E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Invita
Peter Der Schatz Salomos
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-98357-0
Verlag: Piper Schicksalsvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 400 Seiten
Reihe: Invita
ISBN: 978-3-492-98357-0
Verlag: Piper Schicksalsvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon früh entdeckte Maria W. Peter ihr Interesse an Literatur und Geschichte, wobei sie besonders das Römische Reich faszinierte. Parallel zum Studium arbeitete sie als Journalistin, als Fulbright-Stipendiatin besuchte sie die renommierte 'School of Journalism' in Columbia/Missouri. Nach ihrer Rückkehr aus Amerika begann sie mit der Arbeit an ihrem ersten »Invita«-Krimi. Seither wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Homer für den besten historischen Roman des Jahres. Auch ihr neues Buch ist in Zusammenarbeit mit namhaften Historikern und Archäologen entstanden und führt in die versunkene Welt der Römer, Kelten und Germanen am Rhein. Maria W. Peter ist als freie Autorin tätig und pendelt zwischen dem Rheinland und dem Saarland.
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KAPITEL I
Kann man so etwas je vergessen?
Vergessen, wie es sich anfühlt, von groben Händen gepackt, mit rauen Stricken gebunden und vor den Herrn geschleppt zu werden? Starr vor Angst, welche Strafe diesmal zu erwarten ist.
Den Schmerz, wenn dein Arm auf den Rücken gedreht wird und sich fleischige Finger auf deinen Mund pressen, um zu verhindern, dass du schreist, während sie dich die Treppe hinabstoßen und in einen dunklen, stinkenden Verschlag werfen, wo die Ratten auf dich warten?
Vielleicht. Irgendwann.
Doch niemals werde ich den Tag vergessen, als ich, noch vor dem Morgengrauen aus dem Schlaf gerissen, an Händen und Füßen angekettet, mit der Peitsche hinaus auf den Hof getrieben und in einen Wagen gestoßen wurde, der mich fortschaffen sollte. Fort von allem, was ich kannte und mir vertraut war. Ohne zu wissen, wie mir geschah.
Weggerissen und verkauft. Den Fluss hinab. Ins Ungewisse.
»Ist alles in Ordnung mit dir?« Eine leise Stimme riss mich ins Hier und Jetzt zurück. Besorgt blickten mich ein Paar heller Augen an. »Du bist seit einer Weile so still.«
Meine Erinnerungen verdrängend, zwang ich mich zu einem Lächeln. »Es ist nichts, Herrin. Wahrscheinlich nur die Hitze … Doch kann es jetzt nicht mehr lange dauern, bis wir da sind.«
Seit einigen Tagen befand ich mich mit dem Zug des römischen Statthalters – des Legatus Augusti pro Praetore – auf dem Weg von Treveris nach Divodurum, wo dieser Gericht zu halten gedachte, um dessen Tochter Marcella als persönliche Zofe und Schreiberin zur Hand zu gehen.
Fast ohne Unterbrechung waren wir auf den staubbedeckten, in der Sonnenglut flimmernden Straßen unterwegs. Dabei waren wir immer wieder auf Gruppen von Flüchtlingen getroffen, die, ein paar Habseligkeiten mit sich schleppend, ihre Landgüter und abgelegenen Gehöfte vor dem Ansturm germanischer Barbaren verlassen hatten und nun Schutz in den umliegenden Städten und befestigten Siedlungen suchten. Mit hoffnungsvollen Augen hatten sie dem Tross des Statthalters hinterhergeblickt, als hegten sie die Erwartung, der mächtigste Mann der Provinz könne sie vor einem schrecklichen Schicksal bewahren.
Von den Hängen des Schiefergebirges um Treveris waren wir weiter flussaufwärts gezogen, wo das Land flacher, die Ebenen breiter wurden. Zwischen den Auen und Wäldern erblickten wir gelegentlich verbrannte Gehöfte und verlassene Häuser, wie eine stumme Warnung, nicht so töricht zu sein, die Gefahr von jenseits des Rheines und Limes zu unterschätzen.
Endlich waren die Dächer von Divodurum vor uns aufgetaucht. Die Erleichterung war bei dem gesamten Tross, der den Statthalter auf seinem Weg begleitete, zu spüren gewesen.
In mir jedoch erweckte der Anblick bedrückende Empfindungen, als würden die mir so vertrauten Gebäude den Schmerz der Vergangenheit wiederaufleben lassen. Denn dies war die Stadt, aus der ich vor einigen Monaten gefesselt hinausgeschleift worden war. Und nun kehrte ich wieder dorthin zurück, offiziell, um die Tochter des Statthalters zu begleiten, in Wahrheit jedoch, um nach Spuren meiner Herkunft zu forschen.
Das ungute Gefühl steigerte sich zur Angst, als der Wagen rumpelnd über eine Brücke fuhr.
Wäre es nicht besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen? Irgendetwas sagte mir, dass ich in dieser Stadt so manches erfahren könnte, was mir nicht gefallen würde. Oder waren es nur die quälenden Erinnerungen, die dieses seltsame Ziehen hinter meinen Schläfen verursachten?
Ein Schatten fiel auf mein Gesicht, als der Wagen durch das Stadttor rollte.
Bekannte Gerüche schlugen mir entgegen – Gerüche meiner Kindheit! Gemächlich folgten wir der breiten Hauptstraße, bis wir auf dem Forum angekommen waren, wo sonst keine Wagen passieren durften. Angeregt ließ ich meinen Blick umherschweifen, wo sich um diese Tageszeit Hunderte von Menschen drängten, gafften, lamentierten oder ihren Geschäften nachgingen.
Wie bekannt mir das alles noch war!
In den neun Monaten meiner Abwesenheit schien sich die Stadt kaum verändert zu haben.
Neun Monate, in denen ich mich anfangs mehr schlecht als recht im Statthalterpalast zu Treveris eingelebt hatte. Eine ereignisreiche Zeit, die mich beinahe das Leben gekostet hätte, in der es mir jedoch gelungen war, von einer Latrinenreinigerin zur Vertrauten Marcellas, der Tochter des Statthalters, aufzusteigen. Daher saß ich nun als deren Begleiterin in dem vornehmen Reisewagen, konnte mir den Schmutz der Straßen vom Leib halten und durch das große Fenster den Menschenauflauf betrachten, der sich bei der Ankunft des obersten Herrn der Provinz auf den Straßen und Plätzen gebildet hatte. Nur mühsam und mit Hilfe der mit Rutenbündel bewaffneten Liktoren war überhaupt ein Durchkommen möglich.
Von draußen drangen die vertrauten Worte des mediomatrischen Keltisch an meine Ohren. Sie klangen weich und ein wenig schleppend im Vergleich zu dem viel härter gesprochenen Treverisch, das ich in den letzten Monaten neben dem allgegenwärtigen Latein oder Griechisch der Reichen und Gebildeten zu hören bekommen hatte.
Ungewollt stiegen heimatliche Gefühle in mir auf. Hier war ich aufgewachsen, inmitten dieser Mauern hatte ich die wohl ersten siebzehn Jahre meines Lebens verbracht, seit mich ein geschäftstüchtiger Sklavenhändler als Säugling an einen vornehmen mediomatrischen Beamten verkauft hatte. Zuvor soll mich irgendeine gute Seele oder ein gerissener Pfennigfuchser, der ein lukratives Geschäft erkannte, wenn er es sah, irgendwo bei Treveris aus dem Straßengraben gezogen haben, in den mich meine Mutter, wer immer sie auch sein mochte, zum Sterben ausgesetzt hatte.
Der Lärm der Menschenmenge draußen schwoll zu einem Dröhnen an. Unter vereinzelte Jubelrufe mischte sich ein anderer, hässlicherer Ton. Irritiert lehnte ich mich aus dem Fenster und blickte nach vorne, an die Spitze des Zuges. Unmittelbar hinter den voranschreitenden Liktoren ritt der Statthalter auf einem prächtigen Schimmel, und das erhabene Purpur seines Umhangs leuchtete im hellen Licht des Junimorgens.
Doch die Menschen ringsum waren alles andere als festlich gestimmt. Vereinzelt hob jemand die Hand, um zu winken, doch waren es meist Kinder und Halbwüchsige am Straßenrand.
Die Erwachsenen schien das ganze Treiben eher zu beunruhigen. Hier und da sah ich in apathische, sogar feindselige Gesichter. Die Menschen waren nicht zusammengekommen, um die Ankunft des Statthalters zu feiern; sie waren einfach da, und es waren viel zu viele. Über dem ganzen Forum lag eine Stimmung, die jeden Augenblick in Aufruhr Umschlägen konnte.
Ruckartig hielt der Reisewagen an und ließ mich nach vorne kippen. Noch bevor ich mich wieder aufrappeln und vergewissern konnte, dass der Herrin Marcella nichts geschehen war, drangen aufgeregte Schreie an mein Ohr.
Alarmiert sprang ich auf und beugte mich erneut aus dem Fenster, konnte wegen des Menschenauflaufs aber nichts erkennen. Als es nach längerer Zeit noch immer nicht weiterging, wandte ich mich an Marcella.
»Soll ich nachsehen, was da los ist, Herrin?« Die Ungeduld, endlich die Stadt zu betreten, in der ich aufgewachsen war, ließ mein Herz schneller schlagen.
»Ich bitte dich darum!«, erwiderte sie mit einem wissenden Lächeln. Sie kannte meine Neugierde.
Im nächsten Augenblick hatte ich auch schon die Tür des Wagens aufgestoßen und stand draußen im Gewühl.
Der Junitag war schwülwarm, und es war abzusehen, dass es mit steigender Sonne noch heißer werden würde.
»Halt! Bleib stehen!« Eine empörte Stimme drang an mein Ohr. »Haltet sie auf! Fangt die Diebin!«
Sofort spannten sich meine Muskeln fluchtbereit, mein Pulsschlag verstärkte sich – bis mir schließlich bewusst wurde, dass nicht ich gemeint sein konnte.
Mein Blick ging in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und ich sah eine Halbwüchsige, die wieselflink über den Marktplatz huschte und jede sich bietende Lücke ausnutzte, um einem fülligen, kurzatmig keuchenden Kerl, der ihr aus Leibeskräften hinterherschrie, zu entkommen. Sie hielt etwas unter den Arm geklemmt, das auf die Entfernung nicht richtig zu erkennen war.
Schnell schlug sie zwei weitere Haken, dann war sie in der Menge verschwunden.
Schnaufend blieb der Händler stehen. Sein feistes Gesicht hatte mittlerweile eine dunkelrote Farbe angenommen, seine Brust hob sich mit ungesunden Pfeiftönen auf und ab. »Du dreckiges Ding! Eines Tages krieg ich dich, und dann kannst du …«
Erst jetzt schien er zu bemerken, dass er mit seiner Verfolgungsjagd den gesamten Zug des Statthalters aufgehalten hatte und die Liktoren nicht die Diebin, sondern ihn mit unwirschem Gesicht betrachteten.
Hastig wischte er sich den Schweiß aus seinem granatapfelroten Gesicht, verneigte sich ungelenk, behindert durch seine Leibesfülle, und bemühte sich, den peinlichen Vorfall zu überspielen. Aufgeregt fuchtelte er mit den Armen in der Luft, während er den Liktoren einen Wortschwall entgegenstieß. Von meiner Position auf der anderen Seite der Straße aus verstand ich nicht viel, doch etwas wie »Lumpengesindel«, »Überfall« und »zur Rechenschaft ziehen« konnte ich beinahe von seinem Lippen ablesen. Wollte er etwa die Männer des Statthalters davon überzeugen, ausgerechnet der oberste Herr der Provinz müsse in der Stadt für Ordnung sorgen? Als würde sich der Legatus mit kleinen Diebereien abgeben. Dafür gab es schließlich die...




