E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Perutz / Müller St. Petri-Schnee
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-552-07284-8
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-552-07284-8
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leo Perutz wurde 1882 in Prag geboren und übersiedelte 1899 mit seiner Familie nach Wien. 1938 emigrierte er nach Tel Aviv. Perutz starb 1957 in Bad Ischl. Sein Werk ist in viele Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen bei Zsolnay die Neuausgaben seiner Romane St. Petri-Schnee (2007), Wohin rollst du, Äpfelchen ... (2011) und Zwischen neun und neun (2017).
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Erstes Kapitel
Als die Nacht mich freigab, war ich ein namenloses Etwas, ein unpersönliches Wesen, das die Begriffe »Vergangenheit« und »Zukunft« nicht kannte. Ich lag, vielleicht viele Stunden lang, vielleicht auch nur den Bruchteil einer Sekunde hindurch, in einer Art Starrheit, und sie ging dann in einen Zustand über, den ich jetzt nicht mehr beschreiben kann. Wenn ich ihn ein schattenhaftes, mit dem Gefühl einer völligen Bestimmungslosigkeit gepaartes Bewußtsein meiner selbst nenne, so habe ich das Besondere und Eigenartige an ihm nur unzureichend wiedergegeben. Es wäre leicht, zu sagen: Ich schwebte im Leeren, — aber diese Worte besagen nichts. Ich wußte nur, daß irgend etwas existierte, aber daß dieses »Irgendetwas« ich selbst war, das wußte ich nicht.
Ich kann nicht sagen, wie lange dieser Zustand währte und wann die ersten Erinnerungen kamen. Sie tauchten in mir auf und zerflossen sogleich wieder, ich konnte sie nicht halten. Eine von ihnen bereitete mir, so gestaltlos sie auch war, dennoch Schmerz oder sie machte mir Angst, — ich hörte mich tief Atem holen, wie unter einem Alpdruck.
Die ersten Erinnerungen, die haftenblieben, waren durchaus gleichgültiger Natur. Der Name eines Hundes, den ich einstmals kurze Zeit hindurch besessen hatte, fiel mir ein. Dann, daß ich einen Band meiner Shakespeare-Ausgabe verliehen und nicht mehr zurückerhalten hatte. Ein Straßenname und eine Hausnummer flogen mir zu, mit denen ich auch jetzt noch kein Ereignis meines Lebens in Verbindung bringen kann, und dann sah ich das Bild eines Motorradfahrers, der mit zwei erlegten Feldhasen auf dem Rücken durch die menschenleere Dorfstraße —, wann war das nur gewesen? Ich entsann mich, daß ich gestrauchelt war, als ich dem Mann mit den beiden Feldhasen auswich, und im Aufstehen hatte ich bemerkt, daß ich meine Taschenuhr in der Hand hielt, acht Uhr zeigte sie, und das Glas hatte ich im Fallen zerbrochen. Ich war mit der Taschenuhr in der Hand ohne Hut und Mantel aus dem Haus —
Bis dahin war ich gekommen, da brachen plötzlich die Ereignisse der vergangenen Wochen auf mich ein mit einer Gewalt, die sich nicht schildern läßt, Anfang, Verlauf und Ende, alles im selben Augenblick, wie Balken und Steine eines zusammenstürzenden Hauses sausten sie auf mich nieder. Ich sah die Menschen und die Dinge, zwischen denen ich gelebt hatte, und sie waren über alle Maßen groß, gespenstisch; riesenhaft und furchterregend erschienen sie mir, wie Menschen und Dinge aus einer anderen Welt. Und in mir war etwas, das wollte mir die Brust sprengen: der Gedanke an ein Glück oder an die Angst um dieses Glück oder an Verzweiflung und zehrendes Verlangen, — das alles sind schwache Worte. Es war der Gedanke an etwas, das sich nicht eine Sekunde lang ertragen ließ.
Das war die erste Begegnung meines erwachten Bewußtseins mit dem ungeheuren Erlebnis, das hinter mir liegt.
Es war zuviel für mich. Ich hörte mich schreien und ich muß wohl den Versuch gemacht haben, die Decke von mir abzuwerfen, denn ich spürte einen stechenden Schmerz im Oberarm, und dann fiel ich —, nein, dann flüchtete ich mich in eine Ohnmacht, die für mich die Rettung war.
Als ich zum zweitenmal erwachte, war es heller Tag. Diesmal gewann ich das vollkommene Bewußtsein meiner selbst sogleich und ohne jeden Übergang. Ich sah, daß ich mich im Zimmer eines Krankenhauses befand, in einem freundlichen, gut eingerichteten Raum, der offenbar für zahlende oder aus irgend einem anderen Grund bevorzugte Patienten bestimmt war. Eine ältliche Pflegeschwester saß beim Fenster, sie war mit einer Häkelarbeit beschäftigt und dazwischen schlürfte sie Kaffee. In einem Bett an der Wand mir gegenüber lag ein Mann mit Bartstoppeln, eingefallenen Wangen und weißbandagiertem Kopf. Er blickte mich unverwandt an aus großen, traurigen Augen und mit einem Ausdruck von Besorgnis im Gesicht. Ich glaube, ich habe durch eine rätselhafte Spiegelung ein paar Augenblicke lang mich selbst gesehen, wie ich dalag, blaß, abgemagert, unrasiert und mit verbundenem Kopf. Doch es kann auch sein, daß ich einen fremden Menschen gesehen habe, einen Patienten, der, während ich bewußtlos war, das Zimmer mit mir geteilt hat. In diesem Fall muß er innerhalb der nächsten Minuten aus dem Zimmer entfernt worden sein, ohne daß ich es merkte. Denn als ich die Augen wieder öffnete, sah ich ihn nicht mehr und auch sein Bett war verschwunden.
Jetzt konnte ich mich an alles erinnern. Die Ereignisse, die mich hierher gebracht hatten, standen klar und festumrissen vor mir, aber sie trugen jetzt ein anderes Gesicht. Sie hatten das Ungeheuerliche, das Beklemmende verloren. Manches von dem, was ich erlebt hatte, erschien mir auch jetzt noch unheimlich, manches rätselhaft und unerklärbar. Aber alle diese Geschehnisse erschreckten mich nicht. Und auch die Menschen sah ich nicht mehr als riesenhaft schwankende, furchterregende Phantome. Sie standen in Tageshelle, sie hatten irdisches Maß, sie waren Menschen wie ich und alle anderen, Geschöpfe dieser Welt. Und sie schlossen sich, unmerklich fast und wie von selbst, meinem früheren Dasein an, die Tage, die Menschen und die Dinge, sie verschmolzen mit ihm, sie waren ein Stück meines Lebens und von ihm untrennbar geworden.
Die Pflegeschwester merkte, daß ich erwacht war, und stand auf. In ihrem Gesicht war ein Ausdruck von selbstzufriedener Einfalt, und jetzt, während ich sie ansah, fiel mir plötzlich ihre Ähnlichkeit mit jenem alten Weib auf, das wie eine Megäre aus dem Haufen der tobenden Bauern hervorgesprungen war und den greisen Pfarrer mit dem Brotmesser bedroht hatte. »Schlagt den Pfaffen nieder!« hatte sie geschrien. Und es schien mir sonderbar, daß sie jetzt hier in meinem Zimmer war, still, geräuschlos und einfältig, und daß sie mich pflegte. Doch indem sie näher kam, verlor sich diese Ähnlichkeit. Ich hatte mich getäuscht. Als sie vor meinem Bett stand, sah ich in ein völlig fremdes Gesicht. Ich hatte diese Frau nie zuvor gesehen.
Sie merkte, daß ich sprechen wollte, und hob abwehrend beide Hände, — das sollte heißen, ich möge mich schonen, das Sprechen tue mir nicht gut. In diesem Augenblick hatte ich plötzlich das Gefühl des »déjà vu«, die Empfindung, als hätte ich dies alles — das Bett, das Krankenzimmer, die Pflegerin — schon einmal erlebt. Natürlich war auch das eine Täuschung, aber die Wirklichkeit, die hinter dieser Empfindung lag, war nicht weniger sonderbar. Ich hatte, dessen entsann ich mich jetzt, in dem westfälischen Dorf, in dem ich Arzt gewesen bin, wiederholt eine Art zweiten Gesichts gehabt, ich hatte den Zustand, in dem ich mich jetzt befand, in manchen Augenblicken hellseherisch vorausempfunden. Das ist die Wahrheit, ich kann sie beschwören, — auf dem Boden Westfalens sind solche Erscheinungen seit jeher beobachtet worden.
»Wie bin ich hergekommen?« fragte ich.
Die Krankenschwester zuckte die Achseln. Vielleicht war es ihr verboten worden, sich mit mir in ein Gespräch über diesen Punkt einzulassen.
»Wie lange bin ich hier?« fragte ich weiter.
Sie schien zu überlegen.
»Es ist jetzt die fünfte Woche«, gab sie nach einer Weile zur Antwort.
— Das ist unmöglich — stellte ich fest. — Draußen schneit es, es ist noch immer Winter. Es können nur Tage vergangen sein, seit ich hierher gebracht worden bin. Vier Tage oder vielleicht fünf. An jenem Sonntag, dem letzten Tag in Morwede, hat es geschneit und es schneit noch immer. Warum lügt sie? —
Ich sah ihr ins Gesicht.
»Das kann nicht stimmen«, erklärte ich. »Sie sagen mir nicht die Wahrheit.«
Sie wurde verwirrt.
»Vielleicht sind es sechs Wochen«, sagte sie zögernd. »Ich weiß es nicht so genau. Ich bin die fünfte Woche hier auf dem Zimmer. Vor mir war eine andere Schwester da. Als ich kam, lagen Sie schon hier.«
»Welchen Tag haben wir heute?« fragte ich.
Sie tat, als hätte sie mich nicht verstanden.
»Welchen Tag im Kalender?« wiederholte ich. »Welches Datum?«
»Den zweiten März 1932«, sagte sie endlich.
»Den zweiten März.« Diesmal sprach sie die Wahrheit, das sah ich ihr an. Das Datum stimmte mit meinen Berechnungen überein. Am 25. Jänner hatte ich meine Stelle als Gemeindearzt in Morwede angetreten. Einen Monat lang, bis zu jenem verhängnisvollen Sonntag, hatte ich in dem kleinen westfälischen Dorf gearbeitet. Ich war seit fünf Tagen hier, das hatte ich nun festgestellt. Warum belog sie mich? Und in wessen Auftrag tat sie es? Wer hatte ein Interesse daran, mich glauben zu machen, ich hätte im Zustand der Bewußtlosigkeit volle fünf Wochen hier in diesem Krankenzimmer verbracht? Es hatte keinen Sinn, weiter in sie zu...




