Parei Die Schattenboxerin
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-89561-980-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-89561-980-9
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt in Berlin. Ihre Werke handeln von geschichtstra?chtigen Orten und fragilen Lebensla?ufen. Schon ihr erster Roman Die Schattenboxerin wurde mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet und in 13 Sprachen u?bersetzt. Fu?r Was Dunkelheit war erhielt sie 2003 den Ingeborg-Bachmann-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zuletzt erhielt sie das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
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4.
Als ich das Café verlasse, ist es Nachmittag geworden. Die Straßenbahnen, orangefarbene, quietschende Raupen aus ungarischer Produktion, quälen sich mit Schulkindern und Halbtagssekretärinnen den Schienenhügel hinauf in Richtung Prenzlauer Berg. Ich biege um die Ecke, klopfe die lauwarme Pfeife an der zerschossenen Fassade von Nummer vierzehn ab und trete ein. Zu Pappbrei vergorene Wurfsendungen des vergangenen Jahres hängen mir wie eine Schleppe am Hacken und entlassen mich erst, als ich sie mit nervösem Scharren an einem Fahrradständer abstreife.
In zwölf langsamen Schritten durchquere ich den Hof, als Atemübung, und zum Warmwerden nehme ich die Treppen der vier Stockwerke im Laufschritt. Vor Dunkels Wohnung gehe ich in eine tiefe Stellung und zerstöre das Türschloß mit einem seitlichen Fußtritt knapp unterhalb der Zierleiste. Am Ende des Flures fällt ein staubiger Strahl aus Dunkels halbgeöffnetem Zimmer auf die Dielen. Aus der verschlossenen Küche, die, weil meine links ist, rechts sein muß, dudelt ein Radio. Nichts rührt sich. Langsam gehe ich dem Licht entgegen, stoße die Tür weit auf und springe zurück in die Deckung.
In einem in der Mitte des Zimmers aufgestellten Halbkreis aus Stühlen finde ich den Gegner, vor dem ich mich stundenlang gefürchtet habe, ein Arrangement aus Dreifachsteckern, Verlängerungskabeln und mehreren Zeitschaltuhren, vernetzt mit Fernseher, Musikanlage und Deckenlicht.
Wie zwei Substanzen, die, versehentlich in mir verrührt, aneinander gerinnen, mischen sich Kampfspannung und Situationskomik. Schwankend zwischen Lach- und Würgereiz erreiche ich ein Fenster, schiebe den klammen Riegel zur Seite, erbreche eine unappetitliche Version von Mircas Kochkünsten in den vom Tauwetter tropfenden Hof.
Eine Weile bleibe ich stehen und lasse mir von den Scheiben Stirn und Wangen kühlen. Ich kratze Schnee vom Fensterbrett, stopfe ihn in den Mund und spucke ihn wieder aus. Den Kopf in die verschränkten Arme gelegt, verliere ich mich im Anblick einer Katze, die auf dem Nachbargrundstück gierig um den Müll herumstreicht. Das alte Fensterglas bildet ein Zerrfeld, das ihr den Bauch aufbläht. Sie steht auf dem Betonsockel unterhalb des Zauns, hebt unschlüssig eine Vorderpfote, dann verläßt sie den Knick, steckt ihren Kopf durch den halboffenen Deckel einer Tonne. Die Schwellung saust durch Hintern und Schwanz, verschwindet, und sie beginnt mit dem Reißen der Abfalltüten.
Dunkels Zimmer ist der vollgestopfteste Raum, den ich jemals gesehen habe. Mit Ausnahme einer freien Schneise, die von der Tür zum Fenster führt, besteht es aus unzähligen Schichten neben- und übereinander gelagerter Dinge. Ich bücke mich und finde eine Zeitung von 1990, mit der sie ein Loch im Fußboden gestopft hat. Wie eine dichte Wolkendecke verläuft Staub entlang der Fußleisten bis zu den Pfosten eines Messingbettes, auf dem dicke Federbetten liegen, hingeworfene Kleider, Bücher, ein Tablett mit Teetassen, Tuben und Flaschen, zerknickte Pfefferminzbonbonschachteln, Batterien, ein Walkman, Kassetten, ein aufgerissenes Päckchen Kondome. Ein fleckiger, zusammengeklappter Seidenmalrahmen, eine schlaffe Gitarrenhülle, Notenblätter, zwei volle Aschenbecher, mehrere Schraubenzieher. Eine umgekippte Vase mit Lackblumen, ein Stein zum Entfernen von Fersenhornhaut, Wäscheklammern, Haarnadeln, Schrauben, Zopfspangen, eine zerkratzte Telefonkarte und falsche Fingernägel, umgeben von einer Schicht aus Sandkörnern und Brotkrümeln.
Neben mir, am Fenster, zwischen Kleiderständern, Pappkartons und einem Berg Anmachholz aus zerstückelten Obstkisten, steht ein plastikbeschichteter kleiner Schreibtisch, zu klein für eine erwachsene Frau. Blumen aus verschmiertem rosa Nagellack kleben an den Griffen der Schubladen, und die Tischplatte ist bedeckt mit den Werbeaufklebern, die Achtjährige so gerne sammeln. An einer Ecke ragt ein Aktenordner mit Notizen der älteren Dunkel heraus. Ich nehme ihn in die Hand, blättere darin und stelle fest, daß sie vor Jahren einmal romanische Sprachen gelernt haben muß, inzwischen aber beschlossen hat, diese Lebensschicht durch ein Sediment aus leeren Schokoriegelpapieren, Stoffetzen, Mahnungen für nicht bezahlte Stromrechnungen und einem Hügel gesammelter Pfennige, die aus einer umgekippten Blechdose quellen, allmählich verschwinden zu lassen.
Behutsam lege ich meinen Fund zurück und grabe ihn wieder ein. Dabei entdecke ich, versteckt an der hinteren Außenkante, das eingebrannte Zeichen, ein rotbraunes Herz, durch den Kunststoff hindurch auf die Spanplatten gebrannt. In seiner Mitte stehen die kleinen, geraden Buchstaben M.M. Es gibt nur eine Methode, diese altrote Spur zu ziehen, die aussieht, als sei sie in das Material eingewachsen: Kerze, Streichhölzer, Stecknadeln, und eine ruhige Hand. Die Finger an den Kuppen anstechen, die Nadel über die Flamme halten und, wenn sie glüht, den ersten Punkt einbrennen. Dann schnell, bevor alles abkühlt, der Kuppe den roten Saft abpressen, bis er ins heiße Holz tropft. Ein langsamer Prozeß. Die Arbeit vieler Stunden, zerstochener Hände und Dutzender verdorbener Nadeln. Aber der Schmerz der ersten Liebe, die hier verewigt ist, heilt noch viel langsamer. Manchmal nie.
Hinter mir knarren die Dielen. Schritte. Beim aufgeschreckten Versuch, mich umzudrehen, stoße ich gegen einen mannshohen, völlig vertrockneten Kaktus. Von unbestimmbarer Farbe, muß er mit der hinter ihm hängenden Gardine eine jahrelange Tarnbeziehung eingegangen sein. Im letzten Moment setze ich mit den Fäusten einen Block vor Gesicht und Bauch, dann rammt mich das sperrige Ungetüm, und seine Stacheln fahren zentimetertief in meine Unterarme.
Ein Mann, fast zwei Meter groß, gegen die Tür gelehnt, sieht mich an. Angreifen will er mich nicht, sonst stünde er anders da, mit mehr Spannung. Etwas grobe Hände mit dicken Silberringen baumeln aus den Wülsten einer speckigblauen Daunenjacke. Er hat katzenlanges, sandfarbenes Haar und scharfe Falten zwischen Mund und Nase, zu tief für jemanden meines Alters. Seine Augen sind umwerfend, ein grünes warmes Brennen, von dem ich mich sofort wieder abwenden muß, aber der Mund, dieser verächtliche Zug um seine trockenen, gesprungenen Lippen, gefällt mir nicht.
Ohne ihn aus meinem Blick zu lassen, schiebe ich die Pflanze zurück in die staubigen Stoffalten und befreie mich langsam aus Dunkels Gerümpel. Er wiederum zieht ein Päckchen Tabak aus seiner Hose, zögernd, als könnte er damit einen Fehler machen. Er öffnet es, findet Blättchen und löst, ohne hinzusehen, eins ab. Durch seine Augen, die ich nur schwer ertrage, flackert Erstaunen und eine zerstreute, nicht direkt auf mich bezogene Furcht. Jetzt kramt er nach Filtern, zupft Tabak nach oben und dreht, mich weiterhin anstarrend, blind. Er scheint darauf zu warten, daß ich mich rühre, auf ein Wort, auf eine Geste, einen Sprung. Aber Nichtstun ist eine meiner Stärken. Langsam gehe ich in eine tiefere Stellung und lasse das Strömen der Luft durch Mund und Nase hauchlos werden, als wollte ich mich in eins von Dunkels Möbelstücken verwandeln.
Ein Knäuel aus Befürchtungen entwirrt sich mit dem Fließen meines Atems. Vielleicht ist er vom besetzten Haus schräg gegenüber, der schweinsrosa und türkis bemalten Nummer zwanzig, von wo aus immer wieder Leute ausschwärmen, um verwertbares Material in Ruinen und Baustellen zu suchen? Oder ist dieser Mann ein Freund der Dunkel, ein nichtsahnender Besucher, der mich für eine Einbrecherin hält? Hat er etwas mit ihremVerschwinden zu tun?
Ein baumbraunes, zweigdürres Tier erscheint mir, heuschreckenähnlich, mit langen, wie zum Gebet geknickten, zum Himmel gerichteten Greifarmen. Mit den schwarzen Sehpunkten ihrer beiden übergroßen Eiweißaugen glotzt die Gottesanbeterin durch den Glaskäfig, zwischen Vogelspinnen, Mehlkäfern und Schaben. Meister Wang und ich sitzen daneben auf einer Bank. Wir warten auf die Fütterung, um sieben Uhr früh, in der Insektenetage des Berliner Aquariums.
Heizungsluft und das Betrachten apathischer Krokodile haben mich schläfrig gemacht. Wang tippt mir auf die Schulter. Der Tierpfleger erscheint, mit Plastikbechern auf einem Rollwagen. Er öffnet die Käfigtür, setzt einen Becher hinein, zieht den Deckel ab und schließt wieder zu. Wir treten an die Scheibe. Eine in der Gefangenschaft matt gewordene Fliege krabbelt heraus, fliegt einen kurzen, taumelnden Flug und landet neben der Gottesanbeterin auf einem kleinblättrigen Strauch. Beide verharren bewegungslos. Die Gottesanbeterin ist zum trockenen Zweig geworden, auf dem sie sitzt.
»Sieh sie dir genau an. Sie wartet auf eine Bewegung der Fliege«, erklärt Wang. »Wenn sie zuerst losschlägt, kann die Fliege sie erkennen und flieht. Fliegt aber die Fliege zuerst, dann kann sie sie im Flug erwischen.«
Ich gähne und versuche, bei der Sache zu bleiben. Eine halbe Stunde vergeht, die beiden Insekten rühren sich nicht. Dann muß ich mich für einen Lidschlag abgewendet haben. Als ich wieder hinsehe, hängt in den Greifarmen der Gottesanbeterin ein schimmernder, schon angeknabberter Fliegenklumpen. Wang nennt das den Ursprung von Strategie Nr. 16: Was man fangen will, läßt man zunächst los.
Und wirklich, der Mann beginnt zu zappeln. Er zündet seine Zigarette an, macht, bis die Feuerkuppe fast weiß glimmt, einen Zug und bläst durch Mund und Nase Rauch ins Zimmer. Er schnippt sich Asche auf den Schuh, tritt vom linken Bein aufs rechte Bein, und wieder aufs linke. Sein Blick gleitet an mir entlang, während er die Kippe in wenigen Zügen heißraucht. Hitze steigt in meinen Leib. Er tritt die Glut aus, holt Luft und geht einen halben Schritt auf mich zu. Seine Stimme...




