Nach wahren Begebenheiten
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-88-7283-967-6
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne war kein Wunschkind. Und das gibt ihr ihre Mutter mit verletzenden Kommentaren immer wieder zu verstehen. Später, als Anne selbst Ehefrau und Mutter ist, erfährt sie von ihren Partnern psychische und sexualisierte Gewalt, bis sie sich schließlich nach Jahren der Unterdrückung befreien kann.
Erika Pattis erzählt einfühlsam von Annes jahrzehntelangem Kampf gegen Einsamkeit, Traurigkeit und Verzweiflung und wie Anne es geschafft hat, das alles hinter sich zu lassen. Dieses Buch soll Mut schenken und zeigt, dass es möglich ist, einen Ausweg und gleichzeitig inneren Frieden zu finden.
Mit einem einordnenden Nachwort von Julia Ganterer
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1
… und dann kamst du!
Anne war gerade eingeschlafen. Satt. Müde. Gerade einmal einundzwanzig Stunden alt. Die Hebamme hatte das kleine Bettchen ins Zimmer geschoben, damit Mutter und Kind beisammen sein konnten. Sie spürte, dass die junge Mutter etwas beschäftigte. Im Laufe ihrer Jahre als Hebamme hatte sie oft beobachtet, wie Mütter sich nach der Geburt von ihren Gefühlen überrumpelt fühlten. Zuversichtlich, mit dieser Geste die Mutterliebe bestärken zu können, verließ sie leise das Zimmer. Was in der Frau wirklich vorging, konnte sie nicht ahnen. Schon immer hatte sie sich Kinder gewünscht. Vier Jungs wollte sie haben. Und dann war es so weit. Ein langersehnter Traum sollte endlich in Erfüllung gehen. Ihr Wunschkind kam zur Welt. Die Mutter sah das kleine Wesen lange an. Wie unschuldig es dalag, in dem kleinen Bettchen neben ihr. Wie ein winziger Engel mit schönen, knuffigen, rosa Pausbacken. Schuldbewusst drehte sie sich zur Seite und schämte sich ihrer Gedanken. Sie war sich so sicher gewesen, dass es ein Junge werden würde. Doch dann … kam das Mädchen. Dann … kam Anne. Gestern war ein aufregender Tag für Anne gewesen. Papa brachte Mama ins Krankenhaus! Es gab nämlich ein neues Geschwisterchen für sie. Für das knapp vier Jahre alte Mädchen war das ein ziemlich aufregender Moment. Papa hatte sie in den letzten Monaten liebevoll darauf vorbereitet, dass sie nun bald eine große Schwester sein würde. Als Mamas Bauch immer dicker wurde, erklärte er ihr, dass ihr Brüderchen oder Schwesterchen darin sei. Anne konnte sich das überhaupt nicht vorstellen! Wie war es denn da reingekommen? Sie hatte eine Unmenge an Fragen, doch Papa meinte, sie sei noch zu klein, um das zu verstehen. Erst wenn sie größer sein würde und älter, dann würde Mama mit ihr darüber reden. Anne verstand gar nichts mehr. Jedenfalls, jetzt war es so weit! Anne blieb in der ganzen Aufregung und ganz entgegen ihrer Art staunend und mit großen, erwartungsvollen Augen in der Ecke zwischen Küche und Wohnungstür stehen, während Mama sich den Bauch haltend umständlich die Wohnung verließ. Annes grüne Augen wirkten hoch konzentriert und sie nahm alles bis ins kleinste Detail in sich auf. Jetzt werde ich eine große Schwester werden! Was immer das bedeuten mochte. Anne hatte auch noch keine Erklärung bekommen, wie es denn da rauskommen sollte, das Bauch-Geschwisterchen. Sie löcherte Frau Hilpold, die Nachbarin, die in der Zwischenzeit auf sie aufpasste, mit unzähligen Fragen. Doch niemand schien zu wissen, wie das ging. Egal. Jetzt kam es jedenfalls raus. Raus zu ihr. Raus zum Spielen. Das war das Wichtigste. Papa meinte, sie müsse nun artig sein und sich ganz fest um ihr Geschwisterchen kümmern, und das wollte sie auch unbedingt machen. Und zwar richtig. Große Schwester zu sein, empfand Anne nämlich als sehr große Ehre und sie beschloss, es dürfe dann auch bei ihr im Bettchen schlafen. Sie würde es immer gut zudecken und ihm etwas vorsingen. Sogar Hipp, den kleinen Stoffhasen mit dem kaputten Ohr, wollte sie ihm schenken. Anne war so aufgeregt und hüpfte durch die ganze Wohnung. Frau Hilpold hatte alle Mühe, das Energiebündel ins Bett zu bekommen. Sie bekam ein Geschwisterchen! Sie! Die kleine Anne! Eine kleine Schwester! Oder lieber einen kleinen Bruder? Anne konnte sich nicht entscheiden. Jonas wollte sie es nennen. Oder Anne. Gleich wie sie. Weil, das ist nämlich ein schöner Name! Drei Tage waren seither vergangen und Mama war noch immer im Krankenhaus. In der Zwischenzeit kümmerte sich Papa zu Hause um alles. Normalerweise war er immer bei der blöden Arbeit. Hatte viel zu tun. Durfte nicht gestört werden. Musste sich erholen. Das sagte Mama jedenfalls immer, wenn Anne nach ihm fragte. Aber für diese drei Tage hatte sie ihren Papa ganz für sich alleine. Papa machte das Frühstück, half beim Anziehen, Schuhebinden und Zähneputzen. Er machte auch alles sauber, aber nicht so streng wie Mama. Er fand sogar die Zeit, um mit Anne zu spielen. Das machte Mama nie. Da musste sie immer alleine spielen. Dafür bekam Papa auch ihren Lieblingsteddy Abby. Zur Belohnung. Wenn Anne beim Malen noch mit den Stiften in der Hand auf dem Küchentisch eingeschlafen war, trug Papa sie ins Bett, streichelte ihr sanft über das Haar und küsste sie auf die Stirn. Das bekam Anne natürlich nicht mehr mit. Geliebt und wohlbehütet wie sonst nie schlief sie schon tief und fest. In diesen drei Tagen war sie überglücklich in ihrer kleinen Welt – der Welt mit Papa. Der Welt, in der sie sich geliebt fühlte. Und dann durfte Mama endlich mit dem Baby nach Hause. Papa hatte bereits alles vorbereitet. Er hatte das Essen für den Abend vorgekocht, die kleine Wiege im elterlichen Schlafzimmer aufgestellt und alles für das neue Geschwisterchen hergerichtet. Papa war so geschickt, fand Anne. Alles stand bereit. Windeln, Puder, die kleinen Kleider und eine lustige Spieluhr. Wenn man hinten an der Schraube drehte, kam wunderbare Musik heraus. Anne war hingerissen und hätte sie am liebsten für sich behalten. In ihrem Zimmer. Aber Papa blieb streng und meinte, sie solle ihm doch lieber beim Einräumen der Kleider helfen, anstatt Unfug zu machen. Anne freute sich so sehr darüber, von ihrem Papa gebraucht zu werden, dass sie ganz vergaß, schmollend in ihr Zimmer zu laufen und sich beleidigt aufs Bett zu werfen. Also reichte sie ihm aus dem Wäschekorb ein Kleidungsstück nach dem anderen. Nebenbei witzelte sie herum und wunderte sich, wie man denn in so etwas Winzigem überhaupt Platz haben konnte! Sie konnte das ganz und gar nicht verstehen. Überdreht versuchte sie, ihren kleinen Arm in das Beinchen eines Strampelanzugs zu schieben. Als sie dann darin stecken blieb, bekam sie sich nicht mehr ein vor lauter Lachen. Übermütig hüpfte sie schrill kichernd durch alle Zimmer. Dabei baumelte der Strampelanzug lustig an ihrem Arm hin und her. Ihr Gesicht war knallrot, ihr Herz klopfte wie wild und sie war überglücklich. „Du überdrehtes kleines Mädi!“ Papa ließ Anne ausgiebig toben, während er sorgfältig die Strampelanzüge faltete und in die Schublade legte. Danach holte er Annes Lieblingskleid heraus. Sie freute sich riesig, ihr schönstes Sommerkleid, das weiße mit den minzigen Punkten, tragen zu dürfen. Sie konnte „mintgrün“ noch nicht aussprechen. Das war auch ein kompliziertes Wort, fand sie, und ihrer Meinung nach durfte sie es auch sagen, wie sie wollte. Deshalb blieb sie trotzig bei minzig, was zufällig auch ihre neue Lieblingsfarbe war. Mama hätte bestimmt nicht erlaubt, dass sie es mitten in der Woche anzog. Es durfte nämlich nur sonntags oder zu besonderen Anlässen getragen werden, da war Mama sehr streng. Anne hatte es zu ihrem vierten Geburtstag bekommen und es war einfach zauberhaft! Es bauschte sich so schön auf, wenn man sich im Kreis drehte. So lange, bis einem schwindlig wurde. Und das musste Anne auch sofort ausprobieren. Sie hüpfte und drehte sich und rief ihrem Papa immer wieder zu, er solle doch kurz hereinschauen! Später wollte sie es auch unbedingt Mama zeigen. Und dem kleinen Rudi. Dieser Name war ihr nämlich gerade eben eingefallen. Denn sie fand, der passte doch viel besser als Jonas. Oder Anne. „Denn Mama tut sich sicherlich ganz sicher, ganz ungeheuerlich, ganz, ganz, ganz, ganz ungemein schwer, uns beide auseinanderzuhalten, wenn wir gleich heißen!“ Verblüfft über die Logik seines kleinen Mädchens gab Papa ihr schmunzelnd recht. Doch Anne hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Sie drehte und drehte und drehte sich immer schneller, bis sie das Gleichgewicht verlor und mit dem Hintern auf den weichen Teppich plumpste. Verblüfft schaute sie sich um, bevor sie einen heftigen Lachanfall bekam. Auch Papa lachte herzhaft mit. Als Anne sich wieder beruhigt und Papa sich vergewissert hatte, dass alles zu Mamas Zufriedenheit vorbereitet war, half er ihr noch mit den Schuhen. Es war Zeit aufzubrechen. Draußen ließ er dann sein kleines Mädchen auf dem Beifahrersitz einsteigen. Anne war begeistert. Sie durfte auf Mamas Platz sitzen! Wie ein großes Mädchen! Eigentlich war es nur logisch, denn von nun an war sie ja schließlich auch die große Schwester und die musste vorne sitzen, fand Anne, während ihr Papa sorgfältig den Sicherheitsgurt anlegte. Sie war überglücklich und küsste Abby mitten ins plüschige Bärengesicht. Ihr Teddy durfte nämlich auch mit ins Krankenhaus. Papa hatte es erlaubt. Anne hatte Abby auch schon erklärt, dass sie ab heute zu dritt spielen konnten, sie aber immer ihr Lieblingsteddy sein und bleiben würde. „Versprochen. Ganz, ganz, ganz, ganz großes Ehrenwort!“, flüsterte Anne Abby zu und konnte ihr Glück kaum fassen. Dafür wollte sie Mama immer helfen und immer brav sein und immer...