E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Peetz Mechanismen der Ökonomisierung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7445-0765-3
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Theoretische und empirische Untersuchungen am Fall 'Schule'
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-7445-0765-3
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
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Dr. Thorsten Peetz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Soziologische Theorie der Universität Bremen. Er promovierte 2013 mit dieser Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin.
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Einleitung
PeterLicht, Lied vom Ende des Kapitalismus
Die gegenwärtige Lage des Kapitalismus scheint kritisch. Großbanken und ganze Volkswirtschaften kollabieren, können nur durch enorme politische Anstrengungen und den Einsatz finanzieller Ressourcen, deren Umfang jede Vorstellungskraft sprengt, „gerettet“ werden. Abseits der Spielplätze der Finanzindustrie, in den sozialen Räumen derer, die nicht „systemrelevant“ oder „too big to fail“ sind, zeigt sich ein anderes Bild: Hier herrscht ein Diktat der Knappheit, werden Etats zurechtgestutzt, Prozesse „optimiert“, Ansprüche gekürzt. Das Lied vom Ende des Kapitalismus, es liegt wieder einmal auf den Lippen, wird hier und da angestimmt, geht im Raunen der Märkte und Mächtigen aber gleich wieder unter. Paradoxerweise führt die Dauerkrise der Ökonomie nicht zur Diskreditierung kapitalistischer Orientierungen, Leitbilder, Strukturmodelle und Koordinationsmechanismen, sondern fördert ganz im Gegenteil ihre Intensivierung und Verbreitung. Damit verschärft sich ein Trend, der spätestens seit den 1980er Jahren weltweit um sich greift und zur Transformation verschiedenster gesellschaftlicher Bereiche, von der Krankenbehandlung bis zur staatlichen Verwaltung, geführt hat.
Mit der Krise des Kapitalismus müsste eigentlich auch die Stunde der Soziologie, Krisenwissenschaft der Moderne schlagen. Und an Beschreibungen der gegenwärtigen Lage mangelt es sicher nicht. Vielen Beobachtern, so Jürgen Kaube (2012: 331), drängt sich dabei der Eindruck auf, „dass der Kapitalismus keine Wirtschaftsform ist, sondern derjenige Teil der Gesellschaft, der alle anderen Teile und damit das Ganze dominiert. Der Schlüsselbegriff dafür lautet ‚Ökonomisierung‘.“ Mit dieser Einschätzung scheint es allerdings nicht weit her zu sein, denn „[i]nsgesamt wirkt das Konzept der Ökonomisierung aller Lebensbereiche [...] noch nicht gut durchdacht“, so etwa dann, wenn „auch die Zunahme von paarweisen Restaurantbesuchen gegenüber eigenem Kochen als Indiz für die Vermarktlichung der Liebe gedeutet wird“ (ebd.).
Der gegenwärtige gesellschaftliche Umbruch, so kann man die beiden vorangegangenen Beobachtungen zusammenführen, stößt auf ein Beobachtungsdefizit der Soziologie. Dieses Defizit zu bearbeiten, ist Absicht der vorliegenden Arbeit. Es wird ein soziologischer Begriff der Ökonomisierung entwickelt, mit dessen Hilfe ein klar umrissener Bereich – der Wandel der Bildungsorganisation Schule – auf Anzeichen für Ökonomisierungsprozesse untersucht wird. Darauf aufbauend modelliere ich erklärende Mechanismen der Ökonomisierung von Schulen. Mit Organisationen wird dabei eine zentrale Einrichtung moderner Gesellschaften, deren Stellenwert für das Verständnis der Gegenwart über theoretische Grenzen hinweg unstrittig ist (Coleman 1979, 1992; Luhmann 1998; Türk/Lemke/Bruch 2006; Weber 1922), fokussiert, mit Bildung ein gegenwärtig lebhaft diskutiertes Thema aufgegriffen. In einer Gesellschaft, die gleichzeitig als „Organisationsgesellschaft“ (Jäger/Schimank 2005) und als „Wissensgesellschaft“ (Jakobi 2007; Stehr 1999, 2001; Stichweh 2004; Willke 2001) beschrieben wird, in der dem Schulbesuch eine so große Bedeutung zugeschrieben wird, dass ihre Mitglieder im Zweifelsfall mit Polizeigewalt der Organisation Schule zugeführt werden, ist die Analyse der Veränderungsprozesse innerhalb dieser Organisation eine zentrale Aufgabe soziologischer Forschung. Im Folgenden gebe ich einen kurzen Überblick über die Argumentation.
Das dient der theoretischen und empirischen Annäherung an das Phänomen der Ökonomisierung und kann auch als ein Überblick über die einschlägige Literatur gelesen werden. Im kritischen Diskurs über die gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen nimmt die Diskussion eines intellektuellen und politischen Projektes, das ausgehend vom angloamerikanischen Sprachraum die Welt erobert hat, eine zentrale Position ein: das Projekt des Neoliberalismus. Obwohl über dessen genaue Bestimmung noch keine Übereinkunft erzielt wurde, kann man als Kern des intellektuellen Projektes den mit starken individualistischen Positionen kombinierten Glauben an die Überlegenheit des Marktes identifizieren. Politisch wird dieser Glaube in Reformen übersetzt, die auf Deregulierung und Privatisierung setzen. Als zentrale Konsequenz wird die Ausweitung wirtschaftlicher Logiken in der modernen Gesellschaft identifiziert. Andere, nicht-ökonomische Logiken werden verdrängt, die Grenzen des Marktes immer weiter verschoben.
Um diese „Grenzverschiebungen“ oder auch „Grenzverletzungen“ auf den Begriff zu bringen, wird eine ganze Reihe von Begriffen vorgeschlagen. Neben dem schon von Kaube angeführten Begriff der Ökonomisierung, den ich im Weiteren dieser Arbeit zugrunde legen werde, diskutiere ich mit den Begriffen der Kommodifizierung und der Vermarktlichung die beiden meines Erachtens konkurrenzfähigsten Alternativen. In der Diskussion wird deutlich, warum der Begriff der Ökonomisierung vorzuziehen ist, daneben aber auch, dass er selbst noch nicht hinreichend spezifiziert worden ist.
Hier Abhilfe zu schaffen, ist dringend nötig. Ich gebe deshalb zunächst einen Überblick über empirische Forschungen zur Verschiebung ökonomischer Grenzen. Schon die Vielfalt der Bereiche, in denen Ökonomisierungsprozesse identifiziert werden, ist bemerkenswert. Ob es um die moderne Massenkultur oder den Tod, um Wissenschaft, Universitäten, Krankenhäuser geht, überall scheint die Ökonomie auf dem Vormarsch zu sein. Auffallend ist dabei, dass sich die Diskussion vor allem auf zwei Phänomene konzentriert. Zum einen wird die Ökonomisierung großer gesellschaftlicher Bereiche wie etwa der Kultur oder der Wissenschaft thematisiert, zum anderen die ökonomisch motivierte Restrukturierung von Organisationen wie eben Krankenhäusern oder Universitäten. Auf dieser Grundlage können die Kriterien entwickelt werden, denen ein soziologischer Begriff der Ökonomisierung genügen muss. Ich schlage vor, dass es genau drei solcher Bedingungen gibt: Ohne einen differenzierungstheoretischen Rahmen, ohne eine entwickelte Soziologie der Ökonomie und schließlich – aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutung von Organisationen – ohne eine entwickelte Theorie der Organisation bleibt der Begriff der Ökonomisierung leer.
In der Basisdefinition von Uwe Schimank und Ute Volkmann (2008: 382) bezeichnet Ökonomisierung den Vorgang, bei dem Strukturen und Orientierungen der kapitalistischen Wirtschaft „gesellschaftlich wirkmächtiger“ werden. Will man ausgehend von dieser Definition eine der Ökonomisierung entwickeln, dann muss man sie sozial- und gesellschaftstheoretisch einbetten, die Frage beantworten, was man sich unter Orientierungen, Strukturen, Wirtschaft und Gesellschaft vorzustellen hat. Im begebe ich mich deshalb auf einen theoretischen Rundgang, auf dem ich auf der Grundlage der im ersten Kapitel entwickelten Kriterien relevante sozialtheoretische Entwürfe auf ihre Eignung für eine Theorie der Ökonomisierung hin abklopfe. Die Soziologie bietet eine ganze Reihe von Ansätzen, die entsprechende Potenziale bereitstellen: Max Weber etwa mit seiner differenzierungstheoretischen Figur kultureller Wertsphären, der Bürokratietheorie und den Beschreibungen der modernen, kapitalistischen Wirtschaft; Pierre Bourdieu vor allem über seine Feldtheorie, die die Auseinandersetzungen in und zwischen den Feldern hervorhebt; schließlich Luc Boltanski und Laurent Thévenot, die eine Theorie pluraler Rechtfertigungsordnungen und entsprechender sozialer Welten entwickeln, die zur Koordination in Krisensituationen herangezogen werden. Während mit diesen Autoren zentrale Aspekte von Ökonomisierungsprozessen in den Blick kommen, haben sie doch auch eine Reihe von Defiziten, die weitere Suchbewegungen rechtfertigen. Mal sind ihre Konzepte zu nah an die Ökonomie angelehnt (Weber, Bourdieu), mal verfügen sie über keine ausgebaute Soziologie der Wirtschaft (Bourdieu) oder der Organisation (Bourdieu, Boltanski und Thévenot).
In der Variante der soziologischen Systemtheorie, die Niklas Luhmann entwickelt hat, findet man meines Erachtens dann eine Theorie, die allen an eine Theorie der Ökonomisierung gerichteten Anforderungen genügt. Sie verfügt zunächst über eine Theorie der Gesellschaft, die die Moderne als eine funktional differenzierte Gesellschaft beschreibt. Zudem stellt sie eine Theorie der modernen Wirtschaft sowie eine ausgearbeitete Organisationstheorie zur Verfügung. Der aus ihr entwickelte Begriff der Ökonomisierung unterscheidet Ökonomisierung mit der Systemreferenz Gesellschaft als der Steigerung der Relevanz ökonomischer Probleme, Codes, Programme und Medien gegenüber anderen Funktionssystemen der modernen Gesellschaft von Ökonomisierung mit der Systemreferenz Organisation als der Verschiebung der Gesellschaftsreferenzen organisationaler Strukturen hin zur Ökonomie.
Die theoretische Vorarbeit ist Bedingung jeglicher Analyse von Ökonomisierungsprozessen. Sie klärt auf über das, was man zu erwarten hat, wenn man nach Prozessen der Ökonomisierung sucht. Ausgestattet mit diesen Begriffen tappt man nicht mehr blind durch die gesellschaftliche Wirklichkeit, sie eröffnen theoretisch kontrollierte Einblicke in die Welt. Dieser Schritt in die „Wirklichkeit“ muss dann aber auch gegangen werden – andernfalls bleiben die Begriffe leer. Das reichert sie deshalb mit Beschreibungen von Transformationsprozessen des Bildungssystems an, dabei den Schwerpunkt auf den Wandel von...




