Perry | Bittere Lügen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Perry Bittere Lügen

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-402795-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-10-402795-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Man hat ihnen das Liebste genommen. Aber was, wenn es die WAHRHEIT, die sie kannten, so nie gab? Psychospannung aus Irland - voll emotionaler Wucht, hintergründig, atemlos In Sekundenbruchteilen liegt ihr Leben in Schutt und Asche. Harry und Robin haben bei einem schrecklichen Erdbeben ihren dreijährigen Sohn Dillon verloren. Auch fünf Jahre später überschattet der unfassbare Verlust, das Gefühl der Ohnmacht und Schuld jede Minute ihres Zusammenlebens. Bis zu dem kalten Wintertag, als Harry denkt, Dillon in Dublin auf der Straße gesehen zu haben. Seither ist er von dem Gedanken besessen, dass sein Sohn noch leben könnte. Und er ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen. Mit unvorstellbaren Folgen ... »Dieses Buch werden Sie nie mehr vergessen - ?Bittere Lügen? ist fesselndes Psychodrama und beklemmende emotionale Reise in einem.« Tana French

Die Autoren Karen Gillece und Paul Perry lernten sich bei einem Literaturfestival in ihrer Heimat Irland kennen und beschlossen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Aus zwei Perspektiven - Karen übernahm die weibliche, Paul die männliche. Karen Perry war geboren, und die Idee ging auf - ihre drei bisherigen Romane, »Bittere Lügen«, »Was wir getan haben« und »Girl Unknown - Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?«, sind »Sunday-Times«-Bestseller. Karen und Paul leben mit ihren Familien in Dublin.
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Prolog


Tanger 2005

Ein Gewitter zieht auf. Er spürt es an der seltsamen Stille, die in der Luft liegt. Nichts bewegt sich, keine Wäsche flattert, kein Windhauch streicht durch die schmalen Straßen von Tanger.

Über den Dächern, hinter den Wäscheleinen, die zwischen den Häusern gespannt sind, sieht er ein Stück Himmel. Es leuchtet sonderbar bläulich und ist durchzogen von Lichtschwaden, die fast aussehen wie Polarlichter.

Er rührt die warme Milch in der Tasse um, blinzelt und betrachtet weiter die sich wandelnden und unwirklichen Farben des Himmels.

Er legt den Löffel auf die Arbeitsplatte, wendet sich vom offenen Fenster ab und geht durch den Raum zu seinem Sohn, der mit hochkonzentriertem Gesicht ein Puzzle macht.

»Hier«, sagt sein Vater und hält ihm die Tasse hin.

Der Junge schaut nicht auf.

»Mach schon, Dillon. Trink.«

Der Junge sieht ihn an und verzieht das Gesicht.

»Nein, Daddy, ich mag nicht.«

Sein Vater hält ihm weiter die Tasse hin. Der Junge zögert, ehe er die Hand ausstreckt, und in diesem Moment spürt Harry ein ganz leises Pochen der Unentschlossenheit. Er ignoriert es und nickt dem Jungen aufmunternd zu. Der Junge nimmt die Tasse und trinkt mit langen, gemächlichen Schlucken. Ein kleines Milchrinnsal läuft ihm aus dem Mundwinkel, und sein Vater wischt es weg. Dillon schluckt ein letztes Mal und gibt die Tasse zurück. »Da, Daddy«, sagt er. »Fertig.«

Harry nimmt die Tasse und geht damit zur Spüle, um sie auszuwaschen. Am Boden der Tasse ist noch ein feiner Rest Pulver zu sehen. Er dreht den Hahn weiter auf und sieht zu, wie der Pulverrest nach oben steigt, aus der Tasse fließt und im Abfluss verschwindet. Dann füllt er einen Topf mit Wasser und stellt ihn auf den Herd. Das Gas lässt sich nur schwer entzünden, und er muss mehrmals den Reglerknopf und den Zündschalter drücken, bis die Flamme brennt.

Den Couscous hat er schon bereitgestellt. Als Nächstes gibt er eine Handvoll Rosinen in eine Schüssel. Eine halbvolle Flasche Brandy steht auf der Arbeitsplatte neben dem Olivenöl. Harry nimmt den Brandy und gießt ihn über die Rosinen. Ehe er den Verschluss wieder aufschraubt, hält er sich die Flaschenöffnung unter die Nase und inhaliert. Dann trinkt er einen schnellen, fast verstohlenen Schluck aus der Flasche, schraubt sie zu und stellt sie wieder neben das Olivenöl.

Er blickt erneut nach draußen auf die wechselnden Farben des Himmels. Er möchte sie seinem Sohn zeigen, tut es aber nicht. Dillon hat sein Puzzle fast fertig, wird schläfrig.

Harry wendet sich wieder seinen Essensvorbereitungen zu. Er gießt sich ein wenig Olivenöl in die rechte Hand und reibt damit das Wiegemesser ein. Er hackt Datteln, gibt sie in eine Schüssel und streicht mit dem Finger über die Messerklinge, ehe er die Aprikosen auf das Schneidebrett legt.

Die Straßen draußen vor dem Fenster sind ruhig. Normalerweise hört man um diese Tageszeit aus den Nachbarwohnungen die geschäftigen Geräusche von Menschen, die Abendessen kochen, doch heute sind da keine lauten Stimmen, ist da kein Geschirrklappern, kein Zischen von brutzelndem Fett, kein Geschrei von hungrigen Babys. Stille hat sich über diesen Teil der Welt gesenkt. Es ist, als hielten alle Bewohner von Tanger den Atem an.

Er dreht sich zu Dillon um. »Zeit fürs Bett.«

Sein Sohn widerspricht nicht, sondern nickt bloß vage. Harry hebt ihn hoch und trägt ihn in sein Zimmer. Er zieht den Jungen bis auf die Unterwäsche aus, legt ihn ins Bett und deckt ihn zu. Er streichelt ihm die Wange und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. »Schlaf schön, mein kleiner Prinz«, flüstert er, doch der Junge antwortet nicht. Er ist schon eingeschlafen.

Zurück in der Küche macht Harry sich einen Gin Tonic. Es war ein langer und anstrengender Tag. Die Hitze, die Bedürfnisse seines Sohnes und seine eigene Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, das alles hat an ihm gezerrt, bis er sich in seiner eigenen Haut nicht mehr wohlfühlte.

Die Luft ist nach wie vor schwül, obwohl die Hitze sich gelegt hat. Jetzt, wo der Junge schläft, kommt er mit dem Kochen schneller voran. Es ist Robins Geburtstag, und er will sie mit einem besonderen Essen überraschen.

Er stellt den Backofen an, packt das Lammfleisch auf der Arbeitsplatte aus und würzt es mit grob gemahlenem Salz. Dann reibt er es mit Rosmarin und Oregano ein und schiebt den Braten in den Ofen. Während er das tut, wirft er einen Blick zum Himmel und fragt sich, wann der Wolkenbruch endlich losgeht.

Regen in Tanger kann biblische Ausmaße haben. Mitunter schüttet es tagelang wie aus Kübeln. Das ist eines der Dinge, die ihn und Robin am meisten überraschten, als sie vor fünf Jahren hierher zogen. Jetzt sehnt er sich nach so einem Regenguss, der die Luft reinigt und diese dumpfe, bedrückende Stimmung vertreibt.

Der Schmerz in seinem Kopf ist trotz des Gins nicht abgeklungen. Er wirft einen Blick auf die Uhr über dem Herd und füllt sein Glas nach.

Das Klingeln des Telefons lässt ihn zusammenzucken.

»Alles in Ordnung?«, fragt Robin.

»Ja. Dillon schläft, und ich bin beim Kochen.«

»Er schläft?«

Die Verwunderung in ihrer Stimme macht ihn nervös.

»Er war hundemüde.«

»Hör mal«, sagt sie dann, und ihr Tonfall verrät ihm, dass sie ihn um einen Gefallen bitten wird. »Simo ist krank geworden und früher nach Hause gegangen, deshalb habe ich Raul versprochen, etwas länger zu bleiben.«

»Aber du hast Geburtstag.«

»Ich komme höchstens zwei Stunden später, mehr nicht.«

Er schweigt.

»Ich werde noch Geburtstag haben, wenn ich nach Hause komme«, sagt sie.

Er leert sein Glas und gibt ihr recht, ja, sie wird noch Geburtstag haben, wenn sie nach Hause kommt.

Er verabschiedet sich, legt auf und macht sich noch einen Drink. Es wird sein letzter sein müssen, bis sie von der Arbeit kommt. Er will sich nicht betrinken und ihr den Abend verderben.

Seine Kopfschmerzen, das ungute Gefühl in der Luft, machen ihn heute schreckhaft wie eine Katze, und er sehnt sich nach Robins beruhigender Gegenwart. Aus irgendeinem Grund möchte er nicht allein sein. Also lenkt er sich ab, indem er Spielsachen wegpackt und Bücher aufsammelt und die Kissen wieder aufs Sofa legt.

Er räumt das Durcheinander auf dem Couchtisch weg und fegt den Fliesenboden. Die Wohnung wird wieder die alte, wieder ihr ordentliches Zuhause mit dem abgewetzten, aber bequemen Sofa, dem Perlenvorhang, der diesen Raum von der winzigen Küche trennt, der Ecke am Fenster, wo ein Stapel Leinwände an der Wand lehnt. Sogar der Holztisch, an dem sie essen, ist aufgeräumt. Harry ist sauer auf Robin, will aber trotzdem, dass ihr Geburtstag etwas Besonderes ist. Vielleicht hätte er Dillon nicht so früh zum Schlafen gebracht, wenn er gewusst hätte, dass sie später kommt.

Dennoch, er kämpft gegen seine Niedergeschlagenheit an und deckt den Tisch. Messer, Gabeln, Servietten, aber wo sind die Kerzen?

Er war heute auf dem Souk und hat vier weiße, unparfümierte Kerzen gekauft, einen safrangelben Leinenüberwurf für das Sofa und ein großes, kunstvoll mit filigranen Ornamenten verziertes Silbertablett. Das Tablett ist ein Geschenk für Robin, und er hat eine Stunde um den Preis gefeilscht, doch jetzt fällt ihm ein, dass er es zusammen mit den anderen Sachen bei Cosimo vergessen hat.

Er hatte gar nicht vorgehabt, zu Cosimo zu gehen. Es war ein spontaner Einfall gewesen. Fast augenblicklich hatte Harry bereut, dass er Dillon mitgenommen hatte. Cosimo war Kinder nicht gewohnt, schon gar nicht in seinem Haus. Dillon hatte sich gelangweilt und war quengelig geworden, während Harry und Cosimo sich unterhielten, und nach einer Weile hatte der Junge angefangen, Harry am Arm zu ziehen und laut zu jammern, so dass der Besuch abrupt damit endete, dass Harry Dillon kurzerhand auf den Arm nahm und wegtrug und seinen Freund in dankbarem Frieden zurückließ.

»Scheiße.« Harry überlegt, was er machen soll.

Am logischsten wäre es natürlich, Cosimo anzurufen. Aber Harry weiß, was das bedeuten würde: Cosimo würde es sich nicht nehmen lassen, die vergessenen Sachen vorbeizubringen, einen Drink für seine Mühe verlangen, und im Handumdrehen würden sie sich angeregt unterhalten – Cosimo würde es sich gemütlich machen, das Abendessen wäre vergessen und der Abend auf dem besten Wege, ein Reinfall zu werden.

Harry sieht Dillon, er schläft tief und fest, und Harry wird sich hüten, ihn zu wecken. Außerdem ist es nicht weit bis zu Cosimos Haus – ein kurzer Fußweg den Hügel hinunter. Er kann in zehn Minuten wieder zurück sein. Am besten, er macht sich sofort auf den Weg, ehe der Regen anfängt.

Nach einem letzten Blick auf das schlafende Kind läuft er die Treppe hinunter in den leeren Buchladen, der jetzt, wo das Abendlicht schwindet und der Himmel dunkel und düster wird, in Schatten getaucht ist. Er tritt nach draußen, schließt die Tür hinter sich ab und eilt entschlossen durch die schmale Straße hinunter.

Die anhaltende Stille um ihn zerrt an seinen Nerven. Er blickt hoch und sieht eine verschleierte Frau, die zu ihm herunterspäht. Hastig weicht sie vom Fenster zurück und verschwindet aus seinem Blickfeld.

Irgendwo in seiner Nähe, in dem engen Gewirr von Gassen, bellt ein Hund und verstärkt das Unbehagen, das Harry einfach nicht abschütteln kann. Der Gin hat ihn nicht entspannt, sondern dieses ungute Gefühl noch gesteigert.

Aber weshalb dieses Unbehagen?

Er hat den Jungen allein gelassen. Jähe Gewissensbisse lassen ihn schneller werden, so dass er fast im Laufschritt zur Straßenecke eilt.

Die Leuchtschrift über der Bar gibt...


Wasel, Ulrike
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.

Timmermann, Klaus
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.

Perry, Karen
Die Autoren Karen Gillece und Paul Perry lernten sich bei einem Literaturfestival in ihrer Heimat Irland kennen und beschlossen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Aus zwei Perspektiven – Karen übernahm die weibliche, Paul die männliche. Karen Perry war geboren, und die Idee ging auf – ihre drei bisherigen Romane, 'Bittere Lügen', 'Was wir getan haben' und 'Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?', sind 'Sunday-Times'-Bestseller. Karen und Paul leben mit ihren Familien in Dublin.

Karen PerryDie Autoren Karen Gillece und Paul Perry lernten sich bei einem Literaturfestival in ihrer Heimat Irland kennen und beschlossen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Aus zwei Perspektiven – Karen übernahm die weibliche, Paul die männliche. Karen Perry war geboren, und die Idee ging auf – ihre drei bisherigen Romane, 'Bittere Lügen', 'Was wir getan haben' und 'Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?', sind 'Sunday-Times'-Bestseller. Karen und Paul leben mit ihren Familien in Dublin.

Die Autoren Karen Gillece und Paul Perry lernten sich bei einem Literaturfestival in ihrer Heimat Irland kennen und beschlossen, gemeinsam einen Roman zu schreiben. Aus zwei Perspektiven – Karen übernahm die weibliche, Paul die männliche. Karen Perry war geboren, und die Idee ging auf – ihre drei bisherigen Romane, »Bittere Lügen«, »Was wir getan haben« und »Girl Unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?«, sind »Sunday-Times«-Bestseller. Karen und Paul leben mit ihren Familien in Dublin.
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.



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