E-Book, Deutsch, 443 Seiten
Peters Chronik fremder Zeit
5. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7467-7859-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 443 Seiten
ISBN: 978-3-7467-7859-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aufgewachsen in Esens (Ostfriesland) und Bad Bederkesa. Seit 2013 lebt Oliver Peters in der Wesermarsch und arbeitet als freier Autor.
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1
Schließlich fanden sie etwas zum Essen. Sie verspeisten alles bei verschlossenen Luken, wortlos und gierig. Satt wurden sie nicht. Das Lachen fanden sie auch nicht wieder. Die Lasten, die sie kurz abgeworfen hatten, waren neu geschultert.
Sie lagen auf dem Boden. Dämmerlicht durchdrang das gelöcherte Dach und färbte das oberste Stockwerk der Festung mit einem sanften Orange. Es war deutlich kühler geworden.
»Was willst du jetzt tun?«, fragte Maria.
Es schien, Stanislas wollte sich noch einmal aufbäumen.
»Ich muss hinunter!«
Stanislas sah Maria an, fast wollte man sagen: fragend. Sie blieb stumm und blickte zurück. Ihr Gesicht verriet einige Sorge um das, was sich ihr Gegenüber offenbar klar zu machen hatte, und sie schaute verlegen nach unten. Seine Arme weiteten sich hilflos über die zahllosen Falltüren, die Zugang zu all den Geheimnissen seiner Welt gaben, doch nicht halfen zu verhindern, was dort unten nach und nach geschah.
Dennoch war in Stanislas der Wunsch groß, herunterzuspringen, um die Uhr zurückzudrehen. Er könnte erzählen, ein Licht hätte ihn in der Nacht erfasst, angehoben und in ferne Räume getragen. Dort hätten fremde Wesen ihn untersucht und befragt, dann wieder zurückgebracht. Für Zeit hätte er kein Gefühl gehabt; Seiner Meinung nach war sie eine Woche fort gewesen und nun müde und furchtsam gegenüber allem Hellen. Man würde ihm Essen und Ruhe geben. In der Zeit konnte er wieder in eine Welt tauchen, die wie früher war. Zwar angstvoll, aber diesmal durchdrungen von seinen königlichen Visionen. Er wollte, er wäre so arglos wie gestern noch, als Wade ihm den Rücken massierte und zuhörte. Doch er spürte, dass es vorbei. Es würde nun alles anders werden, die Welt von gestern war Vergangenheit - für immer. Er hatte seinen Platz in ihr verloren.
»Wenn ich nicht hinuntergehe, wohin sonst sollte ich gehen?«, fragte er. Noch nie saß eine Uniform so schlecht wie die auf dem Leibe Stanislas’, noch nie wirkten Orden billiger, Farben ausgeblichener. Es war, als ob aus der jugendhaften Fassade jäh der Geist gewichen wäre und die faltige Hülle eines alten Mannes, der gebeugt auf das nahende Ende blickte, zurückgelassen hatte. Langsam zog Stanislas seinen beigen Uniformrock aus, unter dem er nur ein schlichtes weißes Hemd trug, ließ ihn in den Staub fallen und starrte auf die Klappe, die zuletzt sein Hörrohr in das Innere der Festung gewesen war.
Maria rutschte mitleidig an ihn heran. Auch in ihr waren Träume gestorben und ihre Zukunft sah sie mit Schwermut weiter im Keller der Festung. Vielleicht um den Ort dieser Oberfläche bereichert. Doch was nützte das? Sie glaubte, jetzt ein wenig mehr zu verstehen, wie Elias’ zu dem wurde, was er war. Sie merkte, etwas in ihr war abhandengekommen. Nicht alles, aber den Glanz ihrer Ideen, den hatte sie an diesem Tag hergegeben. Wie, um das alte Licht noch einmal aufblitzen zu sehen, das sie jahrelang begleitet hatte, sagte sie mit fester Stimme:
»Es gibt zwei Wege, Stanislas. Du kommst mit mir oder du gehst hinunter und kämpfst um deinen Platz.«
Stanislas seufzte sehr wenig kriegerisch.
»Wer könnte dort unten mein Verbündeter sein bei einem solchen Kampf?«, fragte er.
»Die Unentschlossenen, zum Beispiel. Und die, die jetzt nicht sichtbar sind, weil du unsichtbar bist.«
Stanislas schüttelte den Kopf.
»Das scheinen mir nicht gerade die stärksten Partner zu sein. Wenn du gestattest, folge ich dir in deine Heimstatt und versuche bei euch mein Glück. Der König ist tot.«
Maria sank zurück. Das alte Licht hatte nur schwach geglommen.
2
Meister Sporn, der geheimnisvolle Informationsbeschaffer, trat lautlos in das Schlafzimmer von Elias, das deutlich vom Schnarchen seiner Besitzer erfüllt war. Man hatte aufgeräumt, den ganzen Abend und die halbe Nacht. Sie konnten ein paar Zuber wieder in den Dienst stellen, gleichwohl immer noch keine Wäsche von oben herab kam. Doch sie wollten gewappnet sein.
Danach hatten sie gefeiert. Weil im Angesicht der Bedrohung Menschen Helden brauchten, hatte man Elias’ Begegnung mit dem Hauptmann der Truppen, vielmehr sein Überleben aus der Begegnung heraus, und den raschen Abzug der Soldaten als Sieg gefeiert. Einen Sieg, den sie Elias zuschrieben. Seine Sorge um Maria war größer gewesen, weswegen er die Ehrungen ablehnte und den Eindruck eines spezifischen Heldentypen erweckte, der selbstlos für sein Volk einstand.
Er war von den körperlichen wie geistigen Anstrengungen der letzten Stunden gekennzeichnet. Noch in sein Arbeitszeug gekleidet, lag er nur halb unter der Decke. Sporn beobachtete ihn. So sah er also aus, der Potentat tief greifenden Schreckens. Vermochte einer wie dieser Stanislas zu entführen und so geschickt zu verbergen, dass er, Sporn, ihn nicht zu finden in der Lage war? War das ein Held? Sporn wusste, von Äußerlichkeiten sollte man sich nicht leiten lassen. Wie verschlagen doch schöne Menschen sind, wie ehrlich doch der Bucklige. Das alles vermochte keinen Hinweis auf dringende Fragen zu geben. Hier lag offenbar ein Familienvater, der, so dachte Sporn, dem jungen Sohn das Fluchen verbietet, aber selbst an Menschen Hand anlegt. Ein regelrechter Teufel. Wenn Sporn überhaupt ein Gefühl für Menschen hatte, dann war es der Ekel vor diesen Wesen, die nach außen Mäßigung heuchelten und in ihrem Innern Monstren waren. Zu seltsam nur, dass diese Beschreibung exakt auf ihn selber zutraf.
Er schwebte über dem Bett des Ehepaars, seinen weiten Mantel aufgespannt. Er war gekommen, um die Wahrheit zu erfahren. Aus seinem Ring rieselte ein Granulat in den Mund der Frau, löste sich leicht sprudelnd im Speichel auf, entließ ein Gas, bläulich-rot, das kurz mit dem Atem den Körper verließ, dann mit dem nächsten Atemzug aber gänzlich inhaliert wurde. Ein Effekt, den er noch nie beobachtet hatte. Er wusste nicht, dass sie bereits mit Giften gesättigt schlief, in Dosen, die selbst der Heiler nicht kannte. Ihr Atem erlahmte kurz, als ob sich der Körper wunderte, was ihm nun wieder geschah. Wohl waren ihm noch erinnerlich die Kräuter des Heilers, die vor Stunden die Pein der Mutter betäubten und ihre Wirkung noch nicht aufgegeben hatten, verstärkt durch den zweiten Becher, den sie nach kurzem Erwachen gefunden hatte, vergessen vom Heiler beim eiligen Aufbruch mit Elias. Die dritte Gabe an jenem Abend versenkte die mollige Frau und entließ sie in tiefster Entspannung in ein Koma, das sie für lange Zeit dem Kommenden restlos entzog.
Sporn wandte sich nun Elias zu, den er fast zärtlich in seiner Erschöpfung beobachtete. Den aufgerissenen Mund, den feinen Speichelfaden, der aus seinem Winkel lief. Wie hieß es? ? Nicht für diese Menschen. Da würde keine Tageszeit ihr Edelmetall entbehren. Ihr Lohn war das Leben, das sie führten. Und das jenes Mannes würde bald um eine Facette reicher sein. Um die Facette der Angst.
Ein Faustschlag weckte den Schlafenden, der erschrocken, die Hand am Gesicht, hochfuhr und um Fassung suchte. Sporn huschte neben ihn, packte ihn am Kragen und zog ihn vom Bett. Hilflos ließ Elias alles mit sich geschehen. Ihm war körperliche Gewalt fremd. Aber selbst ein kampferprobter Mann hätte sich Sporn nicht erwehren können.
»Du bist es also. Ich hätte noch ein paar Fragen.«
Und in den nächsten Stunden fragte er immer wieder und bekam immer die gleiche Antwort.
3
Maria und Stanislas blieben noch Stunden liegen, um den stillen, leicht summenden Charme der Dachkonstruktion auf sich wirken lassen. Sie wurden für einen kurzen Moment Teil des Luftzugs, der durch die Räume ging, Teil des Staubs, der sich überall legte, Teil des Holzes, das totgeschlagen doch lebendig im Gebälk arbeitete und Wärmeschwankungen, Feuchtigkeitsgraden und mechanischen Belastungen nachgab.
Maria dachte nach. Wie mochte ihre Rückkehr aussehen? Wie würde Elias reagieren, wenn sie auch noch einen unbekannten Mann mitbrächte? Und was, wenn Elias herausfände, wer dieser unbekannte Mann war? Selbst wenn er ihr das Wegschleichen, den Alleingang, die Vernachlässigung ihrer Pflichten verzieh, selbst wenn sie es wieder schaffen würde, den Zwist zwischen ihnen glatt zu bügeln; Was würde passieren, wenn er wüsste, dass Stanislas der König war? Die Kluft zu den Adligen war viel zu groß, als dass er plötzlich ihren ersten Vertreter als Clanmitglied aufnehmen konnte. Auch, wenn Stanislas wahrscheinlich in Ungnade gefallen war. Sie, die gefallen waren, die hatten doch immer schon Aufnahme in der Waschküche gefunden! Es war ein Gesetz. Man müsste Elias täuschen, bis er ihn in sein Herz geschlossen hätte. Wenn das geschah, bevor er von seinem Amt wüsste, dann bestand eine Chance.
Aber würde Stanislas in der Waschküche zurechtkommen? Der Dreck, das aggressive Wasser, die ätzende Luft? Sie schaute auf seinen Körper, der schmal und inniglich neben ihr lag. Ein kleiner Schmutzfleck im Gesicht des jungen Mannes, das leicht unordentlich gewordene Haar. Es wirkte so verletzlich. Ihn am Waschtrog zu sehen, einen Tag nur, das zerriss ihr das Herz. Sie spürte, dass sie dem König, dem Adligen in ihm, mit Verachtung begegnet war. Doch für den jungen Mann dort, der einer neuen Zukunft entgegen blickte, für den vermochte sie mehr zu empfinden. Aber dieser Mann musste erst wachsen.
»Stanislas, ich mache mir Sorgen«, flüsterte sie in die Stille. »Ich weiß nicht, ob du im Keller gut aufgehoben bist. Das Leben dort, es ist hart. Es ist die Kehrseite dessen, was du kennst. Und man wird dich nicht lieben. Weißt du, was du auf dich nimmst?«
»Du kennst nicht die Regeln, die am Hofe herrschen«,...




