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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 303 Seiten

Reihe: Charly Valentin

Peter Teufelsstein

Charly Valentins zweiter Fall
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86913-402-4
Verlag: ars vivendi Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Charly Valentins zweiter Fall

E-Book, Deutsch, Band 2, 303 Seiten

Reihe: Charly Valentin

ISBN: 978-3-86913-402-4
Verlag: ars vivendi Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf dem sagenumwobenen Teufelsstein in Ingolstadt wird eine junge Frau mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Ein Ritualmord mit satanistischem Hintergrund? Oder tödliches Ende eines Beziehungsdramas? Erst allmählich gelingt es Charly Valentin und seinem Team, das Leben der Toten zu rekonstruieren. Dabei stoßen sie auf eine Vielzahl pikanter Details: So hatte sie unter dem Namen Chantal als Prostituierte gearbeitet, eine Beziehung zum zwielichtigen 'Bautzen-Mike' und eine Affäre mit einem verheirateten EU-Abgeordneten unterhalten. Auch einem unbekannten, dritten Mann aus ihrer Vergangenheit sind die Ermittler auf der Spur. Doch dann wirft ein weiterer Mord in München neue Rätsel auf...

Thomas Peter, 1964 in Ingolstadt geboren, ist seit nunmehr 30 Jahren im Polizeidienst tätig und verbrachte beinahe die Hälfte dieser Zeit bei der Kripo Ingolstadt. Als Kriminalhauptkommissar kann er sich über einen Mangel an Stoffen für packende Kriminalromane nicht beklagen. Sein Erstlingswerk 'Bauernopfer' erschien 2011 bei ars vivendi. Zusammen mit seiner Frau, seinen drei Töchtern und einem Hund lebt er in Baar-Ebenhausen, südlich von Ingolstadt.
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Eins

Charlys Muskeln gehorchten den Befehlen seines Gehirnes nicht. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht davonlaufen. In Zeitlupe schob er sich durch den knirschenden Schnee vorwärts, quälend langsam, Zentimeter um Zentimeter dem rettenden Dorf entgegen. Dort strahlten die Fenster und versprachen Sicherheit und Geborgenheit in den geheizten Stuben. Doch vom Dorf trennte ihn eine weite, unberührte Schneedecke, die im kalten Licht des Vollmonds dunkelblau funkelte. Aber Charly fühlte die Kälte nicht, im Gegenteil, die Panik trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Bald würde ihn der Allgäuer Kollege eingeholt haben, der in seinen klobigen Moonboots hinter ihm her stapfte. Charly konnte noch nicht verstehen, was der Mann in dem zu engen Trachtenjanker ständig brabbelte. Genauso wenig konnte er erkennen, was der Verfolger wie ein Heiligtum vor sich her trug. Er war nur noch wenige Schritte entfernt, und Charly kam nun überhaupt nicht mehr voran. Ständig rutschte er auf dem Schnee aus. Jetzt konnte er erkennen, dass der Kollege einen dampfenden Teller Kässpätzle mit Röstzwiebeln in den Händen hielt. Und nun verstand er auch, was der Verfolger permanent vor sich hin schwäbelte. »Woisch, dann hättscht’ ou nit immer die Problämä mit deina Verdauung. Desch duad ou Dia guad.«

Charly war sich sicher, dass die Fäden des schmelzenden Käses ihn gleich umschließen und fesseln würden und er, zur Bewegungsunfähigkeit verdammt, erfrieren, ersticken, verhungern, verdursten oder sonst irgendwie sterben würde. Doch als der Kollege unmittelbar vor ihm stand und Charly schon das herzhafte Aroma des geschmolzenen Bergkäses zu riechen glaubte, war der Kässpatzenteller verschwunden. Stattdessen schwenkte der gedungene Mörder zwei große Kuhglocken, die sich jedoch gar nicht wie Kuhglocken anhörten – irgendwie ganz anders, so dudelig. Schließlich beugte der vollbärtige Yeti-Verschnitt sich nach vorne und schlug die Glocken gegen Charlys Schulter – und langsam veränderte sich das Gesicht des Angreifers.

Petra hatte den Anruf entgegengenommen und versuchte seit geraumer Zeit, Charly wachzurütteln. Endlich öffnete er die Augen und blinzelte seine Frau verwirrt an.

»Für dich, Schorschi«, gähnte sie, hörte auf, seine Schulter zu malträtieren und hielt ihrem Mann den Hörer hin.

»Valentin«, nuschelte Charly, während er das Dunkel des nächtlichen Schlafzimmers nach dem kuhglockenschwingenden Hünen absuchte.

»Moing, Charly! Da is der Sepp, KDD. Entschuldige, dass ich dich so früh aufweck.«

Charly drehte sich um und blinzelte zum Radiowecker. 4:15 leuchtete dort in roten Ziffern. Was bedeutete das? Hatte er verschlafen? War heute Sonntag, oder Samstag, oder Mittwoch? Allerheiligen oder Weihnachten?

»Kein Problem, ich muss jetz sowieso glei aufstehen – irgendwann – glaub ich.«

»Na ja, jetzt vielleicht eigentlich noch ned, oder? Aber des hilft jetz nix. Du bist auf jeden Fall der Einzigste vom K1, der ans Telefon geht.« Es war noch zu früh, um Sepp auf seinen falsch gesteigerten Superlativ hinzuweisen. Man konnte hören, dass er unter Stress stand. Vermutlich ärgerte er sich auch über die erfolglosen Versuche, jemanden vom Mord- und Totschlagskommissariat zu erreichen. Langsam verfingen sich Charlys Gedanken wieder in der Realität, und seine geistigen Zahnräder rasteten nach und nach ein: Heute war Montag, es war Anfang April, und 4:15 Uhr bedeutete, dass er eigentlich noch gut zwei Stunden schlafen könnte, bevor er zum Dienst musste.

Sepp war ein junger Kommissar im Kriminaldauerdienst. Dieser KDD existierte bei der Ingolstädter Kripo seit Anfang des Jahres. Im Zuge einer Polizeireform hatte man sechzehn junge Beamte aus allen Dienststellen zusammengezogen, ihnen eine kurze Ausbildung angedeihen lassen und sie in ein Großraumbüro gesetzt. Rund um die Uhr, hauptsächlich jedoch außerhalb der Bürozeiten und an den Wochenenden, deckten sie das Aufgabenspektrum der Kripo ab und machten den bisher praktizierten Bereitschaftsdienst damit überflüssig. Routinefälle erledigten sie selbstständig. Bei außergewöhnlichen Sachverhalten kümmerten sie sich um die ersten kriminalpolizeilichen Maßnahmen und verständigten die Ermittler der Fachkommissariate. Und genau das versuchte Sepp offenbar seit geraumer Zeit.

Charly setzte sich im Dunkeln auf. »Um was geht’s denn, Sepp?«

»Wir habn da eine Leiche, eine weibliche Frau.«

Entweder war Sepp sehr aufgeregt oder am Ende der Nachtschicht gehörig übermüdet. »So um die dreißig, Personalien nicht bekannt«, fuhr er fort.

»Und warum is’ tot?«, fragte Charly, der bis jetzt der Schilderung noch nichts Außergewöhnliches entnehmen konnte.

»Hals durchgschnitten!«

»Na bravo! Is der Täter bekannt?«

»Dann hätt ich dich ja wohl ned um vier in der Früh angrufen, oder.« Obwohl sich Charly sicher war, dass der Kollege vom KDD bei einem derart martialischen Sachverhalt auch mit einem verhafteten Täter angerufen hätte, verzichtete er auf einen Widerspruch.

»Und wo is des?«

»Am Stein.« Charly wartete eine Weile, aber es kam keine genauere Beschreibung von Sepp. Die Straße Am Stein lag mitten in der Altstadt und war nicht besonders lang. Aber hinter den renovierten Fassaden der stattlichen Geschäftshäuser fanden sich trotzdem zahlreiche Wohnungen.

»Und wo genau da?«

»Na, am Stein halt, direkt bei diesem Pflasterstein, auf diesem … ähh … Teufelsstein.«

Charly mochte keine Kaltstarts in den Tag. Er war nicht der Typ Doppel-Null-Agent, der bereits in dem Moment, unmittelbar bevor er die Augen aufschlug, den ersten logischen Gedanken fassen konnte. Bei ihm dauerte das Hochfahren immer ein wenig länger, und normalerweise gelangen ihm die wichtigen und so richtig logischen Gedanken nicht vor dem ersten Kaffee am Morgen. Er war dankbar, dass es für Anfang April viel zu mild war. So musste er wenigstens nicht frieren, als er kurz vor fünf seinen Wagen in der Fußgängerzone neben der Oberen Apotheke abstellte. Von dort betrachtete er die Situation an der gegenüberliegenden Hausecke. Die Blaulichter eines Streifenwagens und eines Sankas zuckten asymmetrisch und tauchten die Giebel der Geschäfte in ein bläuliches Gewitter. Zusammen mit dem Audi des KDD und dem VW-Bus der Spurensicherung bildeten die Einsatzfahrzeuge eine unrunde Wagenburg um die Hausecke, an der ein rötlicher Marmorquader in den Boden eingelassen war.

Von den Scheinwerfern des A6 aus griffen grelle Lichtfinger nach einem Bündel, das dort unter einer schwarzen Plastikplane lag, als müssten sie es genau auf dem Marmorquader festhalten. Zusätzliches Licht, diffuser und wärmer als die Autoscheinwerfer, fiel aus dem Schaufenster eines Fotogeschäfts und von den nahen Laternen auf die Szenerie.

Die Kollegen aus dem Streifenwagen, die Besatzung des Sankas und die beiden Kollegen vom KDD hielten sich innerhalb der Wagenburg auf und ihre Gespräche, obwohl nicht sonderlich laut geführt, hallten durch die menschenleere Fußgängerzone. Es war sogar Gelächter zu hören, als Sepp eine dumme Bemerkung über Frauen machte, die beim Shoppen den Hals nicht voll bekämen. Charly buchte es unter Traumabewältigung ab und ärgerte sich nicht weiter.

»Moing, Charly, komm her!« Sepp wirkte erleichtert, als er seinen Kollegen erblickte. Erst als Charly näher kam, sah er, dass auch Bernd Fischer vom Erkennungsdienst bereits aktiv war. Auf den Knien rutschte er in einem weißen Papieranzug auf dem Boden herum und sammelte Zigarettenkippen auf, verstaute sie einzeln in Pergamintütchen und beschriftete diese säuberlich.

»Guten Morgen Herr Oberkommissar Valentin«, flachste Fischer, als er ihn bemerkte. »Auch schon ausgeschlafen?«

»Moing, Bernd. Schon länger da?«

»Oh, mei! Bis du ausm Bett kommst, mach ich da alles fix und fertig.«

»Also, Charly«, mischte sich Sepp ungeduldig ein, »die Zeitungsfrau hat’s gfunden.« Er deutete auf das Bündel unter der schwarzen Plane, das direkt an der Hausmauer lag und vor dem sie jetzt zu dritt standen. »Wie schon am Telefon gsagt: Junge Frau, vielleicht dreißig, und mehr wissen wir auch schon ned. Keinerlei Ausweis, Papiere oder sonst was dabei.« Er beugte sich nach unten, zog die schwarze Folie zurück und gab damit den Blick auf die Leiche der Frau frei.

Was Charly als Erstes ins Auge stach, war die klaffende Schnittwunde mit verkrusteten Bluträndern an dem langen, dünnen Hals. Erst als er diesen makabren Anblick verdaut hatte, konnte er den Rest der Leiche begutachten. Ein zerzauster, blauschwarzer Pony zog sich quer über die Stirn und reichte bis knapp über die Augen. Die fransigen, kurz geschnittenen Haare wirkten gefärbt. Wie Klavierlack, dachte Charly. In dem schmalen, bleichen Gesicht vermochte Charly keinen Ausdruck zu erkennen. Weder wirkten die Züge entspannt oder friedlich, wie es überraschenderweise auch bei Mordopfern ab und zu zu sehen war, noch erweckten sie den Anschein von Angst oder Panik, wie man es aufgrund ihres Schicksals hätte erwarten können. Die Augen waren geschlossen. Der schlanke Körper war, soweit es die zusammengekauerte Stellung erkennen ließ, wohlproportioniert. Charly glaubte, einen süßlichen, schweren, aber doch fruchtigen Duft wahrzunehmen. Jenes Aroma, das an der Großhirnrinde die zuständigen Rezeptoren für schlüpfrige, anstößige Fantasien wachrüttelte, ohne dass man jedoch den Duft einer bestimmten Marke oder gar einem einzelnen Parfum zuordnen konnte. Die glänzend schwarz lackierten Fingernägel mit den aufgeklebten Strasssteinchen wirkten an den leichenblassen Fingern...



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