E-Book, Deutsch, 540 Seiten
Pantel Pigment
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-4151-8
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 540 Seiten
ISBN: 978-3-7407-4151-8
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Leben des Psychiaters Gregor Assmann droht aus den Fugen zu geraten, als sich seine Haut auf mysteriöse Weise zu verdunkeln beginnt. Schmerzlich erfährt er, was es bedeuten kann, als "Schwarzer" in einer "weißen" Gesellschaft zu leben. Derweil rekonstruiert eine geheimnisvolle Unbekannte die Geschichte des haitianischen Freiheitshelden Toussaint Louverture, der über zweihundert Jahren zuvor gegen Sklaverei und koloniale Rassendiktatur kämpft. Was sie alle verbindet, ist die unerfüllte Sehnsucht nach einer Welt, in der die Farbe der Haut keine Rolle mehr spielt. Als Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen, geschieht etwas völlig Unerwartetes. Pigment ist ein spannender, vielschichtiger Roman über die gesellschaftlichen und historischen Wurzeln des Rassismus.
Johannes Pantel, geboren 1963 in Ahlen, studierte Medizin, Philosophie und Psychologie, bevor er eine Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie absolvierte. Er ist Autor und Herausgeber von mehr als 30 Büchern und über 300 Buch- und Zeitschriftenartikeln und bekleidet heute eine Professur für Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein wissenschaftliches Werk wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
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18. März 1803
Ein höhlenartiges Gewölbe mit unverputzten Steinwänden, kaum größer als eine Mönchszelle. Gegenüber der aus schwerem Holz und anscheinend für die Ewigkeit gezimmerten Tür das vergitterte Fenster. Dieses ist bis auf eine schmale Öffnung in seinem oberen Drittel zugemauert, so dass das Innere des Kerkers auch tagsüber nur in ein dämmeriges Licht getaucht ist. Die Kälte des Jura-Gebirges sitzt in jeder Ritze des Raumes und tatsächlich würde ein aufmerksamer Beobachter die Eiskristalle nicht übersehen, die sich vor allem im Winter in die Fugen der groben Wände einnisten. Den Boden des Verlieses bilden ebenso grob gehauene Steinplatten, deren matter Glanz die klamme Feuchtigkeit verraten, mit der sie ständig benetzt sind. Jeder Besucher – es kommen nicht viele - würde sich rasch einen Überblick über die spartanische Einrichtung verschaffen: Links unter dem Fenster die Holzpritsche, rechts davon ein Tischchen, darunter ein hölzerner Schemel. Ein kleiner, an der rechten Längswand der Zelle platzierter Sekretär ist im Vergleich zur plumpen Machart der übrigen Einrichtungsgegenstände das einzige halbwegs kultivierte Möbelstück. Selbst das spärlich flackernde Kaminfeuer vermag dem Raum keine Wärme zu spenden. Vielmehr überzieht es das Gewölbe mit einem gespenstisch wirkenden Schattenspiel, das der Szenerie etwas Surreales verleiht. Toussaint Louverture kniet schwer atmend vor dem Kamin und betrachtet das zerknitterte Papier, das er in seinen ausgemergelten Händen hält. Brandspuren an seinem Rand zeugen davon, dass er es Augenblicke zuvor wutschnaubend in den Kamin geworfen und in buchstäblich letzter Sekunde wieder herausgefischt hat. Als koste ihn jede Bewegung unendlich viel Mühe, schleppt sich Toussaint zu dem Sekretär und lässt sich seufzend daran nieder, um das Schreiben noch einmal zu lesen. Der Adressat ist kein geringerer als Napoleon Bonaparte, Erster Konsul der Französischen Republik und einer der mächtigsten Männer Europas. Verehrtester Herr Konsul, Es ist aus der Tiefe dieses trostlosen Gefängnisses, aus der ich an Ihre Gerechtigkeit und Großherzigkeit appelliere. Sie, Herr Konsul, sind ein zu nobler und guter General, um sich von mir, einem alten Soldaten - bedeckt mit zahlreichen Wunden im Dienste Frankreichs – abzuwenden, ohne mir die Gelegenheit zu geben, mich zu rechtfertigen und mich einem standesgemäßen Richterspruch zu unterziehen. Ich bitte daher, so bald wie möglich vor das in Aussicht gestellte Tribunal gebracht zu werden, vor dem zugleich auch General Leclerc erscheinen möge ... Toussaint schüttelt den Kopf. Er denkt nach, obwohl es ihm in seiner kläglichen Verfassung schwerfällt, sich zu konzentrieren. Wie soll er diesem machtbesessenen Kerl bloß schreiben? Wie soll er einem Mann gegenüber den richtigen Ton treffen, dessen Ziel es ist, sein Lebenswerk mit skrupelloser Gewalt zu zerstören? Allein deswegen widert es ihn an, Bonaparte als gerecht und großherzig zu titulieren. Doch gerade jetzt muss er besonnen bleiben und vielleicht sind diese Formulierungen gar nicht so schlecht. Bonaparte ist ein Machiavellist. Nach allem, was Toussaint über ihn wusste, ist er aber auch eitel und empfänglich für hofierendes Gebaren. Da sollte Toussaint in seiner Lage nicht sparsam mit Unterwerfungsgesten sein. Seinen Stolz muss er zurückstellen, will er nicht die Chance gefährden, seinen Standpunk in einem öffentlichen Verfahren darzulegen, das ihm aufgrund seines Ranges als General der französischen Armee zusteht. Denn das würde ihm nicht nur erlauben, das Intrigenspiel seiner Gegner zu entlarven. Auch seinen Verdiensten könnte er dann auf höchster Ebene - und vor den Augen der Welt - Geltung verschaffen. Und, weiß Gott, er hat Verdienste! Er, der ehemalige Sklave, hat es nicht nur vermocht, sich als militärischer und politischer Führer an die Spitze der kolonialen Gesellschaft Saint Domingues zu stellen, sondern er hat Dinge vollbracht, die selbst ein weitsichtiger Beobachter noch vor ein paar Jahren als unmöglich bezeichnet hätte. Unterstützt von seinem Heer, in der nicht mehr die Abstammung, sondern Treue und Einsatzbereitschaft über Positionen und Ränge entschieden, hat er die im Bürgerkrieg zerrissene französische Inselkolonie vor dem Zugriff der Spanier und Engländer bewahrt. Damit hat er Frankreich in einer aussichtslosen Situation den Verlust seiner ertragreichsten Überseekolonie erspart. Er hat sie geeint und danach ist es ihm sogar gelungen, die weitgehend zerstörte Plantagenwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Als er schließlich seine Verfassung verabschiedete, die eine Garantie uneingeschränkter Bürgerrechte für alle Bewohner der Insel, unbesehen ihrer Herkunft und Hautfarbe, vorsah, wähnte er sich kurz vor dem Ziel und damit zugleich vor der Einlösung des Schwures, den er vor über zehn Jahren geleistet hat: Alles zu tun, damit seine Kinder und Kindeskinder in einer Welt leben dürfen, in der die Farbe der Haut keine Rolle mehr spielt. Ich schwöre es, Suzanne! Ich schwöre! Und er stand so kurz davor. Bonaparte hätte lediglich seine ursprünglichen Versprechen halten und ihm dauerhafte Vollmachten verleihen müssen. Im Gegenzug hätte sich die französische Regierung an einer loyalen und vor allem prosperierenden Kolonie erfreuen können. Und mehr noch, sie hätte eine der schlagkräftigsten Armeen jenseits des Atlantiks ihr eigen nennen dürfen - und dies direkt vor den Toren Nordamerikas. Aber der Erste Konsul hatte anderes im Sinn. Und statt ihm Prokura für die Vollendung seiner Mission zu erteilen, hat der Korse ihm seinen Schwager Leclerc auf den Hals gehetzt, ausgestattet mit einer Armada von 67 Schiffen und 20000 Soldaten. Angeblich waren sie den Weg über den Atlantik gekommen, um ihm beizustehen, um die Freiheit der ehemals Versklavten gegenüber Invasoren zu schützen. Freiheit, natürlich! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das stellte sich nun als eine tolldreiste Lüge heraus. Aber hat Bonaparte wirklich geglaubt, dass Männer, die einmal das Privileg der Freiheit genossen haben, in Ruhe zusehen würden, wie man sie ihnen wieder entzog? Solange sie kein anderes, kein besseres Leben als die Sklaverei kannten, hatten sie sich den grausamen Ketten gefügt. Aber nachdem sie diese aus eigener Kraft abgeworfen hatten, hätten sie eher ihr Leben gleich tausendmal geopfert, als sich wieder in die Unterjochung zwingen zu lassen. Auch wenn er, Toussaint, es so nicht gewollt hat, die tödliche Konfrontation mit dem Pariser Regime war am Ende unvermeidbar. Die Tür der Zelle öffnet sich geräuschvoll. Ein Wächter in der Uniform eines einfachen Soldaten tritt ein. Ein verschlossener Mensch, der zu stottern beginnt, wenn er unsicher ist. Wie jeden Abend stellt er das kärgliche Nachtmahl, das aus einem Krug mit Wasser und einer Schüssel mit kalter, schleimiger Hafergrütze besteht, auf das Holztischchen, und verschwindet wieder. Angeekelt lässt Toussaint die Pampe stehen und legt sich mit einem leichten Stöhnen auf die Pritsche. Seit Wochen schon kämpft er gegen seinen Verfall. Die alten Kriegswunden plagen ihn - zermürbende Schmerzen. Er fröstelt ununterbrochen. Dazu ein Schwächegefühl, hartnäckige Hustenanfälle. Die kräftezehrenden Fieberschübe tun ihr Übriges. Der Aufenthalt in diesem Bunker lässt ihn immer kränker werden. Manchmal hilft es ihm für kurze Zeit, sich in Tagträume zu flüchten. Bilder seiner Heimat, Ayiti, wie sie in der Sprache ihrer Ureinwohner hieß, das bergige Land. Die immer grünen Hügel der Insel, die meist schwüle, aber stets verlässliche Wärme der Karibik, das gleißende Licht des frühen Nachmittags. Wenn er - so wie jetzt - sehr intensiv daran denkt, spürt er die Passatwinde, die manchmal laue, manchmal erfrischende Seebriese, die sich zu kraftvollen Tropenstürmen aufbauen kann. Er sieht Urwälder, fruchtbare Plantagen und einsam gelegene Buchten, die so idyllisch erscheinen, als wären sie tatsächlich Teil einer wunderbaren Schöpfung, so wie in den uralten Mythen beschrieben. Und obwohl er weiß, dass Saint Domingue beileibe kein Paradies ist, so bleibt doch die Sehnsucht, dass es einmal eines sein könnte. Das Rumpeln der Kerkertür reißt ihn aus dem Dämmerschlaf. Diesmal erscheint der Wächter in Begleitung des Kommandanten, ein kleiner schlecht rasierter Mann mit dunklen, fettigen Haaren, dessen unnatürliche rosa Gesichtsfarbe den gewohnheitsmäßigen Trinker von Absinth verrät. Er bleibt mit erhobenem Haupt in der Tür stehen. Seine wässrigen Augen huschen hin und her, ohne Toussaint eines Blickes zu würdigen. »Inspektion!« Schon wieder diese Schikane! Erst vor ein paar Tagen haben sie hier alles durchwühlt. Der Kommandant tritt an den Sekretär und beginnt ausgiebig durch seine persönlichen Unterlagen zu blättern. Er zieht eines der Blätter hervor...




