Papke | Wendejahre | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 418 Seiten

Papke Wendejahre

Lebensgeschichten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-4964-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Lebensgeschichten

E-Book, Deutsch, 418 Seiten

ISBN: 978-3-7534-4964-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Manches Leben findet an einem einzigen Ort statt. Dazu benötigt man nicht mehr als die eigenen Füße. Manches Leben spielt auf dem ganzen Erdball. Dazu braucht man mindesens ein Fahrrad, ein Auto, ein Flugzeug oder ein Schiff.

Mein Leben finden Sie in "ERINNERUNGEN" Band 1 bis 4.

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5. ANGLERHÜTTE
Nun war ich an Wochenenden wieder alleine. Von Bekannten hatte ich erfahren, dass es rund um Berlin viele kleine Seen gäbe, an denen man auch wild campen könne. Auf einer alten Berlin-Karte suchte ich mir ein paar kleine Seen aus, nahm mein kleines Zelt und fuhr einfach raus. Schon der erste See gefiel mir. Aber es war kein Mensch hier. Ich ging ans Wasser, zog mich aus und sprang hinein. Das Wetter war sehr schön, man musste aufpassen, sich keinen Sonnenbrand zu holen. Komisch, dass diese Idylle noch niemand entdeckt hatte, dachte ich. Ich badete, legte mich hin, las und sonnte mich. Dann machte ich eine Runde um den See und stellte dabei fest, dass ich wohl auf der Rückseite des Sees gelandet war. Denn auf der anderen Seite waren Leute , da gab es sogar eine kleine Hütte, an der stand mit dickem Pinsel ANGLERHÜTTE. Auch ein paar kleine Zelte standen hier ganz schamhaft versteckt hinter Büschen. Ich fragte, ob hier Zelten erlaubt sei und bekam schmunzelnd die Antwort „Na dat seen se doch“. Spontan holte ich mein Zelt aus dem Auto und baute es auch auf. Das hatte richtig durstig gemacht und ich sah mich um. Als ich bemerkte, dass da immer wieder Leute mit Getränke aus der Anglerhütte kamen, ging ich auch hinein. Sie war sehr spartanisch eingerichtet. Aber es hatte sogar einen uralten Ausschank, wenn auch recht primitiv. Es gab nicht nur Limo, sondern scheinbar auch Bier vom Fass, was ganz selten war. Ich bestellte ein Bier und setzte mich an den einzigen Tisch. Der Wirt brachte mir das Bier persönlich und setzte sich auch gleich zu mir. Man merkte, dass er nicht viel zu tun hatte, denn seine Getränke waren für heute bereits alle, erzählte er mir. Er fragte mich aus und wir kamen auf alle möglichen Dinge zu sprechen. Als er hörte, dass ich Architekt sei wurde er nachdenklich. Ich fragte, was er hätte und er meinte, dass er mich nun unbedingt etwas fragen müsse. Es beziehe sich auf dieses Gebäude. Und er holte ganz weit aus. Ursprünglich hatte hier wirklich nur eine Anglerhütte gestanden. Sie diente den Anglern als Unterstand, wenn es regnete. Dann kamen Nackt - Bader. Der erste Pächter begann damit, Getränke an Badende zu verkaufen, denn inzwischen hatte sich die Idylle herum gesprochen. In den 40-er Jahren hatte dann wieder der Staat die Geschicke des Platzes in die Hand genommen. Die Anglerhütte wurde abgebrochen und es entstand ein ganz neues Gebäude. Sein Vater, der nicht weit weg wohnte, hatte beobachtet, wie große Mengen Erde und Steine abtransportiert worden waren. Man munkelte sogar, dass nicht nur ein Keller, sondern sogar ein Stollensystem entstanden sei. Man erzählte auch, dass dort Zwangsarbeiter gearbeitet hätten. Deshalb gab es keinen Menschen in der Umgebung, der etwas hätte berichten können. Als das Gebäude dann fertig war, hatte sich dort erst die SA und später die Gestapo eingenistet. Damit erfuhr die Öffentlichkeit auch nicht mehr viel, was da eigentlich passierte. Jedenfalls war es komplett eingerichtet mit einem kleinen Saal und sogar mit einer großen Küche. 1945 stand es erst leer und dann übernahmen es die Russen. Es war so abgelegen geradezu ideal für ein „Wochenendhaus“, in dem man ungestört laut und lange Feste und Orgien feiern konnte. Auch Frauen sollen dem Geschrei nach dabei gewesen sein. Aber das waren offensichtlich alles nur Russinnen. Absolut keine Deutschen waren dabei. Das hatte sicher auch seinen Grund, denn auch jetzt wollte man nicht, dass nach außen dringt, was da eigentlich passiert. Sogar einen Zaun hatte sie um das ganze Gelände gezogen, angeblich wegen der Wildschweine, die hier ihr Unwesen trieben. In Wirklichkeit wollte man aber hier ungestört sein. Ein paar kräftige Männer taten so als würden sie Garten-Arbeiteten verrichten. In Wirklichkeit waren es nur Aufpasser, die jeden abwiesen oder sogar einsperrten der sich auch nur dem Gelände näherte. Das sprach sich herum und jeder ging dem Gelände im weiten Bogen aus dem Wege. Obwohl sich hier früher gerne Freizeitsportler, Angler und FKK-Bader tummelten. Deshalb hatte er das Gelände immer noch im Auge behalten, ohne es aber zu betreten. Eines Tages bemerkte er, dass dort große Aufbruchstimmung herrschte. Da tat sich also etwas. Es war aber nicht absehbar, was. Dann, als der letzte LKW mit Akten und Utensilien abgefahren war, herrschte dort absolute Ruhe. Das Tor war aber nach wie vor mit mehreren Schlössern gesichert. Und auf dem Gelände standen mehrere Schilder mit der Aufschrift: „VORSICHT SPRENGKÖRPER in deutscher und russischer Sprache! Aber kein Mensch war mehr da. Viele hatten immer noch Angst, das Gelände zu betreten. Mit der Zeit bildete sich nur ein Pfad von einem Loch seitlich im Zaun bis zum See, den die Nackt - Bader benutzten. Aber es passierte weiterhin nichts. Waren die Schilder etwa nur Bluff? Es schien fast so. Nach und nach ließ die Angst nach und das Gebäude wurde regelrecht ausgeplündert. Das ging so lange bis die ganze Einrichtung des Gebäudes verschwunden war. In letzter Zeit nun schien dem Staat das Wasser bis zum Hals zu stehen. Sie versuchen jetzt alles zu verkaufen, was ging, um an Geld zu kommen. Viele Waren, besonders aus hochwertiger Produktion, gingen gegen harte Devisen sogar in den Westen. Im Internet Shop konnte man jetzt direkt im Quelle - und Neckermann-Katalog bestellen. Zu zahlen war aber in Westmark. Das zielte auf die Kunden, die reiche Freunde ober Verwandte im Westen hatten. Man bestellte und ein Westdeutscher bezahlte. So kamen Devisen rein, die die DDR scheinbar dringend brauchte. Jetzt konnte ich auch meine 20 Westmark aus dem Versteck holen, ohne bestraft zu werden, die mir meine alte Tante Hermine vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Jetzt war es genau umgekehrt, wie noch vor ein paar Jahren, wo Westgeld zu besitzen hart bestraft wurde. Allerdings war für 20 Mark nicht viel zu bekommen. Doch für jede Menge Perlonstrümpfe in bester DDR-Qualität, oder ein paar Kilo Bohnenkaffee, oder für einen Haarföhn und eine elektrische Kaffeemühle hätte es schon gereicht. Gut, dass wir da nicht reingegangen sind, unsere Wunschliste wäre schier unendlich geworden! Man animierte die Bevölkerung sogar dort einzukaufen, natürlich mit Westgeld, versteht sich. Damit wollte man gleichzeitig wild kursierendes Westgeld abschöpfen. Dann hieß es eines Tages, das Gelände und die alte Hütte seien zu verkaufen, weil der Keller einsturzgefährdet sei. Sofort meldete Fritz sich an. Da es keine weiteren Bewerber gab, bekam er den Zuschlag, ohne genau zu wissen, was ihn da erwartet. Eigentlich wollte er und seine Kumpels nur wieder auf das Gelände zum Baden. Bei genauer Betrachtung sah es aber sehr traurig aus. Trotzdem kaufte er das Gelände und das Haus, denn es war nicht sehr teuer. Aber die Gruppe zerfiel schnell, weil viele weg zogen und so stand Fritz eines Tages nur noch ganz alleine da. Er machte die Kneipe wieder auf und verkaufte an die wenigen Besucher ein paar Getränke. Aber Eigeninitiative war zu der Zeit in der DDR ein reines Fremdwort, deshalb hatte er es auch ganz schön schwer, etwas zu organisieren. Außerdem gab es kaum Material, jedenfalls offiziell! Nun fragte mich Fritz, ob ich Lust hätte mit ihm morgen mal durchs Gebäude zu gehen und alles ansehen. Am nächsten Morgen stand er schon früh da und holte mich zum Frühstück, seine Familie saß schon am gedeckten Tisch. Das war mir richtig peinlich, hier einfach so herein zu platzen, aber Fritz meinte, dass es schon gut sei, ich hätte sicher doch kein Frühstück dabei. Damit hatte recht. Zuerst gingen wir durch das ganze Haus und dann auch in den Keller. Der war sein Sorgenkind! Hier sah es am wildesten aus. Alles lag noch voller alter Kessel und anderen verrosteten Kücheneinrichtungen, die nie mehr gebraucht werden würden. An der hinteren Wand stand noch in russischer Schrift, aber ganz deutlich zu lesen: „VORSICHT EINSTURZGEFAHR!“: Ich schaute mir zuerst das Gewölbe an. Es sah nicht sehr sicher aus, aber da war vielleicht noch was zu retten, denn es war wenigstens noch heil, hatte nur ein paar Dellen. Man müsse viel Zeit und Geld aufbringen um es wieder sicher zu machen. Ich sagte ihm aber gleich, dass ich kein Statiker sei. Sicher bräuchten wir einen Fachmann, um alles genau zu begutachten. Da die Sache für mich sehr interessant zu werden schien und ich auch Zeit hatte, erklärte ich mich bereit, ihm zu helfen. Deshalb war ich an den folgenden Wochenende immer da draußen und arbeitet mit. Ich schlug vor, zuerst alle losen Fugen aus dem Gewölbe zu kratzen. Dann holte ich einen Statiker. Der meinte , wenn wir alle offenen Fugen voll mit Zement verfüllen würden, müsste das Gewölbe wieder seine volle Tragfähigkeit bekommen. Mit der Hand über Kopf, war das aber schier unmöglich. Ich sagte...



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