Pauchard | Jenseits der Rache | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Pauchard Jenseits der Rache

Kriminalroman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-906786-56-8
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-906786-56-8
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kassandra Bergen, Oberärztin in der Psychiatrischen Klinik Eschenberg, gönnt sich mit ihrem Mann und Freunden ein erholsames Wochenende im malerischen Grandhotel Giessbach - doch die idyllische Auszeit wird jäh unterbrochen, als eine Leiche in einem Becken der Giessbachfälle aufgefunden wird. Die Todesumstände sind unklar: Handelt es sich um einen Unfall, einen Suizid? Oder um Mord? Kassandra kann nicht umhin, sich für den Fall zu interessieren: Sie gerät selbst unter Verdacht, und rasch muss sie feststellen, dass sie mit ihren Nachforschungen Kopf und Kragen riskiert.

Esther Pauchard, geboren 1973, hat in Bern Medizin studiert und ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitet als Oberärztin in einer Suchtfachklinik in Burgdorf und ambulant in eigener Praxis. Zudem ist sie seit einigen Jahren als Autorin von Kriminalromanen tätig: 2010 erschien ihr erster Roman 'Jenseits der Couch', 2012 der Folgeroman 'Jenseits der Mauern'. Esther Pauchard ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in Thun.
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1. Kapitel

«Dies hier», ich machte eine ausladende Geste, «wäre der ideale Schauplatz für einen Mord.»

Interessiert reckte ich den Hals und betrachtete durch die Öffnung in der Seite der ruckelnden historischen Standseilbahn die tosenden Wassermassen, die sich durch die idyllische Waldlandschaft ihren Weg nach unten bahnten, der Schwerkraft folgend und gleichgültig gegenüber allem, was sich in ihren Weg stellte. Dann wandte ich mich um und begegnete drei Augenpaaren, die verschiedene Varianten von Irritation und Verwunderung zeigten.

«Na kommt schon!», rief ich aus. «Schaut mich nicht so an! Es stimmt doch, oder?» Erneut fuchtelte ich in Richtung des Naturschauspiels. «Die Gewalt des Wassers! Die feuchte, urwüchsige Landschaft! Der Lärm, der jeden Schrei übertönen würde!»

Mein Ehemann warf mir einen müden Blick von der Seite her zu. Martin Rychener, der ihm gegenüber sass, lachte mit einer Spur Verbitterung kopfschüttelnd vor sich hin, während Selma Vogt neben ihm verschreckt um sich blickte, als würde hinter den beschaulich grün-gestreiften Vorhängen im Innern der Bahn ein Axtmörder lauern.

Meine Güte. Was für Weicheier.

«Kassandra», meinte Martin schliesslich im Tonfall eines geduldigen, wenn auch resignierten Kleinkinderziehers. «Wir haben es nach zäher Planung endlich geschafft, uns ein ruhiges Wochenende zu viert zu organisieren – was für zwei Psychiater, einen Hausarzt und eine Psychologin eigentlich kaum machbar ist, zumal wir alle beruflich voll ausgelastet sind und Freizeit chronisch Mangelware ist. Das Wetter ist traumhaft, die Anreise war phantastisch, die Szenerie überwältigend, und gleich werden wir unser Hotel erreichen, das uns glückliche Stunden voller Harmonie und Entspannung bescheren wird. Und du redest von Mord?» Anklagend blickte er mich an.

Selma legte ihm begütigend ihre zierliche Hand auf den Arm. «Lass doch das Genörgel sein. Ka hat es lustig gemeint. Nicht wahr?» Sie strahlte mich an. «Ein Witz!»

Marc schnaubte. «Ein Witz? Kann hier jemand darüber lachen? Frau, ich bitte dich!»

Beleidigt wandte ich mich ab.

Selma war es, die die Stille durchbrach und mit heiterem Geplapper die Anspannung zu lösen versuchte. «Wir sind gleich oben. Oh, was für ein wunderbarer Ort das ist! Wie alt wohl das Hotel sein mag?» Fahrig kramte sie in ihrer Handtasche nach einem Prospekt und schlug ihn auf. «140 Jahre, nicht zu fassen. Belle époque. 1984 wieder eröffnet, im Rahmen einer Rettungsaktion. Gehört zu den ‹Swiss Historic Hotels›. Vier Sterne. Herrliche Ausstattung und gepflegte Küche. Besser kann es nicht kommen.»

«Liebes», meinte Martin amüsiert, «das ist alles sehr interessant. Aber du musst Kassandra nicht aus der Bredouille holen. Lass sie ruhig etwas schmoren. Das ist gut für ihren Charakter.» Er grinste mich frech an, was ich mit einem stählernen Blick parierte.

Zu seinem Glück kam die Standseilbahn in diesem Moment mit einem Ruck zum Stehen, und er konnte sich mit Marc zusammen aus dem Staub machen, unter dem Vorwand, sich galant um das Gepäck zu kümmern.

Selma stieg vor mir aus und trat aus dem kleinen Bahnhof in die Sonne. Ihr langes, glänzendes dunkles Haar schwang über ihre Schulter, als sie den Kopf wandte, um sich nach den Männern umzusehen; ihre perfekt lackierten blassrosa Fingernägel funkelten, als sie ihre schicke Sonnenbrille auf die gerade, kleine Nase setzte, und ihre geschmeidige Gestalt in dem hellen Etuikleid hätte jedem Hochglanz-Werbeprospekt zur Ehre gereicht. Sie wirkte wie die Inkarnation von graziöser Schönheit. Ich hasste sie.

«Ach, Ka!» Sie lächelte mich mit herzerwärmender Freude an und hängte sich impulsiv bei mir ein. «Es ist grossartig, dass wir gemeinsam hier sind. Wir sehen uns viel zu selten. Dieses Kleid steht dir aber hervorragend! Wunderschön siehst du darin aus.»

Na gut, ich hasste sie nicht. Dazu war sie viel zu liebenswürdig.

«Steht uns nicht im Weg rum», verfügte Martin, der von hinten mit einem Rollkoffer die Treppe erklomm. «Weitergehen, bitte!»

Selma hatte Recht gehabt, dachte ich anerkennend, als ich kurz darauf die Fassade des «Grandhotel Giessbach» musterte. Das elegante Gebäude mit seinen dunkelroten Fensterläden und schmuckreichen Balkonen hatte etwas Unwirkliches an sich. In dem konstanten Brausen der Giessbachfälle in meinem Rücken meinte ich das Flüstern vergangener Zeiten zu vernehmen, und ich fühlte mich zeitlos und seltsam berührt. Wirklich ein wunderbarer Ort.

Natürlich gelang es mir nicht, mich der Würde dieser alten Mauern angemessen zu verhalten. Immer wieder schrie ich begeistert auf, wies aufgeregt auf all die zauberhaften Details, auf die Verzierungen an der Eingangstür, auf Kronleuchter und Gemälde und die Brokatsofas im Innenbereich. Als ich mich anschickte, mit meinem Mobiltelefon ein paar Stimmungsbilder zu schiessen, packte mich Marc warnend am Handgelenk und zischte: «Du bist keine Japanerin auf Europareise, verstanden?» Also liess ich es grummelnd bleiben.

Unser Zimmer mit Blick auf die Weiten des Brienzersees, der auch an diesem warmen Samstag Anfang August nicht die Dichte an Booten zeigte, die wir uns vom Thunersee gewohnt waren, wies nostalgischen Charme in Form von angestaubt wirkenden Blumentapeten und dunklen Möbeln auf. Mir gefiel alles, was ich wortreich zum Besten gab, während ich unseren Koffer auspackte. Marc nickte freundlich. Er war entspannt und glücklich.

Wir trafen Martin und Selma wie verabredet eine halbe Stunde später im Aussenrestaurant mit Blick auf den See, wo wir uns eine leichte Mahlzeit genehmigten – es war gerade Mittag vorbei, und die Anfahrt auf dem Seeweg hatte uns hungrig gemacht. Später legten wir uns in bequeme Liegestühle um den hoteleigenen Naturteich, und Marc verbot mir nach fünf Minuten hemmungslosen Schwatzens mit liebenswürdiger Bestimmtheit den Mund.

«Ka, es ist nicht so, dass ich deine Meinung zum Hotel, der Landschaft, den anderen Gästen und der Weltwirtschaftslage nicht zu schätzen wüsste. Aber ich habe eine anstrengende Zeit in der Praxis hinter mir, und der Umstand, dass unsere beiden redseligen Töchter für einmal nicht in unserer Nähe sind, weckt in mir den Wunsch nach erholsamem Schweigen. Lies ein Buch oder lös ein Kreuzworträtsel, aber tu es um Gottes Willen schweigend.»

Also schwieg ich, leicht pikiert zuerst, dann jedoch zunehmend zufrieden. Es war ein herrlicher Tag, nicht zu heiss, was der Tatsache zu verdanken war, dass es die letzten zwei Wochen bei ungewöhnlich tiefen Temperaturen fast andauernd geregnet hatte, aber jetzt war der Himmel strahlend blau, und die Welt um mich herum schimmerte und zeigte sich von ihrer besten Seite. Sonnenstrahlen brachen sich auf dem Wasser des Schwimmteiches, in dem Selma ein paar Runden in makellosem Bruststil zog. Sie hatte ihre Haare beiläufig zu einem Knoten auf ihrem Oberkopf aufgebunden, was bei ihr natürlich nicht beiläufig wirkte, sondern nach Star-Coiffeur. Ich sah, wie Martin, der neben mir sass, ihr mit den Blicken folgte, versonnen und nachdenklich, hin und her, hin und her, im Rhythmus ihres langsamen Schwimmtempos.

Martin Rychener. Mein Vorgesetzter, mein leitender Arzt in der Psychiatrischen Klinik Eschenberg. Mein bester Freund, und, der Gedanke versetzte mir einen kleinen Stich, der einzige Mann, der je meine Gefühle in Aufruhr gebracht hatte, seit ich Marc kennengelernt und später geheiratet hatte. Martin trug eine Piloten-Sonnenbrille, die an jedem Mann ausser ihm peinlich ausgesehen hätte, und in die akkurat geschnittenen mittelblonden Haare mischte sich mehr und mehr diskretes Grau.

Als hätte er meinen Blick gespürt, wandte er sich zu mir um. Er lächelte, dann beugte er sich vor, um Marc neben mir anzusprechen. «Das mit dem Schweigegebot war eine phantastische Idee. Die Stille ist wohltuend. Nur – wie hast du das hingekriegt? Bestechung?»

«Natürliche Autorität», antwortete Marc neben mir selbstzufrieden, den Blick in einen Krimi vertieft. «Ich bin gross und stark und beeindruckend. Natürlich macht dich das neidisch, das wundert mich nicht.»

Martin prustete verächtlich. Dann sprang er auf. «Das wollen wir sehen. Wetten, dass ich dich im Tauchen schlage? Wetten, dass ich länger unten bleiben kann?»

Marc, in seinem sportlichen Ehrgeiz getroffen, warf sein Buch zur Seite und folgte Martin, der eben vom Beckenrand ins Wasser sprang.

Ich schüttelte den Kopf und beobachtete belustigt, wie Marc und Martin im Wasser rangen wie kleine Jungen, den geordneten Tauchwettbewerb zugunsten brutaler Versuche, sich gegenseitig zu ertränken, zurückstellten und dabei eine ältere Dame im Lehnstuhl verärgerten, die eine Menge Spritzer abbekam. Jana und Mia, meine beiden Töchter, hätten sich zweifellos gesitteter benommen.

«Dem habe ich’s...



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