E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Peters Das Haus des Architekten
10. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7467-4287-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Erzählung aus der Wesermarsch
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7467-4287-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
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Aufgewachsen in Esens (Ostfriesland) und Bad Bederkesa. Seit 2013 lebt Oliver Peters in der Wesermarsch und arbeitet als freier Autor.
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1
Über der Nordsee türmten sich vor kobaltblauem Himmel dunkle Regenwolken und drängten ins von der schwülen Hitze des Tages eingekesselte Marschland der Unterweser. Der Wind blies heiß vom Meer und beugte die ausgetrockneten Pflanzen der Gärten und Weiden. Ein tieffliegender Schwarm Spatzen zog über eine karge Landschaft, die von fernen Baumlinien eingefasst war - drei kaum sichtbare, dünne grau-grüne, nach hinten hin im Dunst sich auflösende Reihen wie aus Papier geschnitten, das sich mit Farben des fernen Dunstes mischte.
Alfons Montblanc stand auf der Terrasse seines Bruders, rauchte und blickte auf die Szenerie. Der Wind nahm zu, bauschte sein volles, schwarzes Haar und zerrte an seinem Priesterkragen. Das metallene Licht blendete ihn und seine fahle Gesichtshaut zeigte Anstrengung. Er kämpfte gegen einen stechenden Schmerz in den müden Augen und schwitzte. Bald würde das Unwetter sie erreichen.
Vorhin hatte er vom Deich aus gedankenverloren auf den Fluss gesehen. Auf der Deichkrone stehend konnte man bis Bremerhaven blicken. Er war noch kurz am Strand gewesen. Das drohende Gewitter hatte sich schon abgezeichnet. Es war selbst am Wasser so schwül gewesen, dass er seine Jacke über dem Arm getragen hatte. Dann war er zur Villa seines Bruders Gerald gefahren, 8 Kilometer - im Rückspiegel waren die Kräne vom anderen Weserufer immer weiter geschrumpft.
Er fragte sich, was seinen Bruder Gerald, den großen Architekten, in diese Gegend gezogen hatte. Der Baukünstler aus den einschlägigen Magazinen, dessen Werke die Fachwelt zugleich in Atem hielt sowie vor Rätsel stellte und der gerade in diesem Moment in der Küche werkelte und kochte.
Alfons sah die Weiden, die sich vom Fluss aus östlich der Strand- und Deichlinie bis 15 Kilometer tief ins Land erstreckten. Ein dem nahen Meer abgetrotztes Stück Erde, ein raues Land, das seinen Ursprung fühlbar machte und in das der Wind ständig das Klima, die Gerüche und Salz der Nordsee trug. Jetzt türmten sich Ambosswolken am Himmel. Noch nie hatte er eine so dunkle Schattierung gesehen, während er noch in der Sonne stand. Blitze zuckten durch Teile der dunklen Wolkenfront.
Der sich zum Westen dehnende Deich nur ein stärker gezeichneter Strich. Auf der anderen Flussseite lag ein Hafen- und Industriegebiet. Silos und Containerbrücken ragten keck über die Deichlinie. Brake. Die Berufskollegen seines Bruders lebten allesamt in den großen Städten Europas, die sie inspirierten. Nur er zog Kraft aus diesem kargen Stück Natur.
War es vielleicht der Fluss? Er vermochte Alfons immerhin zu faszinieren. Gerald sprach manchmal von ihm. Unter dem Einfluss der Gezeiten war sein Anblick stets Veränderungen unterworfen. Und schlängelte doch ruhig bis zum Horizont. An seinem Ufer schlugen bei Flut seit Jahrhunderten die Wellen, durchbrachen bei Hochwasser die Schilflinie oder hinterließen bei Ebbe eine komplizierte Struktur aus Schlick und Wasserwegzeichen. Das fesselte Alfons. Die Motive seines Bruders aber blieben ihm verschlossen.
Gerald, dessen Frau Elisa und er sahen sich alle drei Monate und pflegten - etwas erzwungen - einen Kontakt, der sonst sicher einzuschlafen drohte. Alfons Montblanc musste zugeben, ohne Elisa, die ihm in diesem Moment beim Rauchen auf der Terrasse Gesellschaft leistete, wäre das wahrscheinlich schon längst geschehen. Er überlegte, ob sie nur rauchen durfte, wenn sie Gäste hatte. Es würde zu Gerald passen. Der Hausherr duldete keinen Rauch oder offenes Feuer im Haus.
Während Alfons durch die Mundwinkel den vom Wind schnell verwirbelnden Tabakqualm entließ, studierte Elisa sein Profil. Mit angewinkeltem rechten Arm, den sie mit der linken Hand stützte, hielt sie ihre Zigarette, lehnte an der Wand und wirkte kokett. Alfons hatte in ihren Augen über die Jahre an Attraktivität nichts verloren. Sie kannten sich seit der Uni, das lag über 25 Jahre zurück. Damals mischten sich seine gleichmäßigen Gesichtszüge mit ernsthafter Zurückgezogenheit, was bei vielen der Kommilitoninnen für Aufregung sorgte. Jetzt hatte die Schwere seiner moralischen Gedanken Furchen in sein Gesicht geschnitten.
Im Gegensatz zu seinem Bruder war er rasiert und sein breiter Mund verzog sich häufiger zu einem feinen, vielleicht bitteren Lächeln. Und sicher war auch seine Haut durch die Zigaretten schneller gealtert, während Gerald rotbackig die falsche Gesundheit derer ausstrahlte, die durch Büroarbeit geschützt lebten.
Der größte Unterschied zwischen den Brüdern lag in der katholischen Amtskleidung, die Alfons trug. Elisa rollte nervös ihre Zigarette zwischen den Fingern.
»Ist Rauchen nicht eine Sünde?«, fragte sie spöttisch. Alfons zeigte einen milden Blick. Sein volles Haare lag nun wirr verkrüselt und der Wind zog mit unsichtbarer Hand an seiner Jacke, als ob er sie öffnen wollte.
»Es ist komisch. Höre ich mit den Kippen auf, werde ich starrköpfig. Hart. Ich verliere meine Eleganz. Ich bin sicher, der Herr möchte lieber, dass ich mir meine guten Eigenschaften bewahre, um seinen Aufgaben nachzukommen.«
Elisa lachte. Sie hatte makellose Zähne, deren Weiß sich von der Sonnenstudiobräune ihres Gesichts abhob. Sie war schlank, aber nicht mager. Ca. 50 Jahre alt und trug ihr dunkelblondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden streng nach hinten gekämmt. Sie wirkte sportlich und häuslich zugleich, wozu die legere, weit fallende Freizeitkleidung beitrug. Man konnte ahnen, dass sie in einem Abendkleid atemberaubend auszusehen vermochte. Sie genoss scheinbar den Wind, was ihr etwas Sinnliches gab.
»Es scheint, Glaubensfragen sind einfacher, als ich dachte. Mit solchen Argumenten kann man sich gewisse Spielräume schaffen.«
»Tja. Wir Menschen haben doch alle diesen Hang zur Doppelmoral, Elisa. Wer glaubt, davon frei zu sein, der versündigt sich durch die Vorstellung, selbst ein Gott zu sein.«
»Oh je, das klingt düster, Alfons. Denkst du denn, ich habe auch eine doppelmoralische Seite?«
Alfons drückte seine Zigarette aus, schaute nach seinem Bruder und trat dann, als er ihn in sicherer Entfernung wusste, einen Schritt an Elisa heran. Mit einem Finger hob er ihr Kinn und küsste sie fast auf den Mund. Elisa ließ ihre Zigarette fallen und wollte nach Alfons greifen, doch er war zurückgetreten und klopfte etwas Asche von seinem schwarzen Pullover.
»Die Frage beantwortet?«
»Warum bist du bloß Priester geworden?«, seufzte sie, drückte mit dem Fuß den Zigarettenstummel am Boden aus, hockte sich hin, hob ihn mit den Fingerspitzen auf und legte ihn in den Aschenbecher. Als hätte sie etwas Schmieriges berührt, rieb sie sich angeekelt die Daumen und Zeigefinger.
»Das habe ich dir doch erklärt.«
»Die Suche nach Gott, Alfons? Wie weit bist du damit gekommen?«
Er steckte die Hände in die Hosentasche und atmete tief ein. Natürlich hatte er ihr nie alles erzählt. Er stieß die Luft geräuschvoll aus.
»Langer Weg. Braucht viel Geduld. Es scheint, man muss in viele Sackgassen gehen, bevor es was wird. Vielleicht erscheint es dir ja, als stünde ich noch am Anfang. Vielleicht hast du sogar recht damit. Im Moment denke ich sogar, dass die ganze Konzeption ein Irrtum ist.«
»Konzeption? Du meinst die von Gott?«
»Vielleicht geht es ja um etwas Mystisches ganz allgemein«, meinte er nachdenklich, als er wieder ins Land blickte. »Dinge, die wir mit unseren Begriffen allein nicht erklären können. Als ob es mehr gäbe als nur diesen Gott. Ich weiß es nicht, Elisa«, sagte er resigniert, schaute zu Boden und schwieg. Er ahnte, dass er mit Andeutungen nicht weiter kam. In ihm drängte es, mehr zu erzählen. Doch er zögerte.
»Du warst immer ein Grübler. Vielleicht machst du es dir auch doppelt schwer. Und bestimmt ist es nicht klug, mit deinen Zweifeln ausgerechnet zu Gerald zu kommen.«
Nein, dachte er. Das wäre wirklich nicht klug gewesen. Aber er war ja auch nicht gekommen, weil er von seinem Bruder Hilfe erwartete. Er blickte wieder auf.
»Obschon er ein tolles Untersuchungsobjekt ist, oder?«, erwiderte Alfons. »Guck mal, all die Jahre habe ich geglaubt zu wissen, woher Geralds Gabe kommt. Aber nicht, ob das, was Gerald mit seinen Häusern treibt, aus theologischer Sicht noch Kunst ist. Oder doch nur ein Trick, ein Spiel mit Kräften der - ja, man kann wohl sagen: Gegenseite. Ein Spiel, das mein Eingreifen erforderlich macht.«
Elisa lachte erneut und schüttelte den Kopf.
»Was heißt das, du weißt, woher es kommt?«
Alfons zuckte mit den Achseln. »Ich bin immerhin mit Gerald aufgewachsen.«
Sie dachte nach und holte tief Luft. Die Wolkenfront hatte...




