E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Park Dunkle Wolken
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-98427-0
Verlag: Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Maine-Thriller
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-492-98427-0
Verlag: Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Mara Park wurde in Hamm/ Westfalen geboren und verbrachte frühe Kindheitsjahre in Italien. Heute pendelt sie zwischen dem Ruhrgebiet, Boston und Maine. Sie schreibt Kunst- und Theaterkritiken für den Westfälischen Anzeiger und unterrichtet Kreatives Schreiben u.a. an der Universität Münster. Autorin mehrerer Erzählbände und des Schreibratgebers 'Türen zur Fantasie'. Für ihre Kurzgeschichten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 2014 ein Arbeitsstipendium vom Ministerium NRW sowie von der Kunststiftung NRW und den Literaturförderpreis Ruhr 2013.
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2
Sie schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Die Fahrt hatte ihr zugesetzt, ihre Beine fühlten sich weich an, ihr Magen war wie zugeschnürt und durch die Speiseröhre zwängte sich ein unangenehm metallischer Geschmack. Es roch nach Staub und darunter so etwas wie gammelnde Kartoffeln. Wie lange hatte das Haus leer gestanden? Drei Jahre? Ein paarmal hatte Fred zwischendurch nach dem Rechten gesehen, die Wasserrohre für den Winter leer gepumpt, die Stromleitungen kontrolliert. Auch in jenem Oktober, als sie im Krankenhaus gewesen war. Nach dem schrecklichen Sommer. War das wirklich schon drei Jahre her?
Zum Glück war der Strom nicht abgestellt, sodass sie nicht im Dunkeln in den Keller und dort am Sicherungskasten herumtasten musste. Das Haus hatte einen quadratischen Grundriss und eine ungewöhnliche, verbaute Aufteilung. Es hatte auch keinen Windfang, sodass man sofort in der Küche stand. Die Küche wiederum ging ins Wohnzimmer über, das zugleich auch Schlafzimmer war. Der blaue Plastikschirm der Küchenlampe gab dem Raum etwas Kühles, einen Hauch von Polarlicht oder eine Atmosphäre von Krankenhaus, und ließ Paula frösteln. Sie würde den Lampenschirm durch einen gelben oder orangefarbenen ersetzen.
Langsam löste sie sich vom Eingang, trat auf den Häkelteppich, legte ihre Handtasche auf dem Tisch ab und probierte die Leselampe darauf aus. Sie funktionierte, und Paula schaltete das bläuliche Deckenlicht aus. Sofort fühlte sie sich wohler. Der milchige Glasschirm der Leselampe dämpfte das Licht und wie ihr schien auch den Geruch des Staubes. Sie nahm das kleine, gerahmte Foto aus der Handtasche, strich eine Fluse vom Glas und lehnte es gegen die Bücher im Regal. Fred hatte damals vorgeschlagen, alle Fotos von Bobby zu vernichten, aber sie hatte sich dagegen gewehrt.
Alles war, wie sie es in Erinnerung hatte. Das blaue, durchgesessene Sofa mit dem Rücken zum Zimmer, vor der Schiebetür zum Balkon, um den Fluss zu betrachten. Der schmiedeeiserne Kaminofen, den Fred auf einer Internetauktion erstanden hatte. An zwei Drahtbügeln unter der Decke noch die Handtücher von jenem letzten Sommer. Paula schaltete die Wandlampe über Tante Dorothees altem Spieltisch an. Das war Fred: Während sich seine Geschwister um die Gemälde, das Tafelsilber und die Porzellanfiguren stritten, hatte er sich mit dem Spieltisch begnügt, überzeugt, den besten Deal gemacht zu haben. Das Bett, das Fred gebaut hatte, füllte die Nische, darüber die gerahmten Landkarten.
Sie nahm die Treppe zur zweiten Etage. Der Handlauf war staubig wie die Stufen, auf denen ihre Schuhe Abdrücke hinterließen. In der Toilette hatte sich Dreck abgelagert, in der Dusche lagen tote Spinnen und ein Schmetterling. Vor der Lamellentür blieb Paula stehen. Ihr Herz schlug schneller. Sie tastete nach dem Griff und verharrte in der Bewegung. Nicht jetzt, das hatte noch Zeit, und entschlossen wandte sie sich der schmalen Treppe mit den rot gestrichenen Stufen zum Dachgeschoss zu.
Der Raum war kaum möbliert. Ein schwarzer Drehstuhl, der aus Freds Büro stammte, eine Holztruhe mit Eisenbeschlägen, in der Bettzeug lagerte, das französische Doppelbett unter der Schräge. Der Regen schlidderte über das Dachfenster. Fenster und Dach schienen dicht zu sein, der graue Teppichboden war staubig, aber trocken. Paula bückte sich und schob die obere Schublade der Kommode auf. Die Sachen darin hatte sie fast vergessen. Der grüne Pullover aus dem Thrift-Store, den jemand gestrickt und nie getragen hatte. Sie auch nicht. Jetzt fiel ihr auf, dass er ein paar Maschenfehler in der Bordüre hatte. Es gab noch ein Paar Jeans und ein halbes Dutzend T-Shirts. Darunter fand sie das Armband mit den Holzperlen. Der Anblick gab ihr einen Stich ins Herz, etwas, das man üblicherweise in Romanen las und sich nie vorstellen konnte. Das Armband hatte Bobby im Kindergarten gebastelt. Minutenlang saß sie regungslos auf dem Bett, dann nahm sie das Band und streifte es über die Hand. Es schmiegte sich um ihr Gelenk, als hätte es nur auf sie gewartet.
Ein Blitz zuckte und der unmittelbar darauf folgende Donner ließ sie zusammenschrecken. Dieser obere Balkon war der Logenplatz, von hier aus konnte man die Bucht am besten überblicken, aber jetzt schleuderte der Wind den Regen so heftig gegen die Tür, dass Paula fürchtete, das Glas könnte splittern.
Sie würde unten schlafen, auf dem Bett in der Nische, und sie nahm ein Kopfkissen und die Wolldecke, löschte das Licht und stieg die Treppe hinunter. Vor der Lamellentür zögerte sie noch einmal. Morgen, sagte sie sich. Vielleicht. Ihr Blick fiel auf den Metallkasten, der das Ofenrohr umschloss. Er war eine Handbreit in den Boden eingelassen, zum Schutz, damit das durch die Decke gehende Rohr den Fußboden nicht versengte. Eine Maus war hineingeraten und über die Zeit mumifiziert. Bestimmt war sie so lange im Kreis um das Rohr herumgerannt, bis sie vor Erschöpfung tot umgefallen war. Paula nahm den Kadaver und warf ihn aus dem Fenster in den Regen.
Unten ließ sie sich auf das Sofa fallen. Sie sehnte sich nach einer Tasse Tee. Aber dafür würde sie entweder zum Wagen gehen, um das Mineralwasser zu holen, oder aber in den Keller hinabsteigen und den Wasserhaupthahn anstellen müssen. Sie wusste nicht, was ihr unangenehmer war.
In der Scheibe spiegelten sich ihr Gesicht und ein Teil des Zimmers, die Landschaft draußen war nichts als Schwärze, ab und zu erhellt von Blitzen. Die Zitterpappeln, Farne und Felsen waren nicht zu sehen. Auch nicht der Fluss, der sich hier zur Bucht verbreiterte und mit Meerwasser vermischte. Früher war sie gern darin geschwommen. Das Wasser war dunkel, die scharfkantigen Felsen bei Flut unter Wasser verborgen, sodass man sich leicht das Bein aufschürfen konnte. Auch die Strömung war tückisch. Bei Flut drängte das Wasser in den letzten zwei Stunden so schnell in die Bucht, dass der Sog an den Ufern selbst einen erfahrenen Schwimmer ins offene Meer ziehen konnte. Paula zog die Knie an und umschlang sie mit den Armen. Bei dem Gedanken an das Wasser in der Bucht war ihr kalt geworden. Noch immer schlug der Regen gegen das Haus, und der Wind heulte, aber zumindest kamen die Blitze seltener. Paula raffte sich vom Sofa auf. Wenigstens den Koffer würde sie holen und ein oder zwei Taschen mit Proviant.
Der Wind warf ihr den Regen ins Gesicht. Über ihr zischte ein Blitz. Sie rannte durch das nasse Gras zum Auto. Morgen würde sie es mähen, falls bis dahin der Sturm weitergezogen wäre. Wieder flammte ein Blitz dicht über dem Haus auf und Paula duckte sich ins Auto. Sie schnappte sich zwei Tüten mit Lebensmitteln und rannte zurück zum Haus, schlug die Tür hinter sich zu und blieb einen Moment japsend dagegengelehnt stehen. Das Wasser rann an ihrer Jacke hinab. Sie warf sie nebenan im Badezimmer über die Dusche. Ihr war kalt.
Als sie aus dem Bad kam, sah sie, dass sie in Hundescheiße getreten war. Braun quoll die Masse unter ihrem Schuh hervor und hatte bereits Abdrücke auf dem Küchenboden hinterlassen. Fluchend spülte Paula den Schuh unter dem Wasserhahn ab und wischte über den Boden. Sie stellte den Kühlschrank an und begann, die Lebensmittel zu sortieren. Sie war überrascht, wie viel noch in den Schränken war, einige Pakete Reis und Nudeln, Konserven mit Bohnen, Mais und Tomaten, genug, um zwei Wochen lang einfache Mahlzeiten zubereiten zu können. Nachdem alles eingeräumt war, öffnete sie die Tür zum Keller. Es roch feucht, obwohl Fred die Wände hatte abdichten und den Schimmel entfernen lassen. Wenigstens waren die Lampen in Ordnung, sodass sie sicher hinabsteigen und das Wasser anstellen konnte. Zurück in der Küche kontrollierte sie die Schläuche, alles schien in Ordnung, nichts tropfte und das Wasser kam gleichmäßig aus dem Hahn, in der Küche wie im Badezimmer. Das klappte besser als gedacht, und zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch am Morgen fühlte sie so etwas wie Zuversicht. Sie würde es allen zeigen. Doktor Marsden und vor allem Fred.
Sie zerknüllte eine Menge von dem bereitliegenden Zeitungspapier und warf es in den Kaminofen, schichtete Zweige auf, darüber zwei, drei Holzscheite und zündete den Stapel an. Einen Moment fürchtete sie, der Kamin könnte verstopft sein, aber das Feuer machte sich und der Rauch zog gut ab. Und endlich konnte sie ihren Tee zubereiten und kehrte mit dem Keramikbecher zurück zum Sofa. Morgen würde sie sich auch an die Spinnweben machen, die Küche putzen, das Bad, den Staub entfernen. Morgen.
Das Telefon schreckte sie aus ihren Gedanken.
»Du hattest dich melden wollen, sobald du angekommen bist«, sagte Fred und der Vorwurf in seiner Stimme brachte ihr Unwohlsein zurück.
»Ich bin müde, nach der langen Fahrt.«
»Ist alles in Ordnung im Haus? Hast du mit jemandem gesprochen?«
»Ich hab schon fast geschlafen. Es ist alles in Ordnung.«
Es war leicht, ihn abzuwimmeln, und danach aß sie eine Scheibe Brot, nahm pflichtbewusst eine von den Prozacs, trank ein Glas Wein und machte sich das Bett zurecht. Das Feuer glomm schwach, der Raum war angenehm warm. Der Wein hatte sie noch schläfriger gemacht, und das Geprassel des Regens zusammen mit dem Rauschen der Bäume tat sein Übriges. Sie konnte es nicht sehen, aber sie wusste, dass sich die Zitterpappeln mit ihren armdünnen, weiß gefleckten Stämmen zwischen den Buchen und Robinien wie Fähnchen ausnahmen. Ihre Stämme waren wie aus Pappe, schon ein leichter Tritt konnte sie zerbrechen. Hoffentlich stand keine so ungünstig, dass sie ins Fenster knickte, in der Nacht. Eine weiße Spinne mit einem einzelnen roten Streifen über dem Bauch schlenkerte an ihrem Faden, ein paar Zentimeter unter der Decke. Paula war zu müde, um sich daran zu stören. Sie wickelte sich in die Wolldecke, die an ihren nackten Armen kratzte,...




