Parei | Die Kältezentrale | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Parei Die Kältezentrale


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-89561-966-3
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-89561-966-3
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin im Jahr 2006: Ein Mann hat in den achtziger Jahren im Gebäude des Neuen Deutschland als Handwerker gearbeitet und später die DDR verlassen.Eines Tages bekommt er einen Anruf von seiner früheren Frau. Sie wartet in einem Krankenhaus auf die exakte Diagnose ihrer Krebskrankheit. Um ihr zu helfen, reist er zurück in die Stadt und versucht, die Ereignisse einiger Tage Anfang Mai 1986 zu rekonstruieren. War ein aus der Ukraine kommender Lastwagen, mit dem sie in Berührung kam, verstrahlt? Und warum erscheint der Tod eines Kollegen, an dem er sich die Schuld gab, zweifelhafter denn je?Sind die Geschehnisse von damals der Grund dafür, dass er in dem Leben, das er bis vor Kurzem geführt hat, nie wirklich Fuß fassen konnte?Schnell beginnen die Tage in Berlin ihm zu entgleiten, werden zu einer verzweifelten Suche nach Orientierung angesichts eines nie verkrafteten Bruchs in seinem Leben.

Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt in Berlin. Ihre Werke handeln von geschichtstra?chtigen Orten und fragilen Lebensla?ufen. Schon ihr erster Roman Die Schattenboxerin wurde mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet und in 13 Sprachen u?bersetzt. Fu?r Was Dunkelheit war erhielt sie 2003 den Ingeborg-Bachmann-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zuletzt erhielt sie das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.
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Wir nannten den Raum die Kältezentrale. Er war groß, sechs mal vier Meter. Fenster gab es nur draußen im Korridor, unzählige kleine Vierecke, die sich über alle Stockwerke zogen. In meiner Erinnerung waren sie immer schmutzig. An zwei von drei Tagen stand der Dunst vom angrenzenden Heizkraftwerk über uns am Himmel. Niemandem wäre es gelungen, sie sauber zu halten.

Unser Abteilungsleiter hat oft vor den Scheiben haltgemacht, wenn er morgens die Treppe hochkam. Vom Schreibtisch aus konnte ich den Gang hinter der Glastür nicht sehen, aber wenn ich in der Frühschicht aufstand, um das Schichtbuch aus dem kleinen Schrank über dem Waschbecken zu nehmen und die Messeintragungen des Vorgängers zu entziffern, oder wenn ich morgens nicht gefrühstückt hatte und schon um Viertel vor sieben zum Spind lief, um die Dose mit Kaffee rauszuholen und von dort aus direkt zum Kühlschrank, dann fiel Buchwald mir auf.

Ich sehe ihn jetzt vor mir, wie er einen Moment innehält, durch den Schmutz nach draußen sieht. Gelegentlich hat er die Hand gehoben, mit der Spitze eines Fingers etwas davon weggewischt. Angeekelt, befremdet.

Was hat er gedacht, in solchen Momenten, und was an jenem Morgen im Mai? Ist ihm ein fremder Lastwagen aufgefallen, der schlingernd die Rampe passierte und gar nicht beladen war?

Mir bleiben noch zwölf Stunden Zeit, um alles, was ich in den letzten Tagen erlebt habe, zu verstehen, die gesammelten Bilder zu verknüpfen mit anderen, aus tiefer liegenden Erinnerungsschichten. Um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Es ist der Moment, auf den ich hingearbeitet habe, aber ich habe ihn mir anders vorgestellt. Ich sah mich in dem Zimmer sitzen, das ich in Berlin vor einer Woche gemietet habe, in dem blauen Sessel, von dem aus man auf eine Weddinger Straßenkreuzung blickt. Hier wollte ich in Ruhe noch einmal alle Informationen sortieren, sie neu ordnen und nachdenken, immer wieder nachdenken, über eine Nacht vor zwanzig Jahren.

Irgendwann hätte ich eine Antwort gehabt und Martha angerufen. Sie hätte nichts gesagt und nichts erwartet. Mit sachlicher Stimme hätte ich ihr mitgeteilt, was ich herausgefunden habe. Durch ihr Ausatmen am anderen Ende der Leitung wäre fühlbar gewesen, unter welcher Spannung sie die letzten Tage gestanden hat. Ihre Stimme wäre sanft geworden wie lange nicht mehr. Sie hätte mich gefragt, wie es mir geht, und dann, fast im gleichen Atemzug, wie die letzten Jahre waren. Wir hätten gelacht, weil es jetzt auf einmal so viel zu erzählen gab, darüber gestaunt, aus wie vielen kleinen Dingen die Welt besteht, und uns gefragt, wie wir es aushalten konnten, alle glücklich machenden Nebensächlichkeiten so lange aus unserem Leben auszusparen.

Aber so ist es nicht, ich muss mich damit abfinden. Ich bin gestrandet.

Eine fremde Wohnung, ein großer Raum, hohe Decken. Zu meiner Linken sehe ich eine Wand, blau gestrichen. Pokale, Fotos, ein gerahmter Zeitungsausschnitt. Vergilbter Stuck. Sechs Fenster, fast ein Saal. Es ist dunkel. Lauter Betten, davor Pflanzen, ich kann nicht viel erkennen, aber es sind eine Menge Leute hier. Husten. Rascheln. Einer würgt. Knarren von Holz. Eine lange steife Gestalt, die rausläuft. Männergerüche.

Ich muss weg von diesem Ort, so schnell wie möglich. Und vorher muss ich meine Sachen finden.

Ich hasse es, an fremden Orten aufzuwachen. Man muss sich mühsam seines eigenen Körpers versichern, immer wieder, und diesmal war es besonders schwer. Meine Lider fühlen sich klebrig an, meine Lunge sticht beim Atmen. Nervös habe ich an meinem Körper entlanggetastet, die Hose trage ich noch und auch meine Armbanduhr, aber das T-Shirt nicht, das haben sie mir ausgezogen und meine Schulter mit irgendwas verbunden. Ich fühle Panik, habe dumpfe Schmerzen im Kopf.

Bevor ich in dieses Zimmer kam, lag ich in einem anderen. Es war klein und schmal, mit zwei Betten, die hintereinanderstanden. Eine Frau, sehr groß und sehr dick, mit blond gefärbten Haaren, hat mir Suppe gebracht und versucht, meine Schuhe auszuziehen. Sie sind also seit einer Woche hier in der Stadt, hat sie gesagt, wir glauben, dass Sie ungefähr die Hälfte der Zeit kaum geschlafen haben. Ehrlich gesagt, wir haben uns bei Ihrem Anblick überlegt, wie lange ein Mensch ohne Ruhe eigentlich auskommt.

Ich erinnere mich auch an einen Mann mit einer Weste und einem winzigen Pferdeschwanz, er hat mir Fragen gestellt, in einer großen Küche, das muss ganz am Anfang gewesen sein. In der Mitte des Raumes stand ein Herd, ähnlich wie in Gaststätten; entlang der Wände Kochgeräte, in offenen Regalen.

Wissen Sie, wie alt Sie sind?

Einundvierzig.

Wo geboren?

In Halle.

Haben Sie einen Personalausweis?

Ja.

Warum tragen Sie ihn nicht bei sich, haben Sie ihn verloren?

Er ist in meinem Zimmer.

Wo ist das, Ihr Zimmer?

Im Wedding.

Wo genau im Wedding? Da sind wir nämlich gerade. Hier in der Nähe?

Ich weiß es nicht.

Wie heißt Ihre Mutter?

Muss ich dazu was sagen?

Nein. Es geht bloß um Ihre Orientierung. Haben Sie eine Ahnung, wie Sie zu uns gekommen sind? Welchen Monat wir gerade haben?

Ich konnte nicht antworten. Eigentlich wusste ich das alles, aber dieses Wissen war nicht erreichbar, die richtigen Worte dafür weggeschwemmt, von einer Angst, die mir fremd war, die sich in mir ausgebreitet hatte wie eine Flüssigkeit.

Hatte ich ein fest umrissenes Ziel, eine genaue Aufgabe, als ich in diese Stadt kam? Ich habe es geglaubt, vielleicht war das der Grund meines Scheiterns. Ich hatte sieben Tage Zeit.

Sieben lange Tage.

Ich muss den Gedanken jetzt kommen lassen, ihm Raum geben. Das ist besser, als die Verzweiflung abzuwehren, sie bleibt dann umso hartnäckiger und macht mich müde. Als Nächstes käme das Brennen der Augen, die kühle Stelle an den Schläfen. Von den Schläfen strömt eine Gleichgültigkeit in meinen Kopf, die gefährlich ist.

Ein Wettlauf mit der Zeit. Wie im Film. Es gibt eine Aufgabe, der Held muss jemanden retten, bahnt sich einen Weg durch die Menge, zum Zug, zur Bank oder zum Telefon. Er könnte es schaffen, wenn da nicht so viele Widrigkeiten wären. Kleinigkeiten, die alles gefährden. Die stehen gelassene Aktentasche. Die Schlange am Schalter. Der Wagen, der die Straße versperrt. Eigentlich ist es zu spät, aber die Verzweiflung weckt Kräfte. Im Hintergrund: ein Stundenglas oder ein Zeitzünder.

Ich muss einen Mann suchen, den ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe, in einer Stadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern. Ich weiß seinen Namen, sonst weiß ich nichts.

Lange Zeit dachte ich, ich schaffe es ohne ihn. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es ihn noch gibt.

Auf einem Zettel, den ich bei mir trug, standen die Namen der Arbeitskollegen von damals. Ich war überzeugt, sie würden mir weiterhelfen. Wir kennen einander ja. Niemand kann der Versuchung widerstehen, von früher zu sprechen.

Morgen früh um sechs Uhr endet bei Martha im Krankenhaus die Nachtschicht. Um sieben Uhr gibt es Frühstück, und eine Stunde später fangen die Visiten an. Bis dahin muss ich ein Ergebnis haben, sonst sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die nächsten fünf Jahre überleben wird, von achtzig auf zwanzig Prozent. Achtzig ist eine gute Zahl, eine Option, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Ich schließe die Augen, sehe mein Gesicht, den entzündeten Rand zwischen Lid und Augapfel, leuchtend wie ein glühender Draht, wann war das? Wann habe ich das letzte Mal in den Spiegel gesehen?

Ein anderer Ort, nicht sehr weit weg, noch nicht lange her. Es ist dunkel bis auf ein funzliges rotes Licht, an den Wänden Holzverkleidung wie in einem Schuppen. Ein Wasserrohr, auf das ich blicke, während eine Faust mich von hinten am Kragen packt, mir die Knöpfe des Hemds an den Kehlkopf presst oder etwas anderes, kalt, hart, metallisch. Eine verdreckte Toilettenschüssel, der ich mich nähere, auf den Knien rutschend, von hinten gestoßen. Mit Spuren einer giftgrünen Flüssigkeit, mit hellgelben Pissespuren ist das Becken überzogen, mit obszönen schwarzen und braunen Placken, ich sehe es von der Seite, sehe den Fuß, auf graue Bretter geschraubt, mit schwärzlichen Schrauben, die wie Fußnägel einer bösartigen Kreatur immer näher kommen, und ich heule, ein hässliches, schnarrendes Heulen, das mir nicht helfen wird.

Nachts. Ein großes Einkaufszentrum, davor ein Parkplatz. Ich betrachte es, aus der Ferne, im Weitwinkel, als hätte es nichts mit mir zu tun. Lang gestreckt, weiß gestrichen, an eine Böschung mit Bahngleisen gebaut. Ein gläsernes Vordach. Mein Blick, der beängstigend schnell heranrückt, als hätte ich gar keinen Körper, als wäre ich eine Kameralinse oder ein wissender, extrem beweglicher Punkt im All, erkennt für einen Moment Abfall, Taubenkot und sogar die Rillen im Glas.

Roter Granit. Nasser Straßendreck. Fußabdrücke. Ein Papierkorb, ein verlorener Handschuh. Gegen die Scheiben der Eingangstür gelehnt sitzt jemand. Bärtig, erschöpft aussehend. Eine zweite...


Parei, Inka
Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt in Berlin. Ihre Werke handeln von geschichtstra¨chtigen Orten und fragilen Lebensla¨ufen. Schon ihr erster Roman Die Schattenboxerin wurde mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet und in 13 Sprachen u¨bersetzt. Fu¨r Was Dunkelheit war erhielt sie 2003 den Ingeborg-Bachmann-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Zuletzt erhielt sie das New-York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.

Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt seit 1987 in Berlin.Ihr erster Roman DIE SCHATTENBOXERIN wurde 2000 mit dem Hans Erich Nossack-Preis ausgezeichnet und ist inzwischen in 13 Sprachen übersetzt. 2003 erhielt sie bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur für den Anfang des Romans WAS DUNKELHEIT WAR den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Kelag-Publikumspreis. Zuletzt wurde sie mit dem Heinrich-Heine-Stipendium ausgezeichnet (2009).



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