Pauchard | Tödliche Praxis | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Pauchard Tödliche Praxis

Kriminalroman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-906806-07-5
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-906806-07-5
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Franz Wasem wird erschossen in seinem Sprechzimmer aufgefunden. Bald steht fest: der reizbare Berner Hausarzt wurde ermordet. Melissa Braun, seine Praxisassistentin, die sich noch am Vorabend einen lautstarken Streit mit ihrem Chef geliefert hat, findet sich unversehens in der Rolle einer Verdächtigen wieder. Um ihre Unschuld zu beweisen, beginnt sie auf eigene Faust im Umfeld ihres verstorbenen Arbeitgebers zu ermitteln, deckt ein verfilztes Netz aus alter Bitterkeit und neuen Feindschaften auf und kommt beim Entwirren der einzelnen Fäden dem Täter immer näher. Nur: Ist wirklich alles so, wie es scheint? Bald dringt Melissa in die Untiefen eines Falles vor, der nur zu leicht ihr Ende bedeuten könnte.

Esther Pauchard, geboren 1973, hat in Bern Medizin studiert und ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitet als leitende Ärztin einer Suchtfachklinik in Burgdorf und ambulant in eigener Praxis. Zudem ist sie seit einigen Jahren als Autorin von Kriminalromanen tätig: 2010 erschien 'Jenseits der Couch', 2012 der Folgeroman 'Jenseits der Mauern', 2014 'Jenseits der Rache'. Esther Pauchard ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in Thun.
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Kapitel 14


Mir klappte der Mund auf. Wortlos starrte ich auf die beiden Kassetten, die in ordentlich ineinander verhakten Kunststoffhüllen steckten.

Paul war es, der das Schweigen brach. «Woher stammen diese Kassetten?»

Ich schluckte trocken. «Die hatte ich völlig vergessen», flüsterte ich ungläubig. «Die hat Franz Wasem mir in die Hand gedrückt. Kurz vor seinem Tod.» Hilflos blickte ich in Pauls Gesicht. «Sie waren der Anlass für einen hässlichen Streit gewesen. Er hatte von mir verlangt, noch einige Diktate zu tippen, ehe ich ginge. Ich muss …», wieder schluckte ich krampfhaft, «ich muss sie einfach in meine Handtasche geworfen haben, ohne darüber nachzudenken.»

«Nur, damit ich das richtig verstehe», sagte Paul betont ruhig. «Du hast die Kassetten die ganze Zeit mit dir herumgetragen, ohne dir dessen bewusst zu sein? Du hast diese Tasche stets bei dir und hast die Dinger nie bemerkt?» Sein bedeutungsschwangerer Blick liess vermuten, dass er über das Thema Frauen und ihre Handtaschen eine Menge zu sagen gewusst hätte, es jedoch aus Höflichkeit unterliess.

Erklärend hob ich die Hände. «Ich bin gern gerüstet. Man weiss nie, was einem so alles passieren kann, und ich bereite mich entsprechend auf alle Eventualitäten vor: Regengüsse, kleine Unfälle und Krankheitssymptome, Wartezeiten ... Meine Tasche ist daher recht gross. Und schwer. Und nicht besonders übersichtlich», schloss ich lahm und ein wenig verlegen.

Paul schaffte es, gleichzeitig unbewegt und vielsagend dreinzublicken.

Wieder verfiel ich in Schweigen, überwältigt von der Erkenntnis, dass diese beiden trügerisch alltäglich wirkenden Kassetten womöglich der Schlüssel zu allem waren. Ein Hinweis darauf, warum Franz Wasem gestorben war. Ich brachte es nicht über mich, mich auch nur zu bewegen.

«Melissa», Pauls Stimme klang bestimmt und sehr tief, «wir müssen uns anhören, was diese Bänder enthalten.»

Ich nickte mechanisch. Dann hob ich meinen Arm, beinahe widerwillig, ergriff die beiden Bänder und setzte das erste wie in Trance in das Abspielgerät ein.

Es versetzte mir einen Stich, Wasems helle, leicht kläffende Stimme aus dem Lautsprecher zu hören. Die Stimme eines Toten.

«Hallo Frau Braun. Ich habe hier einen IV-Bericht zu Frau Petra Kunz, Jahrgang 1989. Unglaublich, diese Sozialversicherungen. Denken, wir hätten nichts Besseres zu tun, als andauernd diese Formulare auszufüllen. In so einem klaren Fall! Aber bitte … Punkt eins. Diagnosen mit Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit: Spastische tetraplegische Zerebralparese, ICD 10 G 80.0 Bestehend seit …»

Ich kannte Frau Kunz. Eine junge Frau, die seit ihrer Geburt gelähmt war und im Rollstuhl sass. Schwer vorstellbar, wie die sanfte, zerbrechliche Person etwas mit dem Mord an meinem Chef zu tun haben sollte. Trotzdem hörte ich mir das Diktat bis zum Ende an. Mit einem gewissen melancholischen Vergnügen lauschte ich den bissigen Zwischenbemerkungen des alten Hausarztes. «‹Welche körperlichen, geistigen und psychischen Einschränkungen bestehen?› – Ihr Trottel! Die Frau sitzt im Rollstuhl! Muss ich wirklich mehr dazu sagen? ‹Wie wirken sie sich bei der Arbeit aus?› – Natürlich überhaupt nicht! Nur beim Bergsteigen ist sie ein kleines bisschen eingeschränkt!»

Nach dem Diktat zum IV-Bericht folgte weisses Rauschen. Das erste Band enthielt nichts weiter.

Ich wechselte einen raschen Blick mit Paul, der ermutigend nickte, und legte mit zitternden Fingern die zweite Kassette in das Gerät.

Die Aufnahme begann mit einer ausgiebigen Schimpfkanonade. «Zum Kuckuck nochmal! Ich habe hier die Bude voll, und die Idioten von der Krankenkasse haben nichts Besseres zu tun, als Herrn Gilgen die Kostengutsprache für seinen Kuraufenthalt zu verweigern! Hirnamputierte Dummköpfe! Was meinen die denn, wo er nach seinem Herzinfarkt hinsoll, he? Ich habe keine Zeit für sowas!»

Der Bericht an die Krankenkasse war kurz, scharfzüngig, aber treffend formuliert und endete mit einem saftigen Fluch.

Dann ein Knacken.

«Frau Braun.» Franz Wasems Stimme klang jetzt anders. Bemüht ruhig, aber von einer hintergründigen, gepressten Dringlichkeit. «Dieses Schreiben ist kurz, aber es muss morgen früh unbedingt raus. Danke, dass Sie es möglich machen.» Ich spürte, wie mir unwillkürlich Tränen in die Augen traten. «Adressieren Sie den Kurzbrief an den Kantonsarzt. ‹Sehr geehrter Herr Kollege. Ich bitte Sie, mich im Falle meines Patienten K.E., 1987, gegenüber Polizei und Behörden von der ärztlichen Schweigepflicht zu entbinden. Es handelt sich um ausgedehnte kriminelle Machenschaften, die ich melden muss. Freundliche Grüsse …› und so weiter.»

Ich hob den Blick und starrte Paul an. Er erwiderte meinen Blick mit grimmiger Gewissheit.

Und dann schrak ich zusammen. Wasems Aufnahme war noch nicht zu Ende. Ich hörte Papier rascheln. Und dann ein undeutliches, übellauniges Gemurmel.

«Halt das Band an», befahl Paul scharf. «Was war das? Was hat er gesagt? Kann man das Ding zurückspulen?»

Ich tat wie geheissen. Mein Herz pochte heftig. Angespannt lauschte ich.

«Verdammt, ich verstehe nicht, was er sagt … Warte, ich versuche es nochmal …»

Erneut spulte ich zurück. Ohne Erfolg.

«Vielleicht mit Kopfhörern», überlegte ich. «Mit denen ist die Tonqualität besser.»

Rasch stöpselte ich die Kopfhörer ein, spulte erneut zurück.

«Und?», fragte Paul drängend.

Ich runzelte die Stirn. «Es ist wirklich sehr schwer zu verstehen. Irgendwas wie ‹Brummel brummel, nicht zu fassen, brummel, kleiner Bruder, brummel …›»

Langsam setzte ich die Kopfhörer ab und stoppte das Gerät.

Eine Weile sagte keiner von uns ein Wort.

«Paul», begann ich mit stockender Stimme. «Das ist es, nicht wahr?»

Paul nickte ernst. «Ja. Das ist es.» Mit unendlicher Sorgfalt zog er das Band aus dem Abspielgerät und steckte es in seine Plastikhülle zurück.

Ich räusperte mich. «K.E., 1987.»

Ohne ein weiteres Wort erhob ich mich und holte einen kleinen Stapel Kopien aus meinem privaten Fach im Schrank. Ich wühlte in den Papieren, bis ich fand, was ich suchte. Nervös überflog ich das Blatt.

«Was hast du da?», warf Paul schroff ein, und reckte neugierig den Hals.

«Es ist eine Kopie der Praxisagenda. Vom letzten Mittwoch – dem Tag des Mordes. Die Liste aller Patienten, die an diesem Tag in der Praxis waren. Die Haken hinter den Namen kennzeichnen die Patienten, die ich nach dem Tod meines Chefs telefonisch erreichen konnte, um sie zu informieren. Und die Punkte markieren diejenigen Fälle, von denen uns die Kopien der Krankengeschichte vorliegen – die Originale hat sich die Staatsanwaltschaft unter den Nagel gerissen.» Ich brach ab. Statt weiterzusprechen, schob ich ihm das Papier hin.

Paul beugte sich darüber. Mir entging nicht, dass er die Schreibtischleuchte zu sich hinzog, um die Schrift lesen zu können. Altersweitsicht. Wahrscheinlich benötigte er eine Lesebrille.

Nach wenigen Augenblicken sah er auf. Jagdfieber leuchtete in seinem Blick auf.

«Kevin Egger, 1987», sagte er langsam. «Hinter seinem Namen fehlt sowohl ein Haken als auch ein Punkt.»

Ich nickte. Irgendetwas schnürte mir die Kehle zu. «Ich konnte ihn telefonisch nicht erreichen, so oft ich es auch versucht habe. Und seine Krankengeschichte fehlt. Womöglich hat die Staatsanwaltschaft sie nicht kopiert.»

«Oder sie ist gar nie dort angekommen. Weil jemand sie zuvor aus der Praxis entfernt hat», entgegnete Paul scharf. «Wer ist dieser Egger?»

Hilflos hob ich die Schultern. «Ich weiss es nicht. Sicher kein Stammpatient, der regelmässig kam. Ich habe kein Bild von ihm. An diesem Tag war dermassen viel los – ich konnte mir nicht alle Gesichter merken. Tut mir leid.»

«Hast du Daten über ihn? Irgendwas?»

Rasch erhob ich mich, durchquerte den kleinen Raum mit zwei Schritten und setzte mich an den Computerarbeitsplatz in der Ecke, fuhr den PC hoch und loggte mich in die Rechnungsdateien. Rasch fand ich die gesuchten Informationen: Ein genaues Geburtsdatum. Eine Heimadresse in Bümpliz. Die private, mobile Telefonnummer, die ich seit Tagen erfolglos anwählte. Und eine geschäftliche Nummer.

Impulsiv griff ich nach dem Telefon. Wählte die Privatnummer.

«Was machst du da?» Pauls Hand schloss sich um mein Handgelenk. Ich schüttelte ihn ab.

«Das ist ein Patient», erklärte ich, während ich atemlos dem Freizeichen lauschte. «Ich stehe unter Schweigepflicht. Ich muss sicher sein, ehe ich die Behörden informiere.»

Paul stiess einen unterdrückten Fluch aus. Ich beachtete ihn nicht, lauschte darauf, ob am anderen Ende jemand abhob. Nichts.

Schliesslich beendete ich den Anruf.

«Niemand.» Pauls Einwurf klang mehr nach einer Feststellung denn nach einer Frage.

Ich holte tief Luft. Dann wählte ich die Geschäftsnummer.

Nach wenigen Sekunden wurde abgehoben. «Schneider Informatik, Spiess am Apparat?»

«Herr Spiess? Guten Tag.» Meine Stimme klang höher als sonst, aufgeregt. «Hier spricht Braun. Könnte ich mit Herrn Egger sprechen?»

Ein kurzes Schweigen. «Herrn Egger?»

«Kevin Egger. Arbeitet er nicht bei Ihnen?», hakte ich hastig nach.

«Nun … doch.» Ein Zögern. «Wie sagten Sie, war Ihr Name? Brun?»

«Braun. Melissa Braun. Von der Arztpraxis am Eigerplatz. Es geht um eine medizinische Angelegenheit.» Mir wurde schwarz vor Augen angesichts dessen, dass ich...



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