Parzival | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 655 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Parzival

Roman
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-401245-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 655 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401245-2
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit einem Nachwort von Dieter Kühn. Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Der Heilige Gral. Wer ihn hütet, genießt göttlichen Segen - und Speis und Trank im Überfluss. Parzival macht sich auf den Weg, doch als Ritter sucht er den Kampf, und mit dem Schwert ist der Gral nicht zu erlangen. Kurz nimmt er an Artus' Tafelrunde Platz, doch Parzival muss seine eigenen Abenteuer bestehen, bis er Gralskönig wird. Wolframs Roman, europäisch vor der Zeit, ist eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur.

Wolfram von Eschenbach lebte von etwa 1170 bis etwa 1220. Außerliterarische Zeugnisse über ihn sind nicht bekannt. Die Nennung seines Namens erfolgt in programmatischem Kontext in der selbstbewussten Form »ich Wolfram von Eschenbach«, gemeint ist Eschenbach bei Ansbach. Wolframs Bildungsstand war lange umstritten, das im Werk demonstrierte theologische, medizinische, astronomische und weitere Wissen ist aber wohl nur als durch Bücher vermittelt vorstellbar. Der Auftraggeber des ?Parzival? wird im Werk nicht genannt, vermutlich handelte es sich um Mäzene aus dem Kreis der namentlich oder über ihre Stammsitze erwähnten Adligen.
Parzival jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Wenn das Herz mit Zweifeln lebt,

so wird es höllisch für die Seele.

Häßlich ist es und ist schön,

wo der Sinn des Manns von Kraft

gemischt ist, farblich kontrastiert,

gescheckt wie eine Elster.

Und doch kann er gerettet werden,

denn er hat an beidem teil:

am Himmel wie der Hölle.

Der Freund der Unbeständigkeit:

er ist völlig schwarz gefärbt

und gleicht auch ganz der Finsternis;

dagegen hält sich an das Lichte,

der innerlich beständig ist.

Der geflügelte Vergleich hier

ist zu schnell für Ignoranten –

ihr Denken kommt hier nicht mehr mit,

denn er schlägt vor ihnen Haken

wie ein Hase auf der Flucht.

Zinn, gestrichen hinter Glas, gefällig,

sowie des Blinden Traum: sie zeigen

nur die Milchhaut der Erscheinung,

doch dieses trübe Leichtgewicht

kann ja nicht beständig sein;

es macht zwar Freude, doch nur kurz.

Wer rupft mich dort, wo mir kein Haar

gewachsen, in der Innenhand?

Der wüßte schon, wie man es packt …

Rief ich »au!« vor lauter Schreck,

es zeigte meinen Geisteszustand.

Find ich feste Bindung dort,

wo sie bald verschwinden muß

wie Feuer in dem Brunnenschacht

und der Tau im Sonnenlicht?

Und doch: ich kenne keinen Klugen,

der nicht gern wüßte, welchen eignen

Beitrag die Erzählung fordert,

um ihre Botschaft zu ermitteln.

Sie wird in diesem Punkt nicht müde:

mal weicht sie aus, mal setzt sie nach,

zieht sich zurück, greift wieder an,

sie spricht den Tadel aus, das Lob.

Wer all den Würfelwürfen folgt,

der ist schon mit Verstand gesegnet,

sitzt nicht fest und geht nicht fehl,

kommt allenthalben gut zurecht.

Der Sinn, der Falsches, Schlechtes will,

der ist fürs Höllenfeuer reif,

ist Hagelschlag auf Wert und Würde.

So kurz der Kuhschwanz seiner Treue,

daß er den dritten Biß nicht rächt,

flieht er vor Bremsen in den Wald.

Die Punkte, die ich hier erörtert,

betreffen nicht allein die Männer:

ich setze Ziele auch für Frauen.

Die meinen Rat befolgen will,

die sollte sich schon überlegen,

wen sie rühmen, ehren will

und wem sie daraufhin die Liebe

schenkt und ihren Ruf, die Würde,

damit sie dann nicht klagen muß

um ihre Tugend, Liebe, Treue.

Ich bitt, vor Gott, für edle Frauen,

daß sie das rechte Maß geleite;

Scham und Ehre schützen Tugend.

Mehr Segen brauch ich nicht zu wünschen.

Betrügt die Frau, so trügt ihr Lob.

Wie fest ist noch ein dünnes Eis,

wenn im August die Sonne brennt?

So schmilzt ihr Ruf ganz rasch dahin.

Schöne Frauen rühmt man sehr,

doch ist das Herz bloß imitiert,

so kann ich es nur loben wie

blauen Glasfluß, goldgefaßt.

Ich halt es keineswegs für Talmi,

wenn man in bescheidnes Messing

den Rubin, den noblen, faßt,

mit aller seiner pouvoir –

so seh ich wahre Weiblichkeit.

Bleibt die Frau dem Wesen treu,

bewerte ich nicht nach dem Äußren

und der Brüstung überm Herzen –

ist alles gut in ihrer Brust,

so wird ihr Ruf nicht angekratzt.

Was Mann und Frau sind: wollte ich

das definieren (was ich könnte!),

so würde dies sehr umfangreich.

Hört zur Methode der histoire:

Von beidem wird sie euch erzählen,

von der Freude wie vom Leid;

Lust und Sorge spielen mit.

Nehmt an, ich wäre ,

und jeder hätte meinen Rang

im Können, und dazu auch noch

Dichtkunst, Virtuosität –

wenn euch gut erzählen wollten,

was ich erzählen will,

sie hätten ihre liebe Not!

Erzähl euch die Geschichte neu,

die von treuer Liebe handelt,

von echter Weiblichkeit der Frau

und wahrer Männlichkeit des Manns,

die starkem Heeresdruck nie nachgab.

Sein Mut ließ ihn da nicht im Stich:

war Stahl! Wo immer er auch kämpfte,

dort errang er sieggewohnt

viele hohe Ruhmestitel.

War tapfer, wurde langsam weise –

so stelle ich den Helden vor.

In Frauenaugen war er schön,

er machte Frauenherzen krank,

war vor der Schande auf der Flucht.

Der Held, den ich mir auserwählt,

um den es geht in der histoire,

in der Erstaunliches geschieht,

er lebt romangemäß noch nicht.

Man hält’s noch so, wie man es hielt,

wo Frankreichs Erbrecht galt und gilt

(man hält es auch in einem Winkel

in Deutschland so, ihr wißt es schon):

Wer immer in dem Lande herrschte,

der verfügte ganz korrekt

(es ist zwar seltsam, doch es stimmt),

daß dem ältesten der Brüder

des Vaters Erbe zufiel!

Für die Jüngren war das schlecht;

was sie nutzten, als er lebte,

das nahm der Tod des Vaters weg;

vorher hatten sie gemeinsam,

was jetzt der Älteste besaß.

Dies hat ein kluger Mann erdacht,

denn: das Alter braucht Besitz –

die Jugend lebt voll schöner Kraft,

im Alter klagt und leidet man.

Das Allerschlimmste, was es gibt,

ist Alter und dazu noch Armut.

Ich sag euch ehrlich meine Meinung:

Daß man Herzog, Graf und König

nicht den Grundbesitz vererbt,

sondern stets dem Ältesten –

dies teilt die Rechnung seltsam auf.

Gahmuret, der große Kämpfer,

beherzt, doch selbstbeherrscht,

verlor so Burgen und das Land,

in dem sein Vater, voller Glanz,

das Zepter und die Krone trug

mit großer königlicher Macht –

bis er fiel, im Ritterkampf.

Es wurde sehr um ihn getrauert:

bis zu seinem Tode blieb er

pflichtbewußt und hoch geehrt.

Sein erster Sohn ließ alle Fürsten

kommen, aus dem ganzen Reich.

Sie traten dort in Gala auf,

denn sie erwarteten mit Recht

die Vergabe großer Lehen.

Als sie vor dem Herrscher standen

(Privilegien bestätigt,

Lehen sämtlich übertragen),

hört euch an, was sie da taten!

Sie zeigten, wie loyal sie waren,

baten alle – reich und arm –

bescheiden, mit Entschiedenheit,

der König möge Gahmuret

noch größre Bruderliebe zeigen

und zugleich sich selber ehren,

indem er ihn nicht ganz enterbe,

ihm von seinem Land ein Stammgut

schenke, dies vor aller Welt,

das ihm, als seinem eignen Herrn,

den Namen gebe, Privilegien.

Der König war ganz einverstanden:

»Eure Bitte ist recht maßvoll.

Ich sag hier zu – und noch viel mehr.

Ja, nennt nur meinen Bruder

Gahmuret !

Anjou ist mein Land: diesen Namen

werden wir gemeinsam tragen.«

Der edle König sagte weiter:

»Ich versorge meinen Bruder

weitaus besser (dies auf Dauer!)

als ich es nun, spontan, verspreche.

Er soll mein Hausgenosse sein!

Ja, ich werd euch allen zeigen,

daß wir Mutter hatten!

Er hat wenig, ich hab reichlich,

ich teil ihm so viel davon zu,

daß ich nicht mein Heil verpfände

vor Dem, Der gibt und nimmt –

zu beidem hat Er ja das Recht.«

Als die großen Fürsten merkten,

allesamt, daß ihren Herrscher

Bruderliebe handeln ließ,

war dies für sie ein Jubeltag.

Und sie verbeugten sich vor ihm.

Gahmuret sprach: Einverstanden!,

wie sein Herz es ihm befahl.

Nobel sagte er zum König:

»Herr, mein Bruder, würde ich

in einem Haushalt unterschlüpfen,

bei Euch, bei einem andren Herrn,

so wäre ich bequem versorgt.

Baut dann auch meine Ehre auf

(Ihr seid loyal und klug dazu)

und gebt mir, nach dem Stand der Dinge,

Euren Rat und Eure Hilfe.

Ich hab nur eine Kampfausrüstung –

sollt ich in ihr vollbringen,

das mir weithin Ruhm einbrächte,

so würd dort meiner schon gedacht …«

Weiter sagte Gahmuret:

»Sechzehn Knappen habe ich –

sechs von ihnen tragen Rüstung;

gebt vier Pagen noch dazu,

gut erzogen, hochgeboren –

ich werde nicht bei ihnen knausern

mit der Beute, die ich mache.

Ich werde in die Ferne ziehen –

schließlich war ich viel auf Reisen!

Bleibt Kampfesglück auf meiner Seite,

find ich die Gunst der edlen Frauen.

Wenn ich für sie dienen darf

(und ich dessen würdig bin),

so gibt mir mein Verstand den Rat,

ich solle treue Dienste leisten.

Gott lehre mich den Weg des Glücks.

Wir zogen einst gemeinsam los

(damals herrschte noch Gandin

in Eurem Reiche, unser Vater),

wir haben vieles durchgemacht,

beide, für das Liebesglück!

Ihr wart ein Ritter, wart diskret:

Dienst um Liebe im Verborgnen.

Ah, könnt auch jetzt heimlich lieben,

besäße Eure Liebeskunst

und fänd Erhörung bei der Dame!«

Der König seufzte, sagte dann:

»Ach, hätte ich dich nie gesehn!

Mit deinem Leichtsinn hast du mir

das Herz zerrissen, das noch ganz war.

Und tust es noch mal, wenn du gehst.

Mein Vater hat uns beiden

reichen Fundus hinterlassen:

ich geb dir gleichen Anteil ab –

bin dir von Herzen zugeneigt.

Edelsteine, rotes Gold,

Männer, Waffen, Pferde, Kleider –

von allem geb ich dir so viel,

daß du tun kannst, was du willst,

und stets genug zum Schenken hast.

Dein Mut ist...


Kühn, Dieter
Dieter Kühn, geboren 1935 in Köln, starb 2015 in Brühl. Für seine Biographien, Romane, Erzählungen, Hörspiele und hoch gerühmten Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen (das ›Mittelalter-Quartett‹) erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und zuletzt die Carl-Zuckmayer-Medaille. Zu seinen Werken gehören große Biographien (über Clara Schumann, Maria Sibylla Merian, Gertrud Kolmar sowie sein berühmtes Buch über Oswald von Wolkenstein), Romane (›Geheimagent Marlowe‹), historisch-biographische Studien (›Schillers Schreibtisch in Buchenwald‹) und Erzählungsbände (›Ich war Hitlers Schutzengel‹). Zuletzt erschienen die beiden autobiographischen Bände ›Das Magische Auge‹ und ›Die siebte Woge‹ sowie sein Theaterbuch ›Spätvorstellung‹.

Literaturpreise (Auswahl):

Hermann-Hesse-Preis
Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Nominiert für den Deutschen Bücherpreis 2002
Carl-Zuckmayer-Medaille 2014

Wolfram von EschenbachWolfram von Eschenbach lebte von etwa 1170 bis etwa 1220. Außerliterarische Zeugnisse über ihn sind nicht bekannt. Die Nennung seines Namens erfolgt in programmatischem Kontext in der selbstbewussten Form 'ich Wolfram von Eschenbach', gemeint ist Eschenbach bei Ansbach. Wolframs Bildungsstand war lange umstritten, das im Werk demonstrierte theologische, medizinische, astronomische und weitere Wissen ist aber wohl nur als durch Bücher vermittelt vorstellbar. Der Auftraggeber des ›Parzival‹ wird im Werk nicht genannt, vermutlich handelte es sich um Mäzene aus dem Kreis der namentlich oder über ihre Stammsitze erwähnten Adligen.
Dieter KühnDieter Kühn, geboren 1935 in Köln, starb 2015 in Brühl. Für seine Biographien, Romane, Erzählungen, Hörspiele und hoch gerühmten Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen (das ›Mittelalter-Quartett‹) erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und zuletzt die Carl-Zuckmayer-Medaille. Zu seinen Werken gehören große Biographien (über Clara Schumann, Maria Sibylla Merian, Gertrud Kolmar sowie sein berühmtes Buch über Oswald von Wolkenstein), Romane (›Geheimagent Marlowe‹), historisch-biographische Studien (›Schillers Schreibtisch in Buchenwald‹) und Erzählungsbände (›Ich war Hitlers Schutzengel‹). Zuletzt erschienen die beiden autobiographischen Bände ›Das Magische Auge‹ und ›Die siebte Woge‹ sowie sein Theaterbuch ›Spätvorstellung‹.

Literaturpreise (Auswahl):

Hermann-Hesse-Preis
Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Nominiert für den Deutschen Bücherpreis 2002
Carl-Zuckmayer-Medaille 2014



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.