Peters | Krähen im Park | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Peters Krähen im Park

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-641-31169-8
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-31169-8
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Tag, eine Stadt: Christoph Peters zeichnet das messerscharfe Porträt einer Gesellschaft im Umbruch. »Bitterböse, aber sehr unterhaltsam.« WDR 5

Es ist der 9. November 2021, Lockdown in Berlin, doch das Leben bleibt nicht stehen. Der berühmte, aber menschenscheue Schriftsteller Bernard Entremont ist angereist, um einen Preis entgegenzunehmen – ein Ereignis, mit dem die halbe Stadt in Berührung kommt. Engmaschig verwebt Christoph Peters die vielen Geschichten eines Tages und erzählt packend vom Leben in unserer Gegenwart: von der hektisch strippenziehenden Kultursalonière, vom verschwörungsgläubigen Politikersohn beim seltenen Vaterbesuch, von der nicht mehr ganz so jungen Influencerin und ihrem Partner, der endlich seinen dritten Roman schreiben will, vom jungen deutsch-türkischen Pärchen, das nach einem positiven Schwangerschaftstest schwankt zwischen Freude und Angst, vom afghanischen Flüchtling auf der Suche nach einem Fixpunkt im anonymen Getriebe der Stadt. Es ist das große, messerscharfe, wimmelnde Portrait einer Gesellschaft, die sich auf ihre alten Formen nicht mehr verlassen kann, die neuen aber noch nicht gefunden hat.
Peters Krähen im Park jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Am Himmel bewegte sich nichts. Tegel war seit einem Jahr geschlossen, jetzt klagten sie weiter südlich über Fluglärm, Kerosinschmier auf Rosenbeeten, Zierrasenflächen. Nervöse Schlaflosigkeit und Erschöpfungssyndrome würden zunehmen, die Suizidrate steigen. Zum Schutz des Klimas wurden Forderungen nach dem Ende des Zeitalters der Luftfahrt laut, obwohl die Passagierzahlen noch immer weit unter der Vorkrisenzeit lagen. Die Vergnügungsflüge mit der Ju 52 waren eingestellt. Nicht einmal Hubschrauber kreisten über der Stadt, weder um Demonstranten einzuschüchtern, noch zur Beförderung von Ministern, Staatsgästen, Unfallopfern.

Weiter unten: feuchter Auswurf, infektiöse Tröpfchen, toxischer Schleim aus kontaminierten Atemwegen, verklebten Lungen. Das Keuchen der Jogger auf den Gehsteigen war Hohn, war Verachtung, war Angriff; an der Supermarktkasse mutierte das Brüllen des unbekannten Kleinkinds zur Körperverletzung. Aerosole mit todbringender Viruslast, Eiweißmoleküle in äußerster Verdichtung, fatale Reproduktionsbefehle, sphärisch oder kubisch, evolutionäre Vorstufen lebendiger Wesen, noch vor der ersten Zelle entstanden, vielleicht degenerativer Abfall, letales Zerfallsprodukt – Katalysator, um die Höherentwicklung der Mikroben voranzutreiben. In der Wissenschaft herrschte Uneinigkeit. Die Natur kannte weder Gut noch Böse, die Evolution verfolgte kein Ziel. Seit Jahrmillionen wurden Tiere, Pflanzen, Pilze befallen, eliminiert oder optimiert. Es galt das Recht des Stärkeren. Der Weg zum Übermenschen führte durch Massengräber. Wenn die arische Herrenrasse dem totalen Krieg nicht gewachsen war, sollte sie der Vernichtung anheimfallen – so der letzte Wille des Führers. Gegen Ende der pandemischen Notlage von nationaler Tragweite gab es 42 000 Neuinfektionen am Tag. PLANLOS IN DEN CORONAWINTER; AMPELPARTEIEN WOLLEN LOCKDOWNS VERBIETEN! 2G-HAMMER: ERSTES BUNDESLAND SPERRT JUGENDLICHE AUS! ESKALATION AN DER GRENZE ZU POLEN! NATO WARNT BELARUS! DIE FLÜCHTLINGE – SIE WOLLEN DIREKT NACH DEUTSCHLAND! FAHRVERBOT, WER KEINE RETTUNGSGASSE BILDET! ABBA’S BJÖRN: DAS SIND WIR WIRKLICH! HAPPY END IN MONACO

Frische Schlagzeilen im Minutentakt: Krisen, Sensationen, Klatsch waren der Treibstoff für die immerwährende Erregung aller, für künstliche Empörung, synthetische Emotionen, Eintagsskandale. Sie wirkten als Ereignissimulation, Gefühlssurrogat, Lebensersatz. Zuschauer, Hörer, Leser starrten vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, zu jeder Tages- und Nachtzeit, unabhängig von Mondphasen, Sternenkonstellationen auf Bildschirme in allen Größen, hörten Stimmen, versanken in bedrucktem Papier. Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Selbstständige, Freiberufler, Beamte, arm und reich, hässlich und schön, schlau und stupide, fungierten und funktionierten 24/7 als Konsumenten, User, Follower, schimpften, nickten ab, verteilten Likes und Emojis, füllten die Kommentarspalten, Chatrooms, Social-Media-Kanäle mit Liebe, Hingabe, Verachtung, Hass, während in Redaktionsbüros, Marketingabteilungen, Werbeagenturen, Messi-Buden Journalisten, Blogger, YouTuber, Nerds rund um die Uhr aus dem Strom der Meldungen, Bilder, Zahlen, die unablässig über die Ticker kamen, den Nachschub des Suchtstoffs raffinierten, ihn mit dem Brandbeschleuniger übergossen, je schriller, greller, lauter, desto besser. Augen, Ohren, Hirne der Käufer, Kunden, Nutzer mussten gelockt, gefangen, gefesselt werden. Es ging um Aufmerksamkeitsspannen, Verweildauer, Klicks. Die Werbetreibenden verlangten Statistiken, Evaluierungen, Beweise, dass ihre Produkte gegen Haarausfall, Blasenschwäche, Gedächtnisverlust, ihre Fruchtaufstriche, Katzenmenüs, Karibikkreuzfahrten sich tatsächlich ins individuelle und kollektive Bewusstsein und Unterbewusstsein einschrieben. Ein attraktives Nachrichtenumfeld war das A und O. PUTINS FLÜCHTLINGSATTACKE GEGEN DIE EU. TAUSENDE DRÄNGEN RICHTUNG DEUTSCHLAND! LITAUEN UND POLEN MOBILISIEREN ZUSÄTZLICHES MILITÄR! MEDIZINER WARNEN VOR TRIAGE AUF INTENSIVSTATIONEN! Das Virus schwächelte – das Virus kam mit aller Macht zurück. FÜR GEIMPFTE IST DIE PANDEMIE VORBEI! Professor Bernburger auf Twitter: WIR STEHEN VOR EINER MONSTERWELLE! So oder so setzten Gewöhnungseffekte ein, verlor es seine Unwiderstehlichkeit als Blickfang und Einkaufsstimulanz. Aktuell waren Mehl, Milch, Nudeln, Klopapier in ausreichender Menge vorhanden. Der Konsumklimaindex stürzte nach zwischenzeitlicher Erholung erneut ab. Doch in den Weiten des Ewigen Ostens braute sich neues Unheil zusammen, lenkte den Blick auf TESTSIEGER: SMARTS, auf DIE BESTEN ANGEBOTE DER STADT: Der kleine Bruder des Kreml-Herrschers hatte sich mit orientalischen Dunkelmännern verschworen, allen voran: DER BOSPORUS-SULTAN. Skythen, Hunnen, Mongolen, Russen bildeten eine fatale Allianz mit Sarazenen, Mauren, Osmanen. Gemeinsam schickten sie als Flüchtlinge getarnte Gotteskrieger Richtung Abendland. Zu Tausenden marschierten sie auf die Außengrenzen des freien Westens zu, um die europäische Wertegemeinschaft zu destabilisieren, Deutschland ins Chaos zu stürzen. Wieder drohten Überfremdung, Islamisierung, Bevölkerungsaustausch. Frische Bilder von neobolschewistischen Uniformträgern, die auf Kurden, Syrer, Afghanen einprügelten, sie vor sich hertrieben, wie seinerzeit die Regimenter des Zaren Napoleons abgehalfterte Garden gejagt hatten, ruhmreiche Rotarmisten die zerlumpten Reste von Hitlers 6. Armee. Noch vor Beginn des russischen Winters würden sie in malerischen Birkenwäldern erfrieren, in baumlosen Steppen verhungern, Frauen und Kinder zuerst. Sollte man sie retten oder zurückschlagen? Die Gesetze des Rechtsstaats galten jenseits von Gut und Böse. Polen verstärkte im Alleingang die Grenzposten, der deutsche Innenminister, frisch abgewählt, fand lobende Worte für das entschlossene Handeln des Kollegen in Warschau und freute sich, dass er bald mehr Zeit für seine Modelleisenbahn hatte. BRENNENDE FÜSSE LASSEN SIE NACHTS NICHT SCHLAFEN? LUST STATT FRUST – SO KANN’S IM BETT WIEDER AUFWÄRTS GEHEN. 64 % WENIGER SCHWITZEN. VERSCHENKE ECHTE WERTE!

Dirk Mahnfeld tastete nach dem iPhone auf seinem Nachttisch, das Display leuchtete auf, als er den Home Button traf: 7:28. Die Zahlenfolge zog sich quer über das Foto seiner Frau, Mariann, rechts und links die gemeinsamen Töchter, Alexia und Lore. Mariann trug ein tief ausgeschnittenes Top, türkisfarbene Leopardenoptik, hatte ihre Arme um beide Mädchen gelegt. Das Foto war zwei oder drei … – nein, es musste älter sein: Als er wegen Elena ausgezogen war, hatte er das Bild durch eine monochrome Fläche ersetzt, es bei der Rückkehr re-installiert, um zu demonstrieren, dass in Zukunft alles wie früher sein sollte. Inzwischen wohnten sie seit zwei Jahren wieder zusammen. Wenn du mal fünfzig bist, rast die Zeit schneller als ein Porsche vorbei, hatte sein Großvater gesagt. Alexia trug die Haare jetzt wasserstoffperoxydblond, wie die Friseusen aus den Plattenbauten in Hohenschönhausen oder dieses siebzehnjährige Starlet, das den neuen James-Bond-Song sang und deren Namen er sich nicht merken konnte. »Es bedeutet nicht, was du denkst, alter Mann«, sagte Alexia. Wie auch Jogginghosen, weiße Tennissocken, Gel-Nägel kein Synonym für Prekariats-Chic mehr waren.

Dirk Mahnfeld schaltete das Licht ein, richtete sich auf. Ihm brummte der Schädel, obwohl sie gestern Abend nur mäßig getrunken hatten. Sein T-Shirt hatte Löcher unter den Achseln, spannte am Bauch, unterhalb des Bizeps warf die Haut dünne Falten. Er sollte mehr Sport machen. Nachher käme Jens Biesemann aus Frankfurt, um sich den Stand des Um- und Neubaus in der Gabelstraße anzuschauen. Biesemann war fünf Jahre jünger als er, fuhr semiprofessionell Tourenwagenrennen, hatte noch alle Haare auf dem Kopf, und unter seinen eng geschnittenen Maßhemden zeichnete sich eine austrainierte Brustmuskulatur ab.

Dirk Mahnfeld warf einen Blick zu der Ruderbank unter dem schneebedeckten Gebirgsmassiv vor graublauem Himmel, Sven Drühl, Öl und Lack auf Leinwand, neunzig mal einsachtzig. – »Eine sichere Investition«, hatte Gerd Brook gesagt, in dessen Galerie er es gekauft hatte. »Hochreflektiert, mit einer Spur Ironie, was den aktuellen Diskurs in Sachen Malerei anlangt. Trotzdem hat es eine beinahe traditionelle Ausstrahlung. Damit machst du auf keinen Fall etwas falsch.«

Dirk Mahnfeld hatte es genommen, weil es wie ein echtes Alpenpanorama wirkte, ganz unironisch, der perfekte Hintergrund für die Ruderbank, ihrerseits ein Klassiker des Sportgerätedesigns: , ausgezeichnet mit internationalen Design Awards. Die dazugehörige App spielte die dreihundert schönsten Flusslandschaften der Welt auf den integrierten Flachbildschirm.

Er hörte das Rattern der elektrischen Kaffeemühle. Mariann hantierte bereits in der Küche, setzte Brotteig an, marinierte Hühnerbrüste, Rehrücken, Kalbsbäckchen. Heute Abend sollte es hier im Haus einen halboffiziellen Empfang zu Ehren des berühmten französischen Schriftstellers Bernard Entremont geben, da war einiges vorzurichten. Vor zwanzig Jahren war seine Frau, Mariann Krüger, als Star der gleichnamigen Tierarztserie gewesen, aber nach Alexias Geburt hatte sie keine Lust mehr gehabt, sich mit Ernährungsplänen, Fitnesstrainern, plastischen Chirurgen abzuquälen, war überzeugt gewesen, in einer Liga zu spielen, wo ein paar Kilo mehr oder weniger, der Ansatz eines Doppelkinns egal waren, dass es einfach weiterginge mit den Hauptrollen im...


Peters, Christoph
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit "Innerstädtischer Tod" (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.