Pauchard Jenseits der Mauern
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-905961-13-3
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-905961-13-3
Verlag: LOKWORT
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kassandra Bergen, Oberärztin in der Psychiatrischen Klinik Eschenberg, ist wenig begeistert, als sie zur Behandlung eines neuen Patienten genötigt wird: Der selbstmordgefährdete Cedric Schwander ist ein notorischer Gewalttäter, der einen jungen Mann zu Tode geprügelt hat. Doch das berüchtigte „Monster“ hat mehr Facetten, als Kassandra geahnt hat, und sie beginnt, seinen Fall neu aufzurollen. Was hat Schwander zu dieser ungeheuren Tat getrieben? Steckt doch mehr dahinter als die wahllose Aggressivität eines gewissenlosen Schlägers? Neugierig dringt sie in Cedric Schwanders Welt vor, nicht ahnend, dass die vermeintlich abgeschlossene Geschichte aktueller ist, als ihr lieb sein kann, und dass das Verhängnis ganz in der Nähe lauert: Unwissentlich stolpert Kassandra ins Netz einer kriminellen Organisation, und erkennt das Damoklesschwert über ihrem Haupt erst, als dieses schon zu fallen droht.
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2. Kapitel
Ich war mehr als verärgert. Wie hatte ich mich nur für diesen Blödsinn breitschlagen lassen können? Reinhard hatte mich schamlos manipuliert, auf die Tränendrüse gedrückt, mich ohne Skrupel um den Finger gewickelt. Verdammt!
Ich verbrachte einige fruchtlose Minuten damit, mir selber leidzutun, vor mich hin zu fluchen und gegen den durch frühere Krisensituationen bereits verbeulten Papierkorb zu treten, ehe ich mich wieder sammelte.
Nun gut. Ich hatte mich darauf eingelassen, das war nicht zu leugnen. Am besten, ich packte den Stier bei den Hörnern.
Ich weckte meinen Computer aus dem Schlafmodus, klickte mich durch die verschiedenen Ordner, «Ärzte», «Medberichte», «stationäre Patienten», bis ich «Schwander_Cedric_1977» in der alphabetisch geordneten Liste fand und öffnete. Der Ordner war noch fast leer, einzig das Verlaufsdokument fand sich darin. Ich machte es auf.
Der Dienstarzt war offenbar fleissig gewesen – der Aufnahmebericht war schon fertig geschrieben, obwohl Cedric Schwander erst vor ein paar Stunden eingetreten sein konnte. Der Inhalt des Berichts indes war wenig ermutigend.
Cedric Schwander, so las ich, hatte während des Aufnahmegesprächs kaum ein Wort gesagt. Abgesehen von einem groben «Das geht Sie alles einen feuchten Dreck an!» hatte er sich auf mürrisches Schweigen beschränkt. Entsprechend hatte der Dienstarzt, Pascal Dürig, seine kärglichen Informationen nur über den zuweisenden Arzt beziehen können – einen Oberarzt des forensisch-psychiatrischen Dienstes, der offenbar schon im Vorfeld mehrmals zu Schwander gerufen worden war, weil dieser durch seine instabile Gemütslage und aggressiven Ausbrüche aufgefallen war. Die Versuche des Arztes, ein sinnvolles Gespräch mit Cedric Schwander zu führen, hatten aber offenbar nur wenig gebracht, waren an der unkooperativen und ablehnenden Haltung des Häftlings gescheitert. Auch nach Schwanders Suizidversuch war es dem forensischen Psychiater nicht gelungen, die eisige Abwehr des Mannes zu durchdringen, um dessen psychische Verfassung zu beurteilen und zu klären, ob weitere Selbstmordversuche zu befürchten waren. So war ihm, das konnte ich nachvollziehen, nichts weiter übrig geblieben, als uns Schwander zur Hospitalisation und Beobachtung zuzuweisen.
Die Wunden, die Schwander sich selbst zugefügt hatte, waren bildhaft beschrieben. Von ausgefransten Wundrändern, umfangreichem Gewebeverlust und multiplen tiefen Verletzungen war die Rede, Verletzungen, die Schwander offenbar ungeachtet der Stumpfheit des leichten Plastikmessers mit so viel Gewalt gerissen hatte, dass Sehnen, Nerven und Blutgefässe chirurgisch hatten versorgt werden müssen. Eine lädierte Arterie hatte zu dem erheblichen Blutverlust geführt, von dem Hans Reinhard mir berichtet hatte. Cedric Schwander, so schien es, hatte es sehr ernst gemeint mit seinen Selbstmordabsichten.
Seufzend überflog ich den Psychostatus – die psychiatrische Bestandaufnahme. Da Schwander kaum etwas von sich gegeben hatte, war dieser natürlich unvollständig; die Beschreibung des Verhaltens und der äusseren Erscheinung des Mannes war dafür umso detaillierter ausgefallen, und mit sinkendem Mut las ich Begriffe wie «massive Anspannung», «aggressiv», «drohend» und «unzugänglich». Das konnte ja heiter werden.
Immerhin war es Pascal gelungen, eine Zwangsmassnahme zu vermeiden. Der Patient hatte sich ohne Widerstand in sein Isolierzimmer führen lassen und sich in den ersten Stunden seines Aufenthalts in der Klinik auf eine basale Kooperation einlassen können – was im Klartext hiess, dass er darauf verzichtet hatte, gleich um sich zu schlagen.
Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und strich mir über das Gesicht, mit einem flauen Gefühl in der Magengrube.
Das klang schlimmer als erwartet. Was sollte ich mit so jemandem anfangen? Wie sollte ich etwas für einen Menschen tun, der so absolut entschlossen schien, sich auf gar nichts einzulassen? Erwartete Hans Reinhard, dass ich über Zauberkräfte verfügte?
Er wäre nicht der Einzige. Sowohl Laien wie auch somatische Mediziner, Sozialarbeiter, Angehörige oder Arbeitgeber waren oft der irrigen Ansicht, dass es genügte, wenn ein Mensch sich in psychiatrische Behandlung begab. Als ob der blosse körperliche Aufenthalt in unserem Sprechzimmer zur Heilung ausreichen würde, als ob unsere blosse Präsenz wie ionisierende Strahlung wirken könnte, alles durchdringend. Das Gegenteil war der Fall – wer uns ausschliessen wollte, wer abblockte, schwieg, das Gespräch verweigerte, konnte uns ohne Weiteres kaltstellen. Schachmatt. Und genau danach sah der Fall Cedric Schwander für mich aus.
Widerwillig und mit zusammengebissenen Zähnen griff ich nach meinem Telefon.
«Ja?» Die Stimme von Bernhard Leutwyler, meinem Chefarzt, klang zerstreut. Zweifellos brütete er in einer seiner diversen wichtigen und langwierigen Sitzungen.
«Bernhard, hier ist Ka. Entschuldige die Störung. Nur aus Interesse: Hat sich schon eine Vertretung für die 1c gefunden?»
Offenbar war in diesem Punkt auf die Wehrhaftigkeit meiner Kollegen Verlass – Bernhards mürrisches Grummeln machte deutlich, dass dem nicht so war, noch ehe er es aussprach: «Natürlich nicht. Jeder hat gewichtige und anrührende Erklärungen, warum er oder sie es gerade nicht machen könne. Weisst du, an Tagen wie diesem fühle ich mich alt, verbraucht und müde. Sag, wenn du schon anrufst – möchtest du das nicht übernehmen? Eine so kompetente, belastbare und sympathische Frau wie du? Immerhin würdest du die meisten Patienten schon kennen, oder?» Seine Stimme klang auf einmal viel herzlicher.
Ich seufzte. «Geht in Ordnung. Ich mache es. Dir zuliebe.» Wenn ich schon in den sauren Apfel beissen musste, dann zumindest nicht, ohne dafür beim Chef ein paar saftige Punkte zu scheffeln.
Bernhard schien tatsächlich mehr als erleichtert. Ich konnte regelrecht spüren, wie sein Strahlen durch den Hörer drang. «Toll, Ka, vielen Dank! Das vergesse ich dir nicht!»
«Na hoffentlich», brummte ich, aber da hatte er schon aufgelegt.
Ergeben wählte ich die Nummer der Station 1c, verkündete die frohe Botschaft, die immerhin mit der gebührenden Begeisterung aufgenommen wurde, und vereinbarte nach der Klärung einiger drängender medikamentöser Fragen, dass ich am Folgetag morgens zum Oberarztrapport auf der Station erscheinen würde.
Weniger Begeisterung löste der darauffolgende Anruf auf meiner eigenen Station aus. Der stellvertretende Stationspfleger Heinrich Widmer, den ich am Draht hatte, äusserte einige diplomatisch gewählte Worte darüber, dass ich die zweite Woche in Folge zusätzlich die Stellvertretung für eine andere Abteilung übernahm.
«Du weisst, deine siebzig Stellenprozente sind für unsere Bedürfnisse schon knapp bemessen. Und wenn du dann noch dauernd auf anderen Stationen rumhängst …» Es klang, als würde ich an Hausecken herumlungern, verbotene Zigaretten rauchen und Mofas frisieren. «Und gerade jetzt, angesichts der aktuellen Probleme auf unserer Abteilung … Die Drogen. Die Rückfälle. Muss diese Vertretung denn unbedingt auch noch sein?» Seine Stimme klang nörgelnd und machte mich wütend.
«Es ist nicht ganz freiwillig, weisst du?», schnappte ich zurück. «Meinst du, ich lege es darauf an, meine Arbeit zu verdoppeln? Meinst du, ich mache das aus Böswilligkeit euch gegenüber?»
Wir schieden nicht in Harmonie.
Mein Tee war zu einer kalten, trüben Brühe verkommen, mit der man Wunden hätte ausbrennen können. Ich schüttete ihn weg, arbeitete dann missmutig meinen Stapel an Akten ab, korrigierte die Berichte meines Assistenten mit weniger Nachsicht als sonst. Himmel – es hiess «Amnesie», nicht «Amnestie». War das denn so schwer zu verstehen? Nach den Berichten klickte ich mich widerstrebend durch die zwei Dutzend E-Mails, die sich unerklärlicherweise innert weniger Stunden angesammelt hatten und meist langfädige Sitzungsprotokolle enthielten, die mich keinen Deut interessierten. Dabei wurde ich mehrfach durch das Klingeln meines Telefons unterbrochen: ein Oberarztkollege, der einen Dienst mit mir abtauschen wollte, der Partner einer Patientin, der mich zehn Minuten lang zusammenstauchte, weil er nicht zufrieden war mit der Auskunft, dass seine Frau während ihres Aufenthaltes bei uns aus versicherungstechnischen Gründen nicht Auto fahren dürfe – «Wissen Sie überhaupt, was das für ein Aufwand für mich ist, wenn ich Patrizia für diesen Termin beim Sozialdienst in der Klinik abholen kommen muss? Ich bin ein viel beschäftigter Mann!» –, und am Ende noch einmal Heinrich Widmer, der mir genüsslich mitteilte, dass es erneut einen Heroinrückfall auf der Station gegeben habe: «Kein Wunder, wenn niemand vor Ort ist und zum Rechten schaut. Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse …»
Ich seufzte schwer.
Eine weitere Woche, die richtig widerlich zu werden versprach.
Am nächsten Tag erschien ich abmachungsgemäss vor acht Uhr morgens im Besprechungszimmer der Abteilung 1c. Die trübe Deckenbeleuchtung brannte, kühler Nebel drückte sich von aussen gegen die Fensterscheiben und verbreitete Melancholie und Trostlosigkeit. Was perfekt zu meiner Stimmung passte.
Ich sass bereits am Tisch, als der Stationspsychologe, die beiden Assistenzärztinnen und zwei Mitglieder des Pflegeteams einer nach dem anderen hereinkamen. Mittels der Pflegedokumentationen und der Patientenliste, die mir eine der Assistentinnen überreichte, versuchte ich, mir einen taktischen Überblick zu verschaffen.
«Fangen wir an?», fragte ich, als sich der Letzte auf seinen Platz gesetzt...




