Buch, Deutsch, 224 Seiten, Format (B × H): 129 mm x 200 mm, Gewicht: 356 g
Einblicke in die Lebenswelt deutscher Sinti | Hintergründe und Interviews
Buch, Deutsch, 224 Seiten, Format (B × H): 129 mm x 200 mm, Gewicht: 356 g
ISBN: 978-3-7374-1270-4
Verlag: Marix Verlag
Unter uns, und doch anders? Mit acht bis zwölf Millionen Mitgliedern stellen Roma – früher diskriminierend als »Zigeuner« bezeichnet – zwar die größte ethnische Minderheit in Europa dar, sind aber dem Großteil der Gesellschaft oft wenig bekannt. Die Sinti als größte Roma-Gruppe in Deutschland stellen den thematischen Schwerpunkt dieses Buches dar. Unsere Kenntnisse über sie sind meist von Stereotypen zwischen Faszination und Vorurteil geprägt. Was wissen wir über sie und ihr Leben? Das Buch gibt im ersten Teil Hintergrundinformationen zur Geschichte und Kultur der Sinti. Im zweiten Teil kommen diese selbst ausführlich in Interviews zu Wort und geben Auskunft über ihr Alltagsleben, ihre Weltsicht, ihre Erfahrungen von Diskriminierung und über die Besonderheiten der Sinti-Kultur. Während neuere Publikationen vorwiegend Verfolgung und Völkermord im Nationalsozialismus sowie den Antiziganismus bzw. die Diskriminierung von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart fokussieren, sollen hier Einblicke in die heutige Lebenswelt deutscher Sinti aus deren Sicht im Vordergrund stehen. Die Gespräche führte die Autorin mit Petra Pau, Frank Reuter, Alexander Diepold, Markus Reinhardt, Krystiane Vajda und anderen.
Zielgruppe
Intressierte an anderen Kulturen | Lesemotiv Entdecken | Lesemotiv Verstehen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Einleitung
TEIL I: UNTER UNS UND DOCH ANDERS? HINTERGRUNDINFORMATIONEN
Sinti – eine unbekannte Minderheit?
„Dann ist es in erster Linie ihre Sprache.“ – Vielfalt der Namen und Gruppen
„Mit der Identität als deutscher Sinto agieren.“ – Unter uns und doch anders?
„Wenn, dann haben das Fremde über uns geschrieben.“ – Die Zigeunerforschung im Überblick
Geschichte
„Aber es ist zu wenig erforscht“ – Von Indien in die ganze Welt
„Wir sind ja seit 600 Jahren hier in Deutschland.“ – Geschichte der Sinti in Deutschland
„Meine Großeltern waren in Auschwitz.“ – Verfolgung und Völkermord in der NS-Zeit
„Die waren alle traumatisiert“ – Von der Nachkriegszeit bis heute
„Das geht auch nicht konfliktfrei.“ – Vielfalt der Sinti im aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs
„Geht weg ihr Dreckspack!“ – Antiziganismus
Religion
„Die Sinti sind sehr gläubig.“ – Die Kirchen und die Romanes-Sprachigen
„Ohne Wallfahrt, da wäre ich kein Mensch.“ – Wallfahrt als Sinti-Tradition
„Es geht viel Tradition verloren bei den Sinti.“ – Von der Wiege bis zur Bahre
TEIL II: „ICH BIN STOLZ, DASS ICH SINTIZA BIN.“ – INTERVIEWS
Markus Reinhardt: „Musik, das ist mein Leben.”
Krystiane Vajda: „Wir repräsentieren die Minderheit und die Mehrheitsgesellschaft in einem.“
Alexander Diepold: „Jetzt komme ich zu den Sinti, … zu meinen Wurzeln.“
Maria Hoffmann: „Ich mache Wallfahrt.“
Bianca Kobi: „Ich bin stolz, dass ich Sintiza bin.“
Marcelino Kobi: „Wir ehren die älteren Leute.“
Kennedy-Jürgen Laubing: „Unser Leben hat sich verändert.“
Ottilie Laubing: „Die Sinti, die haben Ängste.“
Dr. Frank Reuter: „Antiziganismus ist ein Phänomen der Mehrheitsgesellschaft.“
Petra Pau: „Wir sind tatsächlich eine sehr bunte Gesellschaft.“
ZEITTAFEL, LITERATUR, PERSONENVERZEICHNIS
Die Romanes-Sprachigen Gruppen sind mit ca. 10-12 Millionen die größte ethnische Minderheit in Europa und als solche offiziell seit 1977 von der UN anerkannt. In Deutschland leben schätzungsweise zwischen 70.000 und 150.000. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Denn in Deutschland werden aufgrund der Verfolgung und des Genozids in der NS-Zeit bei ethnischen Minderheiten seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg keine Daten bevölkerungsstatistischer Art erhoben. So beruhen diesbezügliche Angaben ausschließlich auf Schätzungen. Gleichzeitig sind die Romanes-Sprachigen aber auch »die am stärksten diskriminierte Minderheit Europas« (Winfried Kretschmann) und eine weitgehend unbekannte Minderheit. Doch was genau ist eine ethnische Minderheit? Bislang gibt es keine länderübergreifende allgemeingültige Definition einer ethnischen Minderheit. So legt jedes Land der EU in Eigenregie die Kriterien für eine Minderheit fest. In Deutschland gelten laut dem Bundeministerium des Inneren und für Heimat folgende Voraussetzungen, um als ethnische Minderheit anerkannt zu werden: Deutsche Staatsangehörigkeit der Angehörigen, Unterscheidung vom Mehrheitsvolk durch eine eigene Sprache, Kultur und Geschichte; eigene Identität, Wille zur Bewahrung dieser Identität, traditionell, in der Regel seit Jahrhunderten, in Deutschland heimisch, innerhalb Deutschlands in angestammten Siedlungsgebieten ansässig. Dementsprechend gibt es in Deutschland vier »schützenswerte« Minderheiten: Dänen, Friesen, Sorben sowie Sinti und Roma. Sinti und Roma wurden offiziell erst am 11. Mai 1995 als ethnische Minderheit anerkannt. Sie stellen insofern eine Ausnahme dar, als bei ihnen das Kriterium des angestammten Siedlungsgebietes fehlt. Die offizielle Anerkennung als Minderheit kann in Deutschland in bzw. von den einzelnen Bundesländern durch einen Staatsvertrag ergänzt werden, der vor allem einen besonderen Schutz und spezielle Förderung der Minderheiten auf Länderebene garantiert. So gibt es zwischen dem Land Brandenburg und dem Freistaat Sachsen einen 1999 in Kraft getretenen Staatsvertrag über die Errichtung der Stiftung für das sorbische Volk. Ähnlich, aber erst 14 Jahre später (2013) kam es bundesweit zu einem ersten Staatsvertrag zwischen dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg e. V. und dem Land Baden-Württemberg. Dieser wurde 2023 um 15 Jahre verlängert. Derzeit wird ein Staatsvertrag auf Bundesebene angestrebt, scheitert aber bislang an dem Veto des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, andere Verbände der Community daran zu beteiligen. Aus den Interviews Markus Reinhardt (geb. 1958, ein Großneffe von Django Reinhardt, als Musiker und Geiger mit dem Markus-Reinhardt-Ensemble über seine Heimatstadt Köln hinaus bekannt – nicht nur für seine Musik, sondern auch für die, gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Krystiane Vajda realisierten Projekte wie z. B. Zeitzeugeninterviews) Ihr habt in der Nachkriegszeit noch in Wohnwagen, also Eisenbahnwagons gelebt? Genau. Wir sind ja 1958 auf einen Platz zwischen Roggendorf und Sinnersdorf gekommen. Und ich habe immer gedacht, unsere Alten wollten da weg. Aber das stimmte so gar nicht, sondern die Bickendorfer haben Unterschriften für eine Petition gesammelt, und deshalb sind wir weggekommen. Und dann hat man uns gegenüber der Müllkippe hingeschafft, im Feld. So unsensibel war die Stadt. Die haben uns tatsächlich dann in Eisenbahnwagen gesteckt, wo die Familien zum Teil abtransportiert worden sind. Da haben unsere Alten gesagt: »Jetzt haben sie uns schon wieder ins Lager getan.« Und da haben wir dann tatsächlich von 1958 bis 1975 gelebt. Für uns Kinder war das ein großer Spielplatz. Als Kind fällt dir das ja gar nicht auf. Wir hatten keine sanitären Anlagen, wir hatten ungefähr für 250 Leute zwei Brunnen, wo man wirklich noch Wasser holen musste. Das waren katastrophale Verhältnisse auf dem Platz. So eine Großfamilie, ein enger Familienzusammenhalt, hat das auch manchmal Nachteile? Das hat seine Nachteile, ja sicher. Du hast dann die Verantwortung, und wenn du natürlich was verändern willst, das ist dann sehr schwierig. Oder man kommt nur ganz schlecht in Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft. Weil man immer zusammen ist, wird man zur geschlossenen Gruppe. Das sehe ich schon als Nachteil. Ich selbst hatte das Glück, auch mal alleine wegzukommen, durch die Musik. Da habe ich ganz andere Menschen kennengelernt.




