E-Book, Deutsch, Band 4, 510 Seiten
Reihe: Der Knochenturm
Paul Das Knochenschiff
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-7284-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 510 Seiten
Reihe: Der Knochenturm
ISBN: 978-3-7693-7284-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Paul, Jahrgang 1980, lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart. Er schreibt nicht nur Fantasy-Romane und Thriller für Erwachsene, sondern auch Jugendbücher. Mehr Infos über seine neuesten Projekte finden Sie auf seiner Homepage und Instagram-Seite. E-Mail: thomaspaul-autor@web.de Internet: thomaspaul-autor.de Instagram: thomas_paul_autor
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Prolog
Schwarz.
Ist das Getreide schwarz geworden?, fragte sich Imke, während sie angestrengt in die Ferne spähte. Vor ihr erstreckte sich ein gelbes, wogendes Meer aus tausenden Kornähren. Beinahe so, als hätte sie keine Gerste, sondern pures Gold angepflanzt. Und bis gerade eben war dieser Anblick vollkommen makellos gewesen. Doch nun gab es am südlichen Rand des Getreidefelds einen sonderbaren, pechschwarzen Fleck.
Vielleicht ist es ein Schatten?, überlegte Imke.
Das klang plausibel, und doch konnte es unmöglich stimmen. Im weiten Umkreis wuchs kein einziger Baum, der diesen Schatten hätte werfen können, und der Himmel war so wolkenlos, als hätte ihn Odin persönlich saubergefegt.
Wenn dieser Fleck kein Schatten ist, was ist er dann?
Imke hängte ihre Sichel, mit der sie das Korn geschnitten hatte, an den Gürtel ihres Kleids. Anschließend richtete sie sich behutsam auf. Ihr Rücken schmerzte, weil sie die letzten Stunden in einer gebückten Haltung verbracht hatte, und der Schweiß brannte wie Essig auf ihrer Stirn. Sie wischte ihn beiläufig ab und legte eine Hand über die Augen, um vom Sonnenlicht nicht geblendet zu werden. Erwartungsvoll sah sie erneut nach Süden und musste feststellen, dass der schwarze Fleck auch von ihrer erhöhten Position aus hervorragend zu sehen war.
Ist er etwa größer geworden?
Imke konnte es nicht mit Gewissheit sagen, aber ihrem Bauchgefühl zufolge hatte sich dieser Fleck durchaus verbreitert. Vor wenigen Augenblicken maß er höchstens einen Schritt im Quadrat, doch nun wirkte er gut doppelt so groß. Und irgendwie auch doppelt so unheimlich. Er lag rund vierzig Meter von Imke entfernt zwischen den Kornähren; dunkel und monströs wie ein Bär.
Was ist das nur?
Imke war noch weit davon entfernt, Angst zu empfinden. Teufel, sie hätte sich selbst geohrfeigt, wenn sie auch nur ein nervöses Zucken verspürt hätte! Sie war eine gestandene Wikingerfrau – da brauchte es schon mehr als nur einen schwarzen Fleck, um sie einzuschüchtern. Viel mehr. Und doch zog ein Hauch von Unbehagen durch ihre Magengrube, je länger sie den Fleck anstarrte. Denn ein Instinkt sagte ihr, dass er sie ebenfalls belauerte. Als wäre er tatsächlich ein Raubtier, das auf einen günstigen Moment für einen Angriff wartete.
Währenddessen wuchs der Fleck beharrlich an.
Imke konnte es jetzt deutlich beobachten.
Der Fleck dehnte sich nach allen Seiten aus; gleichmäßig und so langsam, dass man es kaum wahrnehmen konnte. Und doch lag in dieser Bewegung etwas Bedrohliches, als würde mitten am Tag eine stockfinstere Nacht über dem Feld aufziehen.
Was ist das nur?, fragte sich Imke noch mal.
Sie klammerte sich hartnäckig an den Glauben, dass der Fleck nur ein Schatten war. Dabei wusste sie es tief im Inneren bereits besser. Wusste, dass hier irgendwas geschah, das womöglich schon bald zu einer Gefahr für sie werden würde.
Übertreib es nicht!, lästerte ihre Vernunft. Und jetzt kümmere dich um deine Arbeit! Du musst heute noch einiges erledigen, oder?
Ja, das musste sie. Ihre Zeit war so knapp bemessen, dass sich Imke keine Pause gönnen durfte. Sie würde noch mindestens eine Woche brauchen, um das Feld abzuernten. Und wenn sie den Weissagungen der Dorfältesten glauben durfte, stand ihnen schon bald ein Wetterwechsel bevor. Mit viel Sturm, Regen und Hagel, so wie es typisch für einen Spätsommer in Island war. Da konnte Imke nun wahrlich nicht mehr länger herumtrödeln. Oder einen Fleck anstarren, nur weil er angeblich sie anstarrte.
Also zog Imke wieder die Sichel aus ihrem Gürtel, schwang die gebogene Klinge durch die Luft und trennte eine Handvoll Kornähren ab. Ratsch! Sie staunte selbst ein wenig darüber, wie weit sie bereits gekommen war. Hinter ihr lag eine gut zwanzig Meter lange Schneise, die sie wie einen Bergwerksstollen in das Feld getrieben hatte. Und Imke durfte kein einziges Getreidekorn davon verschwenden, um sich und ihre Familie zu ernähren. Denn die Winter waren bitterkalt und zogen sich manchmal bis in den nächsten Sommer hinein. Schon jetzt streckte die kalte Jahreszeit ihre ersten Fühler nach diesem unwirtlichen Land aus und kühlte den Wind so weit ab, als würde er nicht nur Regen und Hagel, sondern bereits die ersten Schneeflocken mit sich bringen.
Imke fröstelte es.
Aber nicht wegen der klammen Luft. Oh nein! Wie gesagt, sie war eine Wikingerfrau und von dem Wetter so abgehärtet, dass sie selbst bei eisigen Temperaturen nur ein leichtes Kribbeln auf der Haut spürte. Und dennoch schüttelte sie sich jetzt am ganzen Leib.
Imke ahnte, woher dieses Frösteln kam. Sie stoppte mitten in ihrer Bewegung, aber sie scheute sich ewig davor, sich umzudrehen.
Jetzt stell dich nicht so an! Es ist nur ein Schatten.
Aber es war kein Schatten.
Als Imke erneut nach Süden blickte, war der Fleck noch größer geworden. Er maß jetzt drei Meter im Durchmesser und ragte wie eine Feuerstelle inmitten des Getreides auf. Nur ohne Flammen und Rauch. Trotzdem glaubte Imke, ein verbranntes Aroma zu riechen, das von diesem Fleck ausströmte.
Verdammt, was ist das nur?
Es gab bloß eine Möglichkeit, es herauszufinden. Auch wenn Imke dafür ihren ganzen Mut benötigte. Doch sie erlaubte sich keine Schwäche. Nicht für eine Sekunde! Und so legte sie die Kornähren auf den Boden und marschierte los, zielstrebig auf den Fleck zu. Die ersten Schritte fielen ihr noch recht leicht, doch je näher Imke dieser schwarzen Fläche kam, desto intensiver wurde der Gestank. Allerdings roch er nun nicht mehr verbrannt, sondern eher alt und modrig. Gleichzeitig weitete sich der Fleck noch mal um gut das Doppelte aus und schien sich wie ein gigantisches Maul im Boden zu öffnen.
Durch Imkes Schritte ging ein Ruck, und in ihrem Bauch rumorte nun doch etwas, das sich verdächtig nach Angst anfühlte. Sie hätte umkehren, vielleicht sogar fliehen müssen. Doch Imke krampfte ihre Finger lediglich etwas fester um die Sichel zusammen und ging störrisch weiter. Nebenbei hielt sie Ausschau nach allen Seiten. Sie war allein. Rings um ihr Feld lagen nur grasbewachsene Hügel sowie ein paar Felsbrocken. Nichts Ungewöhnliches, und trotzdem fühlte sich Imke in dieser Einsamkeit plötzlich furchtbar schutzlos.
Nervös richtete sie ihren Blick wieder auf den Fleck.
Er lag jetzt bloß noch fünf Meter entfernt.
Imke zögerte ein wenig. Denn dieser Fleck konnte nie und nimmer ein Schatten sein, sondern war ... irgendwas anderes. Etwas Merkwürdiges, Übernatürliches, das sich wie ein böses Omen in dem Feld abzeichnete. Merkwürdig deshalb, weil dieser Fleck eine perfekte kreisrunde Form hatte, als wäre er mit einem Zirkel in die Gerste gemalt worden. Und übernatürlich, weil er etwas mit dem Korn tat. Die Ähren in seinem Inneren hatten sich pechschwarz verfärbt; waren faulig und so trocken geworden, dass sie bei jedem Windhauch knackten. Und dieser Fleck stank wie ein Massengrab erbärmlich nach Verwesung.
Imke setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und hob die Sichel über den Kopf, um sich notfalls damit zu verteidigen. Noch während sie sich dem Fleck näherte, beobachtete sie, wie diese Fäulnis die nächsten Ähren in der Reihe erfasste und sie binnen eines Wimpernschlags verdorren ließ.
Es war erschreckend.
Nein, falsch. Es war gespenstisch.
Das nächste Frösteln lief über Imkes Rücken und brachte sie nun endgültig zum Stillstand. Weiter hätte sie ohnehin nicht gehen können, weil sie bloß noch einen halben Schritt von dem Fleck entfernt war. Viel zu nahe, wie ihre Angst meinte. Doch Imke wich nicht zurück. Stattdessen starrte sie gebannt auf den Fleck herab. Wartete darauf, dass er sich noch mehr ausweitete oder gar über sie herfiel. Aber das tat er nicht. Denn auch der Fleck verharrte abrupt in der Bewegung und schien Imke wie ein riesiges schwarzes Auge zu mustern.
Was bist du?
Imke erhielt wieder keine Antwort darauf. Doch irgendein abergläubiger Teil ihres Verstandes war fest davon überzeugt, dass der Fleck es ihr jederzeit hätte sagen können, wenn er es gewollt hätte.
Sie zitterte ihre freie Hand nach vorne und berührte eine schwarze Kornähre mit den Fingerspitzen. Imke rechnete damit, dass sie heiß sein würde. Zu ihrer Verblüffung fühlte sich die Ähre jedoch klirrend kalt an, als wäre der erste Frost über sie hinweggezogen. Und nicht nur das: Sie zerfiel unter der leichten Berührung sofort zu Staub.
Imke zog ihre Hand hastig zurück ... und stutzte.
Schwarz.
Ihre Fingerkuppen hatten sich ebenfalls dunkel verfärbt.
Aus reinem Reflex wischte Imke sie an ihrem Kleid ab, doch als sie ihre Hand danach wieder betrachtete, waren die Fingerkuppen noch immer schwarz. Und nicht nur sie. Fassungslos musste Imke dabei zusehen, wie diese Schwärze millimeterweise über ihre Haut wanderte, bis sie die vorderen zwei Fingerglieder vollständig bedeckte. Als...




