E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Pehnt Insel 34
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-492-96878-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-492-96878-2
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Autoren/Hrsg.
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E I N S Die Leute versuchen mit einer anwachsenden Verzweiflung zu leben und zu etwas zu kommen, einem Ort oder einer Person. Sie wollen eine Insel, auf welcher die Welt endlich ein Ort umschrieben von sichtbaren Horizonten sein wird. Robert Creeley, Die Insel Als Kind hörte ich lange von der Insel nicht mehr als die anderen auch. In der Schule war sie ein grauer Fleck auf der mürben Karte, weit vor der Küste. Wir redeten über Gesteinsarten und Schiffahrt, Rohstoffe und Tourismus. Die Insel war aus Basalt und nicht durch Fährverkehr mit dem Festland verbunden, hatte keine Rohstoffe und wenig Tourismus, genau wie die dreiunddreißig anderen Inseln vor unserer Küste, die auch alle aus Basalt waren. Weil niemand ihnen jemals einen Namen gegeben hatte, waren sie numeriert, sehr selten ist das, sagte Herr Kohlhas, der Erdkundelehrer, die Menschen haben für alles einen Namen, jeder Felsen in der Antarktis heißt irgendwie. Also mußten wir für die Klassenarbeiten die Nummern der Inseln in ein kleines Raster eintragen, das Herr Kohlhas auf die Arbeitsblätter gezeichnet hatte. Meine Insel war Nummer vierunddreißig, weil sie am weitesten weg war. Die anderen Inseln klebten scharenweise zusammen, es war schwierig, sie auseinanderzuhalten, niemand schrieb in den Inselarbeiten gute Noten. Nummer vierunddreißig lag auf der Karte gut drei Fingerbreit entfernt vom Festland, ein kleiner Vogeldreck im zerkratzten Blau. Alle konnten sich die Nummer vierunddreißig merken, auch wenn sie sonst nichts wußten. Vielleicht glaubt deswegen jeder, die Insel zu kennen. Zanka zum Beispiel kannte jemanden, dessen Tante dort leben sollte, eine Frau in den Fünfzigern, sagte Zanka, aber stell sie dir nicht vor wie die Frauchen an der Küste, mit geraden Falten auf der Stirn und dreckigen Fingernägeln und saufenden Ehemännern, die in der Fischfabrik nicht genug verdienen zum Leben und nicht genug zum Sterben, nein, so ist das nicht auf der Insel. Diese Tante, leider nicht meine, sagte Zanka, denn so eine hätte ich gerne, diese Tante hat dort drei oder vier Liebhaber und blüht wie ein Flieder im Mai, ein kleines altes Persönchen eigentlich, aber ich sag dir, die soll Haare bis auf den Hintern haben und Brüste zum Reinbeißen, und abends kommen ihre Liebhaber, manchmal einer oder zwei, manchmal auch alle zusammen, die feiern die Nacht durch, und die Tante ist nicht die einzige auf der Insel, die es sich gutgehen läßt. Zanka hatte sich heiß geredet, du wärst wohl gerne da, sagte ich, und er rieb sich die Hände, streckte die Arme über den Kopf und lehnte sich nach hinten, das kann man wohl sagen. Er stieß mit seinen gedehnten Armen gegen den Tischnachbarn. Zanka ist sehr ausladend, es wäre einfacher, ihn zu Hause zu bewirten, wo er sich ausbreiten könnte und niemanden behelligen müßte, aber er mag Kellnerinnen, Zuckerstreuer und Speisekarten, und außerdem hat er viel Geld, das er in meiner Küche nicht ausgeben kann. Dann fahr doch, sagte ich, nimm dir ein Motorboot, oder hast du nicht sogar schon eins, ich komme mit. Zanka hörte nicht zu, das ist ein kleines, feines Liebesnest dort, jeder mit jedem, verstehst du, und das Beste ist, es funktioniert. Ich merkte, daß der Tischnachbar sich leicht zur Seite neigte und lauschte. Aber es sind doch Fischer, sagte ich, das habe ich in der Schule gelernt, Fischer leben so nicht. Woher willst du wissen, wie Fischer leben, sagte Zanka. Ich habe nie so getan, als ob ich die Insel kenne, und ich bin die einzige, die wirklich hinfahren wollte, seit ich mehr von ihr weiß. Die Seekarten hatte ich mir schon gekauft, bevor ich Zanka überhaupt kannte. Meine Eltern freuten sich über das heftige Interesse, das als milde Neugier begonnen hatte und allmählich immer dringlicher Besitz von mir ergriff. Sie warteten schon seit Jahren darauf, daß mein Herz für etwas schlug, wie mein Vater es ausdrückte. Was willst du denn mal machen, fragte er alle vier bis sechs Monate, und wenn ich antwortete, Dolmetscherin oder Lehrerin, beugte er sich vor und sah mir prüfend ins Gesicht, und schlägt dein Herz dafür. Ich horchte in mich hinein und konnte mein Herz nicht hören, ich weiß nicht, sagte ich, glaube schon. Mein Vater war jemand, der sich schnell zum Glühen bringen konnte. Meine Mutter wartete im Hintergrund und wärmte ihre Hände an seiner Glut. Du willst doch nicht vor dich hin stümpern, sagte mein Vater. Ich habe noch nie vor mich hin gestümpert, in der Schule war ich eine der Besten, meine Eltern waren es nicht anders gewohnt, aber was nützen dir die guten Noten, sagte mein Vater, wenn kein Herzblut dabei ist. Mein Vater hatte dickes, sehr weißes Haar und volle Lippen, er sah prächtig aus. Wenn er für die Kinder aus der Nachbarschaft den Weihnachtsmann spielte, einen leidenschaftlichen, polternden Weihnachtsmann, der die Kinder in unserer Wohnung zusammenrief, um mir als Einzelkind Spielkameraden ins Haus zu holen, dann brauchte mein Vater keine Perücke, nur einen dicken Bart und Koteletten aus Watte, die von demselben reinen Weiß waren wie seine Haare. Ich brachte meine Mathematikarbeiten und Vokabeltests mit nach Hause und legte sie auf den Küchentisch, Mutter nickte mir zu, ganz beiläufig hatte ich wieder die beste Note geschrieben, und Vater war stolz, das sagte er auch, aber ich wußte schon, was kommen würde. Er ging zu den Elternsprechtagen und lag den Lehrern in den Ohren, natürlich ist sie gut, das weiß ich, aber wo sehen Sie denn ihre besonderen Begabungen, und enttäuscht kam er zurück, du bist in allem gleich gut. Ich versuchte, in manchen Fächern noch besser zu werden und in anderen etwas schlechter, schrieb absichtlich den falschen Subjonctif ab und verworrenes Algebra, legte mir einen Familienstammbaum der römischen Götter und eine Karte des römischen Weltreiches an, um in Latein alle zu übertrumpfen, und in Sport täuschte ich einseitiges Hinken und Regelschmerzen vor, um beim Geräteturnen die schwerelose Leichtigkeit zu übertuschen, um die mich alle beneideten. Geglaubt hat mir nie jemand. Du machst dir Feinde, sagte mein Vater,über Leidenschaft macht sich niemand lustig, aber die, die alles gleich gut können, die mag niemand. Mich mochten wenige, die meisten beneideten mich mit eben der Glut, die mir mein Vater wünschte. Ich ließ immer alle abgucken, erklärte allen alles, verschenkte meine Hausaufgaben, und sie rissen sich darum, aber schon in den ersten Sätzen machten sie Fehler, vergaßen Silben und Buchstaben, wurden ungeduldig, schrieben noch schneller, und ich erkannte nicht mehr wieder, was ich geschrieben hatte. Als ich klein war, fiel es nicht so auf, sie spielten mit mir, wie die anderen hatte ich Rollschuhe und einen häßlichen phosphoreszierenden Schulranzen und wurde auf Geburtstagsfeiern eingeladen, wo man mit verbundenen Augen und gefesselten Händen Schokoladentafeln auswickeln mußte, um die Wette, und wer zuerst fertig war, mußte alles aufessen. Ich war oft zuerst fertig, weil ich geschickte Finger habe, aber ich teilte die Schokolade mit den anderen, die schwerfällig und blindwütig an der Verpackung herumfetzten, bis sie einen Haufen Schokoladenbrösel und zerknülltes Aluminiumpapier vor sich hatten. Sie sind zu ungeduldig, aber sagen darf ihnen das niemand, sonst sehen sie rot, und alles wird nur schlimmer. Später teilte ich Landjäger, Buntstifte, Käsebrötchen, Abziehbilder mit Silberglitter, Rosinenschnecken, Tintenkiller, Wackelpudding in der Schulkantine, Überraschungseier, Zigaretten, Joints und die Lösungen der Abituraufgaben in Mathematik. Ich gewöhnte mich so an das Teilen, daß ich mich unwillkürlich nach Mitessern umschaute, bevor ich eine Gabel zum Mund führte. Trotzdem mochten mich wenige. Es gab sie hier und dort, aber viele waren es nicht. Als ich mit den Inseln anfing, verebbten die Feindschaften. In der Schulbibliothek fand ich einen Bildband mit historischen Aufnahmen aller vierunddreißig Inseln vor unserer Küste. Weil die anderen mich hänselten, na gehst du wieder pauken, traute ich mich selten in die Bibliothek und achtete darauf, daß mich niemand auf den mit grünem Teppich beklebten Stufen erwischte. Der Teppich, den sie nirgendwo anders im ganzen Gebäude verlegt hatten, war fleckig und aus Kunststoff, und wenn ich mit den Schuhen darüberschabte, lud ich mich elektrisch auf und knisterte an den Fingerspitzen. Weil ich das Gefühl mochte, schlurfte ich über die Stufen und entlud mich mit einem wohligen Schreck am Türgriff der Bibliothek. Vielleicht könnte ich Bibliothekarin werden, dachte ich und horchte in mich hinein, aber mein Herz schlug nicht schneller. Die Bibliothekarin hielt mich wohl für einen Bücherwurm, aber ich war genauso oft in der Turnhalle, wo ich an Tauen bis zur Decke kletterte, am Reck die Beine spreizte und Medizinbälle auf dem Kopf balancierte, oder im Musikraum, wo ich mich zwischen Flöten, Klavier und Bongos nicht entscheiden konnte und stundenlang herumzupfte und in die Tasten griff, bis man mich auf den Schulhof schickte, schön, daß du dich so interessierst, aber jetzt geh mal an die frische Luft zu deinen Freunden. Die Lehrer ermüdeten oft schneller als ich, sie hatten sich ja auch schon entschieden und mußten nicht alles gleichzeitig machen und dazu noch gemocht werden. Zwischen den Bildbänden stieß ich auf einen abgestoßenen Lederrücken mit kaum leserlicher Goldschrift: Die Inseln damals und heute. Das Heute war lange her, auf den neueren Inselfotos hatten die Autos noch gerundete Kühlerhauben, und Eselskarren verstopften die schlammigen Dorfstraßen, aber vielleicht ist es ja dort immer noch so, dachte ich, blätterte zurück und kam zu den älteren Aufnahmen, bräunlichen, leicht verwischten Bildern, auf denen sich Leute mit strengen Mienen zu ordentlichen Grüppchen aufgestellt hatten. Manche...




