Peltzer Das bessere Leben
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-400777-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-10-400777-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrich Peltzer, geboren 1956 in Krefeld, studierte Philosophie und Psychologie in Berlin, wo er seit 1975 lebt. Er veröffentlichte die Romane »Die Sünden der Faulheit« (1987), »Stefan Martinez« (1995), »?Alle oder keiner?« (1999), »Bryant Park« (2002) und »Teil der Lösung« (2007) sowie die Frankfurter Poetikvorlesungen »Angefangen wird mittendrin« (2011). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Preis der SWR-Bestenliste, dem Berliner Literaturpreis und dem Heinrich-Böll-Preis. Ulrich Peltzers Roman »Das bessere Leben« (2015) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde unter anderem mit dem Marieluise-Fleißer-Preis, dem Peter-Weiss-Preis und dem Franz-Hessel-Preis geehrt. Zuletzt erschien der Roman »Das bist du« (2021). Literaturpreise: Gerty-Spies-Literaturpreis 2016 Franz-Hessel-Preis 2015 Peter-Weiss-Preis 2015 Platz 1 SWR Bestenliste September 2015 Marieluise Fleißer-Preis 2015 Shortlist Deutscher Buchpreis 2015 Carl-Amery-Literaturpreis 2013 Heinrich-Böll-Preis 2011 Frankfurter Poetik-Dozentur 2010/11 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin 2010 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim 2009/2010 Spycher: Literaturpreis Leuk 2008 Düsseldorfer Literaturpreis 2008 Berliner Literaturpreis für sein Gesamtwerk 2008 Literaturpreis der Stadt Bremen 2003 Niederrheinischer Literaturpreis der Stadt Krefeld 2001 Preis der SWR-Bestenliste 2000 Anna Seghers-Preis 1997 Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung 1996 Bertelsmann-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1992
Autoren/Hrsg.
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Überall Baustellen, Kräne, Zäune, Lastwagen. Wo gestern noch eine alte, von Frost, von Regen und Sonnenbrand verwitterte Hauszeile mit engen schmutzigen Höfen stand, links ein Stück Stadtmauer, rechts ein Glockenturm, die düstere Fassade eines Klosters, tat sich heute eine stadiongroße Grube auf, die eine Unzahl Scheinwerfer des Nachts taghell erleuchteten. Rund um die Uhr wurde gearbeitet, hörte man näher oder ferner Generatoren dröhnen, Zementmischer, das Schleifen und Quietschen von Ketten und Achsen, Rufe (Flüche?) in den verschiedensten Sprachen, Russisch, Georgisch … vielleicht Usbekisch. Es ging aufwärts, für jeden sichtbar brach sich das Neue unwiderstehlich Bahn durch die steinernen Zeugnisse einer überwundenen Zeit (des Aberglaubens und der Bedrückung), riss sie mit Macht hinweg, der Macht eines heroischen Willens, dem sich keiner zu entziehen vermochte, unmöglich. Breite, vom Geruch frischen Teers überwölkte Magistralen anstelle krummer, verschatteter Sträßchen, U-Bahnstationen wie funkelnde Marmorpaläste, Hotels mit Säulenportalen, Kulturclubs, in deren Sälen (mit Einladung, geselliges Beisammensein, Vortrag, Schulung) die prächtigsten Lüster hingen. Wer, dachte Gerlach auf seinem Weg zur Redaktion der Deutschen Zentral-Zeitung, die in einer nach Tretjakow benannten Passage unweit des Kremls lag, wird sich erlauben, zu zweifeln, wer kann das, sich erdreisten, die schier unglaublichen Errungenschaften (wie er in seinem letzten Artikel geschrieben hatte), die seit dem Parteitag der Sieger erzielt worden waren, in Frage zu stellen? Die Überlegung, ob man Errungenschaften wirklich erzielt oder ob man nicht doch besser von Triumphen sprechen sollte beziehungsweise Gipfeln, himmelhoch, in Verbindung mit dem Verb erstürmen, hatte ihn Stunden gekostet, um ehrlich zu sein, eine schlaflose Nacht in dem kleinen Zimmer, das er mit Frau und Tochter bewohnte, bis er sich schließlich dazu entschied, fast wörtlich eine Formulierung zu übernehmen, die er in einer Grußadresse des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller an die Gesellschaft für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland gelesen hatte – Errungenschaften, erzielen, durch das vorgesetzte Adjektiv unglaublich, schier unglaublich, noch einmal ausdrücklich betont (das schier war auf seinem Mist gewachsen: unvermischt, rein, im Sinn von absolut).
Er überquerte den Fluss, Verkehr ratterte an ihm vorbei, Lieferwagen, Busse, dazwischen ein Pferdefuhrwerk, das hupend umkurvt wurde. Am Ende der Brücke sah man die Türme der Basiliuskathedrale (wie sie früher hieß), erstarrten Flammen gleich, fünf, sechs, über die nach einigen Regenschauern am Morgen das klare, warme Licht eines Nachmittags im Spätsommer herabströmte. Massiv den Weg versperrend, dachte Gerlach, ein Riesengebilde mitten auf der Trasse der neuen, vielspurigen Straße Richtung Norden, die sich nun gabeln musste, um das Hindernis zu umgehen. Nicht sehr praktisch, wenn auch … sicher, als Museum erfüllte der Bau einen Zweck, und später, wer weiß … dass man sich an die Vorzeit erinnert. An die Planlosigkeit einer untergegangenen Epoche, das Wirrwarr einer Stadt ohne klares Muster, steuernde Intelligenz, wie sie der Woschd verkörperte, dessen Bild an Gerüsten und Bretterzäunen hing, Krangestängen, die Baracken der Arbeiter schmückte, die unermüdlich, in brüllender Hitze, Eiseskälte die Zukunft aus dem Boden stampften. Zukunft der Menschheit, die sich hier und jetzt verwirklichte, schon Gegenwart war, allen Anfeindungen, allen Sabotageversuchen zum Trotz. Man konnte nicht wachsam genug sein, oft Kleinigkeiten, ein Tuscheln, ein hämischer Blick, eine unbedachte Klage, die Zweifel und Wankelmut beförderten, manchmal sogar … bei einem selbst, in einem Moment, nächtlichen Moment der Schwäche, ein Zaudern, das vor der Geschichte nicht zu verantworten war. Maßstäbe aus einer anderen Zeit, gegen die täglich entschlossen angegangen werden musste, nichts aussparend, niemanden schonend – ist man zu sorglos gewesen (jedes Wort zählte), hat man eine Fragwürdigkeit übersehen, überhört, hat man sich etwa von einem Doppelzüngler in ein Gespräch hineinziehen lassen? Vor Zeugen noch, die beobachtet haben könnten, wie man aus Schmückles Händen ein Papier empfing, irgendeinen Zettel, ihn faltete und einsteckte … kaum gedacht, fuhr Gerlach ein Stoß Schüttelfrost durch die Glieder, die Beine versagten ihm ihren Dienst, er stützte sich mit dem Ellbogen auf das Brückengeländer. Dieser Zettel, diese Dummheit, denn den Verdacht gab es doch schon lange, Wochen bevor Schmückle der Redaktion verwiesen worden war. Unten glitt ein Schleppkahn voll Kies dahin, gefolgt von einem leeren Ausflugsdampfer, auf dessen Oberdeck die Bänke umgelegt waren, zwei Matrosen, die sich an einem Stück Reling zu schaffen machten, schrauben, schmirgeln …
»Bürger«, eine Frauenstimme von links (graschdanin, so viel Russisch verstand er mittlerweile, wenig genug), »fühlen Sie sich nicht wohl?«
»Danke«, er richtete sich auf, »spasibo, alles gut.«
Die Frau (seines Alters ungefähr, so alt wie das Jahrhundert), die ein Kleid mit einem gewagten Ausschnitt unter einem offenen leichten Mantel trug, lächelte ihn an, einfühlsam, wie ihm schien, tröstlich, um dann ihren Weg fortzusetzen, in die andere Richtung, die Kathedrale, die Mauern und Kuppeln des Kremls im Rücken, wohin … er hatte sich nichts vorzuwerfen, hatte jede Aufgabe, mit der er betraut worden war, zur Zufriedenheit der Leitung erledigt, eine Reportage aus Magnitogorsk, zu der die Annenkowa ihm gratuliert hatte, dem Neuling, der vom Rand kam, nicht aus Berlin wie die meisten in der Redaktion, die großen Namen des revolutionären Worts, sondern vom Niederrhein, wo er die Fahne hochgehalten hatte, Artikel auf Artikel, bis es nicht mehr ging, über die grüne Grenze nach Prag, ein Kleinkind im Rucksack, und weiter nach Osten, was einer Verkettung ungewöhnlichster (eigenartigster) Umstände zu verdanken war … schon dass sie sich nicht für Holland entschieden hatten (mit einem Empfehlungsschreiben der Bezirksleitung in der Brieftasche noch einmal quer durchs Land, völliger Wahnsinn), sodann den richtigen Genossen im richtigen Café getroffen, über ihn (seine erstaunlichen Beziehungen) ein Visum für die ganze Familie ergattert, bei einem Empfang Annenkowas Interesse geweckt … alles so unfasslich wie eine Abfolge von Wundern, aber doch nichts als Tatsachen, und: Sie lebten, nahmen teil an einem historischen Vorgang ohne Beispiel, ja, dachte Gerlach, das darf man nicht vergessen, errichtet wird eine Welt aus dem Nichts, sich an den Film Wertows erinnernd, den er im Winter mit Margareta in einer Sondervorführung gesehen hatte, , ein erhebendes Dokument des Aufbruchs aus der Dunkelheit Asiens, verschleierte Frauen und Mädchen, die nach Jahrhunderten häuslicher Knechtschaft Lesen und Schreiben lernen, sich in Ärztinnen verwandeln, Lehrerinnen, auf Traktoren und Mähdreschern sitzen – zu vergessen, er zündete sich eine Zigarette an, nachdem er das Pappmundstück eingeknickt hatte, vergessen zu haben, ist ein übles Verbrechen, verdammt, dafür kämpfen wir, kämpft die Partei, die mehr weiß als jeder Einzelne von uns, mehr ist als die Summe ihrer Mitglieder, deren Einsichtsfähigkeit … man muss es übergeordnet betrachten, von einer höheren Warte aus, um Irrtümer zu erkennen … objektiv, ein objektiver Blick auf die Dinge, Gerlach sog den Rauch der Herzegowina Flor tief in seine Lungen, ruhig bleiben, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.
An der Kathedrale vorbei schlug er einen Bogen um die Absperrung, hinter der eine neue Zufahrt zum Roten Platz angelegt wurde, über den er am ersten Mai in einer Gruppe von Journalisten marschiert war, angeführt von einem Prunkwagen in der Form einer Schreibmaschine, auf deren Tasten junge Leute saßen, die sich Notizen machten, suchend in die Ferne blickten, dann hochsprangen und unter Jubelrufen der Tribüne, dem Woschd und den anderen Führungsgenossen auf dem Mausoleum zuwinkten … wie sie es auch taten, die ganze Redaktion, winken und rufen, er mit einer Empfindung von Größe, die ihn plötzlich ergriffen hatte und wegwischte, was an Gedanken sonst durch seinen Kopf schwirrte, das Kleinliche des Alltags (Miete, Einkaufen), noch nicht ausgemerzte Spuren von Skepsis, die sich mit einem Mal, angesichts von Führungsgenossen, die das Ungeheuerlichste gewagt hatten, verflüchtigten wie … wie welke Blätter im Wind, und was man sah, wie sich die Stadt veränderte, gab ihnen und ihren Plänen doch recht, die Straßen heute beleuchtet und die schönsten Häuser illuminiert, strahlende Neonschriftzüge an Cafés und Kinos, neue Parkanlagen, der Gorki-Park mit seinen Karussells und dem Fallschirmspringerturm, alles …
Von weither drang das grollende Geräusch einer Sprengung an Gerlachs Ohr, verwehte über den Dächern der Gassen hinter dem Roten Platz, in denen er sich anfangs oft genug verlaufen hatte, um dann wie ein ABC-Schütze Buchstabe für Buchstabe die Straßenschilder zu entziffern, sich ermahnend, auf die Gebäude zu achten, auf den Torbogen aus Zarenzeiten, durch den es in die kurze Passage zwischen Nikolskaja und Teatralnaja ging, eine schmale, mit Kopfsteinen gepflasterte Durchfahrt (????????????? ??????), wo in Nummer 19 die Redaktion der DZZ untergebracht war, Stimme der deutschen Sektion der Kommunistischen Internationale, fünf Kopeken die Ausgabe: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch«.
Beherzt stieß Gerlach die Tür zum Treppenhaus auf, schon auf der Schwelle...




