E-Book, Deutsch, 1036 Seiten
Pears Urteil am Kreuzweg
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-970-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 1036 Seiten
ISBN: 978-3-96148-970-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Iain Pears, geboren 1955 im englischen Coventry, studierte in Oxford und arbeitete später in Rom und Paris als Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Heute ist er als Journalist und Kunsthistoriker bekannt - und als Autor hochgelobter Kriminalromane und historischer Romane. Sein internationaler Bestseller »Urteil am Kreuzweg« wurde in 15 Sprachen übersetzt. Bei dotbooks veröffentlichte Iain Pears die Romane »Urteil am Kreuzweg« und »Scipios Traum« sowie die Kriminalromane rund um den Kunsthistoriker Jonathan Argyll und die Kommissarin Flavia di Stefano: »Giottos Handschrift«, »Caravaggios Erben« und »Die makellose Täuschung«
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Kapitel 1
Marco da Cola, Gentleman aus Venedig, entbietet respektvoll seinen Gruß. Ich möchte von der Reise berichten, die ich anno 1663 nach England unternommen habe, von den Ereignissen, deren Zeuge ich wurde, und von den Menschen, denen ich begegnete, was, wie ich hoffe, für all jene von einigem Interesse ist, die von Neugier heimgesucht werden. Ebenso beabsichtige ich, in meinem Bericht die Lügen jener zu enthüllen, die ich einst, fälschlicherweise, zu meinen Freunden zählte. Ich beabsichtige nicht, mich des langen und breiten schriftlich zu rechtfertigen oder im einzelnen zu erzählen, auf welche Weise ich hintergangen und um das Ansehen betrogen wurde, das mir von Rechts wegen gebührt. Mein Bericht wird, wie ich glaube, für sich selbst sprechen.
Ich werde viel, aber nichts von Bedeutung, weglassen. Ein großer Teil meiner Reisen durch dieses Land war nur für mich interessant und wird hier nicht erwähnt. Viele, denen ich begegnete, waren von ebenso geringer Bedeutung. Jene, die mir in späteren Jahren Schaden zufügten, schildere ich so, wie ich sie damals kannte, und ich bitte den Leser, daran zu denken, daß ich zwar nicht unreif war, aber noch keine Weltklugheit besaß. Sollte meine Erzählung schlicht und töricht scheinen, dann müßt Ihr daraus schließen, daß der junge Mann, der ich vor so vielen Jahren gewesen bin, auch schlicht und töricht war. Ich werde auf mein Bild von damals keine neuen Farbschichten und keinen frischen Firnis auftragen, um meine Fehler oder die Schwäche meiner Zeichenkunst zu verdecken. Ich werde keine Beschuldigungen aussprechen und nicht gegen andere polemisieren; ich werde vielmehr sagen, was geschehen ist, zuversichtlich, daß ich mehr nicht tun muß.
***
Mein Vater, Giovanni da Cola, war Kaufmann und beschäftigte sich während der letzten Jahre seines Lebens mit dem Import von Luxusgütern nach England, das sich, wiewohl ein Land ohne Raffinesse, dennoch von den Nachwirkungen der Revolution zu erholen begann. Scharfsinnig hatte er aus der Ferne erkannt, was die Rückkehr von König Charles II. bedeutete: daß die Riesengewinne dort gewissermaßen wieder auf der Straße liegen würden. Anderen Kaufleuten, die länger zögerten, heimlich zuvorkommend, hatte er in London eine Niederlassung gegründet, um die wohlhabenderen Londoner mit jenen Luxusgütern zu versorgen, die von den puritanischen Eiferern so viele Jahre verboten worden waren. Sein Geschäft blühte; er hatte in Giovanni di Pietro einen guten Mann in London und ging auch mit einem englischen Kaufmann, mit dem er sich die Gewinne teilte, eine Partnerschaft ein. Wie er mir einmal sagte, war es ein gerechter Handel: John Manston war zwar listig und unehrlich, kannte jedoch wie kein zweiter den englischen Geschmack. Wichtiger noch: Die Engländer hatten ein Gesetz verabschiedet, das fremden Schiffen verbot, Waren in ihre Häfen einzuführen, und Manston war ein Weg, diese Schwierigkeit zu überwinden. Solange mein Vater di Pietro am Ort hatte, der die Konten fest im Auge behielt, gab es, wie er glaubte, kaum eine Möglichkeit, ihn zu betrügen.
Er war längst über die Zeit hinaus, in der er direktes Interesse an seinem Geschäft nahm, und hatte schon einen Teil seines Kapitals in Landbesitz in der terra ferma – den ehemaligen Festlandsbesitzungen Venedigs – angelegt, um in das Goldene Buch aufgenommen zu werden. Obwohl selbst Kaufmann, wollte er, daß seine Kinder Gentlemen würden, und riet mir davon ab, mich aktiv in seinem Unternehmen zu betätigen. Ich erwähne das, weil es für mich ein Zeichen seiner Güte war. Er hatte schon früh bemerkt, daß mein kaufmännischer Verstand sehr gering war, und ermutigte mich, mich von dem Leben abzuwenden, das er führte. Er wußte auch, daß der junge Gatte meiner Schwester für die Fährnisse des Handels viel geeigneter war als ich.
Während also mein Vater den Namen und das Vermögen der Familie sicherte, hielt ich mich – meine Mutter war gestorben und meine Schwester nutzbringend verheiratet – in Padua auf, um mir eine oberflächliche Kenntnis artigen Benehmens anzueignen; er war zufrieden, daß sein Sohn unserem Adel angehörte, wollte mich aber nicht so ungebildet wissen, wie es der Adel war. An diesem Punkt und reifer an Jahren – ich wurde jetzt bald dreißig –, wurde ich plötzlich von der brennenden Begeisterung gepackt, Bürger der – wie man sie nennt – Republik der Gelehrtheit zu werden. An diese plötzliche Leidenschaft erinnere ich mich nicht mehr, so völlig ist sie von mir abgefallen, doch die Faszination der neuen experimentellen Naturwissenschaften hielt mich in ihrem Bann. Es war natürlich eher eine Sache des Geistes als die der praktischen Anwendung. Ich sage mit Beroaldus non sum medicus, nec medicinae prorsus exper: In der Theorie der Heilkunde habe ich mich redlich bemüht, nicht mit der Absicht jemals zu praktizieren, sondern um mich selbst zufriedenzustellen. Ich hatte weder den Wunsch, noch hatte ich es nötig, meinen Lebensunterhalt auf solche Weise zu verdienen, obwohl ich, was ich voller Scham gestehe, meinen armen, gütigen Vater hin und wieder damit ärgerte, daß ich sagte, wenn er nicht nett zu mir sei, würde ich mich rächen und Arzt werden.
Ich vermute, ihm war längst klar, daß ich nie dergleichen tun würde und mich lediglich von Ideen und Menschen fesseln ließ, die ebenso aufregend wie gefährlich waren. Die Folge war, daß er keine Einwände erhob, als ich ihm von den Berichten eines Professors schrieb, der, obwohl namentlich Vorlesungen in Rhetorik haltend, einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, sich über die neuesten Entwicklungen in der Naturwissenschaft zu unterrichten. Dieser Mann war weit gereist und behauptete, daß ernsthafte Studenten von Naturphänomenen die Niederlande und England nicht mehr verächtlich ablehnen dürften. Nach vielen Monaten unter seinen Fittichen steckte ich mich mit seiner Begeisterung an, und da mich in Padua kaum etwas hielt, bat ich meinen Vater, diesen Teil der Welt bereisen zu dürfen. Gütig, wie er war, stimmte er sofort zu, besorgte mir die Erlaubnis, das venezianische Staatsgebiet zu verlassen, und sandte seinem Bankier in Flandern einen Kreditbrief für mich.
Ursprünglich hatte ich den Vorteil meiner Stellung nutzen und den Seeweg nehmen wollen, da ich jedoch, um Kenntnisse zu erwerben, soviel wie möglich sehen sollte, kam ich zu dem Schluß, daß es besser war, mit der Kutsche zu reisen, als mich auf einem Schiff drei Wochen lang mit der Mannschaft zu betrinken. Hinzufügen muß ich, daß ich schwer an der Seekrankheit leide – eine Schwäche, die ich stets sehr ungern zugegeben habe; wenn Gomesius2 auch sagt, sie heile die Traurigkeit des Geistes, habe ich das nie feststellen können. Dennoch verlor ich immer mehr von meinem Mut, der sich fast ganz in Luft auflöste, je länger die Reise dauerte. Nach Leiden waren wir nur neun Wochen unterwegs, doch die Qualen, die ich zu ertragen hatte, lenkten mich völlig von der Aussicht ab, die an mir vorüberzog. Als wir einmal auf halbem Weg über einen Alpenpaß im Schlamm steckenblieben, es in Strömen regnete, ein Pferd krank war, ich selbst Fieber hatte und mein einziger Reisegefährte ein gewalttätig aussehender Soldat war, dachte ich, daß ich lieber den schlimmsten Sturm auf dem Atlantik aushielte als solches Elend.
Doch zurückzukehren hätte ebensolange gedauert wie die Fortsetzung der Reise, und so hielt ich durch, eingedenk des Spottes, der sich über mich ergießen würde, wenn ich beschämt und schwach in meine Heimatstadt zurückkäme. Scham ist, wie ich glaube, das mächtigste Gefühl, das der Mensch kennt; die meisten Entdeckungen und bedeutenden Reisen wurden zu Ende geführt, weil es eine Schande gewesen wäre, hätte man den Versuch abgebrochen. Krank vor Sehnsucht nach der Behaglichkeit und Wärme meines Heimatlandes – die Engländer nennen diese Krankheit nostalgia, die ihrer Meinung nach auf das Ungleichgewicht einer fremden Umgebung zurückzuführen ist – setzte ich meinen Weg fort, übel gelaunt und unglücklich, bis ich in Leiden eintraf, wo ich als Gentleman in die medizinische Hochschule eintrat.
So viel schon wurde über diesen Sitz der Gelahrtheit geschrieben, der für meinen Bericht auch bedeutungslos ist, daß es genügt, wenn ich sage, ich fand zwei Professoren, die Vorlesungen über Anatomie und körpereigene Funktionen hielten und von deren einzigartigem Wissen ich sehr viel profitierte. Ich reiste auch durch die Niederlande und fand treffliche Gesellschaft, vor allem Engländer, die mir ein wenig von ihrer Sprache beibrachten. Ich verließ die Niederlande nur, weil mein guter Vater es mir befahl, aus keinem anderen Grund. Im Londoner Büro gebe es irgendwelche Unregelmäßigkeiten, wie er mir schrieb, und er brauche jemanden von der Familie, der vermittelnd eingreifen könne: Niemand sonst sei vertrauenswürdig. Obwohl mein praktisches Wissen über Handel und Wandel sehr gering war, freute ich mich, als gehorsamer Sohn etwas für ihn tun zu können, entließ meinen Diener, ordnete meine Angelegenheiten und schiffte mich in Antwerpen ein, um nach dem Rechten zu sehen. Am 22. März 1663 traf ich mit nur wenigen Pfund in der Tasche in London ein; die Summe, die ich einem Professor für seinen Unterricht bezahlt hatte, hatte meine Geldmittel fast erschöpft. Doch ich machte mir keine Sorgen, denn ich dachte, ich brauchte nur den kurzen Weg vom Fluß zu meines Vaters Büro zurückzulegen, das sein Vertreter unterhielt, und alles würde wieder in Ordnung sein. Was war ich nur für ein Narr. Ich konnte di Pietro nicht finden, und dieser elende John Manston wollte mich nicht einmal empfangen. Er ist schon lange tot; ich bete für seine Seele und hoffe, daß Gott meine Gebete nicht erhört, denn ich weiß, je länger...




