E-Book, Deutsch, Band 12, 560 Seiten
Reihe: Ein Fall für Gamache
Penny Auf keiner Landkarte
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70344-0
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zwölfte Fall für Gamache
E-Book, Deutsch, Band 12, 560 Seiten
Reihe: Ein Fall für Gamache
ISBN: 978-3-311-70344-0
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Louise Penny, 1958 in Toronto geboren, arbeitete nach ihrem Studium der Angewandten Kunst achtzehn Jahre lang als Rundfunkjournalistin und Moderatorin in ganz Kanada. Mit dem Schreiben begann sie erst spät. Ihr erster Roman Das Dorf in den roten Wäldern wurde 2005 weltweit als Entdeckung des Jahres gefeiert, und auch die folgenden Gamache-Krimis wurden vielfach ausgezeichnet und eroberten die Bestsellerlisten in zahlreichen Ländern. Louise Penny lebt in Sutton bei Que?bec, einem kleinen Städtchen, das Three Pines zum Verwechseln ähnelt.
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2
Bereits aus einiger Entfernung sah Michel Brébeuf das Auto auf der Straße, die an der Klippe entlangführte. Zuerst beobachtete er es durch sein Fernglas, dann mit bloßem Auge. Nichts verstellte ihm die Sicht. Kein Baum, kein Haus.
Der Wind hatte fast alles Beiwerk abgetragen und nur das Wesentliche der Landschaft übrig gelassen. Störrisches Gras und Fels. Im Sommer wurde es von Touristen und Ferienhausbesitzern überschwemmt, die wegen der herben Schönheit der Landschaft kamen und sich vor dem ersten Schnee wieder verzogen. Nur wenige wussten das Majestätische zu schätzen, das Gaspé den Rest des Jahres zu bieten hatte.
Die wenigen, die blieben, taten es, weil sie nicht wegwollten oder nirgends sonst hinkonnten.
Michel Brébeuf gehörte zu Letzteren.
Das Auto wurde langsamer, und dann blieb es zu seiner Überraschung gegenüber seiner Einfahrt auf dem leicht abfallenden Seitenstreifen der Landstraße stehen.
Es stimmte, von hier aus hatte man einen spektakulären Ausblick auf den Percé Rock in der Bucht draußen, aber es gab bessere und sicherere Stellen, um für ein Foto anzuhalten.
Brébeuf nahm wieder das Fernglas vom Fensterbrett und richtete es auf das Auto. Es war ein Mietwagen. Das verriet ihm das Kennzeichen. Drin saßen zwei Leute. Mann und Frau. Weiß. Mittleren Alters, wahrscheinlich zwischen fünfzig und sechzig. Wohlhabend, aber nicht reich.
Die Gesichter konnte er nicht sehen, aber das alles schloss er schnell und instinktiv aus der Wahl des Mietautos und der Kleidung.
Und dann drehte der Mann auf dem Fahrersitz sich zu der Frau neben ihm und sagte etwas.
Und Michel Brébeuf senkte langsam das Fernglas und sah aufs Meer hinaus.
Was über Zentral-Québec als Schnee niedergegangen war, hatte tags zuvor als heftiger Regen die Halbinsel Gaspé erreicht. Solche Regengüsse war man im November am Meer gewohnt. Die Novemberstürme ließen die Landschaft in grauer Tristesse versinken.
Aber auch das verging wieder, und der neue Tag zog unfassbar klar und strahlend herauf, der Himmel von einem vollkommenen Blau. Nur das Meer hatte sich noch nicht wieder beruhigt. Es schäumte und brandete gegen die felsige Küste. Weit draußen in der Bucht erhob sich einsam der majestätische, vom Atlantik umtoste Percé Rock.
Als Brébeuf den Blick wieder vom Meer losriss, war das Auto in die Einfahrt gebogen und hatte beinahe das Haus erreicht. Er sah zu, wie die Insassen ausstiegen. Und verharrten. Der Mann stand mit dem Rücken zum Haus und sah aufs Meer hinaus. Zu dem großen Felsen mit dem großen Loch darin.
Die Frau trat zu ihm und nahm seine Hand. Dann gingen sie zusammen die letzten Meter zum Haus. Langsam. Offenbar zögerten sie ebenso sehr, ihm gegenüberzutreten, wie er zögerte, ihnen gegenüberzutreten.
Inzwischen klopfte sein Herz so heftig, dass er sich fragte, ob er tot umfallen würde, bevor das Paar die Verandastufen erklommen hatte.
Er hoffte es.
Mit jahrelang trainiertem Blick sah er auf Armands Hände. Keine Waffe. Dann wanderte sein Blick zur Jacke. War sie nicht an der Seite leicht ausgebeult? Aber Armand war doch gewiss nicht gekommen, um ihn umzubringen? Wenn er das gewollt hätte, hätte er es schon längst getan. Und sicher nicht vor den Augen von Reine-Marie.
Es wäre eine Hinrichtung ohne Publikum. Eine, die Michel insgeheim seit Jahren erwartete.
Was er nicht erwartet hatte, war ein Höflichkeitsbesuch.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass kein Blut fließen würde, war Reine-Marie ins Haus gegangen und hatte die beiden Männer auf der Veranda zurückgelassen, wo sie sich dick in Pullover und Jacken eingepackt auf Zedernholzstühlen niederließen, die durch die Wettereinflüsse im Laufe der Zeit grau geworden waren. Wie die beiden Männer.
»Was willst du hier, Armand?«
»Ich habe die Sûreté verlassen.«
»Das habe ich gehört.«
Brébeuf sah den Mann an, der einmal sein bester Freund gewesen war, sein Trauzeuge, sein Kamerad und Kollege und geschätzter Mitarbeiter. Er hatte Armand vertraut und Armand ihm.
Michel hatte recht damit getan. Armand nicht.
Armand sah zu der Felseninsel in der Ferne, in die das über Äonen hinweg unbarmherzig brandende Meer ein Loch gebohrt und sie zu einem steinernen Ring geformt hatte.
Dann drehte er sich zu Michel Brébeuf. Dem Taufpaten seiner Tochter. So wie er selbst der Taufpate von Michels Erstgeborenem war.
Wie oft hatten sie als junge Inspectors so nebeneinandergesessen und einen Fall diskutiert? Und wie oft hatten sie sich später gegenübergesessen, als Michels Stern aufgegangen und der von Armand gesunken war? Chef und Untergebener in der Sûreté, aber außerhalb nach wie vor beste Freunde.
Bis.
»Ich habe auf dem Weg hierher viel nachgedacht«, sagte Armand.
»Über das, was geschehen ist?«
»Nein. Über die Chinesische Mauer.«
Michel lachte. Es war ein spontanes, aufrichtiges Lachen, und in der kurzen Zeit, die es währte, war alles andere vergessen.
Doch dann erstarb das Lachen, und Michel fragte sich erneut, ob Armand hier war, um ihn umzubringen.
»Die Chinesische Mauer? Tatsächlich?«
Michel versuchte, uninteressiert, sogar etwas genervt zu klingen. Gamache mit seinen schlaumeierischen Anspielungen. Aber wie immer, wenn Armand etwas scheinbar Unwichtiges sagte, war Brébeuf neugierig.
»Hmm«, sagte Armand. Die Falten um seinen Mund wurden tiefer. Ergebnis eines leichten Lächelns. »Gut möglich, dass ich der Einzige auf dem Flug war, der darüber nachgedacht hat.«
Brébeuf hätte sich eher die Zunge abgebissen als gefragt, warum er gerade auf die Chinesische Mauer gekommen war.
»Warum?«
»Es hat Hunderte von Jahren gedauert, bis sie stand«, sagte Armand. »Zweihundert vor Christus wurde mit dem Bau begonnen. Kaum zu glauben, was sie vollbracht haben. Tausende Kilometer über Berge und Schluchten hinweg. Es ist auch nicht nur eine Mauer. Sie haben nicht einfach nur Steine aufeinandergeschichtet, sondern sich enorm angestrengt, um zugleich eine Festung daraus zu machen und etwas Schönes. Sie hat China über Jahrhunderte geschützt. Unüberwindlich für Invasoren. Eine unfassbare Leistung.«
»Hab ich auch gehört.«
»Aber im 16. Jahrhundert überwanden die Mandschuren die Chinesische Mauer. Weißt du, warum?«
»Ich ahne, dass du es mir gleich sagen wirst.«
Der Schleier aus Misstrauen und Langeweile hatte sich gehoben, und selbst Michel konnte die Neugier in seiner Stimme hören. Er wollte nicht nur wissen, was es mit der Chinesischen Mauer auf sich hatte, über die er in seinem ganzen Leben nie auch nur eine Sekunde nachgedacht hatte. Vor allem wollte er wissen, warum Armand an sie gedacht hatte.
»Der Bau und die Verteidigung der Mauer hat Millionen von Menschenleben gekostet. Ganze Dynastien gingen für sie und ihren Erhalt bankrott«, sagte Gamache und sah auf das Meer hinaus, spürte die frische Meeresluft auf seiner Haut.
»Nach mehr als tausend Jahren«, fuhr er fort, »überwand sie schließlich ein Feind. Nicht etwa, weil er überlegene Waffen besessen hätte. Nicht weil die Mandschuren bessere Krieger oder Strategen gewesen wären. Denn das waren sie nicht. Die Mandschuren überwanden die Chinesische Mauer und nahmen Peking ein, weil einer ein Tor öffnete. Von innen. So einfach. Ein verräterischer General ließ sie hinein, und damit fiel das gesamte Reich.«
Trotz all der frischen Luft um sie herum konnte Michel Brébeuf auf einmal nicht mehr atmen. Armands Worte schnürten ihm die Kehle zu.
Geduldig saß Armand da und wartete. Dass Michel sich erholte oder ohnmächtig wurde. Er würde seinen früheren Freund nicht verletzen, zumindest jetzt nicht, aber er würde ihm auch nicht helfen.
Nach einiger Zeit fand Michel seine Stimme wieder. »Und des Menschen Feinde werden seine eignen Hausgenossen sein, oder, Armand?«
»Ich glaube nicht, dass die Mandschuren die Bibel zitiert hätten, aber der Satz scheint universelle Geltung zu besitzen. Verrat.«
»Bist du den ganzen weiten Weg gekommen, um mir das mitzuteilen?«
»Nein.«
»Was willst du dann?«
»Ich will, dass du für mich arbeitest.«
Die Worte waren so abstrus, dass Brébeuf sie nicht begriff. Er starrte Gamache verständnislos an.
»Was? Wo?«, fragte er schließlich.
Die eigentliche Frage lautete jedoch, wie beide wussten, warum.
»Ich habe gerade die Leitung der Akademie der Sûreté übernommen«, sagte Armand. »Nach Weihnachten beginnt das neue Semester. Ich möchte, dass du dort unterrich- test.«
Brébeuf starrte ihn immer noch an. Versuchte, das Gesagte zu erfassen.
Das war nicht einfach ein Stellenangebot. Und vermutlich genauso wenig ein Friedensangebot. Dafür war der Kampf zu lange und zu erbittert ausgefochten worden. Bis zu diesem Tag.
Es ging um etwas anderes.
»Warum?«
Armand antwortete nicht. Er sah Brébeuf unverwandt in die Augen, bis dieser den Blick senkte. Dann sah Gamache wieder aufs Meer hinaus. Auf den riesigen Ozean und den mächtigen Felsblock, den das Wasser ausgehöhlt hatte.
»Woher weißt du, dass du mir trauen kannst?«, fragte Michel an Armands Profil gerichtet.
»Das tu ich nicht.«
»Weißt du es nicht, oder traust du mir nicht?«
Jetzt drehte Armand den Kopf und bedachte Michel mit einem Blick, wie ihn dieser noch nie bei ihm gesehen hatte. Er war nicht verächtlich. Nicht in dem Sinn. Nicht einmal ablehnend. Aber etwas in der Art.
Wissend war er in jedem Fall. Gamache sah in Michel das, was er war.
Ein schwacher Mann. Wie der Percé Rock...




