E-Book, Deutsch, 417 Seiten
Parsons Eiskönigin
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-406-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 417 Seiten
ISBN: 978-3-96148-406-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Julie Parsons wurde 1951 als Tochter irischer Eltern in Neuseeland geboren. Sie war noch ein Kind, als ihr Vater unter ungeklärten Umständen auf hoher See verschwand - ein Trauma, das sie nie loslassen sollte: »Ich werde niemals herausfinden, was mit meinem Vater geschehen ist, und vielleicht erzähle ich auch deswegen Geschichten, in deren Mittelpunkt Geheimnisse stehen - um sie selbst aufklären zu können.« Julie Parsons studierte in Dublin und arbeitete später als Radio- und TV-Produzentin, bevor sie als Schriftstellerin erfolgreich wurde. Ihr Debüt »Mörderspiel«, auch bekannt unter dem Titel »Mary, Mary«, wurde in 17 Sprachen übersetzt und ein internationaler Bestseller. Julie Parsons lebt heute in der irischen Hafenstadt Dun Laoghaire. Die Autorin im Internet: www.julieparsons.com Bei dotbooks veröffentlichte Julie Parsons ihre psychologischen Thriller »Mörderspiel«, »Todeskälte«, »Giftstachel«, »Eiskönigin«, »Seelengrund« und »Sündenherz«.
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Kapitel 1
Er war interessant, der Fall Rachel Beckett, dachte Andrew Bowen, als er von seinem Schreibtisch aufstand und über den Korridor zur Küche ging, um den ersten Kaffee des Tages zu machen. Es war eine seltene Gelegenheit im trivialen Leben eines Bewährungshelfers, dass einem jemand mit lebenslänglich unterkam. Es war während seiner Karriere bisher nur zweimal passiert. Und da war es nicht um Frauen gegangen. Natürlich hatten Frauen in seinem Büro gesessen, die jemanden umgebracht hatten. Gar nicht so wenige. Frauen, die ihre Männer oder Freunde oder Kinder getötet hatten. Aber man hatte befunden, dass sie es spontan getan hatten. Aus Angst, in Notwehr, als sie auf eine Aggression reagierten, der sie mit Zorn oder Wahnsinn begegneten. Niemals so, wie die Anklage Rachel Becketts Tat beschrieben hatte. Langsam, absichtlich, präzise. Vorausschauend, wissentlich und vorsätzlich. Und jetzt hatte das Justizministerium in seiner Weisheit entschieden, dass sie die erwartete Reue gezeigt und ihre Tat angenommen habe und es an der Zeit sei, sie freizulassen. Auf Bewährung natürlich. Und um neun Uhr heute früh, am 10. Mai, würde sie zu ihm kommen.
Reue, das war ein interessanter Begriff, ein zweiter Versuch, eine zweite Chance. Eine Gelegenheit, das Schlechte, das in der Vergangenheit geschehen war, wieder gutzumachen. War es wirklich so? Er hatte bei Fällen von Reue schon immer seine Zweifel gehabt. Er dachte an die Energie, die beim Leugnen der begangenen Tat entwickelt wurde. An die ausgefeilte Verteidigungsstrategie, die für die Gerichtsverhandlung ersonnen wurde. An die Gutachter, die bestellt und bezahlt wurden. Die tränenreiche Demonstration von Beweismaterial. Mit der Hand auf dem Herzen – so wurde das Fehlverhalten geleugnet. Und dann kam irgendwie, Jahre danach, wenn die Realität des Gefängnislebens anfing, Wirkung zu zeigen, plötzlich der Reumütige daher, hellwach und munter, ein ganz neuer Mensch, praktisch ein Musterknabe.
Bitte, Sir, ich hatte nicht vor, es zu tun.
Bitte, Sir, ich hab's ja getan, aber es war ein Irrtum, ein Unfall, ich wollte nicht, dass es so ausging.
Bitte, Sir, gut, ich geb's zu, ich hab's getan, ich hab's geplant, ich hab's mir ausgedacht, aber lassen Sie mich doch raus, dann verspreche ich, dass ich ein anständiger Mensch sein werde.
So früh am Morgen war es still in der Küche. Er stand einen Augenblick ruhig da und horchte. Er war allein. Seine Kollegen kamen fast immer eine gute Stunde später, wenn er schon mit der Arbeit angefangen hatte. Sie gaben dem Verkehr die Schuld an ihrem späten Erscheinen. Er sah den Grund für seine Pünktlichkeit in demselben Verkehr. Er stand anderthalb Stunden früher auf, um ihm voraus zu sein, sagte er, und alle schauten ihn an, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank. Es war ihm egal. Sie konnten ihren Tag so einrichten, wie sie wollten. Offiziell hatte er die Leitung, aber sie wussten ja alle, was für ein Chef er war. Wohlwollend bis zur Gleichgültigkeit. Und das war allen recht. Ein leichtes Leben, das war es, was sie alle wollten. Und was ließ sich schon dagegen sagen?
Er füllte die Glaskanne mit Wasser und schüttete gemahlenen Kaffee, seine Lieblingssorte aus Kolumbien, in einen frischen Papierfilter. Er hob die Kanne hoch, goss das Wasser mit einer schwungvollen Bewegung in die Maschine und stellte schnell die leere Kanne darunter. Er wartete und horchte auf das leise Summen der Maschine, dann ging er um den kleinen Kieferntisch herum und schaute auf das Schwarze Brett neben dem Fenster. Die Sohlen seiner Schuhe erzeugten auf dem Linoleum unter seinen Füßen ein vertrautes Quietschen. Er ordnete die verschiedenen Mitteilungen, die wirr durcheinander auf die Korktafel geheftet waren. Es gab eine Vortragsreihe über jugendliche Straftäter, die in Kürze am University College Dublin begann. Sie war Teil ihres Programms von Abendkursen für Erwachsene. Er bemerkte, dass sein eigener Name für zwei Abende eingetragen war. Jugendliche Täter – der sozialtherapeutische Ansatz und Jugendliche Täter – Persönlichkeitsfindung und Therapie. Verflucht, er hatte ganz vergessen, dass er zugesagt hatte. Es würde schwierig sein. Er würde jemanden brauchen, der bei Clare bleiben konnte. Sie mochte es nicht, wenn er abends wegging. Sie war zufrieden damit, dass sie den ganzen Tag allein zu Haus war. Besonders nachdem er sie gewaschen, gefüttert und ihr alles in greifbarer Nähe zurechtgestellt hatte, was sie möglicherweise brauchen konnte, bevor er morgens zur Arbeit ging. Aber abends war das etwas anderes, sagte sie ihm immer. Sie konnte die Dunkelheit nicht alleine ertragen.
Er seufzte und fühlte sich momentan erleichtert, als er tief ausatmete. Nur für einen Augenblick. Er hatte nicht gemerkt, dass er den Atem angehalten, nicht losgelassen hatte und alles fest in sich verschlossen hielt. Und dann spürte er, wie ihm die Tränen, die zurzeit so leicht kamen, in die Augen stiegen und alles verwischten. Er suchte in seiner Tasche nach einem Taschentuch und schnäuzte sich. Fang erst gar nicht an, dachte er. Fang den Tag nicht so an. Es war so wichtig, alles unter Kontrolle zu behalten. Deshalb war es so gut, früh zur Arbeit zu kommen. So kam er früh von zu Hause weg. Und von Clare. Ihrer Krankheit, ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihrem nahenden Tod. Wie bald das wohl sein würde, fragte er sich jeden Tag. Vielleicht würde er sie in sich zusammengekrümmt finden, wenn er heute Abend nach Haus kam, und ihre Muskeln würden schon steif sein. Sie hätte dann versucht, ihn anzurufen, Hilfe zu bekommen. Aber sie hätte nicht gewusst, dass er den Telefonstecker herausgezogen hatte, bevor er ging. So konnte es keine Hilfe geben. Weder von ihm noch von sonst jemandem. Es würde wie ein Unfall aussehen, die unvermeidliche Folge der Krankheit, die ihr Leben im Lauf der letzten zehn Jahre zerstört hatte. Er wusste, wie es aussehen würde. Er hatte alles durchdacht. Er hatte es geplant. Er hatte geübt, was er sagen würde. Dem Arzt, der Polizei. Ich verstehe es nicht. Es ging ihr gut, als ich heute früh wegging. So gut, wie es jemandem überhaupt gehen kann, der Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium hat. Sie sagte, sie würde anrufen, wenn es Probleme gäbe. Aber sie hat sich nicht gemeldet. Ich war fast den ganzen Tag im Büro, außer zwei Stunden, in denen ich im Gericht war. Aber Clare hatte meine Handynummer, und meine Sekretärin weiß immer, wo ich bin, und außerdem, wenn sie mich nicht erreichen konnte, hätte sie einen Krankenwagen rufen können. Sie wusste, was zu tun war.
Aber jetzt war es noch zu früh dafür. Er wusste das. Clare hatte noch eine Weile vor sich. Sie konnte ohne Hilfe nicht stehen oder gar sich fortbewegen. Er dachte an all die medizinischen Fachausdrücke, die ihnen beiden in den letzten zehn Jahren geläufig geworden waren. Parästhesie, Gefühlsstörung ohne äußere Ursache. Kribbeln hieß es für die, die nichts weiter darüber wussten. Propriodysästhesie, die Unfähigkeit, die Stellung der Gliedmaßen im Verhältnis zum eigenen Körper einzuschätzen. Retrobulbäre Neuritis, die Entzündung des Sehnervs, die zur Folge hatte, dass die Sehfähigkeit geschädigt war und ein Schmerz hinter den Augen auftrat, der ihr Leben zunehmend beherrschte. Sie hatte keine Kontrolle mehr über ihre Blase und hatte Schwierigkeiten beim Schlucken, Husten und Räuspern. Was lag vor ihnen? Sie wussten es beide. Sie hatte ihren Arzt gebeten, es ihr zu sagen. Sie würde schließlich an Lungenentzündung sterben, oder an den Blasenentzündungen, die sie jetzt schon elend machten. Aber wann? Wie lange konnten sie es noch ertragen?
In der Küche duftete es nach frischem Kaffee. Er hob die Kanne hoch, goss sich eine große Tasse voll ein und nahm sich Milch aus einer offenen Packung in dem kleinen Kühlschrank. Dann ging er über den Korridor in sein Büro zurück, setzte sich und öffnete Rachel Becketts Akte. Ihm fiel ihr Geburtsdatum auf, der 31. August 1957. Sie war zweiundvierzig. Genauso alt wie er. Und jetzt bekam sie eine zweite Chance. Jetzt, wo sie noch jung genug war, es zu genießen. Er dachte daran, wie sie damals ausgesehen hatte, vor Jahren, als sie wegen der Ermordung ihres Mannes vor Gericht stand und zu einem Leben im Gefängnis verurteilt wurde. Er hatte sie einige Male gesehen. Auf den Titelseiten der Zeitungen. Im Fernsehen. Und in der großen Halle des Gerichtsgebäudes, wo sie mit ihrer Tochter auf dem Schoß gesessen hatte, ihr Vater neben ihr, und wartete und wartete. Sie war eine Besonderheit – für alle. Sie war schön gewesen damals, erinnerte er sich. Grazil, so hätte man sie beschreiben können. Was für ein Gegensatz zwischen ihrem Aussehen und ihrer Tat. Alle sagten das. Er hatte während des Prozesses im Gericht vorbeigeschaut, wann immer er ein paar freie Minuten hatte. Und dann kam er zufällig dazu, als die Geschworenen zurückkamen. Vierundzwanzig Stunden nachdem sie sich zur Beratung zurückgezogen hatten. Sie hatten sich Zeit gelassen. Man hatte sie über Nacht eingeschlossen. Es war eine Mehrheitsentscheidung, wie er sich erinnerte. Zehn zu zwei. Er wusste alles noch so gut. Eine Geschworene weinte. Aber Rachel Beckett weinte nicht. Sie hatte nur sehr klar und deutlich »Nein, das glaube ich nicht« gesagt. Und dann war sie auch schon fort. Sie hatte keine Zeit, sich zu verabschieden, wurde von den Gefängnisbeamten weggebracht. Den Blicken anständiger Leute entzogen.
Ein Summer auf seinem Schreibtisch ertönte. Er sah auf die Uhr. Es war genau neun. Das war gut. Sie hatte also ihren Hang zur Pünktlichkeit nicht eingebüßt. Er schaute zu dem Überwachungsmonitor an der Wand vor ihm auf. Eine Kamera war auf die Eingangstür gerichtet. Er beobachtete sie, wie sie wartete, um...




