seit 1978 an den Wünschen eines Kindes gebunden, das ihm das Leben rettete. Seitdem tüftelt er an einem Rennmotor. Die Quadrologie »Vlamma T3« gibt Einblick, welche Auswirkungen die unglückliche Entwicklung für Mensch und Fabelwesen hat. Wie zum Beispiel für Hachibo Watanabe, der die Zeichen richtig deutet und dessen Schicksal deswegen besiegelt scheint. Die Quadrologie Vlamma T3 erzählt die Geschichte der Grauen Fee, deren Märchen beispiellos an der menschlichen Natur scheitert. Teil 1: Jurij Potrenko : Teil 2: Das Hotel Blu : Teil 3: Watanabes Tod : Teil 4: Sonntag das Rennen

Aufgewachsen in Esens (Ostfriesland) und Bad Bederkesa. Seit 2013 lebt Oliver Peters in der Wesermarsch und arbeitet als freier Autor.
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Angus, der Rennfahrer


Allgemein wird darüber spekuliert, wie der Mensch zurückkehrende Alpträume wirksam bekämpfen kann. Neben Versuchen der Kirche, Dämonen zu vertreiben und einer Kräuterliste von Heilern, zählt die Hinwendung zur sich offenbarenden Gefahr im Traum als geeignetes Mittel. Es gilt zu ergründen, was die Quelle des Alpdrucks ist oder man vernichte sie im Traum. Niemand aber hat erforscht, was mit den Seelen ist, die von ihrem Alptraum eines Nachts aufgefressen werden.

Backup: Montag, 16.04.2012, 8 Uhr

6 Tage, 7 Stunden v.d.R.

Der Tag versprach, erneut sonnig zu werden. Die Mitarbeiter der Nachtschicht des technischen Instituts von Prof. Dr. Lambert Flammershausen verließen um 8 Uhr müde das Gebäude und strömten auf den Parkplatz. Sie trugen leichte Kleidung, zumeist weiße, kurzärmelige Business-Hemden, Jeans oder Leinenhosen. Das warme Wetter hielt schon seit Tagen an. Schwüler Wind blies ihnen Staub ins Gesicht, sie blinzelten, wenn sie aufblickten.

Angus rauchte am Portalparkplatz der Werkstätten im Auto seine letzte Zigarette. Einige Mitarbeiter des Instituts trotteten an seinem Wagen vorbei, gebeugt, müde von der Nachtschicht, gedankenverloren, den Blick aufs Telefon. Sie entdeckten ihn nicht. Er blieb in seinem klimatisierten Wagen sitzen, schloss die Augen, schaute auf die Uhr und rauchte weiter. Er blies den Qualm aus, aschte ab; dreiviertel des Stängels war übrig.

Er wartete. Beobachtete den Parkplatz, der nach dem Weggang der Mitarbeiter in ein lebloses Terrain zurückfiel. Ein Anblick, der ihm heute Morgen vertraut erschien. Nicht nur, weil er das Institut schon häufiger besucht hatte. Es rührte von woanders her, ohne, dass er Worte dafür hatte. Er rauchte und bemerkte es unvermittelt. Er wurde von einem Gefühl umgeben und es hielt ihn im Wagen. Wie am Ende einer langen Reise und man kommt nach Hause. Atmet den vermissten Duft der Kindheit ein, der einem gefehlt, ja, den man immer wieder auf seinen Fahrten gesucht hatte.

Angus war ein über 40-jähriger, athletischer Mann ohne überflüssige Kilo, mit schwarzen, buschigen Haaren, braungebrannter, gegerbter Haut, rasiert. Er trug ein legeres Freizeithemd und trotz der Temperaturen eine Lederjacke. Sein Blick vermittelte stets den Eindruck, er lache über die Situation, in der er sich gerade befand. Sei es im Interview oder in einer Steilkurve, die er mit 250 km/h durchfuhr.

Seine dunkelbraunen Augen suchten den Parkplatz weiter ab. Er war nicht der Mann, der sich von Gefühlen beeindrucken ließ. Er schob es auf das Warten, diesem Nichtstun, dass fremde Gedanken in ihm aufstiegen. Er zog erneut an der Zigarette und kratze sich lässig am Kopf, runzelte die Stirn. Die Erklärung reichte nicht. Ihm war unklar, warum sich diese Eindrücke hier einstellten.

Angus war nicht mehr der kleine Junge, der vor 34 Jahren einsam auf dem Spielplatz schaukelte. Hinter ihm lag eine lange Rennfahrer-Karriere, zu der nur noch der Weltmeistertitel fehlte. Es war einer seiner drei Wünsche, die er gegenüber der Grauen Fee ausgesprochen hatte. Neben den, seinen Vater aus dieser Welt mit allen Erinnerungen an ihn verschwinden zu lassen. Ein Siegel des Vergessens lag auf jene Tage. Und während Angus im Wagen saß, rauchte, nachdachte, zeigte dieses Siegel Brüche.

Er folgte mit den Augen dem Flug einer Libelle, die den Hinterleib wie beschwert gesenkt trug und blieb dann bei den tippsigen Sprüngen eines Rotkehlchens hängen, das scheinbar zwischen den gepflasterten Steinen im Schmutz Nahrung auflas.

Dann nahm er wieder das Institut unter Beobachtung. Er suchte die Fenster von Flammershausens Büro, das in etwa der Mitte der Front eingerichtet war wie eine Zentrale. Eine optische Täuschung, rechnete man mit ein, dass hinten weitere Etagen tief einem Abhang herunterliefen. An den Fenstern bewegte sich nichts. Die stillen, dunklen Öffnungen vermittelten den langweiligen Frieden der Forschungsarbeit, für den Angus, wie gegenüber allem Bürokratischen, nur spöttelnde Verachtung übrig hatte. Ein leichtes Ziehen hinter der Stirn verriet aufkommende Kopfschmerzen.

Dem technikbegeisterten Rennpiloten blieb durch die Ödnis des Parkplatzes das Drama verborgen, das sich hinter der leblosen Fassade des Instituts abspielte. Sein Erinnerungsriegel funktionierte nach wie vor zuverlässig genug, dass Angus, selbst wenn er Zeuge des Dramas gewesen wäre, nichts davon verstanden hätte. Seit Freitag Nacht war die, von ihm vor 34 Jahren errettete, Graue Fee Hagen Finwe, von dem überragenden Professor Flammershausen in einer listigen Falle aus Magie und Spucke gefangen. Wie ein Schutzschirm legte sich die Konstruktion des Wissenschaftlers im Hinterzimmer seines Büros um Hagen Finwe und blockierte dessen magische Kräfte. Jene Kräfte, die den Siegellack gossen. Die ungewollt die Erinnerungsriegel in Angus lösten. Die Magie, die den Rennmotor im Keller des Instituts zusammenhielt – und zugleich begrenzten.

Vorboten einer sich neuen, etablierenden Macht trieben unbemerkt über den Platz.

Vor den Augen Angus schwappte so ein vergessenes Fragment aus dem Speicher. Eine Szene wie aus einem Traum. Sein Blick aus dem Fenster seines Kinderzimmers. Es dämmerte, der Weg führte in die Stadt und war von Wohnblöcken gesäumt. Eine graue Gestalt, hager, drehte sich auf ihrem Weg aus dem Viertel um, spähte nach Angus, wie er am Fenster stand und winkte.

Er schreckte auf. War er eingeschlafen? , sagte er sich.

Und fixierte erneut das Institut; den scheinbar in seiner Architektur auf einen Nutzbau ohne Raffinesse reduzierten, ausgehöhlten Betonquader, dessen Vorplatz aus dem Material des Gebäudes bestand. Die Morgensonne lud den Parkplatz mit Wärme auf. Der helle Beton reflektierte ein photogenes Streulicht und ließ alles über seinen Wert erstrahlen. Der feine, sandige Wind von Osten strich durch die Anlage und beugte ein paar Bäumchen, die hilflos inmitten dieser Steinlandschaft ihr Leben fristeten.

Die strenge Ordnung der Beete zwischen den Betonkonstruktionen mit Tausendschön, Vergissmeinnicht, Bartnelken und Fette Henne wirkte unnatürlich. Verpackungen von Schokoladenriegeln oder verwehte Tankquittungen, Dosen von Limonaden und Bier waren darin verfangen. An den Stämmchen und kleinen Zweigen der Heckenkirschen sammelte sich ebenfalls Müll. Umrandet von Abfällen wirkten die Pfanzen schmutzig und deplatziert. Seine Augen blieben an den Ästchen hängen, die sich hektisch im Wind regten. All die Rennstrecken, das Institut oder Windkanäle, an denen er wirkte, sie hatten dieses abweisende, geschlossene Klima, in dem nur die Maschinen, ihre Abfallprodukte, sowie die havarierten Rümpfe Platz fanden.

Er war an der Hälfte der Zigarette angelangt und rieb sich die schmerzenden Schläfen. , überlegte er. Dabei hatte er den Eindruck, gar nicht geschlafen zu haben.

Es wirkte paradox auf Angus, dass ihm an diesem Morgen auffiel, wie wenig freundlich diese Orte waren und wie er sich an sie gewöhnt hatte. Er sah Vertrautes darin. Er war einer jener Menschen, die sich flüssig in den schattigen Nischen des Rennzirkus’ bewegten und gerne am Wagen arbeiteten. Der Wagen, immer der Wagen. Das Setup schneller machen, die Fehler einkreisen, seine verlorenen Sekunden finden. Warum fiel ihm das in diesem Moment ein, überlegte er? Jetzt, in aller Stille. Der anhaltende Wind fegte Erinnerungen auf.

Er blieb weiter im Auto sitzen. Die Blase, zusammengesetzt aus Feenkräften und kindlicher Fantasie, hatte Risse. Sie entstehen, wenn die Hülle den Kontakt zu ihrer Quelle verlor. Die Ritzen eröffnen den Blick auf eine Welt jenseits der Träume. Und sie bändigten nicht mehr die Kraft der Kreaturen, die sie geschaffen hatten – eine Folge der Gefangenschaft Hagen Finwes.

Aber Angus überlegte, womöglich war es der Parkplatz. Er erinnerte ihn an den Block, in dem er von seiner Mutter großgezogen worden war. Ebenfalls eine grasdurchwirkte Steinwüste, in der er herumgestromert war. Plattenbausiedlung, ein wenig Rasen zwischen den Gehwegen, Büsche, alles ähnlich wie hier. Fraglos und unbeholfen eingepasste Natur, die der gewaltigen Wucht der Hässlichkeit des Instituts nichts entgegenzusetzen hatte.

Beim Gedanken an Büsche zog er am letzten Rest der Zigarette und rieb sich nervös die Stirn, fuhr das Fenster herunter, um Wind auf seine Gesichtshaut zu lassen. Wie viele Kilometer war er schon mit Höchstgeschwindigkeit gefahren, wie viel Fahrtwind hatte seine Karosserie umgeleitet. War ihm um den Helm geströmt, hatte er verwirbelt? Doch in diesem feinen Wind, der über den kargen Parkplatz kroch, die hilflosen Pflänzchen wog, etwas Stanniolpapier trieb, in ihm war für Angus unvermittelt die gesamte Erinnerung einer Kindheit aufgehoben. Er fuhr die Seitenscheibe wieder schützend hoch. Hatte lange nicht mehr Gedanken an sein Zuhause verschwendet. Streng genommen, überlegte er, so gut wie gar nicht.

Die Glut seiner Zigarette erreichte jetzt den Filter. Er warf den Stummel in den Aschenbecher und klappte ihn zu. Dass er heute anfing, zu träumen. So kurz vor der wichtigen Rennfahrt. Sonntag würde der neue Motor eingesetzt. Im ersten und einzigen Lauf. Wahnsinn. Ja, Flammershausen war wahnsinnig. Er öffnete die Tür, stieg aus und begab sich auf den Weg. Der Wind zog an seinem Hemd und hob sein volles Haar an, das Rotkehlchen flatterte erschrocken weg.

Im Fahrstuhl bemerkte Angus, dass er seine Gedanken aus dem Fond des Wagens nicht loszuwerden vermochte. Tim Danger war zu ihm gestoßen, sein Cockpitpartner im Team....



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