Pauchard | Tödliche Macht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

Pauchard Tödliche Macht

Kriminalroman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-906806-20-4
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 340 Seiten

ISBN: 978-3-906806-20-4
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als die reservierte Véro Wilhelm eines Tages spurlos verschwindet, scheint das niemanden so richtig zu kümmern – nur Melissa Braun verspürt nagende Sorge um ihre neue Freundin und macht sich auf die Suche nach ihr. Und muss bald darauf entdecken, dass Véro gar nicht gefunden werden will. Was steckt hinter dem mysteriösen Abtauchen der jungen Frau? Und wer ist der Unbekannte, der sich so auffällig für Véros Verbleib interessiert? Melissa Braun wird auf Véros Spuren erneut zur Ermittlerin wider Willen und stolpert gemeinsam mit ihrem Begleiter, dem Karateprofi Paul Kempf, in einen Fall, der ihre schlimmsten Befürchtungen weit übertrifft.

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2. Kapitel

«Melissa, hast du die Blutentnahme bei Frau Wenger schon gemacht? – Melissa?»

Beat Weibel wedelte irritiert mit der Hand vor meinem Gesicht herum. «Hörst du mir zu?»

Ich schreckte hoch. «Natürlich, entschuldige bitte, Beat. Ja, habe ich. Blutbild und Chemie, wie angeordnet, die Resultate liegen bereits vor. Sie sitzt im Wartezimmer – soll ich sie aufrufen und in dein Sprechzimmer begleiten, bist du soweit?»

«Ja, gern», entgegnete Beat kurz angebunden und entschwand.

Ich holte tief Luft. Verdammt, ich musste mich konzentrieren. Ich spürte den hämischen Blick von Martina Rohrer im Nacken – wir hatten heute beide Frühdienst, sie stand in meiner Nähe an der Empfangstheke, hatte den Vorfall selbstverständlich registriert und freute sich diebisch, mich in einem unaufmerksamen Moment ertappt zu haben.

Ohne sie eines Blickes zu würdigen, setzte ich mich in Bewegung, durchquerte den weitläufigen Raum und öffnete nach einem kurzen Anklopfen die Tür zum Wartezimmer.

Das Ärztezentrum Berncare in Wabern wies eindrückliche Dimensionen auf, an die ich mich noch immer nicht ganz gewöhnt hatte: ein grossräumiges, einstöckiges Gebäude, in dem nicht nur die Sprechzimmer von fünf Grundversorgern und sieben Spezialisten verschiedenster Fachrichtungen untergebracht waren, sondern auch ein kleiner Operationssaal mit eigener Sterilisationskammer, Labor, Röntgen und diverse Nebenräume. Ein Grossbetrieb, der siebzehn medizinische Praxisassistentinnen beschäftigte, ein betriebsamer Bienenstock, der straff organisiert und gut geführt werden wollte.

Dass ich die Position als Stellvertreterin der leitenden MPA hatte antreten können, verdankte ich Beat Weibel. Der junge Arzt, der bis zu dessen gewaltsamem Tod der Praxispartner meines ehemaligen Chefs, Franz Wasem, gewesen war, hatte nach dem Mord in der Gemeinschaftspraxis am Berner Eigerplatz befunden, dass er eine Veränderung brauchte. Als sich die Gelegenheit ergeben hatte, den Praxisraum eines erst kürzlich in Pension gegangenen Allgemeinpraktikers im Ärztezentrum Berncare zu übernehmen, hatte er nicht lange gezögert, zumal er den Leiter des Zentrums persönlich kannte und schätzte. Und als dieser dann mit der Frage an ihn herantrat, ob er eine kompetente MPA mit Führungsqualitäten empfehlen könnte, hatte Beat Weibel sofort mich ins Boot geholt – und nicht, wie ich voll Schadenfreude zur Kenntnis genommen hatte, die mir zutiefst unsympathische Verhaltensblondine Claudia Mühlemann, mit der er zuvor in der Praxis am Eigerplatz eng zusammengearbeitet hatte.

Ich öffnete die Tür zum Wartezimmer und blickte mich um. «Frau Wenger?»

Die zarte ältere Dame, die, einen Rollator vor sich aufgebaut, stirnrunzelnd in einer neuen Ausgabe der Schweizer Familie blätterte, hob den Kopf und meldete sich mit einem resoluten «Hier bin ich, Fräulein!» zu Wort.

Während ich Frau Wenger zu Beats Sprechzimmer begleitete – die alte Dame legte mit ihrem Rollator eine erstaunlich zackige Gangart vor – liess ich meinen Blick zufrieden umherschweifen. Ich begegnete Chantal, einer jungen MPA, die heute den Dienst im Röntgenraum übernommen hatte und eine junge Frau an Gehstöcken zur Untersuchung führte, wir zwinkerten einander zu. Dann kreuzte ich den Weg von Stefanie, der Fachärztin für Gynäkologie, die, einige Laborbefunde in der Hand, in Richtung der gemeinsamen Küche eilte, wahrscheinlich, um sich rasch einen Cappuccino zu gönnen. «Tolle Schuhe», raunte sie mit einem raschen Blick auf meine petrolgrün-weiss gepunkteten Ballerinas. «Danke sehr», trällerte ich und erwiderte ihr Grinsen kameradschaftlich.

Ich mochte Berncare. Es herrschte – mit wenigen Ausnahmen – eine erstaunlich angenehme Arbeitsatmosphäre für so einen grossen Betrieb, die Stimmung war herzlich und kollegial. Weil hier Ärzte ganz unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenarbeiteten, war der Alltag abwechslungsreich, und die Geschäftsleitung war nicht kleinlich in der Gewährung bezahlter Weiterbildungen, die ich zur Festigung meiner Führungskompetenzen brauchte. Ich konnte mich glücklich schätzen, die Stelle ergattert zu haben.

Ich führte Frau Wenger ins Sprechzimmer, übergab sie dem bereits wartenden Beat Weibel, den sie mit einem kräftigen Händedruck und einem strengen «So, junger Mann, was haben Sie mir über meine Blutwerte zu berichten?» begrüsste, und ging zurück ins Labor, um einen Überblick über die anstehenden Untersuchungen zu gewinnen. Und während ich noch auf die pendenten Aufträge starrte, weisse Plastikbecher mit verschiedenen Blutentnahmeröhrchen, schweiften meine Gedanken einmal mehr ab.

Markus Gerber, dieser unselige Vollblut-Beamte. Der sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als mir, einer durchaus charmanten jungen Frau, die ihm sichtlich nicht unsympathisch war, die Wahrheit über ihre verschwundene Freundin zu sagen.

Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass er etwas Gewichtiges über Véro wusste. Markus und ich waren am Vorabend nicht im Guten auseinandergegangen. Er wusste, dass ich wusste, dass er etwas wusste – und dass er den Ahnungslosen mimte und mich damit dumm hinstellte, verletzte mich tief, mehr noch als die Tatsache, dass er nicht mit der Wahrheit herausrückte. Ich konnte polizeiliche Paragraphenreiterei ertragen, aber nicht diesen Verrat.

Und dennoch. Seine unmissverständliche Reaktion hatte deutlich gemacht: Ich lag richtig mit meiner Besorgnis. Dass der Name von Véronique Wilhelm einem Regionalfahnder der Berner Polizei etwas sagte, liess nichts Gutes vermuten.

Nur – was bedeutete es? War ihr tatsächlich etwas zugestossen?

Mir ging nicht aus dem Kopf, was sie über den zudringlichen Ex-Freund erzählt hatte, der sie über lange Zeit belästigt hatte. Wusste man, was in den Köpfen solcher Menschen vorging? Wer einer abtrünnigen Freundin derart entschlossen nachstellte, sie bedrohte und ängstigte, war womöglich auch zu Schlimmerem fähig.

Hatte Markus Gerbers Reaktion etwas mit dieser Geschichte zu tun? Und falls ja – warum schwieg er so beharrlich, warum weihte er mich nicht ein? Dienstgeheimnis hin oder her.

Schluss jetzt. Spekulationen brachten mich nicht weiter. Ich musste handeln.

«Geschätzte Melissa.» Ich fuhr herum. Die überaus liebenswürdige Anrede stammte von Martina Rohrer, natürlich. «Wärst du so gut und würdest beiseitetreten? Damit die, die in diesem Raum wirklich arbeiten müssen, auch an die Laborbecher können?»

Ich erwiderte Martinas süssliches Lächeln mit Mühe, trat wortlos zur Seite und blickte auf meine Armbanduhr. Halb vier. Um fünf endete mein Dienst, die Frühschicht. Das würde mir gerade genug Zeit lassen, um nach Thun zu fahren und vor Ladenschluss in dem Gartencenter einzutreffen, in dem Véro arbeitete.

Ich blickte mich ratlos in der weiten Verkaufshalle um. Pflanzen, soweit das Auge reichte. Ich hatte Mühe, mich in den Reihen von Töpfen, Containern und zugehörigen Produkten zurechtzufinden, und fühlte mich wie eine Dilettantin. Unglaublich, was man in einem Gartencenter alles kaufen konnte, wenn man sich denn auskannte. Ich für meinen Teil kannte mich nicht aus. Mein Wissensstand reichte nicht über die Grundlagen hinaus – brauchte man zum Gärtnern tatsächlich mehr als Erde, Sonne und Wasser, eine Schaufel und einen Terrakottatopf? Mich beschlich eine stille Ahnung, warum ich in meinen Versuchen, selbst Pflanzen zu ziehen, nie über mickrig-kränkelnde Küchenkräuter hinausgekommen war.

Einerlei, ich war nicht wegen dem Grünzeug hier. Wahllos schnappte ich mir einen Plastiktopf, irgendeinen, und marschierte damit auf eine junge, sympathisch wirkende Angestellte im grünen Kittel zu, die sich geschäftig an einer Auslage mit gefühlten tausend verschiedenen Unkrautvertilgern zu schaffen machte.

«Guten Abend», grüsste ich artig. «Sagen Sie, kann ich das hier auf meinen Balkon pflanzen?»

Die junge Frau, eine etwas rundliche Person mit kurzem blondem Haar, musterte die Pflanze und schenkte mir dann ein ungläubig-mitleidiges, aber gleichwohl warmes Lächeln. «Nun, ich würde es Ihnen nicht empfehlen. Es handelt sich hierbei um einen Riesenkürbis, der rankt meterweit und würde Ihren Balkon innert kürzester Zeit überwuchern. Wenn er nicht vorher eingeht – er braucht genügend Erde, um richtig wachsen zu können.»

«Oh», erwiderte ich betreten, und musterte den Pflanzencontainer argwöhnisch. «Meterweit, sagen Sie? Beeindruckend. Dann vielleicht doch nicht.» Ich drückte der verdattert wirkenden Frau den Topf kurzerhand in die Hände. «Dumm von mir, ich weiss. Ich habe keine Ahnung von Pflanzen. Normalerweise würde ich mich mit meiner Frage an Véro wenden – Véronique Wilhelm, kennen Sie, ja? Aber sie ist nicht hier, deshalb musste ich Sie belästigen.» Ich strahlte unbekümmert.

Die junge Frau starrte mich einen Augenblick an. Dann hoben sich ihre Augenbrauen. «Jetzt weiss ich, warum mir Ihr Gesicht so bekannt vorkommt! Sie sehen Véro unheimlich ähnlich, meine Güte! Sind Sie ihre Schwester?»

Wunderbar, dachte ich insgeheim. Natürlich war mir bewusst, dass Véro und ich uns glichen. Wir waren von ungefähr gleicher Grösse – beziehungsweise mangelnder Grösse – und schmaler Statur, beide hatten wir halblange Locken, wenn ihre auch ein wenig dunkler waren, und eine kleine Nase. Darin erschöpften sich die Parallelen allerdings, denn Véros Augen waren hellgrün, meine caramelbraun, sie hatte eine schmale Lücke zwischen ihren Vorderzähnen und ausgeprägtere Wangenknochen. Aber auf den ersten Blick fielen die Unterschiede nicht ins Auge.

So war es auch zu der...



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