E-Book, Deutsch, 616 Seiten
Paul Der Knochenturm
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-9005-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 616 Seiten
ISBN: 978-3-7583-9005-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Leben von Ben Rösner ändert sich abrupt, als er in seiner Pfandleihe einen unheimlichen Adventskalender erhält. Durch Zufall findet er heraus, dass der Kalender ein magisches Portal öffnen kann, das ins eisige Niflheim führt - die Unterwelt der nordischen Götter. Ben wagt sich in dieses sagenumwobene Reich und lernt in einem Dorf die bezaubernde Leonie kennen und lieben. Doch er spürt, dass über Niflheim eine dunkle Macht herrscht. Ben beschließt, die verbotenen Bereiche dieser Welt zu erforschen. Er stößt dabei auf ein uraltes Wesen, das für die Götter einen Turm aus Menschenknochen baut. Ben versucht, Leonie und alle anderen Dorfbewohner zu beschützen. Aber dadurch bricht für ihn ein wahrer Albtraum los. Denn die Götter von Niflheim sind böse und haben längst begonnen, Ben mit ihren dunklen Mächten zu verseuchen. Damit auch er schon bald für sie einen Knochenturm errichten kann ...
Thomas Paul, Jahrgang 1980, lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart. Er schreibt nicht nur Fantasy-Romane und Thriller für Erwachsene, sondern auch Jugendbücher. Mehr Infos über seine neuesten Projekte finden Sie auf seiner Homepage und Instagram-Seite. E-Mail: thomaspaul-autor@web.de Internet: thomaspaul-autor.de Instagram: thomas_paul_autor
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Prolog Ein Schrei. War das gerade ein Schrei?, fragte sich Hanna. Sie wandte den Kopf zur Tür ihres Kinderzimmers und lauschte. Im Haus der Familie Schäfer war es still. Auch wenn es eine sehr angespannte, trügerische Stille war, wie die vor einem verheerenden Gewitter. Und sie dehnte sich immer weiter ins Unendliche aus. Hanna wartete eine volle Minute lang auf ein neues Geräusch. Doch da kam nichts! Kein Schrei. Keine Stimme. Kein Poltern. Da gab es nur diese Stille. Als wäre mit einem Schlag jegliches Leben aus diesem Haus gefegt worden. Hannas Bauch rumorte. Sie wusste nicht warum, aber plötzlich fühlte sie sich bedroht. Denn diese Stille schlich wie ein Raubtier von Zimmer zu Zimmer und brachte eine Kälte mit, die Hanna frösteln ließ. Irgendwas ist hier, begriff sie. Hier in unserer Villa. Etwas unglaublich Böses. »Was ist los?«, fragte ihre Schwester Leonie. Sie saß neben Hanna vor dem Puppenhaus, mit dem die beiden Mädchen bis gerade eben gespielt hatten. Hanna antwortete ihr nicht. Ihr Blick hing unverändert an der Tür, während sie nach weiteren verdächtigen Geräuschen suchte. Und tatsächlich: Von irgendwo her – aus der Küche? – kam ein abgehacktes Röcheln. Dann senkte sich auch schon wieder die Stille über das Haus herab; schwer und hart wie ein gläserner Sargdeckel. »Was ist denn los?«, quengelte Leonie. Hanna verweigerte ihr auch jetzt eine Auskunft, aber sie bedeutete ihrer Schwester immerhin mit einem Handzeichen, dass sie die Ruhe bewahren sollte. Anschließend stand sie auf, ging zur Tür und öffnete sie wenige Zentimeter weit. Dahinter erwartete sie ein dunkler Flur sowie natürlich diese sonderbare Stille. Hier draußen wirkte sie so greifbar, dass Hanna sie beinahe wie eine Spinnwebe hätte berühren können. Auch Leonie hielt es nicht mehr länger auf ihrem Platz aus. Sie tapste leise an Hannas Seite und riskierte ebenfalls einen Blick durch den Türspalt. »Jetzt sag schon! Was ist los?«, wiederholte sie. »Ich weiß es nicht«, flüsterte Hanna. »Haben Mama und Papa mal wieder Streit?« »Ich glaube nicht«, sagte Hanna, obwohl das nichts Ungewöhnliches im Hause Schäfer war. Besonders nicht an einem Tag wie heute. An Heiligabend. Ein gepflegter Ehekrach zu Weihnachten gehörte bei den Schäfers so sehr zur Tradition, wie bei anderen Familien der geschmückte Tannenbaum oder die Geschenke. Denn Susanne und Matthias Schäfer hielten nicht viel von dieser besinnlichen Zeit. Sie liebten es vielmehr, miteinander zu streiten. Das kam vermutlich davon, weil beide Anwälte waren. Da lag ihnen ein hitziger Schlagabtausch einfach im Blut. Doch heute Abend verhielten sie sich still. Zu still. Hanna beugte sich aus dem Zimmer und lauschte immer angestrengter nach unten. Sie hoffte unentwegt darauf, dass gleich die Stimmen ihrer Eltern erklingen würden oder wenigstens eine Musik aus dem Fernseher kam. Stattdessen hörte sie wieder jemanden röcheln. Leise und qualvoll, als würde ein Granitblock auf seiner Brust liegen und ihn langsam erdrücken. »Ist Mama und Papa etwas zugestoßen?«, fragte Leonie. »Ich bin mir nicht sicher.« Hanna konzentrierte sich auf jedes noch so leise Geräusch, das aus dem Erdgeschoss zu ihr nach oben drang. »Es wäre möglich, dass wir einen Einbrecher im Haus haben«, sagte sie. »Einen Einbrecher?« »Pst!«, zischte Hanna. »Du musst ruhig sein, hast du verstanden?« Leonie bekam es jetzt erst recht mit der Angst zu tun. »Ich will zu Mama«, wimmerte sie. »Du kannst jetzt nicht zu ihr.« »Warum? Mama und Papa sind doch ...« Leonie brach ab, als ein Knurren im Erdgeschoss ertönte. »Was war das?«, wollte sie danach von ihrer Schwester wissen. Hanna schüttelte den Kopf. Ich habe keine Ahnung. Das genügte Leonie natürlich nicht als Antwort. Sie kniff trotzig ihr Gesicht zusammen. »Ich gehe jetzt zu Mama«, beschloss sie. Gleichzeitig wollte sie schon aus dem Zimmer laufen, doch Hanna hielt sie schroff zurück. »Bleib hier!« »Aber ich will ...« »Hör mir zu!«, forderte Hanna. »Du wirst dich hier im Zimmer verstecken, während ich nach unten gehe und nachschaue, was los ist. Okay?« »Das würdest du machen?«, staunte Leonie. »Natürlich. Ich muss dich doch beschützen, oder etwa nicht? Du bist schließlich meine kleine Schwester.« Hanna streichelte Leonie über die Wange und stellte dabei mit einem Hauch von Eifersucht fest, wie glatt und weich die Haut ihrer Schwester war. Ihr Blick flog unwillkürlich in einen Spiegel neben der Zimmertür, obwohl Hanna es seit Monaten vermied, sich darin zu betrachten. »Du musst dir keine Sorgen machen«, beteuerte sie Leonie. »Und nun versteck dich – und sei ruhig!« »Aber ich will nicht alleinbleiben«, schluchzte Leonie. Aus ihren Augen perlten die ersten Tränen. »Das musst du auch nicht.« Hanna zog wahllos ein Stofftier aus dem Regal. Es war Elmo aus der Sesamstraße. »Hier, nimm ihn. Er wird auf dich aufpassen.« Leonie war erst fünf – und damit halb so alt wie Hanna –, aber sie war keineswegs dumm. »Das ist doch nur ein Spielzeug!«, protestierte sie. »Elmo wird dir trotzdem Gesellschaft leisten. Ich werde sowieso nicht lange fort sein«, versprach Hanna. Sie drückte Leonie das Stofftier an die Brust. »In zwei Minuten bin ich wieder da.« Leonie sah sie zweiflerisch an. »Wirklich?« »Großes Ehrenwort.« In Leonies Gesicht arbeitete es. Sie wollte ihrer Schwester so gerne glauben, aber selbst sie wusste, welches hohe Risiko Hanna einging. Sie zögerte deshalb eine Weile, bevor sie sich abwandte und mit Elmo unters Bett kroch. Hanna lächelte ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann verhärteten sich ihre Mundwinkel und sie blickte zurück in den Spiegel. Zurück zu ihrem Zwilling, der ihr wie ein Albtraum entgegenstarrte. Hanna hatte im Frühjahr einen Feuerunfall erlitten. Ein Gasgrill war explodiert und hatte sie mit einer Stichflamme getroffen. Ihre Haare waren in der Hitze wie Wachs geschmolzen, und das Feuer hatte ihre ganze Schönheit zerstört, bevor sie richtig zur Blüte kommen konnte. Vermutlich wäre Hanna restlos verbrannt, wenn ihr Vater sie nicht gepackt und mit einem beherzten Sprung in den Gartenteich gelöscht hätte. Hanna konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihre Haut in dem Wasser gezischt hatte. Und sie wusste auch, wie sie von einem Rettungshubschrauber in die Klinik geflogen worden war. Kurz darauf war sie für mehrere Wochen in ein künstliches Koma gelegt worden. Ohne dabei etwas zu träumen, ohne etwas zu spüren oder sich anhören zu müssen, wie sich ihre Eltern stritten. Und rückblickend betrachtet war das gar nicht mal so eine üble Zeit gewesen. Denn als sie aus dem Koma erwacht war, hatte Hanna sich selbst kaum wiedererkannt. Seitdem ähnelte sie dem Schurken Two Face aus den Batman-Comics: Ihre rechte Körperhälfte war unversehrt; mit pfirsichglatter Haut und seidig-schwarzen Haaren. Die linke dagegen war mit Brandnarben und roten Flecken entstellt. Und dort wo es eigentlich Haare hätte geben müssen, klaffte eine kahle Fläche an ihrem Kopf, mit der sich Hanna furchtbar nackt fühlte. Bis gerade eben war sie überzeugt davon gewesen, dass es nicht mehr schlimmer für sie hätte kommen können. Aber sie hatte sich wohl geirrt. Denn in diesem Haus lauerte etwas, das noch viel gefährlicher als ein Flammenbad war. Im Wohnzimmer ertönte jetzt wirklich ein Schrei. Ein panischer, ja nahezu hysterischer Laut, bei dem Hanna nicht einmal sagen konnte, ob dieser Schrei von ihrer Mutter oder ihrem Vater kam. Lange hielt er ohnehin nicht an. Nach kaum einer Sekunde brach der Schrei jäh ab, doch er hinterließ einen Schrecken, der wie ein endloses Echo durch die Villa hallte. Was geht da unten bloß vor? Hanna forschte noch angestrengter durchs Haus, aber die Stille ließ sie vollkommen im Unklaren darüber, ob es ihren Eltern gutging oder nicht. Nur ganz kurz rumpelte etwas im Erdgeschoss. Als wäre ein Zementsack zu Boden gefallen. Hannas Herz begann zu klopfen. Sie hätte sich jetzt am liebsten zu Leonie unters Bett verkrochen, aber sie durfte es nicht; musste stark sein und ihre Schwester beschützen. Also trat sie in den Flur hinaus. Es war seltsam. Sie wohnte schon seit ihrer Geburt in diesem Haus und kannte jeden Fleck darin auswendig. Aber jetzt kam ihr auf einmal alles fremd und unheimlich vor, als hätte sich diese Villa in ein Spukschloss verwandelt. Aus reiner Gewohnheit wollte Hanna nach dem Lichtschalter greifen, aber sie konnte den Reflex gerade noch unterbinden. Sie durfte sich jetzt auf keinen Fall bemerkbar machen! Um allerdings nicht ganz im Dunkeln zu tappen, ließ Hanna ihre Zimmertür offen, wodurch das Licht einen weißen Streifen über den Boden malte und ihr das Nötigste im Flur zeigte. Trotzdem raste ihr Herz immer schneller und so...




