Peters | In Gedanken: singen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Peters In Gedanken: singen

Überlegungen zur menschlichen Stimme
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-16485-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Überlegungen zur menschlichen Stimme

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-347-16485-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie lässt sich Stimme in all ihren Facetten in Gedanken fassen? Was bedeutet Stimmbefreiung? Worin besteht die anthropologische Relevanz der Stimme? Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der Autor Ralf Peters als Künstler, Lehrer und Philosoph mit der menschlichen Stimme. Ganz in der Tradition der Stimmentwicklung von Alfred Wolfsohn und Roy Hart wurzelnd, legt er mit den in diesem Buch versammelten Texten einen eigenen Ansatz für ein zeitgenössisches Verständnis der menschlichen Stimme vor.

Dr. Ralf Peters ist promovierter Philosoph, Stimmkünstler und -lehrer. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema der menschlichen Stimme. Zu diesem Thema ist bisher von ihm erschienen: - Wege zur Stimme. Reisen ins menschliche Stimmfeld, Norderstedt 2018, ISBN: 9783744885232 Kleines Stimmbuch für alle. Ein Notizbuch, Köln 2014, ISBN: 9783934443051 Er ist einer der Autoren im Band "Die Philosophie der Stimme" hrsg. von Bettina Hesse, erschienen im mairisch Verlag 2019, mit dem Aufsatz: Die Suche nach einer Philosophie des Singens - Oder: Der singende Philosoph. Der Autor schreibt zu den Themen Stimme und Kunst auf verschiedenen Blogs. Infos dazu auf stimmfeld.de. Außerdem als Buch erschienen: Künstler sein im Kapitalismus, Oberhausen 2018, ISBN: 9783745510157
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


DIE SUCHE NACH EINER PHILOSOPHIE
DES SINGENS
(ODER: DEM SINGENDEN PHILOSOPHEN)

»Gesang ist Dasein.«

R. M. Rilke

»Es gehört zu den Eigenheiten nicht erst der hochgradigen Spezialisierung, sondern schon der in ihrem Selbstbewusstsein konsolidierten Wissenschaften, dass sie immer sehr viel sehr viel genauer zu wissen glauben, als es gewusst werden kann (…). Das interdisziplinäre Unternehmen muss hier notwendig zunächst enttäuschend wirken, indem es den Gegenstand in seiner wohldefinierten und bewährten Abgrenzung nicht akzeptiert.«
Hans Blumenberg2

Singen und Stimme – philosophisch betrachtet. Persönliche Vorbemerkung

Der folgende Text beruht auf einem Beitrag, den ich 2019 für einen Sammelband Die Philosophie des Singens3 geschrieben habe. Als ich das Angebot bekam, für dieses Buch einen Aufsatz beizusteuern, war meine erste Reaktion zurückhaltend. Mir wurde plötzlich klar, dass ich mich in allem Nachdenken zu diesem Thema bislang an dem Leitbegriff der Stimme orientiert habe und nicht an dem des Singens. Damit bin ich einer Konvention gefolgt, die sich praktisch durch die gesamte, mittlerweile sehr umfangreiche Literatur zu diesem Bereich zieht. In den vergangenen Jahrzehnten wurde im kulturwissenschaftlichen und philosophischen Rahmen viel über die Stimme geschrieben, doch meines Wissens hat niemand den Versuch unternommen, das Singen zu einem philosophischen Grundbegriff zu machen. Ich habe mich ziemlich unreflektiert in diesen philosophischen Mainstream eingegliedert und das ist umso erstaunlicher, als in der Tradition, in der ich mich als Künstler, Lehrer und Denker verorte, fast durchgehend vom Singen die Rede ist und die Stimme gar nicht so sehr im Vordergrund steht. Schon bei Alfred Wolfsohn und Roy Hart, den Begründern der Idee der Stimmentwicklung, der ich mich verpflichtet fühle, wird das Singen in einem umfassenden Sinn verstanden, der eine philosophische Anschlussfähigkeit bietet.

Nachdem mir diese Zusammenhänge etwas deutlicher wurden, habe ich dankbar die Gelegenheit ergriffen und mich auf die Suche nach Material gemacht, das für den Entwurf einer Philosophie des Singens hilfreich sein könnte. Die Suche hat mich in verschiedene Richtungen geführt: zuerst in die Philosophiegeschichte, wo ich bei Platon nach den paradigmatischen Vorentscheidungen gesucht habe, die es dem Singen (und über lange Zeit auch der Stimme) so schwer gemacht haben, philosophisch wahrgenommen zu werden.

Danach habe ich mich ansatzweise mit der zeitgenössischen Philosophie und Kulturwissenschaft, die sich mit der Stimme beschäftigt, befasst – mit der Aufmerksamkeit für die französische und die deutschsprachige Debatte. Auf einen angelsächsischen Philosophen, nämlich Stanley Cavell möchte ich kurz zu sprechen kommen4, weil er mir hilft, eine erste Arbeitshypothese für die Suche nach der Philosophie des Singens zu formulieren, mit der ich in die dritte Suchrichtung einschwenke – zu eigenen Überlegungen und Erfahrungen mit dem Singen, die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gesammelt habe. Und schließlich habe ich einen Ausflug in die Idee des Singens bei Rilke unternommen.

Meine Absicht ist es, die Position des /der Singenden philosophisch mehr in den Vordergrund zu stellen als dies bislang geschehen ist. Damit meine ich nicht nur, dass dem Singenden als Gegenstand der Überlegungen mehr Beachtung geschenkt werden könnte, sondern auch und besonders, dass der oder die Philosophierende sich als Singende(r) versteht. Das bringt die klassische Gefahr mit sich, dass die Philosophie durch Persönliches verunreinigt wird. Die Gefahr gehe ich sozusagen offenen Auges und Ohres ein.

Dabei berufe ich mich auf den schon erwähnten Stanley Cavell, der den Aspekt der eigenen Stimme in die Philosophie systematisch eingeführt hat5. Nach seinem Ansatz besitzt jede Philosophie eine ihr eigentümliche Stimme, die nicht adäquat kopiert werden kann. Mit dieser Stimme ist mehr gemeint als ein bloßer Stil des Schreibens oder Denkens, den man im Gegensatz zur Stimme kopieren kann. So findet man etwa in den vielen Kopien des berühmten Adorno’schen Jargons zwar Reminiszenzen an dessen Stil, aber die Stimme Adornos, das was ihn wirklich ausmacht, bleibt den eigenen Schriften vorbehalten6.

Cavell spricht allerdings von einer philosophischen Stimme im übertragenen Sinn, die nicht viel mit dem Stimmklang des sprechenden oder gar singenden Philosophen zu tun hat7. Wenn ich mich auf ihn berufe, übernehme ich seine gedankliche Figur und begreife die Stimme auch und besonders als tönendes Phänomen. In konkreten Fall einer Philosophie des Singens, so behaupte ich, hat die Frage, ob und inwieweit Philosophierende ihre eigene Stimme kennen und welchen Platz man ihr im lebenspraktischen Kontext einräumt – kurz gesagt, ob er oder sie selbst singt! – einen Einfluss auf die Stimme (im übertragenen Sinne), die in den entsprechenden philosophischen Texten zu hören ist. Möglicherweise sind die konkreten Ergebnisse des Philosophierens über Gesang und Stimme (was immer das im philosophischen Kontext bedeuten soll) bei singenden und nichtsingenden Philosophen kaum zu unterscheiden, aber die in den Texten zum Vorschein kommende Stimme ist beim singenden Philosophen eine andere. Das ist nur verständlich, wenn man zugleich bestreitet, dass die Stimme und das, was sie singend tut, in einer instrumentalen Metapher angemessen dargestellt werden kann. Die platonische Vorgabe, die ich später genauer untersuchen will und nach der die Sprechstimme nicht mehr ist als eine Dienerin von Gedanke und Wort8, führt in die Irre. Denn abgesehen von der äußerst fragwürdigen Vorstellung, ein Gedanke läge fertig irgendwo im Geiste und warte nur darauf, durch den Transport mit der Stimme in die Welt zu gelangen, bestreitet dieses Modell der Stimme einen aktiven Anteil an der Kommunikation. Doch die Stimme ist im konkreten wie im von Cavell betonten übertragenen Sinn ein prägender Faktor des kommunikativen Austauschs unter Menschen.

Des weiteren kann man von anthropologisch relevanten Themen am besten angemessen sprechen, wenn man sich aus der streng theoretischen Position löst und die lebenspraktische mit einbezieht. Da kommt der singende Philosoph aus dem Titel um die Ecke.

Außerdem möchte ich behaupten, dass keine Philosophie ohne Entscheidungen auskommt, die sich nicht restlos philosophisch begründen lassen. Den Beleg für diese Behauptung muss ich hier schuldig bleiben9, aber ich werde im Folgenden so offen wie möglich machen, welche Entscheidungen wie mit meinen eigenen Erfahrungen als Singender – und als im Hören auf gewisse Weise Geschulter – zu tun haben. Damit bewege ich mich gefährlich nah an der Grenze dessen, was man noch Philosophie zu nennen bereit ist, aber das Risiko muss eingegangen werden, um dem Gegenstand, dem Singen, und damit auch der menschlichen Stimme, so gerecht wie möglich zu werden. Der Philosoph und die Philosophin, die nicht singen, kennen nicht das ganze phänomenale Feld der Stimme.

Mich interessiert hier weniger, ob und dass das Singen als vokale Aktion etwas darstellt, was sie nicht selbst ist, etwa eine musikalische oder sprachliche Gestalt, sondern vielmehr, dass und wie sie sich selbst präsentiert. Das Singen zeigt die Stimme in Bewegung – ein Pleonasmus, denn die Stimme ist per se in Bewegung. Die Stimme singt, sie ist als Ereignis immer Singen. Doch zugleich ist die Stimme immer Stimme von jemandem, wenn sie singt. Daraus ergibt sich, dass sich die Stimme im Singen nicht nur als ein klangliches Ereignis präsentiert. Der Klang der Stimme ist mehr als ein akustisches Phänomen. Im Singen zeigt sich die Sängerin und der Sänger in ihrer jeweiligen aktualen Situation, und zwar nicht nur einem von außen Zuhörenden, sondern immer zugleich sich selbst.

Was Singen ist, weiß doch jede(r)! –
Methodische Vorbemerkung

Wenn man einen ernsthaften Versuch starten will, über das Singen philosophisch Relevantes zu sagen, stößt man auf verschiedene Schwierigkeiten. Dabei handelt es sich nicht um unüberwindbare Hindernisse, sondern um produktive Probleme, die das Denken beflügeln können.

Die erste Schwierigkeit gehört zu den klassischen Problemen des Philosophierens. Man muss nämlich bis zu einem gewissen Grad schon wissen, worüber man redet, bevor man die philosophische Untersuchung beginnen kann. Doch das herauszufinden ist zugleich Teil der philosophischen Untersuchung. Damit befindet man sich in einem Zirkel, aus dem sich nicht ohne weiteres ein Ausweg anbietet. Ausweglos wird der Zirkel aber dann, wenn man den Aspekt der geschichtlichen Zeit, in der Erfahrungen gemacht werden, außen vor lässt. Denn das Nachdenken über das Singen beginnt in meinem Fall ja nicht erst mit dem Schreiben dieses Textes, sondern hat eine lange Geschichte, in der es zu ersten Einsichten und Vermutungen gekommen ist, die mehr als ein bloßes Vorverständnis mit sich bringen.

Damit kommen wir zur zweiten Schwierigkeit. In meiner Geschichte des Nachdenkens über das Singen habe ich nicht nur Einsichten und so genannte Erkenntnisse...



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