E-Book, Deutsch, 492 Seiten
Perry Die Schlange von Essex
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-4930-6
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 492 Seiten
ISBN: 978-3-7325-4930-6
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
London 1893. Als Cora Seaborne vom Gerücht hört, der mythische Lindwurm von Essex sei zurückgekehrt und fordere die ersten Menschenleben, macht sie sich auf den Weg in den Küstenort Aldwinter. Cora, eine Anhängerin der provokanten Thesen Charles Darwins, vermutet hinter dem Sagengeschöpf eine bislang unbekannte Tierart. Auch der Vikar von Aldwinter, William Ransome, glaubt den Gerüchten nicht, und versucht, seine Gemeinde zu beruhigen. Zwischen Cora und Will entspinnt sich eine besondere Beziehung und obwohl sie in rein gar nichts einer Meinung sind, fühlen sie sich unausweichlich zueinander hingezogen.
Anmutig und intelligent erzählt dieser Roman - noch vor allem anderen - von der Liebe und den unzähligen Verkleidungen, in denen sie uns gegenübertritt.
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1
Ein Uhr mittags an einem trüben Tag, und auf dem Dach der Sternwarte von Greenwich fiel die Zeitkugel herunter. Eis bedeckte den Nullmeridian, Eis klebte am Takelwerk der breiten Barkassen unten auf der belebten Themse. Die Kapitäne hatten Zeit und Gezeiten abgewartet und setzten im Nordostwind die blutroten Segel: eine Ladung Eisen für die Gießerei von Whitechapel, wo Glocken gegen Ambosse schlugen, als liefe die Zeit davon. Die Zeit wurde hinter den Gefängnismauern von Newgate abgesessen und von den Philosophen auf der Strand verschwendet; die einen verloren Zeit und wünschten, die Vergangenheit wäre Gegenwart, die anderen verfluchten sie und wünschten, die Gegenwart wäre Vergangenheit. Oranges and lemons, riefen die Glocken von St. Clement’s, nur die Parlamentsglocke von Westminster blieb stumm.
An der Börse, wo Männern im Laufe des Nachmittags der Glaube daran abhandenkam, das Kamel könnte doch noch durchs Nadelöhr gehen, war die Zeit Geld, und im Gebäude der Prudential-Versicherungsgesellschaft setzten die langzahnigen Rädchen der Hauptuhr eine elektrische Spannung frei, die ein Dutzend Sklavenuhren zu schlagen zwang. Die Büroangestellten hoben den Blick aus den Akten, seufzten und senkten ihn wieder. Auf der Charing Cross Road hatte die Zeit ihren Triumphwagen gegen eine drängende Flut aus Fuhrwerken und Droschken eingetauscht, und auf den Krankenstationen des St. Bartholomew’s und des Royal London Hospital dehnte sie Minuten auf Stunden aus. In der Wesley’s Chapel sangen die Leute »The sands of time are sinking« und wünschten insgeheim, der Sand könnte ein wenig schneller durchs Uhrglas rieseln, und draußen auf den Gräbern von Bunhill Fields schmolz das Eis.
In den Anwaltskammern Lincoln’s Inn und Middle Temple konsultierten die Advokaten ihre Kalender und sahen Verjährungsfristen enden; in Zimmern in Camden und Woolwich war die Zeit grausam zu Liebespaaren, die sich fragten, wo sie nur geblieben sei; doch schon bald würde die Zeit die üblichen Wunden heilen. In der ganzen Stadt, in allen Häusern und Wohnungen, in besseren Kreisen und schlechter Gesellschaft und der Mittelschicht und dazwischen wurde Zeit verbracht und verprasst, genutzt und vertrieben, und während der ganzen Zeit fiel ein eisiger Regen.
In den U-Bahn-Stationen Euston Square und Paddington strömten die Passagiere durch die Eingänge wie Rohmaterial, das gewalzt und veredelt und später aus der Form gehoben wird. Unter der zuckenden Beleuchtung eines Waggons der Circle Line stellte sich heraus, dass die Times wieder einmal nichts Gutes zu berichten hatte, aus einer Tüte im Gang kullerte Fallobst. Es roch nach Regentropfen auf Regenmänteln. Zwischen den Fahrgästen saß Dr. Luke Garrett in seinen hochgeschlagenen Kragen versunken und sagte sich die Bestandteile des menschlichen Herzens auf: »Rechte Kammer, linke Kammer, vena cava superior«, zählte er sie an seinen Fingern ab in der Hoffnung, die Litanei könnte sein klopfendes Herz beruhigen. Sein Sitznachbar sah ihn verwundert an, wandte sich schulterzuckend wieder ab. »Atrium dextrum, atrium sinistrum«, flüsterte Garrett. Neugierige Blicke seiner Mitbürger war er gewohnt; er hatte keine Lust, sie vorsätzlich auf sich zu ziehen. Der Kobold wurde er genannt, denn selten reichte er an die Schulter eines anderen Mannes heran, und sein beschwingter, energiegeladener Gang ließ stets befürchten, er könnte ohne Vorwarnung auf das nächste Fenstersims springen. Noch durch seine Kleidung hindurch war ihm die Spannung in allen Gliedern anzusehen, und seine Stirn wölbte sich vor, als könnte sie seinen riesigen wilden Intellekt kaum fassen. Eine lange schwarze Haartolle, Rabenfedern gleich, fiel ihm ins Gesicht und bis in die dunklen Augen. Luke Garrett war zweiunddreißig Jahre alt, ein Wundarzt mit unersättlichem, rebellischem Verstand.
Das Licht erlosch und flackerte wieder auf, Garretts Zug näherte sich dem Ziel. In weniger als einer Stunde wurde er zu der Beerdigung eines Patienten erwartet, und nie zuvor hatte ein Mann seine Trauerkleidung so unbekümmert getragen. Der Patient, Michael Seaborne, war vor sechs Tagen an Kehlkopfkrebs verstorben; er hatte die auszehrende Krankheit wie auch die ärztlichen Bemühungen mit derselben Gleichmut erduldet. In Gedanken war Garrett nicht bei dem Toten, sondern bei dessen Witwe, die sich (dachte er lächelnd) jetzt in diesem Augenblick vielleicht die zerzausten Haare kämmte oder merkte, dass am guten schwarzen Kleid ein Knopf fehlte.
Noch nie hatte er einen Menschen auf eine so merkwürdige Weise trauern sehen wie Cora Seaborne, dann wiederum hatte er schon bei seinem ersten Besuch in der Foulis Street gespürt, dass dort etwas nicht stimmte. Die chronische Beklommenheit in den hohen Räumen hatte offensichtlich nichts mit der Krankheit des Hausherrn zu tun. Seinerzeit war es dem Patienten noch relativ gut gegangen, auch wenn seine Krawatten da schon einen Verband verborgen hatten. Die Krawatte war immer aus Seide und immer hell und oft leicht verschmutzt. Dass ein so pedantischer Mensch wie Seaborne einen Fleck übersah, war kaum vorstellbar, und so mutmaßte Luke, der Kranke wolle seine Besucher vorsätzlich belasten. Seaborne hatte es geschafft, durch extreme Schlankheit den Eindruck von Größe zu erwecken, und er hatte so leise gesprochen, dass man sich, wollte man ihn verstehen, tief zu ihm hinunterbeugen musste. Seine Konsonanten zischten, seine Manieren waren tadellos, seine Nagelbetten blau. Er hatte die Erstuntersuchung gefasst über sich ergehen lassen und anschließend eine Operation abgelehnt. »Ich habe vor, die Welt so zu verlassen, wie ich in sie eingetreten bin«, sagte er und tätschelte die Seide an seinem Hals, »ohne eine Narbe.«
»Es gibt keinen Grund zu leiden«, bot Luke ungefragt seinen Rat an.
»Zu leiden!« Offenbar amüsierte die Vorstellung den Patienten sehr. »Eine lehrreiche Erfahrung, ohne Frage.« Und als ergäbe sich das eine aus dem anderen, fragte er: »Übrigens, haben Sie schon meine Frau kennengelernt?«
An seine erste Begegnung mit Cora Seaborne dachte Garrett oft zurück, obwohl auf seine Erinnerung kein Verlass war, hatte er sie doch auf der Grundlage späterer Treffen konstruiert. In jenem Moment war Cora hereingekommen wie bestellt. Sie war auf der Schwelle stehen geblieben, um den Besucher zu begutachten, dann hatte sie den Teppich überquert, sich zu ihrem Mann hinuntergebeugt, ihn auf die Stirn geküsst, sich hinter seinen Sessel gestellt und die Hand ausgestreckt. »Charles Ambrose sagt, kein anderer Arzt als Sie käme infrage. Er hat mir Ihren Artikel über Ignaz Semmelweis zu lesen gegeben. Wenn Sie so gut operieren, wie Sie schreiben, werden wir alle ewig leben.« Die beiläufige Schmeichelei war bestechend. Garrett lachte und beugte sich über die dargebotene Hand. Ihre Stimme war tief, aber nicht leise, und zuerst meinte er, den Akzent von Leuten herauszuhören, die nie länger in ein und demselben Land gelebt haben. In Wahrheit hatte sie einen leichten Sprachfehler, den sie geschickt verbarg, indem sie auf manchen Konsonanten länger verweilte. Ihr Kleid war schlicht und grau, doch der Stoff schillerte wie ein Taubenhals. Sie war groß und nicht schlank, ihre Augen waren so grau wie das Kleid.
In den darauffolgenden Monaten bot sich Garrett mehr als einmal die Gelegenheit, dem Unbehagen, das mit Jod und Sandelholz vermischt in der Foulis Street in der Luft hing, auf den Grund zu gehen. Gequält von unerträglichen Schmerzen sonderte Michael Seaborne eine Boshaftigkeit ab, die wenig mit der üblichen schlechten Laune des Schwerkranken gemein hatte. Seine Frau hielt kühlende Tücher und guten Wein allzeit bereit und lernte schnell, wie man eine Nadel in die Vene sticht; es war, als hätte sie das Handbuch der weiblichen Pflichten bis zur letzten Seite auswendig gelernt. Doch Zuneigungsbekundungen zwischen Cora und ihrem Mann erlebte Garrett nie. Manchmal verdächtigte er sie, das ohnehin schon trübe Lebenslicht ihres Mannes vorzeitig ausblasen zu wollen. Manchmal fürchtete er, sie könnte ihn, wenn er die Spritze aufzog, beiseitenehmen und sagen: »Geben Sie ihm doch mehr … Nur ein kleines bisschen.« Wenn sie sich hinunterbeugte, um das ausgemergelte Heiligengesicht auf dem Kissen zu küssen, geschah es zögerlich, als könnte ihr Mann sich aufbäumen und sie aus reiner Gehässigkeit in die Nase beißen. Pflegerinnen wurden eingestellt, um anzukleiden, auszuleeren und die Laken zu wechseln, hielten aber kaum länger als eine Woche durch. Die letzte (ein folgsames belgisches Mädchen) hatte Luke auf dem Flur fast umgerannt. »Il est comme un diable«, hatte sie gekeucht und beide Handgelenke vorgezeigt, doch Luke hatte nichts Ungewöhnliches erkennen können. Nur der namenlose Hund – loyal, räudig und nie weit von der Bettstatt entfernt – fürchtete den Hausherrn nicht. Oder vielleicht hatte er sich einfach nur an den Mann gewöhnt.
Nach einer Weile lernte Garrett Francis kennen, den stillen, schwarzhaarigen Sohn der Seabornes, und die Kinderfrau Martha, welche zu besitzergreifenden Gesten neigte und häufig ihren Arm um Coras Taille schlang – ein Anblick, der Luke sehr missfiel. Die Untersuchung des Kranken brachte er meist eilig hinter sich (was gab es groß zu tun?), danach wurde er eingeladen, sich ein Zahnfossil anzusehen, das gerade mit der Post gekommen war, oder über sein ehrgeizigstes Vorhaben zu sprechen: die Weiterentwicklung der Herzchirurgie. Er versuchte, Cora zu hypnotisieren – zu Kriegszeiten ein beliebtes Mittel, um die Amputationsschmerzen der Soldaten zu lindern –, oder sie spielten Schach, was unweigerlich damit endete, dass die glücklose Cora sich...




