E-Book, Deutsch, 672 Seiten
Peltzer Stefan Martinez
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402267-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 672 Seiten
ISBN: 978-3-10-402267-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrich Peltzer, geboren 1956 in Krefeld, studierte Philosophie und Psychologie in Berlin, wo er seit 1975 lebt. Er veröffentlichte die Romane »Die Sünden der Faulheit« (1987), »Stefan Martinez« (1995), »?Alle oder keiner?« (1999), »Bryant Park« (2002) und »Teil der Lösung« (2007) sowie die Frankfurter Poetikvorlesungen »Angefangen wird mittendrin« (2011). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Preis der SWR-Bestenliste, dem Berliner Literaturpreis und dem Heinrich-Böll-Preis. Ulrich Peltzers Roman »Das bessere Leben« (2015) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde unter anderem mit dem Marieluise-Fleißer-Preis, dem Peter-Weiss-Preis und dem Franz-Hessel-Preis geehrt. Zuletzt erschien der Roman »Das bist du« (2021). Literaturpreise: Gerty-Spies-Literaturpreis 2016 Franz-Hessel-Preis 2015 Peter-Weiss-Preis 2015 Platz 1 SWR Bestenliste September 2015 Marieluise Fleißer-Preis 2015 Shortlist Deutscher Buchpreis 2015 Carl-Amery-Literaturpreis 2013 Heinrich-Böll-Preis 2011 Frankfurter Poetik-Dozentur 2010/11 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin 2010 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim 2009/2010 Spycher: Literaturpreis Leuk 2008 Düsseldorfer Literaturpreis 2008 Berliner Literaturpreis für sein Gesamtwerk 2008 Literaturpreis der Stadt Bremen 2003 Niederrheinischer Literaturpreis der Stadt Krefeld 2001 Preis der SWR-Bestenliste 2000 Anna Seghers-Preis 1997 Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung 1996 Bertelsmann-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1992
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Unter dem Geviert der großen Kreuzung befand sich ein längliches niedriges Basement, in das man durch enge, urinverätzte Korridore gelangte, die von den Treppeneingängen Potsdamer, Grunewald-, Haupt- und Langenscheidtstraße in gerader Richtung an seine Eckpunkte führten.
Zwei parallele Reihen wuchtiger Säulen stützten die Deckenlast des Geschosses, dessen Wände teils mit roten, teils mit blau-grünen Kacheln gefliest waren, ohne eine ästhetische Ordnung, einen planerisch gewollten Kontrast erkennen zu lassen (Rot und Blau: trägt dem Bauer seine Frau); was auch für die wenigen Läden galt, die in proportionsloser Folge, mit jeweils verschiedenen Fenstern (Aluminium- vs. Holzrahmen, liegende vs. aufrechte Profile) in die nördliche Längswand gebrochen waren, ein Zeitungskiosk, eine Imbißbude, ein Schnittblumenhandel, ein Modeschmuckgeschäft.
Wo die Korridore von der Straße einmündeten, standen paarweise Holzhäuschen, in denen die Fahrkartenverkäufer saßen, fetthaarige Männer mittleren Alters, die jede Auskunft verweigerten, Geld grundsätzlich nicht wechselten und aus Prinzip (angeboren oder erlernt?) zu laut sprachen, den Fahrgast, der seinen Kartenwunsch undeutlich oder mißverständlich formuliert hatte, so anbellten, daß dieser entweder zurückbrülltebellte oder, beschämt ob seiner Unkenntnis des Tarifsystems, schweigend das gestempelte Pappbillett entgegennahm, mochte er es gebrauchen können oder nicht.
In der Mitte zwischen den Säulen lagen die Rolltreppen zum Bahnsteig, woher im Minutentakt warme, nach Gummi riechende Luft hochzog, die einfahrende Züge aus dem Tunnel preßten. Kurz danach folgten dichtgedrängt Menschen, dunkle Trauben, die sich hastig in den Ausgängen verliefen, ein Kommen, durchschossen von Bewegungen aus anderer Richtung, von allen Seiten, den Rolltreppen zu, kreuz und quer durch das Geschoß in spiegelbildlicher Verkehrung (geometrische Abstraktion, die Zufälle: Rempeleien oder Ausweichmanöver, nicht berücksichtigt).
Die Decke war so niedrig, daß ein durchschnittlich großer Mann sie mit den Fingerspitzen fast berühren konnte, was im Verhältnis zur Fläche des langgestreckten Raumes ein bedrückendes Gefühl hervorrief, die Empfindung, eingeschlossen zu sein oder beobachtet zu werden, weshalb vielleicht alle schneller gingen als oben, auf der Straße, hetzten, zumal flache runde Lampen nur dämmriges Licht verbreiteten, in dem die Dinge getrübt erschienen. Manchmal war undeutlich eine Lautsprecheransage zu hören, die den klanglosen Hall der Schritte, der Stimmen übertönte; aus einem der Korridore wehte das Spiel eines Akkordeons herüber, das vielfach gebrochene Muster eines Musettestücks, dessen Melodie sich nicht mehr ausmachen ließ (Musikerlaubnis im Hauptgebäude gegen Vorlage eines Wandergewerbescheins).
Hier und da hingen, um die Orientierung zu erleichtern, plexiglasverkleidete Schautafeln mit Abfahrtszeiten und Streckenplänen, denen zu entnehmen war, wie man eine gesuchte Station erreichte – indem Augen oder Finger über das Raster der bunten Linien tasteten, Knotenpunkte ausfindig machten, Entfernungen abschätzten, etwa ob der Weg zum Hohenzollernplatz einfacher durch Umsteigen am Fehrbelliner Platz oder Aussteigen bereits in der Blissestraße zurückzulegen sei –, doch schienen die meisten sich ihrer Route sicher zu sein, wußten, wohin sie wollten, denn kaum einer, eigentlich keiner, blieb stehen, um sich mit einem Blick auf den Plan zu vergewissern, daß er den richtigen Weg gewählt hatte; nein, alle hasteten zielstrebig durch das Geschoß, von Ausgang zu Rolltreppe oder umgekehrt, und es dauerte immer eine Zeitlang, bis sich die Wahrnehmung dieser Rennerei anpaßte und Einzelheiten aufnahm – abgesehen von bekannten topographischen Details –, sich sozusagen von jenem Schwindel befreite, in den die Atmosphäre eines von zahllosen Bewegungen durchkreuzten Halbdunkels sie versetzte (esse est percipi). Dazu mußte sie sich verlangsamen, gehenlassen, für Momente der Umgebung entziehen, was durch Lektüre eines Veranstaltungsplakats (Deutsche Oper: La Bohème) oder Studium des Streckennetzes geschehen konnte.
Zwei Wachleute, die einen Rottweiler mit Maulkorb an der Leine hatten, Walkie-talkies am Gürtel, patrouillierten von links nach rechts durch das Geschoß, machten an der Imbißbude kehrt und wandten sich dann, gemessenen Schrittes, den Rolltreppen zu. Vor der Imbißbude: einem Fenster in der rotgekachelten Wand, umringten ein paar Säufer einen Stehtisch, auf einem anderen saß ein Kind im Vorschulalter, dem die Mutter Currywurst einfütterte, die sie zuvor mit Hilfe eines Taschenmessers mundgerecht kleinschnitt. Hin und wieder genehmigte sie sich auch ein Stück, wobei sie ihre gewölbte Hand unter den Pieker hielt, um eventuell herabtropfende Sauce aufzufangen. Nebenan versuchte ein türkischer Putzmann, ein Plakat von der Wand zu kratzen; ein Kollege stand hinter ihm und ruckte seine geballte Faust durch die Luft, als wollte er die Bewegungen des Spachtels dirigieren. Über dem Zeitungskiosk hing grün auf weiß eine Werbetafel für die Morgenpost, deren letztes Segment heller leuchtete als die übrigen, woraus man schließen konnte, daß die Röhre darin kürzlich ausgewechselt worden war (ein Wackelkontakt beziehungsweise eine Oxydation der Anschlüsse mit gleichzeitigem Verlust der Zündspannung, wodurch sich der Elektronenfluß bis auf ein Glimmen vermindert hatte).
Das Neonband stellte den oberen Abschluß der Verkaufsfront dar, deren Gliederung ansonsten einer strengen Symmetrie gehorchte. Links und rechts eines Schiebefensters befanden sich von hinten, das heißt innen, zugängliche verglaste Kästen mit Illustrierten, die thematisch geordnet waren (Sex, Motorsport, Weltgeschehen), so daß die Titelblätter jeder Leiste ähnliche Gegenstände abbildeten, die sich zum Teil überlagerten, verdoppelten oder ergänzten, zwei körperlose Brüste trafen auf einen brustlosen, herausgestreckten Unterleib, dem ein geneigter Frauenkopf folgte, der selbst an den Schlüsselbeinen vom nächsten Motiv abgeschnitten wurde. Die Kästen ruhten auf einem breiten Metallsims, das die (optische) Basis der Konstruktion war, wie auch als Ablage für fünf Zeitungsstapel (Morgenpost, BZ, Tagesspiegel, taz, Bild) diente, hinter denen man die Verkäuferin sah, eine Frau um die vierzig, die durch das Fenster ihre Geschäfte abwickelte und sich dabei über die Stapel vorbeugen mußte, wenn sie Geld in Empfang nehmen oder ihr Blickfeld nach außen erweitern wollte; vielleicht um einen der beiden drehbaren Ständer ins Auge zu fassen, die, mit Comics, Journalen und Taschenbüchern bestückt, ihre Bude, das heißt die in die Wand gebrochene Öffnung, flankierten. Alles in allem erinnerte die Ansicht an einen Altar, mit der Werbetafel als Baldachin und den Illustrierten in den Kästen als Votivgaben.
Ständig näherten sich Kunden, stoppten, kauften, gingen wieder, und die Frau bediente sie so zügig, daß kein Stau vor ihrer Öffnung entstand, bis einmal jemand einen Extrawunsch anmeldete, den zu erfüllen sie einen der Kästen aufschließen mußte, um die Illustrierte herauszuholen. Während sie die Halterung löste, verstellten ein Mann im Trenchcoat und eine junge Frau mit hennagefärbten Haaren, die sich nach ihm einreihte, ihre Sicht. Darauf schienen die beiden Jungen gewartet zu haben. Der eine trat hinter einer Säule hervor und nickte dem anderen kurz zu. Dieser, der nämlich das Buch verloren hatte, näherte sich beiläufig dem rechten Ständer, zog in aller Ruhe ein Heft heraus und packte es in seine Schultasche. Dabei wandte er nicht einmal den Kopf, als würde er aus Erfahrung wissen, daß man das geringste Aufsehen erregte, wenn man seinem Tun den Anschein der Normalität gab, ihm jene Selbstverständlichkeit verlieh, die einen natürlichen Vorgang auszeichnet, also etwas, das einen Zeugen nie auf die Idee bringen würde, er habe einer Handlung beigewohnt, die, schon wegen ihrer Hektik, als Gesetzesbruch interpretiert werden könnte (To have guts: coolness: Vorsatz).
Nachdem der Junge die Aneignung elegant beendet hatte, entfernte er sich unauffällig vom Ort des Geschehens und folgte seinem Freund, der einige Meter voraus zu den Rolltreppen ging, wo er im Gedränge, das auf den Bahnsteig wollte, untertauchte.
Seltsam, während der mißglückte Diebstahl des Buches mit anschließender wilder Flucht an die Sache im Café Breyell erinnerte, als der kleine Meier alles vermasselte, weil er nicht, wie verabredet und vom großen Meier instruiert, die oberste, sondern die unterste Konfektschachtel aus dem Stapel zog, worauf der Stapel zusammenstürzte und man Hals über Kopf abhauen mußte, fiel es schwer, für die eben gesehene Szene einen Vergleich, eine Art Schablone zu finden; das eine waren Dumme-Jungen-Streiche, Bubenstücke, altersspezifische Normverletzungen (im Fall der Pralinen eher Mundraub, den der Konditor durch seine verführerische Dekoration herbeigenötigt hatte), während die Kioskgeschichte, na ja, Verschlagenheit ausdrückte, völliges Fehlen von Unrechtsbewußtsein, was bei einem Elfjährigen (Zwölfjährigen?) verwunderte. Wieso eigentlich?
Von unten wehten Lautsprecheransagen hoch, ›Kleistpark‹ und ›Zurückbleiben‹, der quietschende Ton von Zugbremsen, das schnappende Geräusch sich synchron öffnender Waggontüren vermengten sich mit gedämpften Stimmen, den aus der Ferne hallenden Klängen des Akkordeons, dem Rumoren der Rolltreppen, einem Mahlen, das sich leicht vibrierend in die Beine fortsetzte. Es gab immer welche, denen es nicht schnell genug vorwärts ging, die, auch wenn die Züge jede halbe Minute gekommen wären, sich Stufe für Stufe durchgeschoben hätten, als verfolge sie jemand, zaghafte Beschwerden mit einem Fluch beantwortend oder dem auftrumpfenden...




