Parei | Was Dunkelheit war | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Parei Was Dunkelheit war


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-89561-981-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-89561-981-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



September 1977. Ein alter Mann liegt nach einem Zusammenbruch zu Tode erschöpft in seinem Bett. Im Treppenhaus hat er einen verdächtigen Fremden gesehen. Endlos lange dauert es, bis der Morgen kommt. Die Geräusche der Nacht beunruhigen ihn, sie lösen Bilder, Fragen, Erinnerungen in ihm aus - die Eindrücke des vergangenen Tages und seines vergangenen Lebens.Der alte Mann fragt sich, warum er das Haus geerbt hat, in dem er jetzt wohnt, die Stadt verlassen hat, in der er sein Leben lang zu Hause war - ist er freiwillig hier? Was hat den Fremden hergeführt? Wozu dient die Tür, die der Metzger und der Wirt am Vormittag im Hof gezimmert haben? Seine Beobachtungen der Vorgänge im Haus deuten eine Geschichte an, die mit seiner eigenen Lebensgeschichte, in deren Zentrum seine Kriegsschuld steht, seltsam verflochten zu sein scheint.Der Wunsch, das Rätsel um die Identität des Fremden zu lösen, wird für den alten Mann zu seiner letzten Lebensaufgabe.

Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt in Berlin. Ihre Werke handeln von geschichtstra?chtigen Orten und fragilen Lebensla?ufen. Schon ihr erster Roman Die Schattenboxerin wurde mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet und in 13 Sprachen u?bersetzt. Fu?r Was Dunkelheit war erhielt sie 2003 den Ingeborg-Bachmann-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zuletzt erhielt sie das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
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Das Haus lag am westlichen Stadtrand von Frankfurt, in der Nähe eines Flusses, der Nidda. Der alte Mann hatte nicht damit gerechnet, daß er es erben würde, er hatte einen Schreck bekommen, als er davon erfuhr. Im ersten Moment hatte er sich an den früheren Besitzer nicht mehr erinnern können.

Es hatte eine Nachkriegsfassade, schmutzig und ausdruckslos. Wahrscheinlich war es Ende der fünfziger Jahre das letzte Mal gestrichen worden. Der Putz an der Vorderfront bestand aus rauhen, wurmförmigen Kerben, in denen sich der Dreck der Jahrzehnte eingelagert und schwarze Rillen gebildet hatte. Es war ein Eckhaus mit einer Gaststätte und einem Metzgerladen im Erdgeschoß, und die Straße Alt-Rödelheim, in der es stand, war eng und gewunden. Tagsüber fuhr in zehnminütigen Abständen eine sehr laute Straßenbahn mit der Aufschrift »23 Röderbergweg« vorbei. Er mochte das Geräusch, es war ihm schon nach kurzer Zeit vertraut, in den Nächten kam ihm die Stille wie etwas Künstliches vor.

Er hatte sich an seine neue Umgebung nicht richtig gewöhnt, wie viele Leute in seinem Alter, die noch mal umzogen, ein Teil von ihm lebte noch in Berlin. Wenn er müde war oder wenn er ein paar Gläser zuviel getrunken hatte, kam es manchmal vor, daß er sein Bett nicht auf Anhieb finden konnte, oder er ertappte sich dabei, die Türen auf der falschen Seite zu suchen.

Bei seinem Umzug hatte er nicht mehr viel mitnehmen wollen. Seine Schrankwand hatte er zurückgelassen und seine Bücher an einen Nachbarn verschenkt, der am Wochenende auf einer Grundstücksbrache in der Nähe der Kreuzberger Möckernbrücke Trödel verkaufte. Der Händler hatte ihm die langen Holzkästen gezeigt, in denen der Nachlaß Verstorbener verhökert wurde, ihre Briefe und Familienbilder und persönlichen Dokumente, und daraufhin hatte er die Fotos, die noch in seinem Besitz gewesen waren, verbrannt.

In seinem neuen Wohnzimmer gab es nur noch zwei Sessel und einen Tisch und einen alten Vitrinenschrank. Der Tisch war meistens leer bis auf eine farblose Decke und eine Dose aus Tropenholz, die für Besucher gedacht war und steinalte Zigaretten enthielt.

Als er am Abend des sechsten September aufwachte, war es bereits dunkel. Er war am Fenster eingedöst und mit dem Ohr gegen die Scheibe gestoßen. Er schrak hoch und rieb sich die ausgekühlte Seite seines Gesichts. Draußen war Nacht, aber er hatte die Dunkelheit nicht kommen sehen, auch nicht den Regen. Der Regen hatte überhaupt kein Geräusch.

Einen Moment lang war ihm nicht klar, wo er sich befand. Er hatte einen schlechten Traum gehabt. Die Scheibe vor ihm war beschlagen, und dahinter sah alles verschwommen aus und war ohne Tiefe. Er wischte mit dem Hemdsärmel über das Glas. Unter ihm lag eine dicke Asphaltkurve, die sich lautlos verfärbte, sie wand sich wie der Rücken eines Tieres um die Häuser und mündete nach ein paar Metern in eine Hofeinfahrt. Er sah parkende Autos und etwas weiter entfernt das Licht einer Straßenlaterne, das auf den schon feuchten Teilen des Pflasters trübe und grobkörnig glitzerte. Die Fassade des Gebäudes gegenüber war nur wenige Schritte entfernt, sie neigte sich nach vorn, eine Wand aus Schieferplatten, wie riesige Reptilschuppen aneinandergeschichtet.

Worum es in dem Traum gegangen war, hatte er wieder vergessen, nur daß es kalt gewesen war, wußte er noch. Es hatte nach Schnee gerochen, und er hatte Birkenstämme gesehen, die sah er in letzter Zeit oft; dicht beieinander stehende Birken, mit Spuren von Streifschüssen.

Ein paar Minuten lang achtete er nur auf seinen Atem. Es war eine mondlose Nacht, schon kühl. Die Kinder vom Wirt heulten. Sie hatten noch Licht an. Lärm drang sehr laut zu ihm herauf, der Hof, zu dem er jetzt immer öfter, bei Tag und Nacht, hinaussah, war wie ein Schacht, in dem die Geräusche sich sammelten, auch ein Flüstern.

Er zog sein Fernglas hinter der Heizung hervor und richtete es auf die gegenüberliegende Hauswand.

Er hatte noch nie etwas Größeres besessen, nicht mal ein eigenes Auto. Natürlich bekam er jetzt wesentlich mehr Geld als früher, aber diese Einnahmen bedeuteten ihm nicht viel. Er hatte nächtelang über den Papieren gesessen, die man ihm übergeben hatte, besonders die Versicherungen, die für das Haus abgeschlossen waren, hatten ihn beschäftigt, er hatte sich sämtliche Bestimmungen durchgelesen, die mit ihnen verbunden waren, sich aber eingestehen müssen, daß er sie nicht alle begriff. Er wußte nicht, gegen welche Katastrophen das Haus wirklich geschützt war, er war jetzt immer wachsam.

Über den Parkplätzen lag die Wohnung eines Ehepaares, das Dörr hieß, sie waren die ältesten Mieter im Haus. Ihre Wohnung war auch im Sommer überheizt, in der Küche tropfte Kondenswasser von den Scheiben. Die Frau saß am Tisch und strickte, er sah einen Teil ihrer Beine und Knie und eine mit Wollbällen gefüllte Plastikschüssel. Der Sohn der Dörrs stand daneben am Herd, ein pickliger Junge mit Schnauzbart. Er rührte in einem Topf und warf, ohne hinzusehen, eine leere Konservendose in den Abfalleimer.

Das Kinderzimmer befand sich ein Stockwerk höher, es war meistens unaufgeräumt, ihm kam es verwahrlost vor. Die Schranktüren standen offen, eine schwankende Lampe warf trübes, von Bastfäden durchbrochenes Licht durchs Zimmer.

Es waren Mädchen, er verstand nicht, warum sie keine Nachthemden trugen. Sie saßen auf dem oberen Bett, ein Knäuel aus mageren Armen und Beinen in Schlafanzügen aus Frottee. Auf den ersten Blick konnte er nicht erkennen, ob die beiden kämpften oder beieinander Schutz suchten, dann sah er jedoch, daß sie stritten. Ihre Haare waren zerzaust, die Ältere drückte ihre Schultern an den Bauch der Jüngeren, die ihr die Hände von hinten um den Hals krallte.

Als die Kinder sahen, daß jemand kam, trennten sie sich und schrien laut durcheinander. Eine Männerhand kam ins Bild, eine Faust, in die zwei Zahnbürsten eingeschlossen waren. Oben ragten die Bürstenköpfe heraus. Der Wirt war ein kräftiger, schwarzhaariger Mann, ungefähr Mitte Fünfzig, unter seinen Augen hingen auffallend dicke Tränensäcke. Er deutete auf herumliegende Gegenstände im Zimmer und schrie etwas und dann trat er ans Bett der Kinder und öffnete seine Gürtelschnalle.

Der alte Mann ließ das Fernglas sinken, seine Hände zitterten. Er hatte grobe, kräftige Hände, die mit Altersflecken und weißen pigmentlosen Stellen bedeckt waren, die Adern ragten auffällig unter der Haut hervor. Er hatte die zerfurchten Hände eines körperlich arbeitenden Menschen, obwohl er nie wirklich schwere Arbeit verrichtet hatte, er war Postbeamter gewesen.

Fast konnte er das zischende Geräusch hören, mit dem das Leder des Gürtels aus den Schlaufen rutschte. Die Jüngere der beiden Mädchen riskierte einen Blick nach draußen, der plötzlich lang wurde, zögerlich, als ob sie ihn gesehen hätte. Dann wandte sie sich um, rannte zur Tür, jemand löschte das Licht.

Etwas unangenehm Lautes riß ihn kurze Zeit später hoch. Er war zusammengeschreckt, offenbar war er noch einmal eingedöst. Er mochte das Geräusch nicht, er fror.

Es ist die Schlaflosigkeit, dachte er. Sie macht mich ganz benommen.

Zerstreut nahm er den Kopf von der Scheibe und kratzte sich am Kinn. Seine andere Hand, die eben noch auf dem Schoß gelegen hatte, strich unruhig über seine Beine, sie stieß auf ein zerknülltes Taschentuch, und von da aus wanderte sie weiter, zu seinem linken Knie. Er befühlte es vorsichtig und zwängte seine Hand in den Spalt zwischen Wand und Heizkörper, ein kleines Stück, und von da aus tastete er nach oben, über das Fensterbrett.

Es war leer.

Er dachte über die Uhrzeit nach. Im Taumel des Aufwachens hatte er sein Zeitgefühl verloren, das brachte ihn durcheinander, er wußte sonst immer genau, wie spät es war.

Vorsichtig drehte er sich um. Die Reste seines Abendessens standen noch auf dem Tisch, ein angebissenes Leberwurstbrot, eine Gewürzgurke. Da war es schon wieder, das seltsame Geräusch, offenbar rüttelte unter ihm jemand an der Tür zum Hotel.

Er beugte sich ein Stück vor und sah nach unten. Der Hof war still und kalt. Gegenüber war alles dunkel, die Fenster im anderen Gebäudeteil wurden nachts mit braunen Klappläden verschlossen, sie sahen klein und blind aus, wie Schießscharten. Seitlich vom Haus lag das Gemüsebeet des Metzgers, jemand hatte es am Tag davor mit einer Lieferwagenplane abgedeckt, auf der ein Schwein abgebildet war. Im Rücken des Tieres steckte eine Gabel, sein Körper war unterteilt und numeriert in die Bereiche, die nach dem Schlachten verwertet werden, und zwischen Schenkeln und Leib klafften breite Lücken, wie fehlende Gelenke. Auf der Oberfläche der Plane hatte sich eine Wasserschicht gesammelt, sie floß in die Rillen eines krummen, an den Kanten zerschmetterten Plattenwegs, der vom Beet zu einem Wäscheständer führte und von da aus weiter zum Hauseingang. Ein Hüpfgummi baumelte am Pfahl, darunter stand ein Blechnapf, ein muschelförmiges Sieb ragte daraus hervor, kleine, zerbissene Bälle, Schaufelgriffe.

Das Hotel gehörte zur Gastwirtschaft, ein Gang mit fünf oder sechs Zimmern, von denen die meisten zur anderen Seite lagen, zum Nachbargrundstück. Der Gang hatte eine Verbindung ins Treppenhaus, eine Feuerschutztür, die aber nicht benutzt wurde. Von den Hotelgästen im Haus hörte er fast nie etwas, obwohl er vermutete, daß zwei der Räume an seine Wände grenzten, an die im Schlafzimmer und an die Wand in der Küche.

Der Regen war inzwischen stärker geworden, er fiel jetzt in dicken, seitwärts gerichteten Strichen. Es hatte schon...


Parei, Inka
Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt in Berlin. Ihre Werke handeln von geschichtstra¨chtigen Orten und fragilen Lebensla¨ufen. Schon ihr erster Roman Die Schattenboxerin wurde mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet und in 13 Sprachen u¨bersetzt. Fu¨r Was Dunkelheit war erhielt sie 2003 den Ingeborg-Bachmann-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zuletzt erhielt sie das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.

Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt in Berlin. Ihre Werke handeln von geschichtstra¨chtigen Orten und fragilen Lebensla¨ufen. Schon ihr erster Roman Die Schattenboxerin wurde mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet und in 13 Sprachen u¨bersetzt. Fu¨r Was Dunkelheit war erhielt sie 2003 den Ingeborg-Bachmann-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zuletzt erhielt sie das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.



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