E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Pehnt Die schmutzige Frau
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-492-60417-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Trennungsroman, der changiert zwischen Unsicherheit, Rebellion und Einsamkeit
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-492-60417-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, studierte und arbeitete in Irland, Schottland, Australien und den USA. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Freiburg und Hildesheim, wo sie das Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft leitet. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Ich muß los«, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 erhielt sie in Klagenfurt den Preis der Jury für einen Auszug aus dem Roman »Insel 34«, 2008 den Thaddäus-Troll-Preis sowie die Poetikdozentur der Fachhochschule Wiesbaden und 2009 den Italo Svevo-Preis. 2022 wurde sie mit dem Rheingauer Literaturpreis und 2023 mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. 2011 erschien ihr Roman »Chronik der Nähe«, im selben Jahr erhielt sie den Solothurner Literaturpreis sowie den Hermann Hesse Preis. Darüber hinaus schrieb sie mehrere Kinderbücher, unter anderen »Der Bärbeiß«. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman »Die schmutzige Frau«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Meinmann: kaum verändert
An manchen Tagen kaum noch derselbe Mensch
Während ich ihn früher groß gewachsen fand, scheint er mir heutzutage eher klein
In seinem damals so kantigen und deutlich geschnittenen Gesicht: nun eine Härte
Seine Finger, früher eher schlank und spitz zulaufend: inzwischen knollig und an den Gelenken mit Haaren bewachsen
Nicht in jedem Licht und zu jeder Tageszeit fallen mir diese Veränderungen ins Auge
Manchmal, wenn wir in der Abendsonne, die großzügig durch die Fenster fällt, unsere Vorspeise löffeln und ich ihn von der Seite mustere, scheint er mir ganz der Alte, und ich wundere mich, wie die Jahre so spurlos an ihm vorüberziehen konnten
Er spürt meinen Blick, sieht mich an
Gleich senke ich die Augen, lasse mir die Haare ins Gesicht fallen, weil ich weiß, dass auch er mich vergleicht mit der Frau, in die er sich damals verliebt hat,
dass er meine Beine und Handgelenke mustert
Und ich schaue weg, fürchte diese Spur von Ekel in seinem Blick
Aber genau in solchen Momenten greift er nach meiner Hand oder fasst mich am Kinn
Schau mich an, sagt er dann leise, in seinem Blick sehe ich nur Lob und Bewunderung
Das wird sich erst ändern, wenn ich einen Fehler begehe: unendlich viele Möglichkeiten, Fehler zu
machen
Sehr viele sind mir bereits unterlaufen, andere kann ich nur ahnen
Als ich noch nicht wusste, wie leicht es ist, sich falsch
zu verhalten, beging ich zahlreiche, wurde aber nicht korrigiert, weil Meinmann sich zurückhielt
Das muss ihn viel Kraft gekostet haben
Ich erinnere mich, dass er ganz zu Anfang, als wir
uns noch nicht lange kannten, nachts im Schlaf mit den Zähnen knirschte
Er lag ganz still auf der Seite,
lang ausgestreckt wie ein ruhender Römer,
das Gesicht glatt und ruhig, bis die Kiefer anfingen zu mahlen
Ich wachte von dem Geräusch auf,
konnte erst im Dunkeln nicht erkennen, dass es von ihm kam, dann begriff ich, was sich da neben mir abspielte
Ich wagte es nicht, Meinenmann zu berühren, weil er sich oft über schlechten Schlaf beklagte und nicht geweckt werden wollte
Wenn ich ihm morgens erzählte, er habe wieder mit
den Zähnen geknirscht in der Nacht, nickte er nur, er wusste es ja
Er spürte sicher noch den Druck in den Zahnwurzeln
So ist es bei mir, wenn ich morgens mit geballten Fäusten und verdrehtem Nachthemd in meinem Schweiß aufwache
Zu den Fehlern, die ich immer wieder begangen habe und bis heute begehe, gehört:
Meinenmann stören, wenn er in die Arbeit vertieft ist (sehe ich denn nicht, dass er arbeitet)
Meinenmann nicht stören, wenn er in die Arbeit
vertieft ist, sodass er vergisst, eine Pause zu machen (langes Sitzen führt zu Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich)
Meinemmann unwillkürlich durch das Haar fahren, weil es in der Sonne glänzt (wieso jetzt gerade, wo ihm nicht danach ist)
Meinemmann nicht durch das Haar fahren, das in der Sonne glänzt (sehe ich denn nicht, wie schön die Sonne in seinem noch fülligen Haar spielt)
Meinenmann fragen, ob er die Kellertür abgeschlossen hat (als würde er das jemals vergessen)
Meinenmann nicht fragen, ob er die Kellertür abgeschlossen hat (wie konnte ich das vergessen)
Ihn unterbrechen, während er zu längeren Ausführungen ansetzt
Ihn fragen, wann ich diese Wohnung verlassen und
in das Haus zurückkehren könnte, das zu groß ist für
ihn und sicher für die Jahreszeit zu kühl, weil er immer vergisst, die Heizung rechtzeitig einzuschalten
Anfangs habe ich oft gefragt, er gab immer die gleiche Antwort: Niemand hält dich hier
Es ist wahr, niemand hält mich hier fest, Meinmann ist kein Wärter und ich keine Gefangene, die Tür ist nicht abgeschlossen, und ich besitze genug Kleidungsstücke, Schuhe, Jacken und Schals, die es mir erlauben würden, angemessen gekleidet dort unten auf die Straße zu
treten,
vielleicht D zu treffen oder H, oder all die anderen,
die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, dass ich
sie schon beinahe vergessen habe
Ich kann jederzeit meine schmalen braunen Lederschuhe schnüren, den hellen Mantel von der Garderobe nehmen und die Hand auf die Türklinke legen, ein schlichtes L aus Edelstahl, neu und praktisch
wie alles in dieser Wohnung
Alles andere wäre lächerlich
Ich selbst habe mit Meinemmann die Pläne für die Wohnung angeschaut, wir haben über die Armaturen
im Bad beraten und die schlichte, aber hochwertige Türklinke ausgewählt, denn was man täglich berührt, sollte einfach und haltbar sein
Als ich zum ersten Mal eintrat, musterte mich Meinmann genau,
um in meinem Gesicht zu lesen, ob ich mich einleben würde
oder nicht
Es entscheidet sich innerhalb der ersten Sekunden, ob man an einem Ort bleiben wird, ob man es dort aushält oder nicht
Das wusste auch Meinmann
Ich war vorher nie in der Wohnung gewesen, obwohl Meinmann mich dazu aufgefordert hatte
Ich müsse doch wissen, worauf ich mich einließe
Ich könne mich ja einbringen in die Planungen
Aber ich vertraue seinen Entscheidungen, er wusste immer, was gut für uns ist, und so wird es auch dieses Mal gewesen sein
Als die Wohnung fertig renoviert war und wir
zum ersten Mal hinfuhren, gab ich gut acht auf mein Gesicht,
hielt es im Aufzug ruhig und unbewegt, nur um dann, als er mir oben die Tür aufhielt und mir den Vortritt ließ, kurz zu zögern,
mich zu ihm umzudrehen,
ihm einen ernsten Blick zuzuwerfen und rasch und voller Vertrauen durch den Flur voranzugehen ins Wohnzimmer, das an diesem späten Sommernachmittag hell und still in der Sonne auf mich wartete, ein Geruch nach frisch gewachstem Parkett und Zitrone in der Luft
Die Reinigungskräfte hatten alles vorbereitet
Ich sollte nicht das Gefühl haben, in eine alte, abgestandene Bude geschickt zu werden
Er hatte mir Bilder gezeigt, auch die Rechnungen verbarg er nicht vor mir, ich wusste, was mich erwartete, und ich war bereit
Meinmann stellte den Koffer ab, einige Kisten hatten wir schon vorher hierher transportieren lassen
Dann gingen wir eine Weile in der leeren Wohnung
hin und her,
fuhren mit den Fingerkuppen über den grauen Sofaüberzug und die dunkelblau schimmernde Ceranplatte in der Küche,
klopften gegen die weiß verputzte Küchentheke und strichen an den makellos lackierten Türrahmen entlang, bevor wir uns umarmten und eine Weile festhielten, die Gesichter an den Hals des anderen gepresst,
so wie früher, ein fiebrig vergangener Augenblick, der auf einmal in diese neue, frisch geordnete Gegenwart hineineiterte, bis wir es nicht mehr aushielten und uns voneinander lösten
Meinmann stellte mir noch eine Flasche Rosé neben den Herd, die ich vorher nicht bemerkt hatte, sodass es mir vorkam, als zaubere er sie aus seinem Jackettärmel, nickte mir zu und schloss leise die Tür hinter sich
Nun war ich allein, so wie ich es mir gewünscht hatte
Wir hatten vorher ausgemacht, dass er mich gleich verlassen und die Tür ohne große Worte hinter sich zuziehen sollte
Bald würde ich ihn ja ganz gewiss wiedersehen
Ich musste mich einleben, so rasch wie möglich
Ich setzte mich auf das anthrazitfarbene Sofa und atmete langsam durch die Nase ein und aus
Meine Bauchdecke und auch die Oberschenkel: merkwürdig gespannt, als stünden ein Niesanfall oder
ein plötzlicher Sprint unmittelbar bevor
Ich stellte die Beine nebeneinander auf den Boden,
legte beide Hände in den Schoß und achtete darauf, dass sich meine Finger nicht verkrampften
Plötzlich ging mir die Luft aus,
ich riss den Mund auf, um mehr Luft in mich hineinzulassen
So saß ich eine Weile, kerzengerade, mit aufgerissenem Mund, bis mein Blick sich wieder schärfte und ich mich selbst in den großen Fenstern erkannte,
eine kleine, lautlos schreiende Frau, und gleich schloss ich den Mund, lächelte über das kleine...




