E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Perri Die Assistentinnen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86396-588-4
Verlag: INK
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-86396-588-4
Verlag: INK
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weiter nach den Regeln spielen oder endlich auch ein Stück vom Kuchen abbekommen? Vor dieser Entscheidung steht Tina Fontana, die als Assistentin für Robert Barlow, den übermächtigen CEO eines internationalen Medienkonglomerats, arbeitet. Ihr Gehalt reicht kaum für ein Leben in New York, geschweige denn dafür, ihren Studienkredit abzubezahlen. Nach sechs Jahren, in denen die 30-Jährige ihrem Boss Tische in Restaurants reserviert hat, die sie sich nicht leisten kann, und ihm Drinks aus Flaschen ausgeschenkt hat, die mehr als ihre Miete kosten, steckt ihre Karriere in einer Sackgasse. Ein Fehler bei der Spesenabrechnung eröffnet Tina die Chance, ihre Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Eine Summe, die für sie die Welt bedeutet, für ihren Chef aber nur Taschengeld ist. Ihre Entscheidung setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Leben der vielen überqualifizierten und unterbezahlten jungen Frauen der Stadt verändern wird ...
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KAPITEL 1
Und so fing der ganze Schlamassel an: Robert musste nach L.?A. zu einem wichtigen Meeting mit der Führungsriege einer Titan-Tochter von der West Coast, und das Triebwerk seiner privaten Boeing besaß die Frechheit, auszufallen.
»Tina!«, schrie er aus seinem schallisolierten, gläsernen Büro.
Robert ist eigentlich von Natur aus kein Schreihals, aber was sollte er tun, wenn er gegen die Schallisolierung ankommen und durch die offene Bürotür gehört werden wollte. An seinem Ton erkannte ich, dass er meinen Namen gerufen hatte. Er hatte für jeden von uns einen eigenen Ton. Ein barsches, einsilbiges Bellen galt dem Ressortleiter, ein raues Brüllen dem Chefredakteur, ein eher schrilles Kreischen dem Produktionsleiter. Für mich war es sehr wichtig, diese Feinheiten unterscheiden zu können, denn es gehörte zu meinen Aufgaben, dafür zu sorgen, dass der, nach dem er rief, auch bei ihm erschien. Wenn er nach mir verlangte, senkte sich seine Stimme und klang beinahe bittend, ja vertraulich. Denn an mich wandte sich Robert mit allen persönlichen Anliegen – wenn sein Magen rebellierte und er etwas gegen Sodbrennen brauchte, wenn er einen Geburtstag vergessen hatte und ganz schnell noch ein Geschenk besorgt werden musste, oder wenn er es ums Verrecken nicht schaffte, eine neue Software auf sein iPad zu laden. Seine Verletzlichkeit bestätigte mich in solchen Momenten darin, dass ich für den Erfolg dieses mächtigen Mannes unerlässlich war – eines Mannes, den die halbe Welt für ein Monster hielt, weil er ein Mysterium für sie war und immer bleiben würde.
In weniger als einer Sekunde stand ich vor seinem Schreibtisch, den Notizblock im Anschlag. Hinter mir an der Wand liefen auf diversen Flatscreens die Nachrichtensendungen von Titan und seinen sogenannten Konkurrenten. Robert verfügte über die unheimliche Fähigkeit, das Geschehen auf allen Bildschirmen gleichzeitig verfolgen zu können.
Insgesamt war er im Besitz von neun Satellitensendern, einhundertfünfundsiebzig Zeitungen, einhundert Kabelsendern, vierzig Buchverlagen, vierzig Fernsehstationen und einer Filmproduktion. Damit erreichte er im Schnitt 4,7 Milliarden Menschen, was ungefähr drei Viertel der Weltbevölkerung entspricht. Aber The News waren sein Baby. Er sah sich jede einzelne Ausgabe an, er nahm Einfluss, er intervenierte. Deswegen lag sein Büro auch in der Zentrale von Titan News, wo er nicht nur die Flatscreens, sondern auch seine Journalisten genau im Auge behalten konnte. Ein so mächtiger Mann wie Robert hätte auch von einem Liegestuhl auf den Seychellen aus die Fäden des Konzerns ziehen können, zurückgezogen, weit weg von seinen Angestellten – aber er wollte hier sein, mitten im Geschehen.
In unseren Büroräumen sah es nicht aus wie in den Nachrichtenredaktionen, die man aus Film und Fernsehen kennt. In den Stockwerken unter uns schon eher – die Fernsehstudios, die Printredaktionen und der Newsdesk hätten dem Film Matrix entsprungen sein können. Die modernen Studios, in denen die 24-Stunden-News und unsere kontroversen Talkshows produziert wurden, nahmen einen ganzen Stock ein. Unsere Büros auf der vierzigsten Etage waren weit weniger aufregend – nur endlose Reihen von Schreibtischen und Trennwänden. Trotzdem waren wir der Kopf des Ganzen, von wo aus alle Befehle nach unten sickerten. Hier saßen auch die Chefredakteure und die Ressortleiter, denen Robert am meisten vertraute; so konnte er sie spontan zu seinen Treffen mit Wirtschaftsbossen und Promis hinzuziehen – und mit Vertretern der politischen Parteien (ja, beider Parteien) bekannt machen, die vorbeikamen, um ihn auf ihre Seite zu ziehen. Was ich damit sagen will: Die vierzigste Etage war zwar nicht sonderlich beeindruckend, dafür aber umso einflussreicher.
Robert hatte die Hemdsärmel hochgekrempelt und rieb sich den Kopf mit beiden Händen, wie immer, wenn er sich aufregte. Für einen Mann seines Alters hatte er erstaunlich volles, dunkles Haar, was er seiner gesunden Ernährung zuschrieb: geräuchertes Fleisch und alter Bourbon.
»Ich muss die nächste Maschine nach L.?A. kriegen«, sagte er. »Und sorgen Sie dafür, dass die Sitze drum herum alle mitgebucht werden.«
So was sagte er immer, als würde er beim Deli um die Ecke ein Pastrami-Sandwich bestellen oder in seinem Fall vielleicht die edlere Variante Rinderbraten auf Brötchen.
»Sie fliegen Linie?«, fragte ich.
»Hören Sie bloß auf. Die Boeing hat eine Panne, und angeblich ist den ganzen Nachmittag kein anderer Jet verfügbar. Ist das zu fassen? Nicht ein einziger. Ich war mal wer in dieser Stadt, wissen Sie das?«
In den sechs Jahren, die ich nun schon für Robert arbeitete, hatte er noch nie einen Linienflug genommen. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Wenn er pünktlich zu dem Meeting in L.?A. erscheinen wollte, musste er in den nächsten zwei Stunden in einer Maschine sitzen.
»Und nicht, dass die mir was dafür berechnen«, fügte er hinzu.
»Die Fluggesellschaft?« Robert verlangte, dass die halbe erste Klasse für ihn reserviert wurde, und das auf einem Flug, der quasi sofort ging – für lau. Und er erwartete, dass das so einfach war, als würde man sagen: »Ohne Senf, bitte.«
»Okay«, sagte ich.
Robert nahm die Hände vom Kopf, legte sie flach auf den Tisch und sah mich mit seinen großen, braunen Augen freundlich an. »Danke.«
Das ist etwas, was Menschen, die Robert nie persönlich begegnet sind, nicht für möglich halten – seine Liebenswürdigkeit. Sie sehen einen siebzigjährigen Medienmogul, bekannt dafür, Steuern zu vermeiden und Gesetze zu umgehen, um seine internationale Vormachtstellung immer weiter auszubauen. Sie sehen einen skrupellosen Geschäftsmann, der den Nachrichtenjournalismus angeblich im Alleingang zu einer Farce gemacht hat. Sie sehen einen der oberen Zehntausend, an dessen Mercedes hinten ein Sticker mit der Aufschrift Legt euch nicht mit Texas an klebt. Aber eigentlich ist Robert ein sehr netter Mensch.
Deshalb rief ich die Fluggesellschaft an und erklärte mit meiner Managerstimme höflich unsere Krisensituation.
»Sie verstehen sicher, dass dies große Unannehmlichkeiten für unsere Erste-Klasse-Passagiere bedeutet«, sagte die phlegmatische Frauenstimme am Telefon. »Aber weil es Mr Barlow ist, kommen wir ihm gerne entgegen.« Sie klang wie eine von Marge Simpsons kettenrauchenden Schwestern.
»Danke«, erwiderte ich ebenso liebenswürdig wie Robert eben. Immer nett und freundlich, lautete seine Devise. So muss man mit den Leuten reden. Nett und freundlich, aber zäh wie geschmortes Stinktier.
Die Frau klapperte auf ihrer Tastatur. »Das macht insgesamt neunzehntausendeinhundertsiebenundvierzig Dollar.«
Ich schnappte reflexartig nach Luft. Die Summe war derart hoch, dass es gar nicht mal so unvernünftig klang, mit einem Privatjet zu fliegen.
»Ma’am?«, sagte ich. »Ich verstehe, dass es sehr kurzfristig ist und Sie große Anstrengungen unternehmen, um Mr Barlows Bitte nachzukommen, aber wäre es möglich, dass Sie ihm für diesen Flug nichts berechnen?«
Stille.
»Hallo?«
Noch mehr Stille. Dann Gelächter, dann ein schleimlösendes Räuspern. »Was soll der Scheiß? Ist das ein Witz?«
»Wie bitte?«
»Für wen hält sich der Typ?«
»Ma’am«, sagte ich, wobei ich mich ein bisschen wie eine Südstaatlerin fühlte, obwohl ich aus New York stamme, und außerdem auch wie ein kleines Miststück, »haben Sie gerade geflucht? Ich möchte sofort mit Ihrem Vorgesetzten sprechen.«
»Wir nehmen Robert Barlow auf keinen Fall gratis mit«, sagte sie.
Ich sah auf die Uhr und warf dann einen Blick in Roberts Glaskasten. Da es für ihn unvorstellbar war, dass man seinem Verlangen nicht nachkam, hatte er sich bereits auf den Weg zum Flughafen gemacht. Herrgott, kein Wunder, dass er nie Linie flog, wenn er so behandelt wurde. Okay, er wollte einen Gratisflug, aber wo waren denn die Manieren dieser Leute?
»Na gut«, sagte ich. »Wir bezahlen das Ticket. Aber sobald ich aufgelegt habe, werde ich mich bei der Kundenbetreuung über Sie beschweren.«
»Kreditkartennummer, bitte.«
So unfreundlich wie möglich sagte ich auswendig die Nummer von Roberts AmEx-Geschäftskarte auf.
Zwei Sekunden später antwortete die Frau: »Tut mir leid«, so als täte es ihr überhaupt nicht leid, »diese Karte ist nicht mehr gültig.«
»Unmöglich.«
Ich konnte sie durch die Leitung grinsen hören. »Diese Karte ist nicht mehr gültig.«
Mist. Na gut. Dabei hatte ich doch schon die Oberhand gehabt. Ich wühlte in meiner Handtasche, fand mein Portemonnaie, zückte meine eigene Kreditkarte und las die Nummer ab.
Da bei Titan die Assistentinnen keine Firmenkreditkarten haben durften, musste ich meine private benutzen.
»Einen Moment, bitte«, sagte sie.
Ich lauschte ihrem Atem, der sich anhörte, als würde Darth Vader bei einer Anti-Raucher-Kampagne mitmachen, dann meldete sie sich wieder: »Tut mir leid. Auch diese Karte wurde abgelehnt. Sie haben Ihr Kreditlimit überzogen.«
Das hätte ich mir auch selbst denken können. Keine meiner Kreditkarten hatte ein Limit über elftausend Dollar. »Kann ich es auf zwei Karten aufteilen?« Ich kramte in meinem Portemonnaie.
»Nein«, sagte sie.
»Nein?«
»Nein.«
»Dann möchte ich jetzt auf der Stelle mit Ihrem Vorgesetzten sprechen«,...




