E-Book, Deutsch, Band 4, 416 Seiten
Reihe: Die Legenden von Astray
Peinkofer Verlorener Thron
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-99498-9
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Legenden von Astray 4
E-Book, Deutsch, Band 4, 416 Seiten
Reihe: Die Legenden von Astray
ISBN: 978-3-492-99498-9
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer« wurden ebenso zu Bestsellern wie seine Trilogie um »Die Könige«. Mit »Die Legenden von Astray« führt Michael Peinkofer alle Fantasy-Fans in eine neue Welt.
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2
Festung Vanheim
Ein halbes Jahr später
Vanheim befand sich in der Hand des Feindes.
Nicht etwa desjenigen Feindes, der auf der anderen Seite des Bruchs lauerte und dessentwegen diese Grenzfestung einst besetzt worden war; sondern wegen einer neuen, anderen Bedrohung, die den Tiefen der Welt entstiegen war.
Veysi wusste darum.
Als General der ostragischen Armee war er einst Befehlshaber der mächtigen Garnison von Makashar gewesen und hatte als solcher auch den Oberbefehl über die Grenzfeste Vanheim innegehabt. Mit ihrem Verlust hatte alles angefangen, doch wie so viele andere hatte auch Veysi die Zeichen der Zeit falsch gedeutet. Das war ihm zum Verhängnis geworden.
Dass er noch vor nicht allzu langer Zeit ein mächtiger Mann mit einer vielversprechenden Karriere gewesen war, kam ihm im Nachhinein wie bitterer Hohn vor. Stets hatte er seine Pflichten treu und vorbildlich ausgeführt und loyal zum Königshaus gestanden, in der Hoffnung, nach dem siegreichen Ende des Krieges gegen Westrien nach Altashar an den Königshof berufen und mit einem Posten als Minister oder königlicher Berater belohnt zu werden.
Doch zwei Dinge waren ihm inzwischen nur zu klar geworden, nämlich dass dieser Krieg niemals enden würde und ein Sieg in unerreichbare Ferne gerückt war. Denn jener neue Feind war ebenso erbarmungslos wie furchterregend, und jeder Widerstand gegen ihn war zwecklos.
Von einer hohen Tanne aus, auf die er, der einstmals so mächtige General, sich in seiner Not geflüchtet hatte, beobachtete er die Festung, die über einem gewaltigen Felsenkessel thronte. Unterhalb der trutzigen Mauern und Zinnen ergoss sich tosend der Vanfall in die Tiefe und verschleierte den dunklen Abgrund mit Nebel und Dunst. Doch selbst über das Rauschen der Wassermassen hinweg waren die grässlichen Schreie zu hören, die über der Festung Vanheim lagen. Und endlos war die Kolonne der Krieger, die sich von Südosten kommend dem Felsenrund näherten.
An den Anblick der hinkenden, torkelnden und stürzenden Leiber, die teils mit teeriger Masse überzogen waren, deren Röcke und Rüstung aber noch die Zugehörigkeit zu seiner alten Armee erkennen ließen, würde Veysi sich nie gewöhnen. Er hatte eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass jene schwarze Substanz der eigentliche Feind war, denn sie war nicht nur in der Lage, beseelte Kreaturen zu willenlosen Dienern zu machen, sondern auch dazu, die Gefallenen bereits geschlagener Schlachten mit widernatürlichem Leben zu erfüllen und sie stets von Neuem in den Kampf ziehen zu lassen.
In Brückstadt, das vom ostragischen Heer belagert worden war, war Veysi diesem unheimlichen Feind erstmals begegnet[2], und innerhalb von Tagen hatte dieser die beinahe zwölftausend Mann zählende ostragische Streitmacht besiegt. Nicht im Kampf wohlgemerkt, sondern indem er leise und feige aus dem Abgrund kroch und sich der ostragischen Streiter bemächtigte – und jetzt gehörten sie alle zu seinem Heer.
Lanzenträger aus Nabara, Bogenschützen aus Ugarya und selbst die gefürchteten Sturmreiter Turaniens, einst der Stolz der königlichen Armee, waren der schwarzen Essenz verfallen und zu willenlosen Werkzeugen geworden, zu lebenden Toten, die jeden Befehl ihres Anführers ohne Zögern ausführten – selbst, wenn es ihr eigenes Ende bedeutete.
Ihr Anführer …
Veysi kam es vor, als würde seine linke Hand schmerzen – dabei war sie gar nicht mehr an Ort und Stelle. Kraft jener zerstörerischen, übernatürlichen Gabe, die er besaß, hatte Xusra, Hohepriester des Feuers und selbst ernannter Oberbefehlshaber der ostragischen Armee, sie in Flammen aufgehen lassen. Veysi betrachtete den in einen schmutzigen Lappen gewickelten Stumpf, in den sein linker Arm endete. Selbst jetzt noch konnte er den grässlichen Schmerz spüren und hatte den Geruch seines eigenen verbrannten Fleisches in der Nase. Doch der Schmerz hatte auch sein Gutes gehabt, denn er hatte Veysi die Augen geöffnet.
Er hatte erkannt, dass Xusra dem Wahnsinn verfallen war, und noch in derselben Nacht war Veysi aus dem ostragischen Lager geflüchtet. Der große General hatte seiner eigenen Armee den Rücken gekehrt und war zum Deserteur geworden, war heulend in die Wälder Yarowas geflüchtet, um dort seine Wunden zu lecken wie ein wildes Tier.
Bis er die Laute gehört hatte, die Schreie, die der Wind vom fernen Heerlager herübertrug, das unmenschliche Gebrüll. Und bis er den Gestank gerochen hatte, den grässlichen Odem von Tod und Verwesung …
Bei allem Schmerz und allem Zorn auf Xusra hatte die Sorge um seine Leute schließlich die Oberhand gewonnen, und Veysi war zum Heerlager zurückgekehrt. Doch von der einstmals stolzen ostragischen Armee war nichts mehr übrig gewesen.
Überstürzt war das Lager verlassen worden, die Zelte jedoch nicht abgebrochen, sondern niedergetrampelt, die Wagen und Karren verbrannt. Von einer fremden, anderen Macht gelenkt, hatte sich das gesamte Heer, Reiter und Fußvolk nach Norden gewandt, fort von Brückstadt, von dem nichts als schwelende Trümmer geblieben waren.
Und Veysi war ihnen gefolgt.
Zunächst war ihm nicht klar gewesen, was das Ziel des Marsches war, doch nun, nachdem sie Vanheim erreicht hatten, hatte er erkannt: Sie wollten den Bruch umgehen und nach Westen vorstoßen.
Nachdem die letzten Verteidiger von Brückstadt in einem Akt der Verzweiflung sowohl die Häuser als auch die Brücke in Brand gesteckt hatten, war eine Überwindung der Kluft dort nicht mehr möglich; hier im Norden jedoch, wo der Weltenbruch im Kessel von Vanheim endete, konnten sie ihn umgehen und nach Westrien gelangen.
Es war ein gefährliches Unterfangen: Da es so weit im Norden keine Heerstraße gab, führte der Weg mitten durch die Wildnis Noryas, über schmale und verschlungene Pfade, die normalerweise den Grenzern und Waldläufern vorbehalten waren. Zudem lag Schnee in der Luft, Veysi konnte ihn riechen. Wenn er das Heer auf dem Marsch überraschte, würden viele Soldaten jämmerlich erfrieren, denn die Krieger Turaniens und Dusharas waren für solches Wetter weder gekleidet noch waren sie daran gewohnt.
Doch was auch immer die einstigen Kämpfer Ostragiens antrieb, die unter dem Einfluss der teerigen Substanz zu lebenden Toten geworden waren – es scherte sich nicht um Dinge wie diese. Mehrmals hatte Veysi von seinem Versteck aus beobachtet, wie Soldaten von den schmalen Felsenpfaden abgestürzt waren, die in schwindelerregender Höhe um den Gebirgskessel herumführten. Schreiend waren die Männer in die Tiefe gestürzt, oftmals mitsamt ihren Pferden – und ihre Kameraden hatten sich nicht einmal nach ihnen umgedreht.
Gleichgültig wurde weitermarschiert, und je länger Veysi alldem zusah, desto mehr fragte er sich, welcher dunkle Wille die unseligen Kreaturen beherrschte.
War es Xusra?
Der Hexenpriester war zu manchem Übel fähig, der Stumpf seines linken Armes erinnerte Veysi jeden Tag daran. Aber dass er über eine solch große, unheimliche Macht verfügte, die in der Lage war, Tausende von Kämpfern zu kontrollieren und selbst den Toten zu gebieten, konnte sich Veysi dann doch nicht vorstellen. Etwas anderes musste dahinterstecken. Etwas, das noch sehr viel größer und mächtiger war als Xusra oder irgendjemand sonst in Astray. Etwas, das nicht menschlichen Ursprungs war …
Der Gedanke jagte ihm kalte Schauer über den Rücken. Was immer dieses beinahe zwölftausend Mann umfassende Heer dort lenkte, war dabei, Tod und Untergang nach Westrien zu tragen. Doch obwohl Veysi erst nach der Katastrophe geboren war und folglich nichts anderes kannte als eine geteilte Welt; obgleich er von Kindesbeinen an in dem Bewusstsein erzogen war, dass in Ostragien der wahre Herrscher von Astray sitze und der Westen mit all seinem Zwist, seinen Fürsten und Königen, mit all den Menschen, Halblingen und den Astari ein unberechenbarer Feind sei, der weder Ehre noch Gewissen kenne; obwohl Veysi wie sein Vater und dessen Vater vor ihm als Offizier in den Diensten der ostragischen Armee gestanden hatte und sein Leben dem Thron von Altashar gewidmet hatte, zerriss es ihm das Herz, all diese Krieger, die nicht mehr Herr ihrer selbst waren, nach Westrien marschieren zu sehen.
Er stellte sich das Chaos vor, das sie dort anrichten würden, die Zerstörung und das Leid, das sie über die Menschen brachten. Die kleinen Dörfer in den Wäldern Noryas würden die ersten sein, die die Zerstörungswut zu spüren bekamen. Dann die Gehöfte an den nördlichen Hängen des Haymos. Und durch die Pforte von Archos würde das Heer der Untoten nach Achaya vordringen und auf die Küste zumarschieren, und selbst die Sterngeborenen in Archos würden von ihrem Auftauchen überrascht sein und ihnen nicht Einhalt gebieten können.
Es sei denn …
Veysi erstarrte innerlich.
Er konnte selbst nicht glauben, dass er diesen Gedanken hegte – ausgerechnet er, der stets für Ostragien gelebt hatte. Doch zwei Dinge hatte der General gelernt: Dass es auch in den Reihen der Ostragier Verrat und Schlechtigkeit gab – und dass jenes Heer, das dort nach Vanheim marschierte, noch ungleich böser war als jede Bedrohung, die in Westrien lauern mochte.
Mit einem Mal stand ihm alles wie eine lange unentdeckte Wahrheit vor Augen: Vor dem schwarzen, unheimlichen Feind waren alle Wesen von Astray gleich. Nicht länger durften sie einander als Feinde gegenüberstehen, sondern mussten gemeinsam gegen diese Bedrohung vorgehen – und aus diesem Grund würde er, Veysi, einst Befehlshaber von Makashar und General der ostragischen Armee, nach Archos eilen und den Astari berichten.
Er würde sofort aufbrechen und den Schutz der Dämmerung nutzen. Er durfte nicht säumen, musste Tag und Nacht auf den Beinen sein, stets auf der...




