E-Book, Deutsch, 878 Seiten
Peter Die Küste der Freiheit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9078-0
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 878 Seiten
ISBN: 978-3-7325-9078-0
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine starke junge Frau auf der Suche nach Freiheit und Liebe - die große Auswanderersaga
Hessen, 1776: Als ihr geliebter Lorenz mit seinem Regiment nach Amerika in den Krieg geschickt wird, ist Anna zutiefst verzweifelt. So verzweifelt, dass sie sich als Schuldmagd in die amerikanischen Kolonien verkauft, um Lorenz zu suchen. Nach der beschwerlichen Überfahrt in die Neue Welt landet Anna auf einer Tabakplantage in Virginia - und wird kurze Zeit später wegen Hexerei verurteilt. Lorenz hat mittlerweile erfahren, dass sie ihm gefolgt ist und unter schrecklichen Bedingungen lebt - doch wird er rechtzeitig zu ihr kommen, um sie zu vor der drohenden Hinrichtung zu retten?
Eine epische Saga über eine Welt im Umbruch, in der alte gesellschaftliche Ordnungen ihre Gültigkeit verlieren - und eine große Liebe im Schatten des Krieges.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
Maria W. Peter ist seit Langem von Amerika begeistert. Während ihres Studiums der Amerikanistik und Anglistik war sie Mitglied eines amerikanischen Chors auf dem Militärstützpunkt in Kaiserslautern und pflegte intensive Kontakte zu amerikanischen Familien. Später lebte sie in Columbia, Missouri, wo sie als Fulbright-Stipendiatin die School of Journalism besuchte. Dort erlag sie endgültig der Faszination amerikanischer Kultur und Geschichte. Heute ist sie als freie Autorin tätig und pendelt zwischen dem Rheinland und dem Saarland.
Besuchen Sie die Autorin im Internet unter: https://www.mariawpeter.de.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1
Dorf Berich, Fürstentum Waldeck-Pyrmont,
September 1775
Ein erbärmliches Wimmern erfüllte die stickige Luft in der Hütte, deren Fenster lediglich mit schmutzigen Stofffetzen verhangen waren. Zuerst schwach und hilflos, steigerte es sich langsam zu einem herzerweichenden Schreien, während Anna den dämmrigen Raum durchquerte und ihre Hände in einen Bottich tauchte. Das Blut, das sie sich abwusch, färbte das warme Wasser dunkel. Am Stoff ihrer Schürze rieb sie sich die Finger trocken, strich sich über die erhitzte Stirn und hörte zufrieden, wie das Schreien verebbte.
Mit einem müden Lächeln näherte sie sich dem Bett der jungen Mutter, die noch ein wenig unbeholfen ihren Säugling im Arm hielt, der sich unter der Wärme der Decke beruhigte. Leicht berührte Anna sein Köpfchen, an dem der Flaum feuchter Haare klebte. Jedes Mal aufs Neue erschien ihr die Geburt eines Menschen wie ein Wunder, ein Geschenk Gottes.
Einen Moment lang ruhte ihre Hand auf dem Neugeborenen, dann schloss sie die Augen und sprach ein kurzes Gebet, bevor sie wieder in die Gegenwart zurückkehrte und an die Gefahr dachte, der sie sich durch ihre Anwesenheit hier aussetzte.
»Ich muss jetzt aufbrechen«, sagte sie leise. »Bald geht die Sonne auf, und es wäre nicht gut, wenn ich bis dahin nicht zurück bin.«
Während die junge Mutter ihr lächelnd zunickte, stand der Vater des Kindes, ein einfach gekleideter Bauer, etwas unsicher neben dem Bett. Jung und unerfahren, wie er war, würde er es nicht leicht haben, für den Lebensunterhalt seiner Familie zu sorgen. Doch dies war seine Aufgabe.
Aus Erfahrung wusste Anna, dass beim ersten Kind die Freude meist noch groß war. Wenn aber dann die Familie ständig wuchs und es immer mehr hungrige Mäuler zu stopfen galt, hielt in vielen Familien die Not Einzug.
Schweigend nahm sie ihren Umhang, den sie auf einem Stuhl neben dem Bett abgelegt hatte, gab noch Anweisungen, das Wasser im Bottich zu erneuern und die blutigen Leinentücher zu waschen. Dann schlug sie die Kapuze über ihren Kopf, trat durch die Tür nach draußen und atmete tief die kühle Septemberluft ein. Am Horizont war bereits ein grauer Streifen zu sehen. Dunstschwaden stiegen aus der nahegelegenen Eder auf und schwebten gespenstisch über dem Wasser.
Obwohl sie die ganze Nacht über gewacht hatte, fühlte sich Anna nicht müde, eher leicht und ein wenig schwindelig. Ihre Rocksäume schleiften über den feuchten Boden, als sie den steilen Rückweg durch den herbstlichen Wald antrat. Noch immer verweilten ihre Gedanken bei dem Neugeborenen, dem sie gerade auf die Welt geholfen hatte, während ihr Magen mit einem leisen Rumoren signalisierte, dass sie lange nichts mehr gegessen hatte.
Morgennebel hing über dem taufeuchten Gras, das Grau am Horizont löste sich allmählich auf und nahm die unterschiedlichsten Rosatöne an. In der Luft hing der vertraute Geruch nach trockenem Stroh, reifen Äpfeln und abgeernteten Feldern.
Es war kein allzu weiter Weg vom Dorf Berich zurück nach Waldeck, wo Anna und ihr Vater Zuflucht gefunden hatten, als sie ihre Heimat auf dem Weyerhof im vergangenen Frühjahr aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit verlassen mussten. Dem dortigen Fürsten von Nassau-Weilburg waren Mennoniten wie sie – abschätzig auch Wiedertäufer genannt – nicht sonderlich willkommen. Aus diesem Grunde durfte in seinem Fürstentum die mennonitische Bevölkerung eine bestimmte Anzahl nicht überschreiten. Dies hatte zur Folge, dass viele von ihnen, gerade junge Menschen, immer wieder gezwungen waren, ihr Glück in der Fremde zu suchen.
Es waren Glaubensbrüder aus dem unweit von Cassel gelegenen Fürstentum Waldeck-Pyrmont, die sich bereit erklärt hatten, Anna und ihren Vater in ihrer Mitte aufzunehmen. Als amische Täufer, einer besonders strenggläubigen Ausrichtung, unterschied sich die Waldecker Gemeinde jedoch in manchen Traditionen deutlich von dem, was Anna von ihrer Heimat her kannte. Gleichwohl war die Geschwisterlichkeit im gemeinsamen täuferischen Glauben ein spürbarer Trost für sie, der ihr, nach allem, was hinter ihr und ihrer Familie lag, das Gefühl von Sicherheit verlieh. Und an diesem seltsam verzauberten Herbstmorgen war Anna bereit zu glauben, hier, bei den Amischen in Waldeck, wirklich eine neue Heimat gefunden zu haben.
Ein plötzliches Knacken von Zweigen ließ sie zusammenfahren. Unvermittelt stieg das Gefühl einer drohenden Gefahr, die im Verborgenen lauerte, in ihr auf. Wurde sie beobachtet? Ihr Herz hämmerte wie wild, als sie stehen blieb und sich umschaute. Doch sie sah nur eine Krähe, die über die sich schon gelb verfärbenden Bäume flatterte, und eine streunende Katze, deren grünliche Augen aus dem Unterholz leuchteten.
Angeblich sollte dieser Landstrich verwunschen sein. Kein Wunder, dass Geschichten von Geistern, Hexen und Zauberern die Runde machten und sich viele des Nachts gar nicht mehr in den Wald trauten. Dieser Aberglaube hatte Anna gelehrt, ihr heilkundliches Wissen zurückhaltend einzusetzen, um den Leuten keinen Anlass zu Gerede und Verdächtigungen zu geben. Ohnehin standen die häufig auf abgeschiedenen Pachthöfen lebenden Täufer bei den Dorfbewohnern in dem Ruf, fremdartig und eigenbrötlerisch zu sein, ja im Bunde mit den unterirdischen Mächten zu stehen. Da musste man den Gerüchten nicht noch weitere Nahrung liefern.
Anna fürchtete sich weder vor Hexen noch vor Gespenstern. Doch zwischen den vom Nebel verhangenen Bäumen lag der Hauch einer wirklichen Gefahr. Sie glaubte, ein gehetztes Atmen zu hören.
Erschrocken raffte sie die Röcke und wollte ihre Schritte beschleunigen. Ein erneutes Knacken ließ sie herumfahren. Hinter einer der dicken, knorrigen Eichen sprang eine Gestalt hervor, hatte sie mit wenigen Schritten erreicht, packte sie und presste ihr eine schwielige Hand auf den Mund. Wie eine kalte Woge schwappte Panik über sie und raubte ihr den Atem, sodass bunte Sterne vor ihren Augen tanzten.
»Nicht schreien, Mademoiselle! Nicht schreien!«
Verzweifelt wand sich Anna im Griff des Mannes, unfähig, um Hilfe zu rufen.
»Versprich mir, still zu sein! Dann lass ich dich los.«
Ihr fehlte die Kraft, um sich zu rühren.
Der Fremde schüttelte sie so fest, dass sie fast das Bewusstsein verlor.
»Hast du gehört?«, zischte er. »Du sollst nicht schreien, oder …«
Ein Zittern hatte sich in Annas Körper ausgebreitet, und nur unter Aufbietung all ihrer Willenskraft gelang ihr ein Nicken.
Vorsichtig, als traue er ihr nicht, lockerte der Mann den Griff, löste seine Finger aus ihrem Gesicht und gab sie schließlich frei. Wie eine Ertrinkende rang sie nach Luft und wäre beinahe zu Boden gestürzt, doch mit einem Ruck riss der Fremde sie herum, sodass sie ihn direkt anschauen musste.
Ein dunkelgrüner Rock, rote Aufschläge und messingfarbene Knöpfe. Ein Soldat, einer der Hessischen. Aber was …
»Hör zu, du musst mir helfen. Ich brauche einen Unterschlupf! Schnell!«
Ungläubig vor Überraschung starrte sie ihn an. Sie sollte ihn verstecken? Einen Soldaten? Einen von denen, die bereit waren, auf bloßen Befehl hin Tod und Krieg über ein Land zu bringen, statt auf Gottes Weisungen der Gewaltlosigkeit und des Friedens zu hören?
Aber weshalb?
Anna bemerkte seinen gehetzten Blick, sein unrasiertes Gesicht, die zerrissenen, mit verkrustetem Schlamm bedeckten Leinenhosen, und plötzlich begriff sie: Er war ein Entlaufener, ein Deserteur! Aus Gründen, die sie nicht kannte, hatte er sein Heil in der Flucht gesucht, Leib und Leben riskiert, um das blutige Handwerk des Soldatenlebens hinter sich zu lassen, wohl wissend, dass ihm bei Gefangennahme Hiebe und Demütigung drohten, wenn nicht gar der Tod. Und nun bat er sie um Hilfe.
Noch immer raste Annas Herz, und das Blut rauschte in ihren Ohren. Dort, wo der Soldat sie festgehalten hatte, brannte ihr Arm, ebenso wie ihr Gesicht. Ein irrer Glanz lag in seinen Augen, und sie wünschte sich weit weg, in die Sicherheit ihrer Hütte.
Aber hatte sie das Recht, ihm ihre Unterstützung zu verweigern, wenn er den Willen hatte, dem Kriegshandwerk abzuschwören? Sie, Anna Hochstetter, deren Vorfahren für ihren Glauben und ein Leben in Gewaltlosigkeit Verachtung, Vertreibung und sogar den Tod riskiert hatten?
Zögernd nickte sie dem Fremden, der noch immer schwer atmend vor ihr stand, zu. »Kommt mit mir!«
Obgleich eine innere Stimme sie davor warnte, ihm zu trauen, ging sie an ihm vorbei. Ein gepresstes Aufatmen und das Rascheln seiner Schritte zeigten ihr, dass er ihr folgte.
Die ersten mit Lehm verputzten Fachwerkhäuser tauchten vor ihnen auf, und Anna blieb einen Moment stehen, um das friedlich daliegende Waldeck zu betrachten, über dessen Schloss bereits die Sonne aufstieg. Doch das angespannte Keuchen neben ihr erinnerte sie daran, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte, und so beschleunigte sie ihren Schritt und erreichte schließlich den etwas außerhalb gelegenen Pachthof, in dem um diese Zeit ein geschäftiges Leben erwachte.
Zielstrebig hielt sie auf eine der Scheunen zu, die im Winter auch als Stall genutzt wurden. Gerade wollte Anna die grob behauene Holztür öffnen, als sie aufgeregte Stimmen, Hufgetrappel und schwere Schritte vernahm. Da ihr das Gebäude jedoch den Blick versperrte, konnte sie nicht sehen, was da vor sich ging.
Einen kurzen Moment lang war sie versucht, nachzuschauen, aber der Soldat packte sie am Ellbogen und zerrte sie grob zurück.
»Mademoiselle, bitte!«, zischte er.
Anna gab sich einen Ruck und öffnete die Tür. Sie schaute sich nach allen Seiten um und spähte hinein, um sich zu vergewissern, dass sich niemand dort...




