Pavlic | Die Erinnerten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Pavlic Die Erinnerten


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-99065-064-6
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-99065-064-6
Verlag: Edition Atelier
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als sich Annemarie und Johann 1932 bei der Höttinger Saalschlacht kennenlernen, ist das ein recht ungewöhnlicher Beginn für eine Beziehung. Die Massenschlägerei zwischen Nationalsozialisten und Sozialist*innen geht als Beginn eines langen und dunklen Kapitels in die Geschichte Tirols ein. Andreas Pavlic lässt uns in seinem Debütroman an der Seite von Annemarie und Johann in den Moment der Geschichte eintauchen, mit all den Ungewissheiten, politischen Umstürzen und Entscheidungen, die die beiden erleben - vom Austrofaschismus über den Kriegsbeginn, die Invasion der Kartoffelkäfer bis ins Jahr 1945, als Innsbruck vor der Befreiung steht und sich immer mehr Menschen der nationalsozialistischen Herrschaft widersetzen. Ein starkes und exzellent recherchiertes Stück Erinnerungsliteratur, das sich trotz des großen und gewichtigen Themas leichtfüßig und unterhaltsam liest.

Andreas Pavlic, 1974 in Innsbruck geboren, lebt in Wien. Spediteur, Lagerarbeiter, Konflikt- und Gemeinwesenarbeiter, Studium der Politikwissenschaft und der Sozialen Arbeit. Forscht zu sozialen und alternativen Bewegungen. Seit 2008 Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Literaturzeitschriften und Anthologien. Mitglied im Papiertheaterkollektiv Zunder. Zuletzt: (gem. mit A. Leder, M. Memoli): 'Die Rätebewegung in Österreich. Von sozialer Notwehr zur konkreten Utopie' (Mandelbaum Verlag).
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27. MAI 1932


Annemarie saß zu Hause auf der alten Eckbank, hinten im spärlich eingerichteten Raum, wo auch ihr Bett stand. Sie nahm das Zwirnende in den Mund, hob das Nadelende gegen das Licht, fädelte den Zwirn durch die Öse und verknotete die beiden Enden. Sie hatte eben den zweiten Pfeil fertig gestickt und machte sich daran, den dritten, den obersten, auf das rote Tuch zu bringen. Sie mochte die Stickerei nicht besonders, aber den Vater freute es, wenn sie handarbeitend zu Hause saß, und der Gruppenleiter hatte ihr aufgetragen, ein Tüchlein mit drei Pfeilen, die einen Kreis durchkreuzen, zu machen. Die Partei hatte sich nämlich ein neues Zeichen ausgedacht, das ihren Kampf gegen die Hakenkreuzler symbolisieren sollte. Und deswegen ging an alle Frauen und Mädchen der Gruppe die Anweisung, eines zu sticken. Eine jede hatte ein rotes Tuch oder eine Fahne und eine Vorlage bekommen.

Die Mutter war beim Stricken. Zumindest war sie es gewesen, denn Hände, Stricknadeln und das Wollknäuel lagen bereits seit geraumer Zeit ruhend in ihrem Schoß. Sie saß in ihrem Stuhl, den Kopf nach hinten geneigt, den Mund offen. Sie war eingeschlafen. Der Vater war im Gasthaus bei seiner Kartenrunde, die beiden jüngeren Geschwister irgendwo unterwegs, im Wald wahrscheinlich. Gleich nach dem Abendbrot waren sie aufgestanden und rausgelaufen. Die Mutter konnte ihnen nur noch nachschreien, dass sie nicht zu spät nach Hause kommen sollen. Fast jeden Abend war es das Gleiche. Aber es waren ja noch Kinder.

Thusnelda hatte Annemarie am Vortag von einer Hakenkreuzler-Veranstaltung hier im Ort erzählt, und dass sie da unbedingt hinschauen mussten. »Es ist unsere Pflicht«, hatte sie gesagt. Aber Annemarie war gar nicht begeistert gewesen. Sie hatte geantwortet, dass sie noch die Stickerei fertig machen müsse, für den Ausflug in der kommenden Woche. Dann wollte sie mit den anderen Frauen die neuen Tücher und Fahnen der Gruppe präsentieren.

Natürlich war das eine Ausrede gewesen. Das hatte Thusnelda gleich erkannt: »Sticken kannst du später auch noch. Wenn Zeit dazu ist. Jetzt gibt es wichtigere Dinge zu tun.« Dann hatte sie gelacht. Thusnelda war aus Wien und schon über dreißig. Von ihrem ersten Ehemann war sie abgehauen, weil er grob zu ihr gewesen war. In den Zwanzigern ist sie dann wegen einem anderen Mann nach Innsbruck gezogen, der hier seinen Militärdienst ableisten musste. Bald darauf hatte sie mit ihm einen Sohn bekommen.

Thusnelda sagte manchmal wirklich verrückte Sachen. Gestern zum Beispiel, dass doch der Vater für sie sticken soll, der würde ansonsten ohnehin nur Karten spielen. Dabei schaute sie so ernst drein, dass Annemarie keine Ahnung hatte, ob sie nun lachen soll oder nicht. Der Vater und Sticken. Sie war sich gar nicht sicher, ob Männer das überhaupt können. Mit diesen Händen.

Einmal waren sie am Waldrand spazieren und weiter zum Planötzenhof rauf, da erzählte Thusnelda ihr von der Sowjetunion, von der Befreiung der werktätigen Frauen, die neben den Männern in den Fabriken stehen und das Land aufbauen. Und dann meinte sie, dass die sexuelle Emanzipation der Frau der Grundstein des Sozialismus sei. Annemarie wurde zunächst ein bisschen schwindelig, aber es gefiel ihr. Vor allem das mit der sexuellen Emanzipation.

Was diese Versammlung der Hakenkreuzler anbelangte, war Thusnelda stur geblieben: »Wir müssen uns diesen Kerlen stellen. Bevor sie noch die ganzen Leute verseuchen.« Annemarie blieb keine Ausrede mehr übrig: »Ich hol dich gegen halb acht ab«, sagte sie. Jetzt war es schon knapp vor halb acht.

Plötzlich hörte Annemarie ein dumpfes Poltern weit unten aus der Gasse langsam heraufziehen. Eine Amsel am Fenster zwitscherte aufgeregt. Annemarie legte ihr Tuch auf die Seite, um besser lauschen zu können. Es waren Schritte. Marschschritte. Die müssen von Innsbruck heraufkommen, dachte sie sich und ging Richtung Fenster, um nachzuschauen. Der Vogel flatterte davon und setzte sich auf die Mauer der gegenüberliegenden Gassenseite, blieb dort aber nicht lange allein, weitere gesellten sich hinzu, und gemeinsam, so schien es Annemarie, empörten sie sich über den ungebührlichen Lärm. Sie schmunzelte. Das rhythmische Auftreten war immer deutlicher zu hören. Marschierende Stiefel, wie bei den Hahnenschwänzlern oder den Schützen, dachte sie. Dieser ewige dumpfe Gleichschritt. Viele Männer hatten große Freude daran, an dem gemeinsamen Herumgehen im Gleichschritt. Vor allem im Stadtzentrum von Innsbruck machten sie das gerne. Paraden. In der Maria-Theresien-Straße, wo man sie gut sehen konnte, in ihren Uniformen und mit ihren Abzeichen. Aber auch hier in Hötting. Der Obsthändler Penz mit seiner Gausturmkompanie. In der ganzen Ortschaft war er gefürchtet. Wenn der mit seinen Männer herumzog, dann gab es nichts zu lachen. Der war schlimmer, als die Nazis es bis jetzt waren, richtige Rotehasser. Annemarie hatte sie ebenfalls bereits kennengelernt.

»Der Krieg hat noch nicht aufgehört. Er ist noch da. Er wird auch nicht aufhören, solange es arm und reich gibt.« Das hat Thusnelda einmal zu ihr gesagt, als sie diese Truppe bei einem Aufmarsch erblickten, und halblaut sagte sie dann ins Leere: »Und es liegt am Proletariat, diesen Krieg zu gewinnen und zu beenden.«

»Was machst du denn am Fenster, Annemarie?«, rief die Mutter, eben aufgewacht und nach Orientierung ringend.

»Nichts, Mama. Ich schau nur. Nach den Amseln. Die haben so aufgeregt gezwitschert.«

»Lass doch die Vögel. Mach lieber die Küche zusammen.«

»Ich muss doch das Deckerl … und dann kommt ja Thusnelda. Wir gehen auf die Versammlung.«

»So spät noch? Morgen musst du ja früh aufstehen, arbeiten. Oder wäscht morgen der Chef für dich die Wäsche?«

»Nein, aber morgen ist nicht so viel los, weißt.«

Als Annemarie wieder bei ihrem Tuch saß und den dritten Pfeil stickte, schlief die Mutter erneut ein. Dabei war auch ihre Tochter schon müde. Beim Abendbrot-Zubereiten beklagte sie sich, dass sie einmal mehr den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war. In der Früh musste sie beim Vater in der Werkstatt aushelfen, dann war sie bei den Herrschaften, die unten am Inn das große Hotel hatten, in der Küche, denn die brauchten zu Mittag immer eine Aushilfskraft, und am Nachmittag war sie beim Bauern oben beim Käsen. Seit ihrer Kindheit machte sie das schon. Sogar ihre Mutter hatte bereits in der kleinen Käserei gearbeitet, erzählte sie immer wieder voller Stolz. Das war eine Familientradition. Zumindest bei den Mädchen und Frauen.

Draußen kamen die Stiefelschritte immer näher. Die müssen jetzt schon mitten in der Höttinger Gasse sein, dachte sie, während sie den schwarzen Faden hochzog. Dass in der Vorlage die drei Pfeile nach links unten zeigten, störte sie, darum hatte sie sie nach rechts oben zielen lassen. Es musste ja was weitergehen, nicht immer nur zurück. Und der Name »Eiserne Front« gefiel ihr auch nicht so gut. Im Scherz hatte ihr Vater einmal gesagt, dass sein Körper magnetisch sein müsse. Denn damals an der Front hatte er das Eisen angezogen wie kein anderer, und dann zeigte er auf die Stellen, wo sie ihm die ganzen Splitter, die Kugeln und das Schrot herausgezogen hatten. »Ein Wunder, dass ich noch am Leben bin. Dieses Stahlbad der Völker, von dem sie alle reden, macht nur die gesund, die nicht reinsteigen müssen. Die Oberen. Die unten macht’s nur hin.« Ansonsten erzählte er vom Krieg nicht viel. »Hauptsache keinen Krieg«, murmelte er manchmal beim Zeitunglesen oder wenn ihm Annemarie von den wiederkehrenden Aufmärschen in der Stadt berichtete.

Jetzt waren die Schritte da. In kräftigem Gleichschritt zogen sie unter dem Fenster vorbei, laut und wuchtig. Im Geschirrschrank klapperten das Geschirr und die Tassen im Marschrhythmus, die Spitze eines Fahnenbanners tauchte im Fenster auf und wanderte weiter, die Gasse dröhnte, als stiefelte eine ganze Armee nach Hötting hinauf. Die Mutter schnarchte, Gläser tänzelten klirrend auf der Kredenz, die Spitze einer weiteren roten Fahne zog vorbei, gleich darauf eine dritte. Die Mutter schmatzte kurz auf, draußen forderte eine keuchende Stimme im angestrengten Befehlston ein Lied, und, als würde die Mutter darauf antworten, murmelte sie im Schlaf: »Ist’s schon so weit?« Dazwischen donnerte das gleichzeitige Auftreten durch das ganze Mauerwerk, die Tassen schepperten immer lauter, und nun stimmte voller Inbrunst ein Haufen Männerstimmen an: »Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen …« Die Mutter schreckte kurz hoch, furzte, entschuldigte sich halblaut-verschlafen, griff wortlos zum Wollknäuel und begann zu stricken. Die Marschiergeräusche, der Chorgesang, der ganze Spuk entfernten sich langsam, auch das Geschirr beruhigte sich. Am Fensterbrett saß bald wieder eine Amsel, gleich darauf gesellte sich eine zweite hinzu, und sie begannen zu zwitschern. Das müssen sie gewesen sein, dachte Annemarie. Die Hakenkreuzler. Die unsrigen marschieren anders, singen...



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