E-Book, Deutsch, 313 Seiten
Payer Der Klang der Großstadt
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-205-23153-0
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Geschichte des Hörens. Wien 1850-1914
E-Book, Deutsch, 313 Seiten
ISBN: 978-3-205-23153-0
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Mentalitäts- und Sozialgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Weltgeschichte & Geschichte einzelner Länder und Gebietsräume Europäische Geschichte Europäische Regional- & Stadtgeschichte
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Spezielle Soziologie Stadt- und Regionalsoziologie
Weitere Infos & Material
An einem schönen Sommertag des Jahres 1907 unternahm der renommierte Dramaturg und spätere Direktor des Wiener Burgtheaters Alfred Freiherr von Berger (1853–1912) ein ebenso bemerkenswertes wie simples Experiment. Er begab sich in den Garten seines Hauses in Unter St. Veit, einem Wiener Stadtteil, der – wie er betonte – gemeinhin als ruhig galt,1 und begann die ihn umgebende »Stille« akustisch zu analysieren. Minutiös registrierte er die Geräusche der Großstadt, ganz so, »wie man gelegentlich das Trinkwasser, das man täglich genießt, chemisch und bakteriologisch untersuchen lässt«. Dabei nahm Berger folgende »Hauptgeräusche als teils gleichzeitig, teils in rascher Aufeinanderfolge sich ereignend« wahr:
Drei Musikkapellen, eine sehr nahe, eine etwas weiter, eine ganz fern; zwei bellende Hunde, einer in tiefer, einer in hoher Stimmlage; einen winselnden Hund; Wagengerassel; Glockengeläute; das Schwirren und Tuten zweier Automobile; das Zwitschern vieler Spatzen; zwei Klaviere; eine singende Dame; ein Mikrophon, das abwechselnd ein Orchesterstück und ein gesungenes englisches Lied vorführte; den Schrei eines Pfaus; das entfernte Gebrüll der wilden Tiere in der Schönbrunner Menagerie; die Sirenen aus mindestens drei verschieden entfernten Fabriken; das heulende Wimmern eines elektrischen Motorwagens; das Rädergerassel und Bremsengekreisch eines Stadtbahnzuges; das Pfeifen und Pusten der Rangierlokomotiven der Westbahn; das Metallgeräusch der aneinanderstoßenden Puffer; das Rauschen des Windes in den Bäumen; einen Papagei; das wüste Geschrei der die Gäule eines Lastwagens antreibenden Kutscher; das Dengeln einer Sense; Trompetensignale aus einer Kaserne; Ausklopfen von Teppichen und Möbeln; das Pfeifen eines Vorübergehenden; das Zischen des Wasserstrahls, mit dem der Nachbargarten begossen wird; eine Drehorgel; die Glockenschläge und das dumpfe Rollen der Dampftramway.2
Das Erlauschen einer derartigen Vielzahl an unterschiedlichen akustischen Eindrücken kann als unmittelbarer Ausdruck der zunehmenden Dichte und Komplexität großstädtischen Lebens gelesen werden. Das Nebeneinander von modernen und vormodernen Arbeits- und Lebensrhythmen zeichnet sich ebenso deutlich ab wie die sukzessive Ausbreitung einer zunehmend technisierten Stadtzivilisation in ihr immer weniger naturbelassenes Umland. Ein typischer »Großstadtwirbel« war entstanden, wie der Journalist und Schriftsteller Felix Salten (1869–1945) die neue urbane Geräuschkulisse nannte.3 Die penibel durchgeführte Hörprobe verweist aber auch paradigmatisch auf die gestiegene Aufmerksamkeit, die die Großstadtmenschen zur Jahrhundertwende ihrer akustischen Umgebung entgegenbrachten. Die rasanten sozialen, technischen und wirtschaftlichen Veränderungen, denen Wien im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ausgesetzt war, hatten eine Fülle an neuen Geräuschen entstehen lassen, die von der Bevölkerung erst adaptiert werden mussten. Neue Modalitäten der Aufmerksamkeit bildeten sich heraus, die gesamte auditive Kultur der Stadt veränderte sich.
Bergers Sensibilität für Fragen der akustischen Reizung spiegelt den zeitgenössischen Lärm-Diskurs wider, der – zumindest in bürgerlich-liberalen Kreisen – relativ heftig geführt wurde. In Europa wie in Amerika waren Lärmschutzbewegungen entstanden, die auf die gesundheitlichen Folgen des Lärms aufmerksam machten. Medizinische Fachblätter und führende Tageszeitungen brachten ausführliche Berichte über die neuen akustischen Verhältnisse in den Großstädten. Ärzte und Psychiater sahen sich mit den Auswirkungen der Lärmüberflutung ebenso konfrontiert wie städtische Gesundheitsbeamte und Hygieneinspektoren, die eine deutliche Zunahme an diesbezüglichen Beschwerden registrierten. Ingenieure, Architekten und Städtebauer suchten nach Möglichkeiten der Lärmreduktion, in Vorträgen und auf Tagungen über Hygiene und Gesundheitspflege wurde der Lärm bzw. dessen Vermeidung zum wichtigen Thema.
Die vorliegende Arbeit will die gesellschaftlichen Hintergründe dieser Entwicklung erhellen und am Beispiel der Stadt Wien untersuchen, wie sich die Geräuschkulisse des öffentlichen Raumes und parallel dazu die akustische Wahrnehmung der Bevölkerung veränderte. Das Hauptinteresse richtet sich dabei auf jene unerwünschten Geräusche, die unter dem Begriff »Lärm« zusammengefasst werden. Der Untersuchungszeitraum von 1850 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs umfasst jene historische Periode, in der Wien sich zur modernen Großstadt und letztlich viertgrößten Metropole Europas mit über zwei Millionen Einwohnern entwickelte. Die ungeheure Dynamik dieser Jahrzehnte, die mit der Demolierung der Basteien ihren visuell wie akustisch eindrucksvollen Anfang nahm, veränderte nicht nur das Stadtbild nachhaltig, sie ließ auch eine neue Gesundheitsorientierung entstehen, die nicht ohne Auswirkungen auf die Rezeption des Lärms bleiben sollte. Die Modernisierung und Großstadtwerdung Wiens verlangte neue Strategien im Umgang mit dem Lärm, die – so meine These – im Wesentlichen bis heute aktuell sind. Wohl hat es bereits früher einzelne Klagen über Lärm und auch Maßnahmen zu seiner Verminderung gegeben,4 erstmalig wurde nun jedoch der Lärm von einem individuellen zu einem gesellschaftlichen Problem, das von führenden sozialen Klassen und hier insbesondere dem Bürgertum auf breiter Basis diskutiert wurde.
Die Geschichtswissenschaft betritt bei der Erforschung des Lärms noch immer Neuland. Als Pioniere auf diesem Gebiet können die US-amerikanischen Umwelthistoriker Raymond W. Smilor und Lawrence Baron angesehen werden, die sich um 1980 erstmals mit historischen Formen des Kampfes gegen den Lärm beschäftigten5 und deren Forschungen inzwischen von Kollegen wie Warren Bareiss oder Peter A. Coates fortgeschrieben wurden.6
Abb. 1: »Biedermeiers Klage«, Karikatur, 1891
Im deutschen Sprachraum war es zu jener Zeit lediglich die Medizingeschichte, die sich dieses Themas annahm (Siegfried Krömer, Erich Neisius).7 Die deutsche historische Umweltforschung konzentrierte sich lange Zeit auf die klassischen Problemfelder der Luft- und Gewässerverunreinigung. Erst seit Mitte der 1990er-Jahre entstanden erste größere Publikationen. So analysierte der Sozialhistoriker Klaus Saul in einer grundlegenden Studie den Kampf gegen die »Lärmpest« im Deutschen Kaiserreich,8 Hans-Joachim Braun gab einen kurzen Überblick über die Lärmbekämpfung in der Zwischenkriegszeit.9 Matthias Lentz, Richard Birkefeld und Martina Jung, Michael Toyka-Seid sowie jüngst John Goodyear und vor allem Daniel Morat stellten Zusammenhänge zwischen Stadtentwicklung und Lärm in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen.10 Sie alle ermöglichen interessante Vergleiche von Wien mit deutschen Städten, insbesondere mit Berlin, und auch zu einigen französischen Städten liegen mittlerweile relevante Studien von Olivier Balay, Olivier Faure und Jean-Pierre Gutton vor.11
Einen wertvollen Vergleich bieten auch die Arbeiten der niederländischen Technikhistorikerin Karin Bijsterveld, die sich seit einigen Jahren intensiv mit symbolischen Aspekten des Sounds beschäftigt, mit dessen Bedeutung für die zentrale Narration und Identität von Städten sowie mit der europäischen und nordamerikanischen Lärmschutzbewegung.12 Letzterer widmete sich auch Emily Thompson in ihrem Buch »The Soundscape of Modernity«, einer vor allem technisch-architektonische Aspekte behandelnden Studie zur amerikanischen Hör-Kultur zwischen 1900 und 1933.13 Eine kurze, an den »cultural studies« orientierte Geschichte des Lärms, seiner Definition, Wahrnehmung und Bedeutung für die verschiedenen Gesellschaftsschichten präsentierte schließlich Peter Bailey, der vehement für eine stärkere Beachtung dieser »sozialen Energie« plädiert, denn
noise is a specific historic phenomenon that can signify more than outrage. It is an expressive and communicative resource that registers collective and individual identities, including those of nation, race and ethnicity (…); it is a ready form of social energy, with the power to appropriate, reconfigure or transgress boundaries; it converts space into territory, often against the social odds.14
Diese Anregung aufgreifend, werden im Folgenden nicht – wie bisher zumeist – die sozialen Bewegungen gegen den Lärm im Mittelpunkt stehen, vielmehr soll eine breite kulturwissenschaftliche, die akustische Produktion mit der Rezeption verknüpfende Analyse geboten werden. Neben den oben genannten Autoren wird dabei von einer Akustikforschung ausgegangen, wie sie bereits Ende der 1960er-Jahre vom kanadischen Komponisten Murray R. Schafer in seinem Soundscape-Projekt über die Veränderung von Klanglandschaften entwickelt15 wurde – ein Ansatz, der in Europa zunächst vor allem aufseiten der Sozialgeschichte und der historischen Anthropologie vorangetrieben wurde (Alain Corbin, Max Ackermann, Dietmar Kampfer, Christoph Wulf, Monika Dommann).16 Im anglo-amerikanischen Sprachraum entstanden parallel dazu zahlreiche kulturwissenschaftlich fundierte »Sound Studies«17, denen mittlerweile auch im deutschen Sprachraum einschlägige Publikationen folgten.18 Als durchaus wegweisend kann die im Jahr 2013 erschienene, von Gerhard Paul und Ralph Schock initiierte Großstudie zur Soundgeschichte des 20. Jahrhunderts gelten. Der darin von den Herausgebern formulierte Grundsatz liegt auch dem vorliegenden Werk zugrunde: »Töne, Klänge und Geräusche sind uns (…) nicht nur Quellen für etwas; vielmehr sehen wir in ihnen eigenständige Themen der Betrachtung.«19
Gleichsam als Ergänzung dazu...




